MAXIM SCHUNK
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Szene18. September 20266 Min. Lesezeit

Acht Platten, die UK Garage geprägt haben

Von Speed Garage über 2-Step bis „21 Seconds“: acht Platten, die UK Garage zwischen 1997 und 2001 formten – und warum der Sound heute zurück ist.

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Symbolbild, KI-generiert
Symbolbild, KI-generiert

Sonntagabend in London, Mitte der Neunziger. Die großen Wochenendnächte gehören anderen, Garage-Promoter bekommen anfangs nur die Sonntagabende. Wer diesen Sound auflegen will, bekommt die Nacht, die übrig bleibt. Also tanzt man sonntags, in Hemd und guten Schuhen, zu einem Sound, den es offiziell noch gar nicht gibt. Die Platten kommen aus New York und New Jersey, gespielt werden sie schneller, und die Piratensender tragen sie in die Wohnungen. Aus diesem Provisorium wird innerhalb von fünf Jahren das Genre, das die britischen Charts übernimmt.

UK Garage hat keine lange Geschichte, aber eine dichte. Zwischen 1997 und 2001 passiert fast alles, und am Ende steht ein Sound, aus dem Grime, Dubstep und Bassline hervorgehen. Die folgenden acht Platten sind nicht zwangsläufig die besten, aber jede markiert einen Moment, an dem sich etwas verschoben hat.

Vorspiel: die zerschnittenen Stimmen aus New Jersey

Bevor es UK Garage gab, gab es Todd Edwards. Der Produzent aus New Jersey zerlegte Anfang der Neunziger Gesangsspuren in winzige Schnipsel, verschob ihre Tonhöhe und setzte sie wie ein Instrument neu zusammen. Aus einer Stimme wurde ein Rhythmus. Britische DJs wie DJ EZ spielten Edwards’ Platten in ihren Sets, und seine Schnitttechnik wurde zum Erkennungszeichen britischer Garage-Produktionen. Wer verstehen will, warum im heutigen DJ-Booth so selbstverständlich mit Vocal-Schnipseln gearbeitet wird, findet in der Geschichte von Acapella und Stems den größeren Zusammenhang. Die Briten spielten diese amerikanischen Platten allerdings schneller, und genau dort beginnt die eigene Geschichte.

Speed Garage: 1997, das Jahr des Basses

1. Sneaker Pimps – „Spin Spin Sugar“ (Armand Van Heldens Remix, 1997)

Die ironischste Platte dieser Liste. Sneaker Pimps waren eine Trip-Hop-Band aus Hartlepool, und ihr Original hat mit Clubmusik wenig zu tun. Der New Yorker Armand Van Helden baute daraus seinen „Dark Garage Mix“: eine tiefe, verzerrte, rollende Bassline unter einem schnellen House-Groove. Die Single erreichte 1997 Platz 21 der britischen Charts, aber ihre Wirkung war größer als die Platzierung. Dem Remix wird oft zugeschrieben, Speed Garage erstmals in den Mainstream gebracht zu haben. Die Ironie: Den prägenden Sound des britischen Undergrounds lieferte ein Amerikaner auf dem Remix einer Trip-Hop-Band.

2. Double 99 – „RipGroove“ (1997)

Tim Deluxe und Omar Adimora machten aus der Formel ein Werkzeug. „RipGroove“ ist fast nur Groove, Bass und Spannung, gebaut für den Moment, in dem ein ganzer Raum gleichzeitig nach vorn geht. Die erste Veröffentlichung im Mai 1997 kam auf Platz 31. Im Oktober erschien eine neue Fassung mit MC Top Cat und stieg bis auf Platz 14. Diese Wiederveröffentlichung zeigt ein Muster, das sich durch das ganze Genre zieht: Platten liefen monatelang in Clubs und auf Piratensendern, bevor die Industrie sie richtig herausbrachte. Und der MC auf der Platte kündigte bereits an, wer später das Kommando übernehmen würde.

3. 187 Lockdown – „Gunman“ (1997)

Danny Harrison und Julian Jonah bauten ihre Hymne aus einem Western. Die Hookline ist die Glockenspiel-Melodie der Taschenuhr aus Ennio Morricones Musik zu „Für ein paar Dollar mehr“, dazu kommt ein Vocal-Schnipsel aus „Gimmie Mi Gun“ des Reggae-Deejays Dr. Alimantado. Im November 1997 erreichte „Gunman“ Platz 16 der Singlecharts und Platz 1 der britischen Dance-Charts. Die Platte zeigt, wie offen Speed Garage war: Soundtrack, Reggae und House liefen zusammen, solange die Bassline trug.

2-Step: als Garage die Charts übernahm

4. MJ Cole – „Sincere“ (1998)

Nach dem Bass kam die Eleganz. MJ Cole hatte eine klassische Musikausbildung, und man hört es: „Sincere“ ist luftig, jazzig, mit einem Beat, der Schläge auslässt und dadurch federt. Genau dieses Weglassen der geraden Bassdrum gab dem 2-Step seinen Namen. Die Single kam 1998 nur auf Platz 38. Erst die Wiederveröffentlichung mit neuen Mixen erreichte im Jahr 2000 Platz 13. Das gleichnamige Album erschien bei Gilles Petersons Label Talkin’ Loud und wurde für den Mercury Prize nominiert. Für ein Genre, das die Presse gern als Musik für Champagner und Designerklamotten belächelte, war das eine Anerkennung, die über den Club hinausreichte.

5. Shanks & Bigfoot – „Sweet Like Chocolate“ (1999)

Der Durchbruch. Die Single mit Sängerin Sharon Woolf erschien am 17. Mai 1999, nachdem sie monatelang in den Clubs gelaufen war. Sie stieg auf Platz 1 ein und war damit der erste UK-Garage-Track an der Spitze der britischen Singlecharts. Zwei Wochen hielt sie sich dort, am Jahresende war sie die achtmeistverkaufte Single des Jahres in Großbritannien. Musikalisch ist sie die sonnigste Platte dieser Liste. Sie war der Beweis, dass der Sonntagabend-Sound auch im Radio am Nachmittag funktionierte.

6. Artful Dodger feat. Craig David – „Re-Rewind“ (1999)

Wenn eine Platte UK Garage für ein Massenpublikum definiert hat, dann diese. Mark Hill und Pete Devereux produzierten, gesungen hat ein junger Sänger aus Southampton namens Craig David. „Re-Rewind“ erschien am 29. November 1999 und kam auf Platz 2. Für beide Acts war es der erste Hit, und für Relentless Records die erste Veröffentlichung überhaupt. Der Titel beschreibt ein Ritual der Szene: Wenn der Raum ausrastet, zieht der DJ die Platte zurück und startet sie von vorn. Craig David hatte im April 2000 mit „Fill Me In“ einen eigenen Nummer-eins-Hit. Garage war nicht mehr die Musik einer Szene, sondern eine Pop-Farbe.

7. Zed Bias – „Neighbourhood“ (2000)

Während oben die Hits liefen, wurde es unten dunkler. „Neighbourhood“ begann als Dubplate für einen lokalen DJ und machte seit Ende 1999 im Underground die Runde. Zed Bias holte für die Single Nicky Prince als Sänger und MC Rumpus dazu, im Juli 2000 erreichte sie Platz 25. Die Platte klingt tiefer, trockener und bassbetonter als der Champagner-Garage der Charts. Im Rückblick hört man darin, wohin es gehen würde: weg von der Diva, hin zum Subbass und zur Stimme des MCs.

2001: das Ende der Leichtigkeit

8. So Solid Crew – „21 Seconds“ (2001)

Die Platte, die eine Ära beendet und die nächste eröffnet. Das Südlondoner Kollektiv gab jedem seiner MCs genau 21 Sekunden für seinen Part, daher der Titel. „21 Seconds“ erschien am 6. August 2001 bei Relentless, stieg auf Platz 1 ein und verkaufte in der ersten Woche rund 118.000 Exemplare. Bei den BRIT Awards 2002 gewann das Video als bestes britisches Video. Hier steht nicht mehr die Sängerin im Mittelpunkt, sondern die Crew, nicht mehr das Glamouröse, sondern die Straße. Genau diese Verschiebung trägt direkt in den Grime, der ab 2002 aus dem dunkleren 2-Step entstand und bald ein eigenes Genre war.

Was von UK Garage geblieben ist

Die goldene Phase dauerte kaum fünf Jahre. Danach zerfiel das Genre in seine Nachfolger: Grime übernahm die MCs, Dubstep den Subbass und die Leerstellen im Beat, Bassline die hüpfenden Basslinien des Nordens. Burials Album „Untrue“ verwandelte 2007 die zerschnittenen Garage-Vocals in nächtliche Melancholie und zeigte, wie viel Stimmung in dieser Technik steckt. Die Verwandtschaft zum Breakbeat-Erbe von Jungle, neben dem Garage in den Neunzigern groß wurde, beschreibt unser Artikel zu Drum and Bass.

Seit einigen Jahren ist der Sound zurück. AJ Traceys „Ladbroke Grove“ kletterte 2019 bis auf Platz 3 der britischen Charts, in den 2020ern griffen Fred again.., PinkPantheress und Disclosure die Garage-Handschrift auf. Beatport führt UK Garage und Bassline als eigene Genre-Kategorie. Das Tempo liegt meist zwischen 130 und 135 BPM, also über House und deutlich unter Drum and Bass. Wie sich das in die übrigen Stile einordnet, zeigt unsere BPM-Tabelle der Genres.

Der Kern dieser acht Platten ist geblieben. UK Garage war nie ein reines Produzentengenre, sondern immer eine Verabredung zwischen DJ, MC und Publikum: eine Stimme, die zum Instrument wird, ein Beat, der Schläge weglässt, und ein Raum, der „Rewind“ ruft. Das ist der Grund, warum eine Szene, die mit der Restnacht am Sonntag begann, bis heute nachwirkt.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Speed Garage und 2-Step?

Speed Garage entstand Mitte der Neunziger aus schneller gespieltem US-Garage-House und setzt auf eine gerade Bassdrum und schwere, rollende Basslines. 2-Step lässt einzelne Bassdrum-Schläge weg, der Beat federt dadurch stärker und wirkt synkopiert. Beide gehören zum Oberbegriff UK Garage.

Wie schnell ist UK Garage?

UK Garage liegt meist zwischen etwa 130 und 135 BPM. Das ist schneller als klassischer House und deutlich langsamer als Drum and Bass.

Welcher UK-Garage-Track war als erster auf Platz 1 in Großbritannien?

„Sweet Like Chocolate“ von Shanks & Bigfoot mit Sängerin Sharon Woolf. Die Single erschien im Mai 1999, stieg auf Platz 1 ein und hielt sich dort zwei Wochen.

Was bedeutet „Rewind“ in der Garage-Szene?

Wenn ein Track im Club besonders gut ankommt, zieht der DJ die Platte zurück und startet sie von vorn. Die Menge fordert das oft lautstark ein. Artful Dodger und Craig David machten das Ritual 1999 mit „Re-Rewind“ zum Songtitel.

Welche Genres sind aus UK Garage entstanden?

Aus UK Garage gingen in den Nullerjahren vor allem Grime, Dubstep, Bassline und UK Funky hervor. Grime entwickelte sich ab etwa 2002 aus dem dunkleren 2-Step.


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