Breakbeat Hardcore: Acht Platten aus Englands Rave-Jahren
Von „Charly“ bis „Valley of the Shadows“: acht Platten, die zwischen 1990 und 1993 den britischen Breakbeat Hardcore prägten – und den Weg zu Jungle ebneten.

Im Spätsommer 1991 steht auf Platz drei der britischen Singlecharts ein Track, in dem eine Zeichentrickkatze miaut. Liam Howlett hat für „Charly“ einen Satz aus einem Aufklärungsfilm der Siebziger über einen harten Rave-Beat gelegt: Charley sagt, geh nie raus, ohne es deiner Mama zu sagen. Ein Jahr später druckt Mixmag Howlett mit einer Pistole an der Schläfe aufs Cover, darunter die Frage „Did Charly Kill Rave?“. Zwischen diesen beiden Momenten liegt die kurze, laute Geschichte des Breakbeat Hardcore – des Sounds, aus dem Jungle und Drum and Bass hervorgingen und der später auch UK Garage beeinflusste.
Breakbeat Hardcore war keine Szene mit Manifest. Er entstand, weil britische Produzenten zwischen 1990 und 1993 House und belgischen Techno mit gesampelten Funk-Breaks beschleunigten, Reggae-Bässe und Hip-Hop-Samples darüberlegten und das Ganze auf White-Label-Pressungen in die Läden trugen. Wer den Sound verstehen will, kommt mit acht Platten erstaunlich weit. Hier sind sie, in der Reihenfolge, in der sie die Geschichte erzählen.
4hero – „Mr Kirk's Nightmare“ (1990)
Die erste Platte dieser Liste ist zugleich die düsterste. 4hero aus Dollis Hill im Nordwesten Londons veröffentlichten „Mr Kirk's Nightmare“ 1990 auf der Combat-Dancin'-EP ihres eigenen Labels Reinforced, das Marc Mac und Gus Lawrence 1989 gegründet hatten. Über einen Isley-Brothers-Break legten sie ein Vocal-Sample aus der Anti-Drogen-Platte „Once You Understand“: Ein Polizist teilt einem Vater mit, dass sein Sohn an einer Überdosis gestorben ist.
Warum sie hier steht: Der Track zeigt, dass Hardcore nie nur Euphorie war. Mitten in der Hochphase des Rave stellte eine Londoner Crew den Tod auf den Dancefloor. Reinforced wurde danach eine der Keimzellen des Drum and Bass, und Dego und Marc Mac prägten ihn über Jahre mit. Die Dunkelheit, die 1993 den ganzen Sound erfasste, war hier schon angelegt.
Lennie De Ice – „We Are I.E.“ (1991)
Lenworth Green begann mit dem Track Ende der Achtziger, veröffentlicht wurde er 1991 auf einer EP von Reel 2 Reel, einem der Labels rund um den Plattenladen De Underground in Forest Gate im Osten Londons. Das prägendste Sample ist der Amen-Break, gehackt und unter einen schweren, rollenden Bass gelegt.
Warum sie hier steht: Kaum eine Platte wird so oft als erste Jungle-Platte genannt. Ob der Titel stimmt, ist nicht zu klären, und Green selbst hat nie darum gekämpft. Entscheidend ist, was man hört: Break und Bass sind schon gleichberechtigt, der Rest tritt zurück. Grooverider sagte später, der Track habe das Spiel verändert. Green starb im Dezember 2024 mit 54 Jahren.
Altern-8 – „Activ-8 (Come With Me)“ (1991)
Mark Archer und Chris Peat kamen nicht aus London, sondern aus Stafford in den Midlands, und sie hatten als Nexus 21 schon Detroit-inspirierten Techno gemacht. Als Altern-8 traten sie in grünen ABC-Schutzanzügen und gelben Staubmasken auf. „Activ-8“ erschien 1991 auf Network Records aus Birmingham und erreichte Platz drei der UK-Charts.
Warum sie hier steht: Altern-8 machten aus Hardcore ein Bild. Masken, Anzüge, Sirenen – der Look war so unverwechselbar wie der Sound, und er funktionierte im Fernsehen. Damit zeigten sie auch, dass dieser Sound außerhalb Londons entstehen konnte. Gleichzeitig ist „Activ-8“ der Moment, in dem die Underground-Platte zum Popereignis wird, mit allen Folgen.
The Prodigy – „Charly“ (1991)
„Charly“ erschien im August 1991 auf XL Recordings, stieg auf Platz neun ein und stand zwei Wochen später auf Platz drei. Howlett hatte das Sample aus „Charley Says“ genommen, kurzen Zeichentrick-Aufklärungsfilmen der Siebziger, die britischen Kindern etwa beibrachten, nicht mit Fremden mitzugehen.
Warum sie hier steht: „Charly“ hat eine Welle ausgelöst, für die es nichts konnte. Nach dem Erfolg landeten Platten mit Kinderfernseh- und Videospiel-Samples in den Charts, die Presse nannte das „Toytown Techno“. Mixmag gab The Prodigy dafür im August 1992 die Schuld; die Band antwortete im Video zu „Fire“ mit einem Lagerfeuer aus alten Mixmag-Heften, das Magazin entschuldigte sich ein Jahrzehnt später. Die eigentliche Geschichte ist eine andere: Howlett zog aus der Kritik den Schluss, härter zu werden, und das Album „Experience“ vom Herbst 1992 ist eines der besten Dokumente dieser Jahre.
SL2 – „On a Ragga Tip“ (1992)
Slipmatt und Lime produzierten den Track, XL veröffentlichte ihn im April 1992, und er stieg bis auf Platz zwei. Gesang und Pianofigur stammen aus Jah Screechys „Walk and Skank“ von 1984, die Drums aus „Gittin' Funky“ von Kid 'n Play.
Warum sie hier steht: Kein anderer Hardcore-Hit legt die Wurzel so offen. Jamaikanischer Dancehall, Soundsystem-Kultur, Hip-Hop-Breaks – genau diese Mischung wurde ab 1993 zu Jungle. „On a Ragga Tip“ ist dabei kein Gimmick, sondern einfach eine sehr gute Platte, und deshalb läuft sie bis heute in Sets, in denen ein Moment aus dem Jahr 1992 gebraucht wird.
Shut Up and Dance – „Raving I'm Raving“ (1992)
PJ und Smiley aus Stoke Newington betrieben mit Shut Up and Dance Records ein eigenes Label und hatten schon mit „£10 to Get In“ die Rave-Kultur aufs Korn genommen. Im Mai 1992 legten sie einen Rave-Text auf die Melodie von Marc Cohns „Walking in Memphis“. Die Single stieg auf Platz zwei ein. Cohn erwirkte eine einstweilige Verfügung, weil das Sample nicht geklärt war; die vorhandenen Exemplare durften nur verkauft werden, wenn der Erlös an wohltätige Zwecke ging. In der Woche darauf fiel die Platte auf Platz 15 und verschwand.
Warum sie hier steht: Hier prallen zwei Welten aufeinander. Die Hardcore-Ökonomie lebte davon, schnell und ungeklärt zu sampeln, und solange die Platten nur im Plattenladen lagen, merkte das niemand. Auf Platz zwei der Charts gelten andere Regeln.
Smart E's – „Sesame's Treet“ (1992)
Ende Juni 1992 erschien auf Suburban Base eine Hardcore-Fassung der „Sesamstraße“-Titelmelodie, im Juli stand sie auf Platz zwei. Damit war „Toytown Techno“ auf dem Gipfel angekommen.
Warum sie hier steht: Sie markiert den Punkt, an dem der Sound für einen Teil seines Publikums peinlich wurde. Ob man die Platte mag oder nicht, sie ist der Wendepunkt. Nach diesem Sommer suchten viele Produzenten das Gegenteil: Moll statt Dur, Horror-Samples statt Kinderfernsehen, Bass statt Piano.
Origin Unknown – „Valley of the Shadows“ (1993)
Andy C und Ant Miles brachten den Track 1993 auf RAM Records heraus, als B-Seite von „The Touch“. Das Vocal-Sample „Felt that I was in this long dark tunnel“ stammt aus einer Folge der BBC-Wissenschaftsreihe „Q.E.D.“ über außerkörperliche Erfahrungen. Die B-Seite wurde weit populärer als die A-Seite und erschien 1996 noch einmal als eigene Single.
Warum sie hier steht: Das ist der Ausgang aus dem Hardcore. Die Breaks laufen lang und hypnotisch, die Bassline trägt den Track, die Atmosphäre ist kalt. Darkcore nannte man diese Phase, und von hier ist es nur ein kurzer Weg zu dem, was ab 1994 Drum and Bass hieß. Andy C wurde einer seiner bekanntesten DJs.
Was nach dem Hardcore kam
1992 war auch das Jahr von Castlemorton, der tagelangen Free Party im Mai, auf die der Gesetzgeber zwei Jahre später mit dem Criminal Justice and Public Order Act antwortete. Wie Partys überhaupt Gesetze geprägt haben, erzählt der Artikel über illegale Raves. Die Musik spaltete sich: Ein Zweig wurde zu Jungle und Drum and Bass, ein anderer zu Happy Hardcore, und die Wurzeln reichen bis zu UK Garage und Dubstep.
Ein Hinweis für deutsche Leser: Wer hierzulande „Hardcore“ sagt, meint meist etwas anderes – den schnellen, verzerrten Kick aus Rotterdam und Frankfurt, also Gabber. Beide Linien stammen aus denselben Jahren und derselben Lust am Tempo, aber Breakbeat Hardcore lebt vom gebrochenen Beat, Gabber von der geraden Bassdrum.
Was von diesen drei Jahren bleibt, ist mehr als Nostalgie. Fast alles, was britische Clubmusik danach ausmachte, lag hier schon auf dem Tisch: der Break als Hauptinstrument, der Bass aus dem Soundsystem, der Mut, Pop zu klauen, und die Erkenntnis, dass ein Sound genau dann am meisten bewegt, wenn er noch keinen Namen hat.
Häufige Fragen
Was ist Breakbeat Hardcore?
Breakbeat Hardcore ist ein britischer Rave-Sound der Jahre 1990 bis 1993. Produzenten beschleunigten House und Techno und legten gesampelte Funk-Breaks, Reggae-Bässe und Hip-Hop-Samples darüber. Aus ihm gingen Jungle und Drum and Bass hervor.
Was ist der Unterschied zwischen Breakbeat Hardcore und Gabber?
Breakbeat Hardcore lebt vom gebrochenen, gesampelten Beat, Gabber von der geraden, stark verzerrten Bassdrum. Beide entstanden Anfang der Neunziger, Gabber vor allem in Rotterdam und Frankfurt, Breakbeat Hardcore in Großbritannien.
Was bedeutet Toytown Techno?
So nannte die britische Presse ab 1991/92 Hardcore-Platten mit Samples aus Kinderfernsehen und Videospielen. Als Auslöser galt „Charly“ von The Prodigy, als Höhepunkt „Sesame's Treet“ von Smart E's.
Welcher Track gilt als erste Jungle-Platte?
Oft genannt wird „We Are I.E.“ von Lennie De Ice, 1991 erschienen und um den Amen-Break gebaut. Ein eindeutiger erster Jungle-Track lässt sich aber nicht festlegen.
Weitere Artikel
Szene
Trip-Hop erklärt: Bristol, Wild Bunch und die Klassiker
Szene
Acht Ambient-Platten aus dem Chill-out-Raum der Rave-Jahre
Szene
Chicago House: Acht Platten, die House erfunden haben
Szene
„Hyper Hyper“: Wie Scooter den Rave in die Charts brüllten
Szene
Dubstep erklärt: Croydon, Halftime und der Weg zum Brostep
Szene