MAXIM SCHUNK
← Blog & Ratgeber
Szene6. September 20266 Min. Lesezeit

Fusion 2019: Als die Polizei aufs Festivalgelände wollte

Im Mai 2019 stand die Fusion vor dem Aus, weil die Polizei eine Wache auf dem Gelände forderte. Die Geschichte eines Konflikts — und was Wien damit zu tun hat.

#Fusion Festival#Festivalkultur#Szenegeschichte#Polizei#Beatpatrol#Wien#Clubkultur

Symbolbild, KI-generiert
Symbolbild, KI-generiert

Sieben Wochen vor dem Festivalwochenende fehlte dem Kulturkosmos Müritz e. V. eine Unterschrift, die er sich nicht selbst geben konnte. Anfang Mai 2019 versagte das Polizeipräsidium Neubrandenburg seine Zustimmung zum Sicherheitskonzept der Fusion auf dem ehemaligen Militärflugplatz bei Lärz. Damit begann der lauteste Streit, den die deutsche Festivallandschaft seit Jahren geführt hat — und er drehte sich um eine Frage, die weit über ein Festival hinausgeht: Wer entscheidet eigentlich, unter welchen Bedingungen 70.000 Menschen für ein langes Wochenende zusammenkommen dürfen?

Der Bescheid, der den Sommer 2019 veränderte

Die Polizei stellte zwei Forderungen, die der Veranstalter bis dahin nie erfüllen musste: eine ständige Polizeiwache auf dem Gelände und anlassunabhängige Streifen zwischen den Zelten. Begründet wurde das damit, dass der Sicherheitsdienst den Beamten den Zutritt zum Gelände in den Vorjahren teils verweigert oder erst nach langanhaltender Diskussion ermöglicht habe, was unaufschiebbare Maßnahmen verzögert habe. Der Verein sah das anders und hielt die dauerhafte Präsenz auf einem Gelände, das seine Besucher als selbstverwalteten Raum verstehen, für nicht verhandelbar.

Dazu kam eine Mängelliste, die in der öffentlichen Debatte später fast unterging, für ein faires Bild aber wichtig ist: Die Behörden bemängelten unter anderem Fluchtwege, Notfalldurchsagen, die Beleuchtung an Notausgängen sowie Lücken bei Jugendschutz und medizinischer Versorgung. Es ging also nicht nur um Haltung, sondern auch um Handwerk. Eskaliert ist der Streit trotzdem am Punkt der Polizeipräsenz.

Warum ein pressescheuer Verein plötzlich Pressekonferenzen gab

Der Kulturkosmos hatte sich über zwei Jahrzehnte darauf spezialisiert, möglichst wenig über sich reden zu lassen. Keine Sponsoren auf den Bühnen, kaum Interviews, Fotografieren auf dem Gelände unerwünscht. Am 8. Mai 2019 trat derselbe Verein im Berliner Maxim-Gorki-Theater vor Mikrofone und erklärte, mit einer solchen Polizeipräsenz wäre die Fusion nicht mehr die Fusion. Die Schauspielerin Meret Becker saß zur Unterstützung dabei.

Was danach passierte, hatte in Lärz kaum jemand erwartet. Unter dem Schlagwort #fusionbleibt sammelte eine Petition binnen Tagen sechsstellige Unterstützung — zwei Tage nach der Pressekonferenz zählte der Nordkurier über 113.000 Unterschriften, am Ende waren es knapp 136.000. Bands, Kollektive und Politiker meldeten sich zu Wort. Ein Genehmigungsstreit in einem 500-Einwohner-Dorf in der Mecklenburgischen Seenplatte war innerhalb einer Woche Bundesthema.

Das Einsatzkonzept aus dem März

Der Punkt, an dem die Sache kippte, war ein Papier, das nie für die Öffentlichkeit gedacht war. ZEIT ONLINE machte ein internes Einsatzkonzept der Polizei vom März publik, in dem von einem Großaufgebot die Rede war — mehr als tausend Beamte, bis hin zu Räumpanzern und Wasserwerfern. Die Polizei erklärte daraufhin, das Papier sei veraltet, die aktuelle Einsatzplanung sehe weder Räumpanzer noch Wasserwerfer vor. Das Portal netzpolitik.org hielt dagegen, die Polizei verdrehe damit Fakten: Die Unterkünfte für tausend Beamte seien gebucht und nicht storniert gewesen, und das Papier vom 12. März habe ausdrücklich dem regulären Festival gegolten.

Für die öffentliche Wahrnehmung spielte die Klarstellung ohnehin kaum noch eine Rolle. Ein Festival, das für seine Gewaltfreiheit bekannt ist, und ein Papier mit Wasserwerfern: Dieses Bild ließ sich nicht mehr einholen. Der Konflikt hatte seine Erzählung gefunden, und sie lief gegen die Behörde.

Die Kehrtwende im Schweriner Landtag

Am 24. Mai 2019 zog Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier in einer Landtagsdebatte die Reißleine. Ministerium und Polizeipräsidium verzichteten auf die stationäre Wache auf dem Gelände und auf Streifen während der Veranstaltungstage. Übrig blieb ein anlassbezogener Zugang — also das, was zuvor jahrelang gegolten hatte. Die Wache kam vor die Tore statt dahinter.

Ein Sieg der einen Seite über die andere war das nicht, auch wenn es in den sozialen Netzwerken so gefeiert wurde. Zum alten Stand kehrte nur die Frage der Polizeipräsenz zurück. Der Verein legte ein überarbeitetes Sicherheitskonzept vor, und danach blieben laut Nordkurier noch 31 behördliche Auflagen zu klären, darunter breitere Fluchtwege und zentrale Notfalldurchsagen. Der Streit hatte drei Wochen gedauert, die Nacharbeit dauerte länger.

Was im Juni auf dem Flugplatz tatsächlich geschah

Die Fusion fand vom 26. bis 30. Juni 2019 statt. Rund 70.000 Menschen kamen. Der Verein stellte rund 200 externe Sicherheitskräfte, 200 eigene Ordner und 2.000 freiwillige Helfer, dazu 34 Ärzte und rund 400 Sanitäter. Die mobile Polizeiwache vor dem Gelände nahm über das gesamte Wochenende sieben Anzeigen auf — vier Eigentumsdelikte, zwei Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, eine Körperverletzung. Das entspricht 0,01 Prozent der Besucher. Deutlich mehr Arbeit fiel außerhalb an: Bei Verkehrskontrollen auf den Zufahrtsstraßen kamen über 200 Anzeigen und Ordnungswidrigkeiten zusammen, überwiegend Drogen- und Trunkenheitsdelikte.

Ungetrübt war das Wochenende nicht. Am Sonntag wurde ein 28-jähriger Besucher tot in seinem Zelt gefunden; Hinweise auf Fremdverschulden gab es nicht. Das Festival unterbrach das Programm für eine Viertelstunde des Gedenkens, und in diesem Fall betrat die Polizei das Gelände — begleitet vom Veranstalter, anlassbezogen, genau nach dem Verfahren, das der Verein die ganzen Wochen über verteidigt hatte. Fusion-Sprecher Linus Neumann zog danach eine bemerkenswert entspannte Bilanz: Man sei mit der Zusammenarbeit sehr zufrieden gewesen. Wie das Festival abseits dieser Wochen funktioniert, steht im Guide zur Fusion in Lärz.

Wien, sieben Jahre später: dieselbe Frage von der anderen Seite

Am Freitag, dem 4. September 2026, standen Besucher des Beatpatrol Festivals auf der Galopprennbahn Freudenau in Wien fast sieben Stunden vor verschlossenen Toren. Der Einlass war für 14 Uhr angekündigt und verschob sich auf 17, dann auf 19 und schließlich auf 19:30 Uhr; hereingelassen wurde in Gruppen erst gegen 20:30 Uhr, das erste Set begann gegen 21 Uhr. Der Grund war keine Panne der Technik, sondern eine fehlende behördliche Freigabe: Die zuständige Wiener Magistratsabteilung MA 36 nannte fehlende Toiletten — acht aufgestellte statt der geforderten rund hundert bei 8.000 erwarteten Gästen —, einen fehlenden zweiten Fluchtweg und ein fehlendes rollstuhlgerechtes Podium. Statt neun Acts spielten an diesem Tag drei: Yousuke Yukimatsu, Charlotte de Witte und Timmy Trumpet. Für den Folgetag gab die Behörde erst nach Nachrüstung frei, mit 50 mobilen Toiletten und einer auf 4.000 Gäste gedeckelten Kapazität. Die Wiener Techno-Reihe Signal bot betroffenen Gästen daraufhin freien Eintritt zu ihrem eigenen Festival mit Eric Prydz im Dezember an.

Das ist der Spiegel zu 2019. Damals wehrte sich ein Veranstalter gegen Auflagen, die er für politisch überdehnt hielt, und bekam am Ende recht. In Wien scheiterte ein Veranstalter an Auflagen, die kaum jemand für überzogen halten dürfte — hundert Toiletten und ein zweiter Fluchtweg sind kein Machtinstrument, sondern die Untergrenze dessen, was eine Menschenmenge braucht. Beide Male entschied nicht der Veranstalter, wann die Tore aufgehen.

Genau das bleibt vom Sommer 2019 hängen, und in Wien wurde es wieder sichtbar: Ein Festival ist kein Privatgrundstück mit Musik darauf. Es ist ein genehmigter Ausnahmezustand, befristet auf ein Wochenende, jedes Jahr neu verhandelt zwischen Veranstalter, Gemeinde, Behörde und Polizei. Wie viel Freiheit in diesem Raum gilt, steht nicht ein für alle Mal fest — es wird ausgehandelt, manchmal leise über Jahre, manchmal in drei Wochen vor laufender Kamera. Wer wissen will, wie fragil diese Konstruktion ist, muss nicht bis zur nächsten Debatte über deutsche Clubkultur warten. Es reicht der Blick nach Wien — oder darauf, wem Europas Festivals heute gehören.

Häufige Fragen

Wurde das Fusion Festival 2019 abgesagt?

Nein. Nach dem Streit über die Polizeipräsenz fand die Fusion vom 26. bis 30. Juni 2019 auf dem ehemaligen Militärflugplatz bei Lärz statt. Rund 70.000 Menschen kamen. Abgesagt wurde nichts — verhandelt wurde bis kurz vor dem Termin.

Warum wollte die Polizei 2019 auf das Fusion-Gelände?

Das Polizeipräsidium Neubrandenburg forderte eine ständige Wache auf dem Gelände und anlassunabhängige Streifen. Begründet wurde das damit, dass der Sicherheitsdienst den Beamten den Zutritt in den Vorjahren teils verweigert oder verzögert habe. Der Veranstalter lehnte dauerhafte Präsenz ab und bot eine Wache vor den Toren an.

Wie ging der Streit um die Fusion 2019 aus?

Am 24. Mai 2019 erklärte Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier im Landtag, dass auf die stationäre Wache und auf Streifen während der Veranstaltungstage verzichtet wird. Es blieb beim anlassbezogenen Zugang. Danach waren laut Nordkurier noch 31 behördliche Auflagen zu klären.

Wer entscheidet, ob ein Festival öffnen darf?

Nicht der Veranstalter allein. Die Genehmigung erteilen die örtlichen Ordnungs- und Veranstaltungsbehörden, meist im Zusammenspiel mit Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst und Bauaufsicht. Vor dem Einlass steht in der Regel eine Abnahme vor Ort: Erst wenn Fluchtwege, Sanitäranlagen und Sicherheitsvorkehrungen den Auflagen entsprechen, gehen die Tore auf.

Was ist beim Beatpatrol Festival in Wien passiert?

Am 4. September 2026 verzögerte sich der Einlass auf der Galopprennbahn Freudenau um fast sieben Stunden, weil die zuständige Behörde MA 36 das Gelände nicht freigab. Es fehlten unter anderem rund hundert Toiletten und ein zweiter Fluchtweg. Statt neun Acts spielten an diesem Tag drei.


Weitere Artikel