MAXIM SCHUNK
← Blog & Ratgeber
Szene2. September 20266 Min. Lesezeit

Vom Flakbunker zur Kirche: Wo Deutschland Techno feiert

Flakbunker, Kraftwerk, Kokerei, jetzt eine Kirche: sieben Orte zeigen, wie elektronische Musik in Deutschland immer die Räume nimmt, die übrig sind.

#Clubkultur#Techno-Geschichte#Deutschland#Industriekultur#Clubs#Festivals

Symbolbild, KI-generiert
Symbolbild, KI-generiert

Am Abend des 3. September 2026 steht in der Johanniskirche in Frankfurt-Bornheim ein Plattenspieler vor dem barocken Kanzelaltar. Dahinter: Dag Lerner, 66 Jahre alt, den in Frankfurt seit drei Jahrzehnten alle nur DJ Dag nennen. Mitgründer von Dance 2 Trance, von 1988 bis 1993 Resident im Dorian Gray, eine der Figuren, ohne die es den „Sound of Frankfurt“ nicht gegeben hätte. Der Abend heißt Vinyl-Gottesdienst, das Thema ist „Kraft“, der Eintritt ist frei. Ein Rave ist es ausdrücklich nicht: Es gibt Sitzplätze, eine Bar und zwischen den Platten ein Gespräch mit Pfarrer Lars Heinemann und DJ Matthias Westerweller.

Wer darin einen Tabubruch sieht, hat die Geschichte dieser Musik in Deutschland nicht verfolgt. Elektronische Musik hat sich hierzulande fast nie eigene Häuser gebaut. Sie ist eingezogen — in Räume, die für etwas völlig anderes errichtet wurden und die gerade niemand brauchte. Sieben Orte erzählen, wie das lief.

Der Club im Flughafenkeller: Dorian Gray, Frankfurt

Am 8. November 1978 eröffneten Gerd Schüler und Michael Presinger im Untergeschoss von Terminal 1 des Frankfurter Flughafens eine Diskothek nach dem Vorbild des New Yorker Studio 54. In den Achtzigern wurde daraus einer der wichtigsten Räume des Sound of Frankfurt. Der entscheidende Vorteil lag in der Adresse: Weil der Club auf Flughafengelände lag, galt für ihn die Frankfurter Sperrstunde nicht, die jeden Laden in der Stadt um vier Uhr beendete.

Das klingt nach einer Verwaltungsfußnote, war aber eine musikalische Weichenstellung. Wer weiß, dass die Nacht nicht um vier vorbei ist, spielt anders — längere Bögen, mehr Geduld, ein Aufbau über Stunden statt über ein Set. Am 31. Dezember 2000 war Schluss, nicht wegen fehlender Gäste, sondern weil sich der Brandschutz in dem alten Bau nicht mehr auf Stand bringen ließ. Es ist derselbe Grund, aus dem viele der prägenden deutschen Clubs verschwanden: nicht Desinteresse, sondern das Gebäude.

Zwei Kraftwerke, zwei Jahrzehnte: Tresor und Berghain

Der Tresor eröffnete im März 1991 im Tresorraum des ehemaligen Wertheim-Kaufhauses an der Leipziger Straße. Im April 2005 lief dort die letzte Party, kurz darauf fiel das Gebäude. Nach zwei Jahren im Exil eröffnete der Club am 25. Mai 2007 im Heizkraftwerk Mitte an der Köpenicker Straße neu, das bis 1997 große Teile Ost-Berlins mit Strom und Wärme versorgt hatte. Das Berghain eröffnete im Dezember 2004 in einem Heizkraftwerk an der Rüdersdorfer Straße, das zwischen 1952 und 1955 für die neuen Wohnviertel an der Karl-Marx-Allee gebaut und 1988 vom Netz genommen worden war. Die Betreiber kamen vom Ostgut, das zuvor in einer Halle auf einem alten Bahngelände lag.

Beide Fälle gehören zusammen, weil sie zeigen, wie ein Gebäude eine Musik formt. Wo im Berghain früher Turbinen standen, liegt die Decke über dem Hauptfloor bei rund 18 Metern. Solche Räume verzeihen keine dichten, hektischen Arrangements: Was dort funktioniert, hat Platz zwischen den Schlägen. Der reduzierte Berliner Techno der Nullerjahre ist auch eine Antwort auf Betonwände und Nachhallzeit — genauso, wie sich Open-Air-Beschallung grundlegend anders verhält als ein Kellerclub.

Der Flakturm, den niemand loswurde: Hamburg

Der Bunker an der Feldstraße wurde ab 1942 von Zwangsarbeitern errichtet, in rund 300 Tagen, mit 3,5 Meter dicken Wänden und einer fünf Meter starken Decke. Bis zu 25.000 Menschen suchten darin Schutz. Nach dem Krieg blieb er stehen, weil eine Sprengung die umliegenden Viertel gefährdet hätte. In den Neunzigern zogen Medienbetriebe ein, 2006 eröffnete dort der Club Uebel & Gefährlich.

Der Bunker steht auf dieser Liste, weil er den Preis der Umnutzung vorführt. Jahrzehntelang wollte diesen Klotz niemand haben, und genau deshalb war Platz für einen Club. 2024 öffnete auf dem aufgestockten und begrünten Bau ein Hotel mit Dachgarten; die Erweiterung auf 58 Meter kostete rund 60 Millionen Euro. Aus dem Ort, den niemand haben wollte, ist eine Sehenswürdigkeit geworden. Das ist keine Rettung, das ist ein Wechsel der Besitzverhältnisse.

Wo Marschflugkörper standen: Pydna im Hunsrück

Die Raketenstellung Pydna bei Hasselbach war im Zuge des NATO-Doppelbeschlusses für Marschflugkörper vorgesehen und wurde zwischen 1983 und 1989 zum Ziel der Ostermärsche der Friedensbewegung. Am 31. August 1993 endete die Raketenzeit im Hunsrück mit der Übernahme der Liegenschaft durch die Bundeswehr-Standortverwaltung Kastellaun. Die Nature One, 1995 auf dem Flugplatz Hahn im Hunsrück gestartet, zog 1996 auf das Gelände und ist seitdem geblieben.

Kein anderer deutscher Festivalort trägt seine Vorgeschichte so sichtbar: Bunkerhügel, Zaunanlagen, Betonpisten, die nie für Menschenmengen gedacht waren. Das Bemerkenswerte ist nicht die Symbolik, sondern die Nüchternheit. Hier wurde nichts umgedeutet und nichts erklärt — ein militärisches Sperrgebiet war frei, und jemand stellte Boxen darauf.

Fünf Bagger als Bühnenbild: Ferropolis

Im Tagebau Golpa-Nord bei Gräfenhainichen wurden über 33 Jahre rund 70 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert, 1991 war Schluss. Statt alles abzuräumen, ließ man fünf ausgemusterte Bagger stehen — bis zu 130 Meter lang und 30 Meter hoch — und machte daraus auf einer Halbinsel im Gremminer See ein Freilichtmuseum, das 2000 öffnete. Das Melt, 1997 gestartet, zog 1999 dorthin; 2024 fand es nach 27 Jahren Festivalgeschichte zum letzten Mal statt.

Ferropolis gehört hierher, weil es die romantische Lesart korrigiert. Ein spektakulärer Ort ist kein Geschäftsmodell. Das Melt endete nicht, weil die Kulisse langweilig geworden wäre, sondern weil die Kosten eines Festivals dieser Größe nicht mehr aufgingen. Wer heute Flächen dieser Art bespielt, rechnet zuerst und träumt danach.

Eine Kokerei als Welterbe-Floor: Zollverein, Essen

Der Schacht XII der Zeche Zollverein entstand zwischen 1928 und 1932, die Zeche wurde 1986 stillgelegt, die benachbarte Kokerei erst 1993; seit 2001 gehört das Gelände zum UNESCO-Welterbe. Seit 2021 läuft dort Stone Techno, ein Projekt des Ruhr Museums, bei dem Klänge aus Mineralien, Gesteinen und Baustoffen der Region zu Tracks werden; ARTE übertrug die Auftaktausgabe 2021 aus dem Schaudepot auf der Kokerei.

Das ist die jüngste Stufe dieser Entwicklung, und sie ist zwiespältig. Hier besetzt niemand mehr etwas — hier lädt eine Institution ein und kuratiert. Dieselbe Musik, für die Veranstalter in den Neunzigern Auflagen und Anzeigen kassierten, ist heute Vermittlungsprogramm eines Museums. Anerkennung und Zähmung sind hier dasselbe Ereignis. Wie stark eine ganze Region davon lebt, zeigt die Industriekultur im Ruhrgebiet.

Warum jetzt ausgerechnet Kirchen frei werden

Damit zurück nach Bornheim. Der Vinyl-Gottesdienst ist keine Marketingidee einer einzelnen Gemeinde, sondern der sichtbare Rand einer großen Bewegung. Dokumentiert waren Ende 2024 in Deutschland 433 entwidmete evangelische und 923 profanierte katholische Kirchen, und das ist nur der erfasste Teil. Prognosen gehen davon aus, dass die Kirchen bis 2060 rund 40.000 Immobilien abgeben müssen. Kirchengebäude sind die leeren Räume dieses Jahrzehnts, so wie Fabrikhallen die der Neunziger waren.

Zwei Unterschiede sind allerdings entscheidend. Erstens wird hier nichts besetzt: Die Gemeinde lädt ein, der Pfarrer moderiert. Zweitens ist eine Kirche akustisch das Gegenteil eines Clubs. Mehrere Sekunden Nachhall verschlucken jede Kickdrum, aber sie tragen eine einzelne Platte und eine Erzählung dazu. Deshalb ist das Format in Bornheim ein Gespräch mit Musik und kein Rave — nicht aus Respekt, sondern aus Physik.

Was bleibt

Die Konstante dieser sieben Orte ist nicht der Beton. Es ist ein Prinzip: Diese Musik nimmt, was übrig ist, und macht daraus etwas, das ohne den Raum anders klingen würde. Das galt für ein Betonwerk in Münster, aus dem Münsters Clubmeile wurde, genauso wie für ein Kraftwerk in Friedrichshain. Der Haken daran ist immer derselbe: Wer geschenkte Räume nutzt, verliert sie auch wieder, sobald sie wertvoll werden. Dass jetzt Kirchen dazuzählen, sagt weniger über die Szene aus als über das Land, in dem sie stattfindet.

Häufige Fragen

In welchem Gebäude ist das Berghain?

In einem ehemaligen Heizkraftwerk an der Rüdersdorfer Straße in Berlin-Friedrichshain, das zwischen 1952 und 1955 für die neuen Wohnviertel an der Karl-Marx-Allee gebaut und 1988 vom Netz genommen wurde. Der Club eröffnete im Dezember 2004; über dem Hauptfloor liegt die Decke bei rund 18 Metern, weil dort früher die Turbinentechnik stand.

Wo findet die Nature One statt?

Auf dem Gelände der ehemaligen Raketenstellung Pydna bei Hasselbach im Hunsrück. Die erste Ausgabe lief 1995 auf dem Flughafen Frankfurt-Hahn, seit 1996 findet das Festival auf der früheren Militärliegenschaft statt, die die Bundeswehr-Standortverwaltung Kastellaun am 31. August 1993 übernommen hatte.

Warum sind so viele Techno-Clubs in alten Industriegebäuden?

Weil diese Bauten billig verfügbar waren, weit weg von Wohnbebauung standen und mitbringen, was ein Club sonst teuer herstellen muss: Höhe, Masse, Nachhall und eine Kulisse, die keine Dekoration ersetzt. Der Nebeneffekt ist, dass der Raum den Sound mitbestimmt — in einer 18 Meter hohen Halle funktionieren andere Tracks als in einem Kellerclub.

Darf in einer Kirche elektronische Musik gespielt werden?

Das entscheidet die jeweilige Gemeinde für ihr Gebäude. In der Johanniskirche in Frankfurt-Bornheim läuft mit dem Vinyl-Gottesdienst ein Format, bei dem ein DJ Platten auflegt und darüber gesprochen wird — am 3. September 2026 mit Dag Lerner zum Thema „Kraft“. Ein Rave ist das ausdrücklich nicht, schon weil der Nachhall eines Kirchenraums jede Kickdrum verschluckt.


Weitere Artikel