MAXIM SCHUNK
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Szene24. September 20267 Min. Lesezeit

Razzia im Club: Sechs Fälle, die das Nachtleben veränderten

Von der Haçienda über Fabric und Bassiani bis zur Roten Sonne: sechs Razzien und Schließungen, die zeigen, wofür Clubs bei Drogen haften – und was sich änderte.

#Clubkultur#Razzia#Rote Sonne#Drogenpolitik#Clubgeschichte#München

Symbolbild, KI-generiert
Symbolbild, KI-generiert

Gegen drei Uhr morgens stehen rund hundert Beamte vor der Roten Sonne am Münchner Maximiliansplatz: Unterstützungskommando und Drogenfahndung, Anfang Juli 2025. Von 101 Gästen haben 22 Betäubungsmittel dabei. Hinter dem Tresen liegt eine Feinwaage mit Drogenanhaftungen, im Technikraum stehen Tresore mit präparierten Behältern. Vierzehn Monate später, im September 2026, verurteilt das Amtsgericht München den Konzessionsinhaber Peter Wacha zu 15.000 Euro Geldstrafe. Wacha war in der Nacht nicht im Club, an den Tresoren fand sich keine DNA von ihm. Das Gericht sah es trotzdem als erwiesen an, dass er Drogenkonsum und -handel fahrlässig geduldet hatte.

Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Neu ist die Frage dahinter trotzdem nicht: Wie viel von dem, was Gäste auf der Tanzfläche tun, hat ein Club zu verantworten? Sechs Fälle aus fast vier Jahrzehnten zeigen, wie unterschiedlich Behörden, Gerichte und die Szene darauf geantwortet haben. Und warum jede dieser Antworten etwas am Nachtleben verändert hat.

1. Haçienda, Manchester, 1989 bis 1991: der Club als Tatort

Am 14. Juli 1989 bricht in der Haçienda die 16-jährige Clare Leighton zusammen und stirbt kurz darauf im Krankenhaus. Ihr Freund hatte ihr eine Ecstasy-Tablette gegeben. Ihr Tod gilt als erster Ecstasy-Todesfall in einem britischen Club, und er macht aus Manchesters wichtigstem Acid-House-Club einen Fall für Polizei und Lizenzbehörden. Die Stadt stellte sich damals auf die Seite des Clubs, weil sie in ihm einen Motor für die Wiederbelebung der Innenstadt sah. Unter Druck geriet die Haçienda danach vor allem durch etwas anderes: Im Januar 1991 bedrohten Gangs einen Türsteher mit einer Waffe, am 30. Januar machte der Club selbst zu und öffnete erst im Mai mit verstärkter Security wieder.

Was sich änderte: Seitdem gehören Drogen und Tür zusammen. Wer den Handel im Club duldet, holt sich die Leute ins Haus, die den Handel kontrollieren wollen. Security wurde vom Nebenposten zur Kernaufgabe jedes großen Clubs.

2. State Palace Theatre, New Orleans, 2001: als das Knicklicht zum Beweismittel wurde

Das State Palace Theatre war in den Neunzigern das Zentrum der Rave-Szene im Süden der USA. Im Januar 2001 klagten Bundesbehörden den Veranstalter James „Disco Donnie“ Estopinal und die Betreiber an, gestützt auf ein Gesetz, das eigentlich gegen Crack-Häuser geschrieben worden war. Im März 2001 wurden die Vorwürfe gegen die Einzelpersonen fallengelassen. Die Betreiberfirma zahlte 100.000 Dollar und sollte Knicklichter, Schnuller, Mentholsalbe und Chill-out-Räume aus ihren Veranstaltungen verbannen, bis ein Bundesrichter Teile dieses Verbots stoppte. Senator Joe Biden brachte daraufhin den RAVE Act ein. Der scheiterte 2002, eine umbenannte Fassung ging 2003 als Anhang an das Amber-Alert-Gesetz durch.

Was sich änderte: Hier wurde besonders deutlich ausgesprochen, was Veranstalter bis heute fürchten: Wer Gästen hilft, sich zu schützen, liefert der Anklage damit ein Indiz. Ein Chill-out-Raum oder Wasser für Dehydrierte galt plötzlich als Hinweis darauf, dass der Veranstalter mit Drogenkonsum rechnet. Harm Reduction auf US-Events hat sich von diesem Signal lange nicht erholt.

3. Soap-Club, Hannover, 2007: der deutsche Weg über das Gaststättenrecht

In Deutschland schließen Clubs selten per Strafurteil, sondern über das Gaststättenrecht. Das zeigt der Soap-Club in Hannover. Im August 2007 führte die Polizei nach mehreren Drogendelikten eine „Gefährdungsansprache“ mit dem Betreiber. Bei einer Razzia am 4. November 2007 fanden Beamte bei 25 Gästen Drogen, dazu erhebliche Mengen auf dem Boden und in schnell erreichbaren Verstecken. Die Stadt widerrief die Gaststättenerlaubnis wegen Unzuverlässigkeit und versiegelte den Club. Am 16. November 2007 bestätigte das Verwaltungsgericht Hannover das im Eilverfahren: Unzuverlässig sei ein Wirt, der seine Aufsichtspflicht vernachlässigt und nicht verhindert, dass sein Betrieb zum Treffpunkt für Konsumenten und Händler wird.

Was sich änderte: Der Fall zeigt das Muster, das bis heute gilt: erst ein Gespräch mit der Polizei, dann die Razzia, dann die Frage, was der Betreiber nach dem Gespräch unternommen hat. Die Konzession steht auf dem Spiel, lange bevor ein Strafgericht über irgendetwas entscheidet.

4. Fabric, London, 2016: geschlossen, gerettet, verändert

Im Sommer 2016 starben zwei 18-Jährige, einer im Juni, einer im August, nachdem sie im Fabric Drogen genommen hatten. Am 7. September 2016 entzog der Bezirk Islington dem Club die Lizenz. Die Reaktion war heftig: Eine Crowdfunding-Kampagne sammelte über 200.000 Pfund für den Rechtsstreit, Londons Bürgermeister Sadiq Khan kritisierte die Entscheidung öffentlich. Im November einigten sich Club und Bezirk. Fabric durfte wieder öffnen, allerdings mit Ausweisscanner, verdeckter Überwachung, lebenslangem Hausverbot für jeden, der mit Drogen erwischt wird, und ohne Gäste unter 19 an den Wochenenden.

Was sich änderte: Fabric bewies, dass ein Club als Kulturort genug Rückhalt mobilisieren kann, um eine Schließung zu kippen. Der Preis war ein Betrieb unter Auflagen, der mehr kontrolliert als je zuvor. Seitdem gilt das Modell für Clubs, die eine Lizenzprüfung überstehen wollen: überleben ja, aber als Club mit schärferen Kontrollen.

5. Bassiani, Tiflis, 2018: die Razzia, die eine Protestbewegung auslöste

Am 12. Mai 2018 stürmte bewaffnete Polizei das Bassiani und das Café Gallery in Tiflis. Rund 60 Menschen wurden festgenommen. Anlass waren fünf Drogentote in der Stadt in den Wochen davor. Keiner davon war in einem der beiden Clubs gestorben. Noch am selben Tag versammelten sich Tausende vor dem Parlament, DJs legten auf der Straße auf, und „We dance together, we fight together“ wurde zur Parole. Innenminister Giorgi Gacharia entschuldigte sich und versprach, die Drogenpolitik zu überprüfen. Am 23. Mai, elf Tage nach der Razzia, durfte das Bassiani wieder öffnen.

Was sich änderte: In Tiflis wurde aus einer Razzia ein politisches Ereignis. Der Club galt nicht mehr als Ort des Problems, sondern als Ort einer Freiheit, die die Regierung angegriffen hatte. Selten zeigt ein Fall so deutlich, dass eine Razzia auch das Verhältnis einer ganzen Generation zum Staat verändern kann.

6. Rote Sonne, München, 2025 und 2026: Haftung ohne Anwesenheit

Die Rote Sonne öffnete am 5. August 2005 im Keller am Maximiliansplatz. Zu den Gründern gehörten Peter Wacha und Dorothea Zenker, die zuvor das Ultraschall betrieben hatten, einen der wichtigsten Münchner Techno-Clubs der Neunziger, der in unserer Liste verschwundener deutscher Clubs steht. Wacha, bekannt als DJ Upstart und Gründer des Labels Disko B, ist seit den frühen Achtzigern Teil der Münchner Szene. 2024 wurde die Rote Sonne mit dem (pop)award Bayern als Club des Jahres ausgezeichnet.

Die Anklage stützte sich auf eine Vorgeschichte, die an Hannover erinnert. 2023 hatten Polizei und Betreiber ein Gespräch vereinbart, das nach Darstellung der Staatsanwaltschaft offenbar folgenlos blieb. Anfang 2025 stellte ein verdeckter Ermittler fest, dass sich am Drogenkonsum im Club „nicht viel verändert“ habe. Wachas Verteidigung hielt dagegen, er habe nach der Razzia zwei Mitarbeiter entlassen und die Kontrollen verschärft. Staatsanwalt Jakob Schmidkonz nannte das Urteil „richtungsweisend“ und sprach von einem möglichen „Modellcharakter in der Münchner Clubszene“.

Was sich ändert: Wenn das Urteil Bestand hat, haftet ein Konzessionsinhaber strafrechtlich für einen Betrieb, in dem er nachts gar nicht steht. Für München kommt das zu einem schwierigen Zeitpunkt. Die Stadt hat gerade erst den Auszug des Blitz aus dem Deutschen Museum erlebt: Einer ihrer wichtigsten Clubs sucht seitdem einen neuen Ort, wie unser Überblick über die Münchner Clubszene zeigt.

Was die sechs Fälle verbindet

Die Wege sind verschieden: Polizeidruck, dann Bandengewalt und eine selbst verordnete Schließung in Manchester, Lizenzentzug in London und Hannover, Bundesanklage in New Orleans, eine bewaffnete Razzia in Tiflis, ein Strafurteil gegen den Betreiber in München. Die Logik dahinter ist in allen sechs Fällen gleich. Der Club wird für das verantwortlich gemacht, was einzelne Gäste in ihm tun, und die Frage lautet jedes Mal, ob der Betreiber genug dagegen getan hat. Was „genug“ heißt, legt niemand vorher fest. Das entscheidet sich erst im Nachhinein, meist nach einer Razzia.

Der Widerspruch, der daraus folgt, ist in Deutschland besonders deutlich. Seit 2023 erlaubt der neue § 10b des Betäubungsmittelgesetzes den Ländern Drug-Checking-Modellprojekte. Berlin testet seit Juni 2023 Substanzen anonym an drei Beratungsstellen. Der Staat finanziert also, dass Konsumenten wissen, was sie nehmen. Gleichzeitig kann ein Clubbetreiber verurteilt werden, weil in seinem Laden genommen wird. Clubs, die mit Awareness-Teams, Wasser und ruhigen Räumen arbeiten, bewegen sich damit wieder in der Grauzone, die New Orleans 2001 geschaffen hat.

Eine Lehre aus fast vier Jahrzehnten ist, dass eine Razzia selten das Ende einer Szene ist. Die Haçienda machte weiter, Fabric auch, das Bassiani ebenso. Was sich verändert, ist der Raum dazwischen: mehr Kameras, schärfere Kontrollen an der Tür, weniger Vertrauen. Ob die Rote Sonne dieselbe Geschichte schreibt, entscheidet sich wohl erst in der nächsten Instanz.

Häufige Fragen

Kann ein Clubbetreiber für Drogen seiner Gäste bestraft werden?

Ja. Im September 2026 verurteilte das Amtsgericht München den Konzessionsinhaber der Roten Sonne zu 15.000 Euro Geldstrafe, weil er Drogenkonsum und -handel im Club fahrlässig geduldet habe. Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Häufiger ist in Deutschland der Weg über das Gaststättenrecht: Vernachlässigt ein Betreiber seine Aufsichtspflicht, kann die Behörde die Erlaubnis wegen Unzuverlässigkeit widerrufen, wie 2007 beim Soap-Club in Hannover.

Warum wurde das Fabric in London 2016 geschlossen?

Nach dem Tod von zwei 18-Jährigen, die im Sommer 2016 im Club Drogen genommen hatten, entzog der Bezirk Islington dem Fabric am 7. September 2016 die Lizenz. Nach einer Kampagne und einer Einigung im November 2016 durfte der Club unter strengen Auflagen wieder öffnen, darunter Ausweisscanner, verdeckte Überwachung und kein Einlass unter 19 an Wochenenden.

Was passierte 2018 im Bassiani in Tiflis?

Am 12. Mai 2018 durchsuchte bewaffnete Polizei das Bassiani und das Café Gallery, rund 60 Menschen wurden festgenommen. Anlass waren fünf Drogentote in der Stadt, von denen keiner in den Clubs gestorben war. Tausende protestierten mit einem Rave vor dem Parlament, der Innenminister entschuldigte sich, und der Club durfte am 23. Mai wieder öffnen.

Ist Drug-Checking in Deutschland erlaubt?

Seit 2023 schafft § 10b des Betäubungsmittelgesetzes die Grundlage dafür, dass die Länder Drug-Checking-Modellprojekte zulassen können. Berlin bietet seit Juni 2023 an drei Beratungsstellen an, Substanzen anonym auf Wirkstoffe und Streckmittel untersuchen zu lassen.


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