MAXIM SCHUNK
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Szene16. Oktober 20266 Min. Lesezeit

Dubstep erklärt: Croydon, Halftime und der Weg zum Brostep

Was Dubstep ist, wo er herkommt und wie aus Londoner Kellern Brostep wurde: Tempo, Halftime, Sub-Bass, die wichtigsten Orte und die Spur nach Berlin.

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Symbolbild, KI-generiert
Symbolbild, KI-generiert

Brixton, Südlondon, 5. März 2005. Im Keller der St.-Matthew's-Kirche, wo der Club Mass seine Räume hat, stehen zwei Lautsprecher in einem Raum für 300 bis 400 Leute. Es ist die erste Nacht von DMZ, betrieben von Mala und Coki, die als Digital Mystikz produzieren, und ihrem Freund Loefah. Gespielt wird bis sieben Uhr morgens, und was aus den Boxen kommt, ist kaum Musik im üblichen Sinn: lange Pausen, ein Snare-Schlag pro Takt, darunter ein Bass, den man mehr im Brustkorb spürt als hört. Ein Jahr später ist der Keller zu klein. Zur Geburtstagsnacht im März 2006 zieht DMZ in den großen Saal im Obergeschoss. Der Sound, der hier gefeiert wird, hat inzwischen einen Namen: Dubstep.

Wer heute „Dubstep“ hört, denkt oft an etwas anderes, an kreischende Bässe, an Skrillex, an Festival-Drops in den USA. Dass beides denselben Namen trägt, gehört zu den seltsamsten Wendungen der jüngeren Clubgeschichte. Dieser Text erklärt, wo der Sound herkommt, wie er gebaut ist und wie aus einer Londoner Nischenszene erst ein Chartphänomen und dann eine eigene amerikanische Bass-Kultur wurde.

Was ist Dubstep?

Dubstep ist ein Genre der elektronischen Tanzmusik, das Anfang der Nullerjahre in Südlondon aus UK Garage entstand. Der Name beschreibt die zwei Wurzeln ziemlich genau: „Dub“ steht für die jamaikanische Tradition von Soundsystems, Echo, Hall und einem Bass, der die Musik trägt. „Step“ verweist auf 2-Step, die gebrochene, synkopierte Spielart von UK Garage. Wie sich diese Garage-Szene in den Jahren davor entwickelte, zeigt unser Text über acht Platten, die UK Garage geprägt haben.

Der frühe Dubstep entfernte sich bewusst vom glatten, auf Gesang und Glamour ausgerichteten Garage-Sound der späten Neunziger. Die Tracks wurden dunkler, leerer und schwerer. Statt Vocals: Samples, Stimmfetzen, Stille. Statt Hi-Hat-Gewusel: viel Luft zwischen den Schlägen.

Wie klingt Dubstep? Tempo, Halftime und Sub-Bass

Technisch lässt sich der Sound an drei Merkmalen festmachen:

  • Tempo um 140 BPM: Die meisten Tracks liegen bei 140, die Spanne reicht ungefähr von 132 bis 142. Damit sitzt Dubstep in der BPM-Tabelle deutlich über House und Techno.
  • Halftime-Groove: Die Snare fällt nicht auf die Zwei und die Vier, sondern nur auf die Drei. Dadurch fühlt sich der Track halb so schnell an, wie er ist. Man kann auf 140 tanzen oder auf 70 nicken, beides passt.
  • Sub-Bass: Der Bass liegt oft so tief, dass kleine Lautsprecher ihn kaum wiedergeben. Gedacht war der Sound für große Bassboxen in dunklen Räumen. Auf Laptop-Lautsprechern klingt früher Dubstep fast leer, auf einem Soundsystem drückt er einem die Luft aus der Lunge.

Die berühmte „Wobble“-Bassline, bei der ein LFO den Filter oder die Lautstärke des Basses rhythmisch moduliert, kam erst etwas später in den Vordergrund. Im Ursprungssound war sie ein Werkzeug unter vielen, im Brostep wurde sie zum Markenzeichen.

Der Unterschied zum verwandten Drum and Bass ist auf der Tanzfläche sofort spürbar: Dort jagen gebrochene Breakbeats mit rund 174 BPM nach vorn, mehr dazu in unserem Text Drum and Bass erklärt. Dubstep dagegen schiebt langsam und schwer.

Wo kommt Dubstep her? Croydon, Big Apple und FWD>>

Als Keimzelle gilt der Plattenladen Big Apple in Croydon, einem Vorort im Süden Londons. Dort arbeitete der DJ Hatcha, im Umfeld des Ladens wuchsen junge Produzenten wie Skream und Benga auf. 2002 startete Big Apple ein eigenes Label, die erste Platte war „Red“ von Artwork. Schon um 1999 und 2000 hatten Produzenten wie Oris Jay, El-B und Zed Bias dunklere Garage-Varianten veröffentlicht, die heute als Vorläufer gelten.

Der zweite Ort war ein Club-Abend: FWD>>, 2001 von Sarah Lockhart aus dem Umfeld des Labels Tempa und des Piratensenders Rinse FM gegründet. Die Nacht begann in den Velvet Rooms und zog später in den Plastic People in Shoreditch, einen kleinen, verrauchten Keller. Dort testeten die Produzenten ihre neuen Dubplates, und Rinse FM trug den Sound über den Äther in die Wohnzimmer.

Auch der Name hat eine Geschichte. Geprägt haben soll ihn Neil Jolliffe von Tempa. Im Juli 2002 zeigte das kalifornische Magazin XLR8R Horsepower Productions auf dem Titel, darüber groß das Wort „Dubstep“. Spätestens damit war der Begriff in der Welt.

Wie wurde Dubstep bekannt?

Drei Ereignisse markieren den Sprung aus dem Keller. Im Herbst 2005 erschien auf Tempa „Midnight Request Line“ von Skream, eine Platte, die weit über die Szene hinaus gespielt wurde und bis heute als einer ihrer wichtigsten Tracks gilt. Im Januar 2006 lud Mary Anne Hobbs für ihre Sendung auf BBC Radio 1 die zentralen Köpfe der Szene ein, darunter Mala, Skream, Kode9 und Loefah. Die Ausgabe hieß „Dubstep Warz“ und gilt als der Moment, in dem der Sound weit über London hinaus Aufmerksamkeit bekam. Und im selben Jahr erschien das erste Album von Burial auf Hyperdub, dem Label von Kode9. Sein zweites Album „Untrue“ wurde 2008 für den Mercury Prize nominiert, den wichtigsten britischen Albumpreis.

Von da an ging es schnell. 2010 erreichte Magnetic Man, das Projekt von Skream, Benga und Artwork, mit „I Need Air“ Platz 10 der britischen Singlecharts. Katy B stieg mit „Katy on a Mission“, produziert von Benga, auf Platz 5 ein. Dubstep war im Radio angekommen.

Dubstep, Brostep, Riddim: Was ist der Unterschied?

Parallel nahm der Sound eine ganz andere Richtung, die vor allem in Nordamerika ankam. Produzenten wie der Brite Rusko und vor allem der Amerikaner Skrillex machten den Bass lauter, verzerrter und aggressiver, rückten ihn aus dem Subbereich in die Mitten und bauten Drops, die eher an Metal und Electro erinnerten als an Dub. Kritiker nannten das Brostep, oft abwertend gemeint. Skrillex' EP „Scary Monsters and Nice Sprites“ erschien 2010 auf mau5trap und gewann bei den Grammys im Februar 2012 zwei Auszeichnungen; einen dritten Grammy bekam Skrillex am selben Abend für seinen Remix von Benny Benassis „Cinema“. Spätestens als Britney Spears 2011 mit „Hold It Against Me“, einem Song mit Dubstep-Breakdown, die Spitze der US-Charts erreichte, war der Begriff Teil des Pop-Vokabulars.

Dazu kam Riddim, eine reduzierte Spielart mit stur wiederholten Bassfiguren und oft triolischer Percussion. Sie entstand Anfang der 2010er in Großbritannien und wurde ab etwa 2015 vor allem in Nordamerika groß. Heute ist das harte, amerikanisch geprägte Lager eine eigene Festivalkultur, mit Excisions Festival Lost Lands in Ohio als bekanntestem Treffpunkt. Mit dem Londoner Ursprung teilt sie Tempo, Halftime und den Namen, kaum aber die Ästhetik.

Schon um 2010 zerfiel die britische Szene in mehrere Strömungen. Ein Teil wanderte zum langsameren, offeneren Sound, der als Post-Dubstep oder UK Bass beschrieben wurde, mit Namen wie James Blake und Mount Kimbie und Tempi um 130 BPM. Ein anderer Teil blieb dem tiefen, meditativen Ursprungssound treu.

Gab es Dubstep in Deutschland?

Ja, und die wichtigste Spur führt nach Berlin. Der Plattenladen Hard Wax, betrieben vom Umfeld von Basic Channel, stellte sich früh hinter das Label Skull Disco von Shackleton und Appleblim. Das passt: Die Berliner Dub-Techno-Tradition und der Londoner Dubstep teilen die Liebe zu Echo, Raum und tiefem Bass, auch wenn sie aus entgegengesetzten Richtungen kommen.

Im Juli 2008 startete im Berghain die Reihe Sub:stance, kuratiert von Paul Rose, besser bekannt als Scuba, und Paul Fowler vom Label Spymania. Dort spielten unter anderem Martyn, The Bug, Joker, Mala und Shackleton. Der Mix „Sub:stance“ von Scuba erschien Anfang 2010 auf Ostgut Ton, dem Label des Berghain. Die Reihe lief bis 2013 und gilt als Brücke, über die sich Dubstep und Techno in den Jahren um 2010 annäherten. Viele Produzenten aus dem britischen Bass-Umfeld landeten danach ganz selbstverständlich in Techno-Sets.

Was von Dubstep geblieben ist

Dubstep gehört zu den wenigen Genres, die gleichzeitig in zwei völlig verschiedenen Welten weiterleben: als leise, schwere Soundsystem-Musik in kleinen britischen Räumen und als lauteste Variante der amerikanischen Festivalkultur. Dazwischen hat er Spuren in Pop, Grime und Techno hinterlassen. Wer verstehen will, warum ein Snare-Schlag pro Takt reicht, um einen Raum zum Beben zu bringen, sollte mit den Platten aus Croydon und Brixton anfangen. Und am besten auf einer Anlage, die den Bass auch wirklich spielt.

Häufige Fragen

Wie viel BPM hat Dubstep?

Die meisten Dubstep-Tracks liegen um 140 BPM, die Spanne reicht etwa von 132 bis 142. Weil die Snare nur auf der Drei sitzt, fühlt sich das Tempo aber wie die Hälfte an, also wie rund 70 BPM. Dieses Halftime-Gefühl ist das eigentliche Erkennungszeichen.

Was ist der Unterschied zwischen Dubstep und Brostep?

Dubstep meint den Londoner Ursprungssound der frühen Nullerjahre: viel Raum, tiefer Sub-Bass, Dub-Einflüsse. Brostep ist die härtere, vor allem in Nordamerika populäre Spielart ab Ende der Nullerjahre, mit lauten, verzerrten Mitten-Bässen und Drops, die eher an Metal und Electro erinnern. Der Amerikaner Skrillex und der Brite Rusko gelten als die bekanntesten Namen dieser Richtung.

Was ist Riddim im Dubstep?

Riddim ist eine Unterart des Dubstep mit sehr reduzierten, sich wiederholenden Bassfiguren und oft triolischer Percussion. Der Name kommt aus der jamaikanischen Musik. Als Dubstep-Spielart entstand Riddim Anfang der 2010er in Großbritannien und wurde ab etwa 2015 vor allem in den USA populär.

Ist Dubstep dasselbe wie Drum and Bass?

Nein. Drum and Bass läuft um 170 bis 175 BPM mit schnellen, gebrochenen Breakbeats, Dubstep um 140 BPM mit einem schweren Halftime-Groove. Beide teilen die britische Soundsystem-Kultur und die Liebe zum tiefen Bass, klingen auf der Tanzfläche aber völlig verschieden.

Welche Dubstep-Platten sollte man zuerst hören?

Als Einstieg in den Ursprungssound eignen sich Skream mit „Midnight Request Line“ (2005), das Album „Untrue“ von Burial (2007) und die Veröffentlichungen des Labels DMZ von Mala, Coki und Loefah. Die Radiosendung „Dubstep Warz“ von Mary Anne Hobbs aus dem Januar 2006 ist als Mitschnitt ein guter Querschnitt der damaligen Szene.


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