Clubs, die es nicht mehr gibt: Deutschlands verlorene Raves
Ufo, Front, Omen, E-Werk, Stammheim: acht deutsche Clubs, die Techno geprägt haben und verschwunden sind – und woran sie wirklich gescheitert sind.

An einem Sonntagabend im Oktober 1998 stellten die Betreiber eines Frankfurter Clubs Lautsprecher auf die Straße, weil der Laden die Menschen nicht mehr fasste. Mehrere hundert Leute tanzten auf der Junghofstraße. Die Polizei löste nichts auf, sie sperrte die Straße für den Verkehr. Am Montag, dem 19. Oktober 1998, war das Omen zu.
Solche Bilder gibt es aus jeder deutschen Stadt, und fast immer stehen sie am Ende von etwas. Die folgenden acht Räume haben elektronische Musik in Deutschland geprägt und existieren nicht mehr. Interessant ist an ihnen weniger die Nostalgie als die Todesursache: Bei den wenigsten blieb das Publikum aus.
Ufo, Berlin (1988–1990): eine Kellerdecke bei 1,90 Meter
Dimitri Hegemann, Achim Kohlberger und Carola Stoiber eröffneten 1988 im Keller eines Wohnhauses an der Köpenicker Straße 6 in Kreuzberg Berlins ersten Acid-House-Club. Man stieg über eine Leiter hinein, die Decke lag bei etwa 1,90 Metern, rund hundert Menschen passten hinein. Als die Behörden den illegalen Betrieb bemerkten, zog der Club in ein ehemaliges Ladengebäude an der Großgörschenstraße in Schöneberg. Ende 1990 war Schluss.
Das Ufo ist die wichtigste Station dieser Liste, obwohl es die kürzeste Lebensdauer hatte und mit Abstand den schlechtesten Raum. Wenige Monate nach dem Ende eröffnete im März 1991 der Tresor, betrieben von Leuten aus demselben Umfeld. Wer verstehen will, warum Berlin zur Techno-Stadt wurde, muss hier anfangen: nicht bei einem Gebäude, sondern bei Leuten, die nach dem Scheitern sofort weitergemacht haben.
Front, Hamburg (1983–1997): der Club vor dem Techno
Das Front am Heidenkampsweg 32 wurde 1983 von Willi Prange und Phillip Clarke gegründet und war ein schwuler Club, lange bevor deutsche Feuilletons das Wort Clubkultur benutzten. Anfangs liefen dort Disco, Electro und Hi-NRG; ab Mitte der Achtziger kamen die ersten House-Importe dazu. Klaus Stockhausen legte Woche für Woche auf, bis er sich 1992 seiner Arbeit in der Mode zuwandte. Boris Dlugosch stieß 1986 als Co-Resident dazu und übernahm danach allein. Am 16. Februar 1997 war die letzte Party.
Das Front gehört auf diese Liste, weil es die gängige Erzählung korrigiert. Die deutsche Clubkultur beginnt nicht 1989 mit Techno und der Loveparade, sondern Jahre früher, in einem queeren Raum in Hamburg. Dass diese Vorgeschichte in Techno-Rückblicken regelmäßig fehlt, sagt mehr über die Rückblicke aus als über das Front.
Omen, Frankfurt (1988–1998): zehn Jahre, ein Sound
Aus dem Club „Vogue“ wurde 1988 das Omen, betrieben von Sven Väth, Michael Münzing und Matthias Martinsohn, im Erdgeschoss eines inzwischen abgerissenen Parkhauses nahe der Hauptwache. In den Neunzigern galt es in der Fachpresse als einer der wichtigsten Techno-Clubs des Landes. Das Ende kam nicht durch leere Nächte, sondern weil der Eigentümer der Immobilie mit der Kündigung des Mietvertrags drohte.
Frankfurt war in den frühen Neunzigern das eigentliche Zentrum des deutschen Techno, und das Omen war dessen Wohnzimmer – eine Geschichte, die neben Berlin fast verschwunden ist und die den Frankfurter Sound bis heute erklärt. Sven Väth stand 2004 hinter dem Cocoon Club. Der steht weiter unten in dieser Liste.
E-Werk, Berlin (1993–1997): der Maßstab verschiebt sich
Das Umspannwerk Buchhändlerhof an der Wilhelmstraße 43 wurde in den Jahren 1926 bis 1928 nach Plänen von Hans Heinrich Müller umgebaut. Von 1993 bis 1997 war es ein Techno-Club. Paul van Dyk hatte dort mit der Dubmission eine feste Nacht, zu den Stamm-DJs zählten unter anderem DJ Disko, DJ Clé und Jonzon. Im Juli 1997 endete der Clubbetrieb. Nach einer Sanierung wurde das Gebäude 2005 wieder eröffnet und dient heute als Eventlocation.
Das E-Werk hat den Maßstab dessen verschoben, was ein Club sein darf. Rohe Industriearchitektur als Tanzfläche ist inzwischen ein weltweit kopiertes Berliner Exportgut – hier wurde sie in einer Größenordnung durchgespielt, die vorher niemand für tragfähig hielt. Dass dasselbe Gebäude heute Firmenveranstaltungen beherbergt, ist die zweite, unangenehmere Hälfte derselben Geschichte.
Stammheim, Kassel (1994–2002): der Beweis gegen die Großstadt
Im Februar 1994 eröffnete in der Kulturfabrik Salzmann ein Club namens „Aufschwung Ost“, der 1996 in Stammheim umbenannt wurde. In einer Stadt, die im Techno bis dahin keine Rolle spielte, spielten dort Jeff Mills, Richie Hawtin, Laurent Garnier, Carl Cox, DJ Rush und Westbam. Im Februar 2002 wurde der Mietvertrag gekündigt: Anwohner hatten sich über Lärm, Müllberge, weiträumig parkende Autos aus ganz Deutschland und Drogenkonsum rund um das Gelände beschwert.
Das Stammheim widerlegt die bequemste Annahme der Szene – dass gute Clubs Metropolen brauchen. Es brauchte ein Gebäude, ein Booking mit Haltung und ein Publikum, das bereit war, drei Stunden zu fahren. Genau dieses Publikum wurde ihm zum Verhängnis: Wer von weit her kommt, kommt mit dem Auto, und Autos parken in Wohnstraßen.
Ultraschall, München (1994–2003): Zwischennutzung mit Ablaufdatum
Dorothea Zenker, Peter Wacha und David Süss eröffneten am 17. Juni 1994 einen Club in der ehemaligen Kantinenküche des aufgegebenen Flughafens München-Riem. Als das Gelände 1996 für die Messestadt Riem gebraucht wurde, zog das Ultraschall in die Kartoffelwaschanlage der früheren Pfanni-Werke im Kunstpark Ost. Am 31. Januar 2003 war endgültig Schluss. Residents waren unter anderem DJ Hell, Richard Bartz, Monika Kruse und Acid Maria.
Der Fall zeigt das Grundmuster der deutschen Clubgeschichte in Reinform: Clubs bekommen Flächen, solange sie niemand anderes will. Ein stillgelegter Flughafen, eine leere Fabrik, ein Umspannwerk – und sobald sich eine profitablere Nutzung findet, läuft die Zwischennutzung aus. München hat diesen Mechanismus seither mehrfach durchlebt, zuletzt sichtbar beim Verschwinden prägender Häuser aus der Innenstadt.
Dorian Gray und Cocoon Club: wie Frankfurt zweimal verlor
Das Dorian Gray eröffnete im November 1978 auf Ebene 0 in Halle C des Frankfurter Flughafens, gegründet von Gerd Schüler und Michael Presinger nach dem Vorbild des Studio 54. Bis zu 2.500 Gäste pro Nacht tanzten dort ab Mitte der Achtziger zunehmend zu elektronischer Musik; Talla 2XLC verlegte seine 1984 andernorts gestartete Reihe „Technoclub“ später hierher. Am 31. Dezember 2000 war Schluss, weil sich die Brandschutzauflagen in den veralteten Räumen nicht mehr erfüllen ließen.
Der Cocoon Club, am 18. Juli 2004 eröffnet, war das Gegenteil: neu gebaut, aufwendig gestaltet, mit einem Soundsystem und einer Architektur, über die international geschrieben wurde. Im September 2012 wurde Insolvenz angemeldet, am 30. November 2012 lief die Abschlussparty „Goodbye Cocoonclub“. Beide Enden zusammen ergeben eine unangenehme Lektion: Weder Geschichte noch Geld noch Prominenz schützen einen Club. Das eine scheiterte an Auflagen, das andere an der Betriebswirtschaft.
Was diese acht Fälle verbindet
Bei fast allen stand am Ende kein kulturelles Problem, sondern ein Verwaltungs- oder Immobilienvorgang: ein gekündigter Mietvertrag, eine ausgelaufene Zwischennutzung, nicht erfüllbare Brandschutzauflagen, Anwohnerbeschwerden, eine Insolvenz. Das Ufo ist der Sonderfall, weil es nie auf Dauer angelegt war – es war ein Provisorium, das seinen Zweck erfüllt hat.
Daneben gehört ein neunter Club auf diese Liste, weil er anders ausging. Auch der Tresor verlor seinen Raum: Das Grundstück an der Leipziger Straße wurde für einen Bürobau an einen Projektentwickler verkauft, am 16. April 2005 stieg dort die letzte Party. Aber der Tresor kam wieder – Ende Mai 2007 im stillgelegten Südteil des Heizkraftwerks Berlin-Mitte an der Köpenicker Straße. Der Unterschied zu allen anderen auf dieser Liste ist kein künstlerischer, sondern ein organisatorischer: Es gab Leute, die sich rechtzeitig um den zweiten Raum gekümmert haben.
Und das ist kein Neunziger-Thema. Dieselben Mechanismen wirken heute weiter, von Dresden bis in jede Stadt, in der Wohnbebauung an ein Industriegebiet heranrückt; die politische Debatte um das Clubsterben dreht sich exakt um diese Punkte. Was die alten Fälle lehren, ist unspektakulär: Ein Club überlebt nicht durch Legendenbildung, sondern durch Mietverträge, Lärmschutz und eine Kommune, die ihn als Kultur behandelt statt als Gastronomie.
Die Räume auf dieser Liste sind weg. Was sie ausgemacht hat, ist es nicht – es hat nur jedes Mal umziehen müssen.
Häufige Fragen
Welcher war der erste Techno-Club in Deutschland?
Eine saubere Antwort gibt es nicht, weil sich die Frage an der Definition entscheidet. Das Dorian Gray am Frankfurter Flughafen öffnete schon 1978 und spielte ab Mitte der Achtziger zunehmend elektronische Musik. Das Berliner Ufo war ab 1988 der erste reine Acid-House-Club der Stadt. Das Hamburger Front existierte bereits seit 1983 und brachte ab Mitte der Achtziger importierten House auf eine deutsche Tanzfläche.
Warum hat das Omen in Frankfurt geschlossen?
Nicht aus Mangel an Publikum. Der Eigentümer der Immobilie drohte mit der Kündigung des Mietvertrags, woraufhin der Club nach zehn Jahren im Oktober 1998 schloss. Es gab mehrere Abschiedspartys; beim Andrang am letzten Wochenende stellten die Betreiber Lautsprecher auf die Junghofstraße, die die Polizei daraufhin für den Verkehr sperrte.
Gibt es das Stammheim in Kassel noch?
Nein. Dem Club in der Kulturfabrik Salzmann wurde im Februar 2002 der Mietvertrag gekündigt, nachdem sich Anwohner über Lärm, Müll, weiträumig parkende Autos und Drogenkonsum rund um das Gelände beschwert hatten. Der Clubbetrieb an diesem Ort kehrte nicht zurück.
Warum ist der Tresor umgezogen statt zu schließen?
Das Grundstück an der Leipziger Straße wurde für einen Bürobau an einen Projektentwickler verkauft, die letzte Party dort fand am 16. April 2005 statt. Anders als die meisten Clubs dieser Liste hatte der Tresor jedoch eine Nachfolgefläche organisiert und eröffnete Ende Mai 2007 im stillgelegten Südteil des Heizkraftwerks Berlin-Mitte an der Köpenicker Straße neu.
Kann man die alten Clubräume heute noch besuchen?
Teilweise. Das Berliner E-Werk wurde nach einer Sanierung 2005 wieder eröffnet und wird heute als Eventlocation genutzt. Das Parkhaus, in dem das Omen lag, ist abgerissen. Das Dorian Gray lag in einem Bereich des Frankfurter Flughafens, in dem es keinen Clubbetrieb mehr gibt.
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