MAXIM SCHUNK
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Szene29. August 20266 Min. Lesezeit

Marusha, DT64 und der Rave, der ein Radio retten sollte

Wie eine Sendung im DDR-Jugendradio Techno nach Ostdeutschland brachte, warum der erste Mayday eine Rettungsaktion war und was 1994 daraus wurde.

#Techno#Szenegeschichte#Radio#Marusha#DT64#Mayday#Neunziger

Symbolbild, KI-generiert
Symbolbild, KI-generiert

Am Abend des 14. Dezember 1991 füllte sich eine Halle in Berlin-Weißensee. Rund 5.000 Menschen tanzten zwölf Stunden lang, bis um sechs Uhr morgens Schluss war. Im Programm hieß die Veranstaltung nüchtern „Best of House and Techno ’91“. Der eigentliche Anlass stand daneben, und er war keine musikalische Angelegenheit: „Save Jugendradio DT64“. Einer der ersten großen Raves dieses Landes war keine Party mit politischem Beigeschmack. Er war der Versuch, einen Radiosender zu retten.

Das ist der Teil der deutschen Technogeschichte, der in den Rückblicken meistens fehlt. Erzählt wird gern von leeren Häusern und offenen Kellern in Ost-Berlin. Der Zugang zu dieser Musik lief für die meisten aber nicht über eine Tür, sondern über eine Frequenz.

Ein Sender, den es nach dem Vertrag nicht mehr geben sollte

DT64 begann 1964 als Sonderstudio zum Deutschlandtreffen der Jugend in Ost-Berlin und war das erste Radioprogramm der DDR, das sich gezielt an Jugendliche richtete. 1986 wurde daraus ein eigenständiger Sender, ab dem 1. April 1990 lief er rund um die Uhr.

Nach der Wiedervereinigung stand er auf der Abwicklungsliste. Artikel 36 des Einigungsvertrags sah vor, dass die Programme der DDR-Rundfunkeinrichtungen bis Ende 1991 in die Landesrundfunkanstalten überführt oder eingestellt werden mussten. Schon am 7. September 1990 wurden Frequenzen außerhalb Berlins ohne Vorwarnung an den RIAS übergeben; nach massiven Protesten aus Dresden, Berlin und Neubrandenburg gingen sie am Tag darauf zurück.

Was danach folgte, hat in der deutschen Mediengeschichte wenige Entsprechungen: eine Rettungsbewegung für ein Radioprogramm. In Leipzig, Halle, Schwerin, Potsdam und Altenburg wurde demonstriert, an der Technischen Universität Chemnitz gründete sich 1991 ein Förderverein. In Dresden gingen am 16. November 1991 nach Schätzungen rund 10.000 Menschen für den Sender auf die Straße. Für viele Jugendliche im Osten war DT64 das Einzige aus ihrer Lebenswelt, das die Wende überstanden hatte — und genau das sollte jetzt auch verschwinden.

„Dancehall“: die Sendung, in der die Musik zuerst lief

Am 24. November 1990 ging bei DT64 zum ersten Mal eine Sendung namens „Dancehall“ auf Sendung. Moderiert wurde sie von einer Frau, die amtlich zwischen 1972 und 1991 Marion Gleiß hieß und danach wieder ihren ursprünglichen Vornamen führte: geboren am 18. November 1966 in Nürnberg, deutscher Vater, griechische Mutter, in Berlin gelandet. „Dancehall“ war eine der ersten Techno-Sendungen im deutschen Radio überhaupt.

Die Bedeutung dieser Sendung erschließt sich erst, wenn man die Landkarte dazu nimmt. Clubs gab es in Berlin, Frankfurt und ein paar anderen Städten. Wer 1991 in Cottbus, Schwerin oder Suhl sechzehn war, hatte keinen Plattenladen mit Importen und keinen Türsteher, an dem er hätte scheitern können. Er hatte einen Kassettenrekorder und einen Sendetermin. In Erzählungen aus dieser Zeit taucht immer wieder dasselbe Bild auf: die erste Begegnung mit dieser Musik nicht im Plattenladen, sondern als Mitschnitt aus dem Radio.

Radio war damals der Verstärker der Szene — eine Rolle, die heute Playlists und Algorithmen übernommen haben, ohne sie ganz auszufüllen. Wie Musik in Deutschland überhaupt ins Programm kommt, ist bis heute ein eigenes Handwerk und in Radio-Airplay in Deutschland nachzulesen.

Der Rave als Rettungsaktion

Die Idee zu einer großen Veranstaltung für den bedrohten Sender kam von Fabian Lenz, in der Szene DJ Dick, unterstützt von seinem Bruder Maximilian Lenz alias WestBam und dem Umfeld des Berliner Labels Low Spirit. Der Name spielte auf den internationalen Notruf an: Mayday. Am 14. Dezember 1991 legten unter anderem WestBam, Sven Väth und Marusha in Weißensee auf. Wie eng Labels, Partys und Szenen in Deutschland zusammenhingen, zeigt die Geschichte der deutschen Techno-Labels: Low Spirit war beides zugleich, Plattenfirma und Veranstalter.

Die Rettung misslang. Am 1. Mai 1993 endete DT64 und wurde zu MDR Sputnik. Marusha war da schon weitergezogen: 1992 zu Rockradio B, dem Jugendprogramm des ORB, wo die Sendung in „Rave Satellite“ umbenannt wurde, und 1993 zum neu entstandenen Fritz.

Die Party dagegen überlebte den Anlass. Mayday IV zog am 30. April 1993 in die Dortmunder Westfalenhallen, vor 16.000 Leute, und wurde zur festen Größe. Dass Deutschlands größter Indoor-Rave als Solidaritätsveranstaltung für ein DDR-Jugendradio begonnen hat, weiß heute kaum jemand, der dort steht. Nachlesbar ist es unter anderem im Rückblick des Faze-Magazins auf die erste Mayday.

Platz 3 mit einem Lied von 1939

Im Februar 1994 kam der Bruch. Marusha veröffentlichte eine Coverversion von „Somewhere Over the Rainbow“, dem Lied, das Judy Garland 1939 in „Der Zauberer von Oz“ gesungen hatte. Die Single stieg am 14. Februar 1994 in die deutschen Charts ein, erreichte Platz 3 und verkaufte sich über 500.000 Mal. Das Album „Raveland“, entstanden mit dem Produzenten Klaus Jankuhn in den Low-Spirit-Studios in Berlin, erschien am 6. Juni 1994, stieg zwei Wochen später in die Albumcharts ein, erreichte in der Spitze Platz 4 und stand insgesamt 24 Wochen in den Charts.

Gleichzeitig lief sie im Fernsehen. Von 1993 bis 1996 moderierte sie „Feuerreiter“, ein Jugendmagazin des ORB, das später auch bundesweit in der ARD gezeigt wurde. 1994 bekam sie einen Bravo Otto in Gold. Damit war eine Frau, die vier Jahre zuvor Importplatten in einem abgewickelten DDR-Sender gespielt hatte, das Gesicht einer Musik, die nun im Vorabendprogramm stattfand.

Der Vorwurf, der bei jedem Erfolg kommt

Mit den Charts kam die Debatte, und sie lief nach dem bekannten Muster: Ausverkauf, Kommerz, das sei doch nicht mehr die Musik, für die man in den Keller gegangen sei. Diese Diskussion hat die Szene in den Neunzigern intensiv geführt, und sie führt sie bis heute — nur mit anderen Namen.

Die Ironie daran ist selten benannt worden. Dieselbe Szene, die den Sender gegen seine Abwicklung verteidigt hatte, warf der Person, die ihn zur Reichweite gemacht hatte, wenig später vor, zu viele Leute erreicht zu haben. Reichweite war beim Rettungsversuch das Argument gewesen und wurde beim Charterfolg zum Vorwurf. Wer das eine wollte, bekam das andere gleich dazu.

Sinnvoller als die Echtheitsfrage ist ohnehin die Wirkungsfrage. Ohne die Fernsehjahre wäre elektronische Musik in Deutschland deutlich länger eine Sache von ein paar tausend Eingeweihten geblieben. Der Preis war eine Vereinfachung: Techno wurde für Millionen zu Trillerpfeife, Rave-Mode und einem Rainbow-Refrain. Beides ist wahr, und beides gehört zusammen.

Was vom Radio blieb

„Rave Satellite“ lief bei Fritz weiter, Woche für Woche, bis zur letzten Ausgabe am 25. August 2007. Knapp 17 Jahre elektronische Musik im öffentlich-rechtlichen Radio, begonnen in einem Sender, den es zu diesem Zeitpunkt seit vierzehn Jahren nicht mehr gab.

Was diese Geschichte lehrt, gilt über die Neunziger hinaus: Szenen hängen an Infrastruktur. An Frequenzen, Sendeplätzen, Hallen und Mietverträgen. Musik entsteht überall, aber sie erreicht nur jemanden, wenn es einen Kanal dorthin gibt. Deshalb ist der Kampf um DT64 dieselbe Sorte Kampf wie der um die Clubs, die es nicht mehr gibt. Verloren geht in beiden Fällen nicht die Musik. Verloren geht der Ort, an dem sie jemanden findet, der sie noch nicht kennt.

Häufige Fragen

Wer ist Marusha?

Marusha, geboren am 18. November 1966 in Nürnberg als Marusha Aphrodite Gleiß, zwischen 1972 und 1991 amtlich Marion Gleiß, ist eine deutsche DJ, Produzentin und Moderatorin. Sie startete im November 1990 die Radiosendung „Dancehall“ beim DDR-Jugendsender DT64, moderierte von 1993 bis 1996 die Fernsehsendung „Feuerreiter“ und hatte 1994 mit „Somewhere Over the Rainbow“ einen der ersten Techno-Hits in den deutschen Charts.

Was war DT64?

DT64 war das Jugendprogramm des DDR-Rundfunks. Es entstand 1964 als Sonderstudio zum Deutschlandtreffen der Jugend in Ost-Berlin, wurde 1986 ein eigenständiges Programm und sendete ab dem 1. April 1990 rund um die Uhr. Am 1. Mai 1993 endete DT64 und ging in MDR Sputnik über.

Welchen Chartplatz erreichte „Somewhere Over the Rainbow“?

Die Single stieg am 14. Februar 1994 in die deutschen Charts ein und erreichte Platz 3. Verkauft wurden über 500.000 Exemplare. Das dazugehörige Album „Raveland“ erschien am 6. Juni 1994, stieg am 20. Juni 1994 in die Albumcharts ein, erreichte Platz 4 und hielt sich 24 Wochen.

Wann und wo fand die erste Mayday statt?

Am 14. Dezember 1991 in einer Halle in Berlin-Weißensee, mit rund 5.000 Besuchern. Das Programm-Motto lautete „Best of House and Techno ’91“, Anlass war der Aufruf „Save Jugendradio DT64“ gegen die drohende Abwicklung des Senders. Aufgelegt haben unter anderem WestBam, Sven Väth und Marusha. Der Name spielt auf den internationalen Notruf an.

Was war „Rave Satellite“?

Die Nachfolgesendung von „Dancehall“. Nach dem Wechsel zu Rockradio B wurde die Sendung 1992 umbenannt und lief ab 1993 beim Berlin-Brandenburger Jugendsender Fritz weiter. Die letzte Ausgabe wurde am 25. August 2007 gesendet — nach knapp 17 Jahren Radio.


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