„One Night at KitKat“: ARD-Doku zeigt Berlins Fetischclub
Seit dem 30. September in der ARD Mediathek: „One Night at KitKat“ blickt in den Berliner KitKatClub. Was der Film zeigt und warum er für Clubkultur zählt.

Im KitKatClub gilt seit Jahrzehnten eine Regel, die mehr über den Ort verrät als jeder Dresscode: Kameras bleiben draußen, Handys sind tabu. Ausgerechnet über diesen Club läuft seit dem 30. September 2026 eine Dokumentation in der ARD Mediathek. „One Night at KitKat“ von ARD Kultur wurde an Samstagabenden während laufender Veranstaltungen gedreht und führt vom Einlass über die Tanzflächen bis zum Pool. Regie führten Mohsen Najafimehri und Diba Darbari, ein Ehepaar aus dem Iran. Produziert hat Doc.Banijay zusammen mit STARKL!film. Am 8. Oktober zeigt 3sat den Film im Fernsehen.
Es ist der zweite Film über denselben Club innerhalb weniger Wochen. Am 10. September startete im Kino „KitKatClub – Kinks of Berlin“ von Philipp Fussenegger, einem Schwarzweißfilm, für den der Regisseur, selbst seit Jahren Teil der KitKat-Gemeinschaft, fast drei Jahre lang gedreht hat. Ein Laden, der sich drei Jahrzehnte lang weitgehend gegen Bilder abgeschottet hat, steht damit plötzlich doppelt auf dem Bildschirm.
Was zeigt „One Night at KitKat“?
Die Doku setzt auf Porträts statt auf Latex-Klischees. Zu Wort kommen Gäste, ein Resident-DJ, ein Security-Mitarbeiter, eine Domina, eine Künstlerin aus Tel Aviv und die beiden Gründer. Es geht um Depressionen und Körperbild, um Geschlechtsidentität, um sexuelle Selbstbestimmung, um die Frage, wer an der Tür hereinkommt und wer nicht. Auch das Awareness-Team ist zu sehen, das der Club erst vor Kurzem eingeführt hat. ARD Kultur beschreibt den Ansatz als beobachtend: Der Film soll abbilden, nicht bewerten.
Wegen Nacktheit und expliziter Szenen ist der Film ab 16 Jahren freigegeben. In der Mediathek lässt er sich ohne Anmeldung deshalb erst ab 22 Uhr abrufen.
Was ist der KitKatClub?
Simon Thaur, ein Österreicher, und Kirsten Krüger starteten den Club im März 1994 als Partyreihe in der Turbine in der Glogauer Straße in Kreuzberg. Der Name ist eine Anleihe beim Musical „Cabaret“, in dem ein Kit Kat Club im Berlin der Weimarer Jahre die Bühne ist. Nach mehreren Umzügen sitzt der Club seit 2007 im Gebäude des Sage Clubs an der Brückenstraße in Mitte, direkt am U-Bahnhof Heinrich-Heine-Straße.
Musikalisch begann das KitKat mit Trance, inspiriert von Goa-Partys, später öffnete sich das Programm für die ganze Breite elektronischer Musik. Heute laufen dort Techno-Nächte ebenso wie queere Partys, Tangoabende und Livemusik. Was den Club von den großen Berliner Technoclubs unterscheidet, ist weniger der Sound als das Konzept: ein strenger Dresscode aus Fetisch, Kostüm und Haut, Straßenkleidung unerwünscht, Sex im Club ausdrücklich erlaubt. Im März 2024 feierte das KitKat sein 30-jähriges Bestehen.
Selbstverständlich war dieser Fortbestand nicht. Im November 2019 wurde bekannt, dass der Mietvertrag des Sage Clubs gekündigt worden war; bis Ende Juni 2020 sollten die Clubs raus. Das KitKat war dort nur Untermieter. Das KitKat ist bis heute geblieben.
Warum zwei Filme über einen Club ohne Kameras?
Das Fotoverbot ist in Berlin kein Einzelfall, aber im KitKat hat es eine besondere Funktion. Wer sich halbnackt oder in Fetischkleidung bewegt, braucht die Sicherheit, dass dieser Moment nicht im Netz landet. Die Regel schützt die Gäste, und sie schützt den Mythos: Was man nicht sehen kann, muss man sich erzählen lassen. Genau davon hat das KitKat dreißig Jahre gelebt, als Anekdote, als Gerücht, als Ziel für Touristen, die einmal im Leben an der Tür stehen wollten.
Dass der Club jetzt zwei Filmteams hereinlässt, ist deshalb eine bemerkenswerte Entscheidung. Beide Filme setzen auf Menschen, die freiwillig vor der Kamera stehen, und erzählen von ihren Geschichten statt vom Spektakel. Das verschiebt das Bild, das die Öffentlichkeit von dem Ort hat: weg vom „Sexclub“ als Schlagzeile, hin zu einem Raum, in dem Leute ausprobieren, wer sie sind. Ob das Kalkül, Zufall oder späte Selbstvergewisserung nach drei Jahrzehnten ist, lässt sich von außen nicht sagen. Sicher ist nur, dass ein Club, der seine Gäste so konsequent vor Blicken schützt, sich die Bilder, die nach außen dringen, sehr genau aussucht.
Clubkultur als Programmschwerpunkt der ARD
„One Night at KitKat“ steht nicht allein. Die ARD hat der Clubkultur einen Themenschwerpunkt unter dem Titel „Welcome to the Club“ gewidmet, der im Sommer mit einer Sammlung in der Mediathek begann. Am 18. September startete beim Reeperbahn Festival in Hamburg außerdem die Mitmachaktion „Mehr als feiern“: Leute aus ganz Deutschland können ihre Geschichten über Clubs, Nächte und Begegnungen einreichen. Unterstützt wird die Aktion von der Initiative Musik, der Musikförderung des Bundes.
In den Neunzigern lief Techno im Fernsehen vor allem auf VIVA, im Nachtprogramm des BR liefen in der Space Night Ambient und Chill-out. Dass die ARD Clubs als Kulturorte in den Mittelpunkt eines eigenen Programmschwerpunkts stellt, zeigt, wie sehr sich der Blick verschoben hat. Das passt zu einer Zeit, in der viele Läden um ihre Existenz kämpfen und das Clubsterben in Deutschland zum politischen Thema geworden ist. Wer Clubs als Kultur versteht, muss sie auch zeigen, und zwar so, dass man versteht, was dort eigentlich passiert.
Was die Doku über Clubs insgesamt erzählt
Man muss nie im KitKat gewesen sein, um in dem Film etwas wiederzuerkennen. Die Fragen, die er stellt, betreffen jeden Club: Wer entscheidet an der Tür, und nach welchen Kriterien? Wie schützt ein Laden seine Gäste vor Übergriffen, wenn die Regeln bewusst locker sind? Hier zeigt die Doku, was Awareness-Teams im Club praktisch leisten, an einem Ort, an dem Einvernehmlichkeit die Grundlage des ganzen Betriebs sein muss.
Ein Restrisiko bleibt: Ein Film, der Neugier weckt, bringt neue Gäste an die Tür, die den Ort vor allem von seinem Ruf kennen. Clubs, die vom Schutz ihres Innenraums leben, haben mit dieser Art Aufmerksamkeit oft zu kämpfen. Wie das KitKat damit umgeht, wird sich an der Schlange vor der Brückenstraße in den nächsten Wochen zeigen.
Häufige Fragen
Wo kann man „One Night at KitKat“ sehen?
Seit dem 30. September 2026 in der ARD Mediathek. Am 8. Oktober 2026 zeigt 3sat den Film im Fernsehen.
Warum ist die Doku erst ab 22 Uhr abrufbar?
Der Film ist wegen Nacktheit und expliziter Szenen ab 16 Jahren freigegeben. Ohne Anmeldung gibt die Mediathek solche Inhalte erst ab 22 Uhr frei.
Was ist der Unterschied zu „KitKatClub – Kinks of Berlin“?
„Kinks of Berlin“ ist ein Kinofilm von Philipp Fussenegger, gedreht in Schwarzweiß über fast drei Jahre, Kinostart war der 10. September 2026. „One Night at KitKat“ ist eine ARD-Produktion, die an Samstagabenden während laufender Veranstaltungen gedreht wurde.
Seit wann gibt es den KitKatClub?
Seit März 1994. Simon Thaur und Kirsten Krüger starteten ihn als Partyreihe in der Turbine in der Glogauer Straße in Kreuzberg. Seit 2007 ist er im Gebäude des Sage Clubs an der Brückenstraße in Berlin-Mitte.
Weitere Artikel
Aktuell
RAW-Gelände Berlin: Bezirk wird Generalmieter der Clubs
Szene
Die Frauen, die den deutschen Techno geprägt haben
Szene
Loveparade: Der Aufstieg und das Ende einer Bewegung
Szene
Awareness im Club: Was Awareness-Teams wirklich machen
Aktuell
Marcel Dettmann kündigt Album „My Own Shadow“ auf !K7 an
Aktuell