MAXIM SCHUNK
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Szene6. September 20266 Min. Lesezeit

Die Frauen, die den deutschen Techno geprägt haben

Von Marusha bis Cinthie: acht Frauen, die den deutschen Techno geprägt haben — im Radio, im Plattenladen, im Label und in den Line-ups der Festivals.

#Techno-Geschichte#Frauen in der Musik#Berlin#female:pressure#Labels#Clubkultur#Radio

Symbolbild, KI-generiert
Symbolbild, KI-generiert

Zwischen 1993 und 1996 arbeitete eine Wienerin im Hard Wax, dem Kreuzberger Plattenladen, an dem in diesen Jahren kaum ein Techno-DJ vorbeikam. Susanne Kirchmayr legte selbst auf, unter dem Namen Electric Indigo. Und immer wieder bekam sie dieselbe Frage gestellt, meistens von Männern, meistens freundlich gemeint: Kennst du noch andere Frauen, die auflegen? Sie kannte kaum welche. Nicht, weil es keine gab, sondern weil niemand eine Liste führte. 1998 legte sie eine an.

Die folgenden acht Namen stehen nicht für eine Quote. Sie stehen für Entscheidungen, nach denen die Szene anders aussah als vorher: ein Radioformat, ein Label, ein Plattenladen, eine Residency, die zwanzig Jahre hielt.

Susanne Kirchmayr baute die Liste, die vorher niemand hatte

Was 1998 als schlichte HTML-Liste begann, wurde female:pressure — ein internationales Netzwerk von Frauen sowie trans, inter und nichtbinären Menschen, die in elektronischer Musik und Medienkunst arbeiten: DJs, Produzentinnen, Komponistinnen, Agenturen, Journalistinnen. Die eigentliche Datenbank programmierte 2001 die Wiener Open-Source-Expertin Andrea Mayr; damals waren rund 180 Künstlerinnen aus 19 Ländern eingetragen. Nach Angaben des Netzwerks waren es im Oktober 2025 über 3.180 Mitglieder aus 90 Ländern. 2009 gab es dafür eine Honorary Mention beim Prix Ars Electronica.

Das Entscheidende daran ist unspektakulär und deshalb wirksam: Der Satz „Ich kenne keine Frau, die das macht“ war ab sofort nachprüfbar falsch. Wer ein Line-up zusammenstellte und behauptete, es gebe niemanden, konnte auf eine Adresse verwiesen werden. Ab 2013 kam die zweite Hälfte dieser Arbeit dazu — die FACTS-Reports, die Festival-Line-ups nicht mehr diskutieren, sondern zählen.

Marusha holte den Sound aus dem Club ins Radio

Im November 1990 ging Marushas wöchentliche Sendung „Dancehall“ beim ostdeutschen Jugendsender DT64, dem früheren Jugendradio der DDR, erstmals auf Sendung — eine der ersten Techno-Sendungen im deutschsprachigen Radio überhaupt. Anfang 1994 erschien ihre Version von „Somewhere Over The Rainbow“, die bis auf Platz drei der deutschen Singlecharts kletterte, sich 30 Wochen in den Charts hielt und Platin bekam.

Man kann über diesen Track streiten, und die Szene hat das ausgiebig getan. Unstrittig ist die Reichweite: Eine Musik, die bis dahin über Flyer, Mundpropaganda und Kassetten weitergegeben wurde, lief plötzlich im Autoradio. Wie eng Radio und Rave in diesen Jahren zusammenhingen, steht ausführlicher in der Geschichte von Marusha und DT64.

Ellen Allien und Monika Kruse bauten Strukturen statt Karrieren

Ellen Allien arbeitete im Fischlabor, jener Schöneberger Bar aus dem Umfeld von Dimitri Hegemann, der 1991 den Tresor eröffnete. Anfang der Neunziger legte sie dort selbst auf, 1993 bekam sie eine eigene Sendung bei Kiss FM, 1995 gründete sie das Label Braincandy, aus dem 1999 BPitch Control wurde. Auf BPitch erschienen frühe Platten von Paul Kalkbrenner — damals noch als Paul dB+ —, Modeselektor und Sascha Funke.

Monika Kruse, 1971 in West-Berlin geboren und in München aufgewachsen, legte ab 1990 in der Münchner Babalu Bar auf, zuerst Hip-Hop und Funk. Ab 1994 war sie Resident im Ultraschall. Im Jahr 2000 gründete sie gleich zwei Dinge: das Label Terminal M und die Initiative No Historical Backspin, die Geld für Betroffene rassistischer, antisemitischer und homofeindlicher Gewalt sammelt.

Ein Label zu führen heißt zu entscheiden, wessen Musik erscheint. Das ist die unauffälligste Form von Einfluss in dieser Branche und die haltbarste — nachzulesen auch in der Übersicht der deutschen Labels, die den Techno-Sound prägten.

Anja Schneider machte den Samstagabend zur Instanz

Ab 2000 moderierte Anja Schneider bei Radio Fritz die Sendung „Dance Under The Blue Moon“, jeden Samstag, bis 2017. Siebzehn Jahre lang war das für einen erheblichen Teil des Berliner Publikums die Stelle, an der man erfuhr, was gerade lief — vor Playlists, vor Algorithmen, vor der Möglichkeit, alles jederzeit zu hören.

2005 gründete sie mit Ralf Kollmann das Label Mobilee, das mit Pan-Pot, Sebo K und Rodriguez Jr. eine musikalische, groovende Spielart von Tech House prägte. Kuratieren im Radio und Kuratieren auf Vinyl waren bei ihr dieselbe Tätigkeit in zwei Formaten.

Tama Sumo und Cinthie: was bleibt, wenn der Hype weiterzieht

Kerstin Egert spielte ab 1994 im Tresor und blieb dort zehn Jahre Resident. Ab 2001 legte sie bei den Ostgut-Partys auf. Als das Ostgut Anfang 2003 schließen musste, weil das Gebäude einem Neubau weichen sollte, war ein Nachfolger keine ausgemachte Sache: Erst im Oktober 2004 öffnete das ehemalige Heizkraftwerk, in dem Berghain und Panorama Bar Platz fanden — und weil der große Saal noch nicht fertig war, wurde die erste Nacht in der Panorama Bar gefeiert. Egert war von Anfang an Resident, unter dem Namen Tama Sumo, den sie sich im selben Jahr zulegte. Ihre Sets sind für ihre Spannweite bekannt: House, Detroit, Disco, Soul, Broken Beat.

Eine Residency über zwei Jahrzehnte ist etwas anderes als eine Tour. Sie prägt den Klang eines Hauses, und sie bringt einem Publikum bei, worauf es sich einlässt.

Cinthie steht für dieselbe Beharrlichkeit eine Generation später, nur in eigener Regie. Das Mixen lernte sie als Sechzehnjährige im Saarbrücker Plattenladen Humpty; 1999 zog sie nach Berlin. 2012 gründete sie mit Diego Krause und anderen das Vinyl-Label Beste Modus, dazu kamen 803 Crystal Grooves und weitere Imprints sowie Elevate in Friedrichshain — Label-Kollektiv und Plattenladen in einem. Wer Katalog und Laden selbst in der Hand hat, ist von niemandes Line-up-Entscheidung abhängig.

Sarah Farina und die Generation, die den Club erklärt

Sarah Farina nennt ihren Stil Rainbow Bass: bassbetonte, genreübergreifende Musik aus dem Umfeld des Hardcore-Continuums. Mit der Reihe „Emergent Bass“ und dem Projekt „Transmission“, das sie gemeinsam mit Dr. Kerstin Meißner betreibt, arbeitet sie an den afrodiasporischen Wurzeln und der politischen Geschichte von Sound- und Clubkultur. Dazu kommen DJ-Workshops, unter anderem in Ruanda, Uganda und Detroit.

Diese Arbeit hat den Ton verändert, in dem in deutschen Clubs über Clubs geredet wird. Dass Häuser heute Strukturen für den Schutz ihres Publikums aufbauen, gehört zum selben Umbau — wie Awareness-Teams in Clubs und auf Festivals arbeiten, ist ohne diesen Diskurs kaum zu erklären.

Was die Zahlen von 2024 sagen

Der FACTS-Report 2024 von female:pressure hat 175 Ausgaben von 110 Festivals aus den Jahren 2022 und 2023 ausgewertet. Ergebnis: 29,8 Prozent der Acts waren weiblich, 58,4 Prozent männlich, 2,5 Prozent nichtbinär, 6,9 Prozent gemischt besetzt. 2012 lag der Frauenanteil bei 9,2 Prozent.

Interessanter als der Gesamtwert sind die Muster dahinter. Kleine Festivals buchen ausgewogener als große. Öffentlich geförderte Veranstaltungen kamen auf 34,6 Prozent, privatwirtschaftliche auf 28,0 Prozent. Und Festivals, deren Programm von einem rein weiblichen Team kuratiert wurde, erreichten 62,7 Prozent — bei rein männlichen Teams waren es 27,0 Prozent. Unter den Line-ups mit dem höchsten Männeranteil führte der Bericht für 2023 unter anderem die Time Warp auf.

Das verschiebt die Frage weg von der Bühne hin zum Schreibtisch: Es geht weniger darum, wer verfügbar ist, als darum, wer bucht — und unter welchem wirtschaftlichen Druck. Wem die großen europäischen Festivals inzwischen gehören, ist dafür kein Nebenschauplatz, sondern Teil derselben Rechnung.

Was von der Frage im Plattenladen übrig ist

Die acht hier genannten Namen haben eines gemeinsam: Keine von ihnen hat auf eine Einladung gewartet. Sie haben Sendeplätze übernommen, Labels gegründet, Läden aufgemacht, Netzwerke programmiert und Residencies über Jahrzehnte gehalten. Was daraus entstanden ist, hört man heute in Clubs, die von diesen Katalogen leben, ohne dass jemand die Herkunft dazusagt. Die Frage von damals im Hard Wax stellt niemand mehr. Dass sie sich erledigt hat, war Arbeit — und die Zahlen zeigen, dass sie noch nicht fertig ist.

Häufige Fragen

Wer war die erste deutsche Techno-DJ?

Das lässt sich nicht seriös beantworten, weil in den frühen Jahren niemand mitschrieb, wer wann wo auflegte. Belegt ist, dass Frauen von Anfang an dabei waren: Marusha moderierte ab November 1990 eine der ersten Techno-Radiosendungen im deutschsprachigen Raum, Monika Kruse legte ab 1990 in München auf, Ellen Allien Anfang der Neunziger in Berlin.

Was ist female:pressure?

Ein 1998 von der Wienerin Susanne Kirchmayr (Electric Indigo) gegründetes internationales Netzwerk und eine Datenbank von Frauen sowie trans, inter und nichtbinären Menschen, die in elektronischer Musik und Medienkunst arbeiten. Nach Angaben des Netzwerks waren im Oktober 2025 über 3.180 Mitglieder aus 90 Ländern eingetragen.

Wie hoch ist der Frauenanteil in Festival-Line-ups?

Der FACTS-Report 2024 von female:pressure hat 175 Ausgaben von 110 Festivals aus 2022 und 2023 ausgewertet: 29,8 Prozent der Acts waren weiblich, 58,4 Prozent männlich, 2,5 Prozent nichtbinär, 6,9 Prozent gemischt besetzt. 2012 lag der Frauenanteil noch bei 9,2 Prozent.

Welche deutschen Techno-Labels werden von Frauen geführt?

Bekannte Beispiele sind BPitch Control von Ellen Allien (gegründet 1999, hervorgegangen aus Braincandy von 1995), Terminal M von Monika Kruse (2000), Mobilee von Anja Schneider und Ralf Kollmann (2005) sowie die Berliner Imprints von Cinthie rund um Beste Modus und 803 Crystal Grooves.

Was macht eine Residency in einem Club aus?

Eine Residency bedeutet, regelmäßig im selben Haus zu spielen, statt jede Woche woanders. Dadurch prägt eine DJ den Klang eines Clubs über Jahre und kann Sets aufbauen, die auf ein bekanntes Publikum zugeschnitten sind. Tama Sumo ist seit der Eröffnung 2004 Resident in der Panorama Bar, davor war sie zehn Jahre Resident im Tresor.


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