MAXIM SCHUNK
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Aktuell26. August 20265 Min. Lesezeit

ARTE-Doku: Vier Konzerne kontrollieren Europas Festivals

Eine ARTE-Doku vom 20. August 2026 zeigt, wie vier Konzerne über 200 europäische Festivals kontrollieren – und was das für die Szene bedeutet.

#Festivals#Musikbusiness#Live Nation#Superstruct#CTS Eventim#Clubkultur

Symbolbild, KI-generiert
Symbolbild, KI-generiert

Am 20. August 2026 hat ARTE eine rund 21-minütige Folge des Magazins „Tracks“ veröffentlicht, die eine Frage stellt, die in der Szene selten laut gestellt wird: Wem gehört eigentlich das Festival, auf dem du im Sommer stehst? Die Antwort fällt deutlich kürzer aus, als die Vielfalt der Namen, Logos und Bühnendesigns vermuten lässt. Vier Konzerne – Live Nation, Superstruct Entertainment, CTS Eventim und AEG – sind mit über 200 der größten europäischen Festivals verbunden. Zu Wort kommen unter anderem DJ Aya, Michail Stangl vom Berliner CTM Festival und Erika Romero vom europäischen Venue-Netzwerk Live DMA.

Woher die Zahlen kommen

Die Doku stützt sich auf eine Untersuchung, die Live DMA gemeinsam mit dem Reset!-Netzwerk am 5. Februar 2026 unter dem Titel „Who Owns Europe’s Live Music Spaces?“ veröffentlicht hat. Der Rechercheur Matthieu Barreira hat dafür öffentlich zugängliche Informationen zu Mutterkonzernen, Anteilseignern und verbundenen Betreibergesellschaften kartiert. Ergebnis: Mehr als 150 der größten Festivals innerhalb der EU lassen sich auf diese vier Gruppen zurückführen, mit Großbritannien sind es über 200.

Interessanter als der Momentwert ist die Bewegung. Zwischen 2022 und 2025 stieg die Zahl der erfassten Festivals mit Live-Nation-Bezug von 74 auf 78, bei CTS Eventim von 42 auf 51, bei AEG von 5 auf 10 – und bei Superstruct von 34 auf 63. Superstruct hat sich in drei Jahren fast verdoppelt. Zur Größenordnung: Live Nation führt in Europa rund 120 Tochtergesellschaften; CTS Eventim wies 2022 einen Umsatz von 1,9 Milliarden Euro aus und ist in über 20 Ländern aktiv.

Was davon in Deutschland steht

Für die deutsche Szene ist das keine ferne Debatte. Superstruct stieg bereits im August 2019 bei Next Events ein, dem Veranstalter von Parookaville in Weeze – nach eigenen Angaben Deutschlands größtem Festival für elektronische Musik. Auch das Wacken Open Air gehört inzwischen zum Superstruct-Portfolio. Und CTS Eventim ist kein amerikanischer Konzern, der von außen kommt, sondern ein deutsches Unternehmen mit Hauptverwaltung in Bremen, das Ticketing und Veranstaltungsbetrieb unter einem Dach führt.

Das ist der Punkt, an dem die Diskussion konkret wird: Wenn derselbe Konzern das Ticket verkauft, die Halle betreibt, den Act bucht und das Festival veranstaltet, entsteht eine Kette, in der ein unabhängiger Veranstalter an jedem Glied auf denselben Konzern trifft.

Warum KKR die Debatte ausgelöst hat

Zum Streitthema wurde Superstruct im Juni 2024. Damals übernahm die Beteiligungsgesellschaft KKR das Unternehmen für rund 1,3 Milliarden Euro von Providence Equity Partners; im Oktober 2024 stieg CVC als Co-Investor ein. Ein Jahr später, vor dem Sónar 2025 in Barcelona, sagten über dreißig Acts ihre Auftritte ab. Anlass war ein offener Brief von mehr als 70 Künstlerinnen und Künstlern, der KKR Beteiligungen mit Israel-Bezug vorwarf und sich auf die BDS-Bewegung berief. Der Boykott machte sichtbar, was vorher abstrakt war: Wer auf einem Festival spielt, spielt auch für dessen Eigentümerstruktur.

Genau hier liegt der eigentliche Nachrichtenwert der ARTE-Folge. Die Zahlen selbst sind seit Februar öffentlich, wurden aber vor allem in Fachmedien diskutiert. Eine Doku auf ARTE trägt sie in ein Publikum, das sonst mit Beteiligungsstrukturen nicht in Berührung kommt.

Was Konzentration praktisch bedeutet – und was nicht

Es wäre zu einfach, daraus abzuleiten, dass Konzernfestivals schlechte Festivals sind. Große Betreiber finanzieren Bühnentechnik, Sicherheitskonzepte und Awareness-Strukturen in einer Qualität, die viele kleine Veranstalter schlicht nicht stemmen können. Wer schon einmal auf einer durchgeplanten Mainstage stand, hat den Unterschied gehört.

Die Effekte liegen woanders. Erstens beim Preis: Wenn Ticketing und Veranstaltung im selben Konzern liegen, gibt es keinen Wettbewerbsdruck auf Gebühren. Zweitens beim Programm. Je mehr Termine unter einem Dach liegen, desto naheliegender wird es, Bookings über mehrere Festivals hinweg zu denken statt Termin für Termin – nachgewiesen ist das nicht, aber es ist die Sorge, die Live DMA und CTM in der Doku formulieren. Wer im Sommer mehrere Festivals besucht, kennt das Gefühl, dieselben zwanzig Namen in leicht anderer Reihenfolge zu lesen. Wie stark Line-ups ohnehin nach dramaturgischen Mustern gebaut sind, zeigt schon ein Blick auf die Logik hinter dem Timetable; Konzernstrukturen verstärken diese Vereinheitlichung nur.

Drittens beim Nachwuchs. Ein Booking, das über eine Agenturkette läuft, ist für lokale Acts schwerer zu erreichen als eines bei einem Veranstalter, der im selben Stadtteil sitzt. Und der Sound der großen Bühnen folgt eigenen Regeln – Peak-Time-Techno funktioniert dort, weil er auf Reichweite ausgelegt ist, nicht auf den Raum.

Der Vergleich mit den USA

Wie ernst Behörden das Thema nehmen, zeigte sich in den USA. Am 15. April 2026 sprach eine Geschworenenjury am Southern District of New York nach einer Klage von über dreißig US-Bundesstaaten ihr Urteil: Live Nation und die Ticketing-Tochter Ticketmaster haben demnach sowohl im Primärticketing als auch beim Betrieb großer Amphitheater illegal ein Monopol errichtet – und die Vermittlung von Auftritten unzulässig an die Nutzung eben dieser Amphitheater gekoppelt. Als Schaden stellte die Jury 1,72 US-Dollar je verkauftem Primärticket fest; über die betroffenen Spielstätten hinweg summiert sich das auf einen dreistelligen Millionenbetrag.

In Europa gab es zwar Kartellverfahren gegen CTS Eventim – das Bundeskartellamt stoppte 2017 die Übernahme einer Konzertagentur und untersagte dem Konzern im selben Jahr Exklusivvereinbarungen mit Vorverkaufsstellen –, aber nichts in dieser Größenordnung. Die Reset!-Karte ist deshalb vor allem ein Werkzeug für die politische Debatte: Sie liefert die Datengrundlage, die es für Regulierung überhaupt erst braucht.

Der blinde Fleck: die kleinen Häuser

Die Konzentration im Festivalmarkt trifft auf eine Clublandschaft, die ohnehin unter Druck steht. Während vier Konzerne ihre Portfolios ausbauen, kämpfen einzelne Häuser um ihre Existenz – der Dresdner Club Sektor Evolution warnte im August 2026 vor dem Aus. Beides gehört zusammen: Wenn Budgets und Aufmerksamkeit sich auf wenige große Wochenenden im Jahr verschieben, fehlen sie den kleinen Nächten dazwischen. Und dort entsteht der Nachwuchs, den die großen Bühnen fünf Jahre später buchen.

Die ARTE-Folge liefert darauf keine Antwort, und das ist in Ordnung. Ihr Verdienst ist, dass sie eine Struktur sichtbar macht, die für Besucherinnen und Besucher unsichtbar bleibt – weil auf dem Ticket nur der Festivalname steht. Wer wissen will, wer dahintersteht, kann die Karten des Reset!-Netzwerks selbst durchgehen. Es dauert zehn Minuten und verändert den Blick auf den nächsten Festivalsommer.

Häufige Fragen

Welche vier Konzerne kontrollieren Europas Festivals?

Laut der Untersuchung von Live DMA und dem Reset!-Netzwerk sind es Live Nation, Superstruct Entertainment, CTS Eventim und AEG. Über 150 der größten Festivals in der EU lassen sich auf diese vier Gruppen zurückführen, mit Großbritannien sind es über 200.

Wem gehört Parookaville?

Veranstalter ist Next Events aus Weeze. Der Festivalkonzern Superstruct Entertainment ist dort im August 2019 eingestiegen. Superstruct wiederum gehört seit Juni 2024 der Beteiligungsgesellschaft KKR, seit Oktober 2024 mit CVC als Co-Investor.

Ist CTS Eventim ein deutsches Unternehmen?

Ja. Der Konzern hat seine Hauptverwaltung in Bremen und ist in über 20 Ländern aktiv, 2022 mit einem Umsatz von 1,9 Milliarden Euro. Er verbindet Ticketing mit dem Betrieb von Veranstaltungsorten – genau die Kombination, die in der Debatte um Marktmacht im Zentrum steht.

Warum haben Acts das Sónar 2025 boykottiert?

Vor dem Festival in Barcelona sagten über dreißig Acts ab. Auslöser war ein offener Brief von mehr als 70 Künstlerinnen und Künstlern, der dem Superstruct-Eigentümer KKR Beteiligungen mit Israel-Bezug vorwarf und sich auf die BDS-Bewegung berief.

Wo kann ich nachsehen, wem ein Festival gehört?

Das Reset!-Netzwerk hat die Beteiligungsstrukturen als interaktive Karten veröffentlicht. Dort lassen sich Festivals und Spielstätten den Mutterkonzernen zuordnen. Die Daten stammen aus öffentlich zugänglichen Quellen und bilden den Stand von Anfang 2026 ab.


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