Loveparade: Der Aufstieg und das Ende einer Bewegung
Vom Demozug mit 150 Ravern zur größten Parade Europas und zurück: die Geschichte der Loveparade von Berlin 1989 bis Duisburg 2010 und was blieb.

Am 1. Juli 1989 fuhr ein Lastwagen mit einer Musikanlage über den Berliner Kurfürstendamm. Dahinter liefen rund 150 Menschen. Angemeldet war der Zug nicht als Party, sondern als politische Demonstration, und er trug ein Motto, das nach Kinderreim klang: „Friede, Freude, Eierkuchen“. Wer an diesem Samstag zufällig vorbeikam, sah eine Handvoll Leute hinter einem Lautsprecherwagen tanzen. Niemand hätte vermutet, dass daraus zehn Jahre später die größte Musikveranstaltung Europas werden würde — und einundzwanzig Jahre später ein Unglück, das alles beendete.
Drei Forderungen auf einem Lautsprecherwagen
Hinter der ersten Parade standen der DJ Matthias Roeingh, in der Szene unter dem Namen Dr. Motte bekannt, und die Künstlerin Danielle de Picciotto. Das Motto war ernster gemeint, als es klang: Friede stand für Abrüstung, Freude für die Musik, Eierkuchen für eine gerechte Verteilung von Nahrung. Drei Forderungen, verpackt in eine Redewendung — das war die halb ironische, halb aufrichtige Tonlage einer Szene, die sich damals gerade erst fand.
Der Demonstrationsstatus war dabei nicht nur Attitüde, sondern Kalkül. Wer eine Versammlung anmeldet, braucht keine kostenpflichtige Sondernutzung des Straßenlands, und die öffentliche Hand trägt Absperrungen und Reinigung. Genau an dieser Konstruktion sollte die Parade zwölf Jahre später zerbrechen. Und noch etwas gehört ins Bild: Der Ku’damm lag im Westteil einer geteilten Stadt. Die Mauer stand noch, sie fiel erst im November desselben Jahres. Die leeren Häuser, Umspannwerke und Bunker im Ostteil, in denen die Berliner Clubkultur ihre eigentliche Form fand, gab es zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht als Möglichkeit.
Wie aus 150 Menschen anderthalb Millionen wurden
Das Wachstum verlief nicht linear, sondern explosiv. 1991 waren es rund 6.000 Teilnehmer, Mitte der Neunziger bereits Hunderttausende. 1996 wurde der Kurfürstendamm zu eng, die Parade zog in den Tiergarten auf die Straße des 17. Juni; in jenem Jahr sprachen die Schätzungen von etwa 750.000 Menschen. Der Höhepunkt kam 1999 mit rund anderthalb Millionen. Alle diese Zahlen sind Schätzungen und wurden zwischen Veranstaltern, Polizei und Presse regelmäßig unterschiedlich beziffert — die Größenordnung aber ist unbestritten.
Was da geschah, war mehr als eine wachsende Party. Berlin wurde für ein Wochenende im Jahr zum Ziel von Reisebussen aus halb Europa. Für viele war die Loveparade der erste Kontakt mit elektronischer Musik überhaupt, und für eine ganze Generation deutscher DJs war sie der Beweis, dass diese Musik keine Nische bleiben musste. Parallel entstand die Indoor-Entsprechung: der Mayday-Rave, der im Dezember 1991 in Berlin begann und ab 1993 in die Dortmunder Westfalenhallen zog. Techno war Mitte der Neunziger kein Underground mehr, sondern ein Massenphänomen mit Chartplatzierungen und Fernsehübertragung.
Der Streit, an dem die Parade zerbrach
Mit der Größe kam das Geld, und mit dem Geld kam der Konflikt. Wagen wurden zu Werbeflächen, Marken kauften sich Präsenz, für Floats wurden Gebühren fällig. Ein Teil der Szene, aus der die Parade stammte, mochte das nicht mittragen. 1997 formierte sich deshalb eine Gegenveranstaltung, die zunächst Hateparade hieß und ab 1998 als Fuckparade lief: ein Protest gegen die Kommerzialisierung, gegen die Kosten für Wagen und gegen die musikalische Verengung auf das, was auf großen Trucks funktioniert.
Die juristische Entscheidung fiel 2001. Das Verwaltungsgericht Berlin entschied Ende Juni, die Loveparade sei keine Versammlung im Sinne des Versammlungsrechts; das Oberverwaltungsgericht wies Anfang Juli den Antrag auf Zulassung der Beschwerde zurück, und das Bundesverfassungsgericht lehnte am 12. Juli die Eilanträge dagegen ab. Die Begründung traf den Kern: Es fehle das Element der gemeinschaftlichen Meinungskundgabe; Musik und Tanz könnten zwar nonverbale Kommunikation sein, seien hier aber nicht auf die Äußerung einer Meinung gerichtet. Damit war die Parade rechtlich das, was sie faktisch längst war — eine kommerzielle Veranstaltung. Die Folgen waren handfest: Die Kosten für Absperrungen und Müllentsorgung lagen nun beim Veranstalter. 2004 und 2005 fiel die Loveparade aus finanziellen Gründen komplett aus.
McFit, das Ruhrgebiet und die letzten Jahre
Im September 2005 meldete die Trägergesellschaft Planetcom Insolvenz an; der Antrag wurde mangels Masse abgewiesen. Übernommen wurden die Firmen von Rainer Schaller, dem Gründer der Fitnessstudiokette McFit — seit Januar 2006 war er Geschäftsführer und Mitgesellschafter, seit dem 31. Oktober 2006 alleiniger Inhaber der Love Parade Berlin GmbH. Die Parade war gerettet, aber sie gehörte nun jemand anderem. Dr. Motte distanzierte sich öffentlich von der Veranstaltung, die er gegründet hatte, und verwies dabei auf ihre kommerzielle Ausrichtung. Im selben Jahr sprach er auf der Fuckparade — auf jener Gegenveranstaltung also, die sich gegen sein eigenes Projekt gerichtet hatte. Deutlicher lässt sich ein Bruch kaum symbolisieren.
Am 15. Juli 2006 zog die Loveparade unter dem Motto „The Love Is Back“ ein letztes Mal durch den Tiergarten; die Polizei zählte rund 500.000 Besucher. Danach ging sie in den Westen, in eine Region, die für Rave-Kultur nie ein schlechtes Pflaster war: 2007 nach Essen, 2008 nach Dortmund. Das Ruhrgebiet mit seinen Industriebrachen und der dichten Städtekette bot Flächen, wie Berlin sie nicht mehr hatte. Die offiziellen Zahlen lagen bei 1,2 beziehungsweise 1,6 Millionen Besuchern; unabhängige Erhebungen kamen auf deutlich weniger — ein Forschungsprojekt ermittelte für Dortmund 850.000 Personen im Verlauf des Tages. Diese Differenz ist keine Fußnote: Sie zeigt, wie unsicher die Zahlen waren, mit denen bei solchen Veranstaltungen geplant und geworben wurde. Für 2009 war Bochum vorgesehen — die Stadt sagte ab, aus Sicherheitsgründen. Der Termin fiel aus.
Duisburg, 24. Juli 2010
Für 2010 fiel die Wahl auf Duisburg. Das Gelände: ein ehemaliger Güterbahnhof nahe dem Hauptbahnhof, ringsum abgeschlossen. Der Zugang führte über einen Tunnel und eine Rampe, die zugleich als Ein- und als Ausgang diente. Am Nachmittag des 24. Juli entstand in diesem Bereich ein Gedränge, aus dem die Menschen nicht mehr herauskamen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Duisburg starben 21 Menschen, mindestens 652 wurden verletzt, zum Teil schwer.
Rainer Schaller erklärte am Tag darauf, dass es keine weitere Loveparade geben werde. Die juristische Aufarbeitung zog sich über ein Jahrzehnt. Der Prozess vor dem Landgericht Duisburg endete im Mai 2020 nach rund zweieinhalb Jahren und 184 Sitzungstagen ohne Urteil: Das Verfahren wurde eingestellt, unter anderem wegen der bevorstehenden Verjährung. Ein Schuldspruch erging nicht, die Unschuldsvermutung gilt für die Angeklagten unverändert fort. Für die Angehörigen der Opfer blieb die Frage der Verantwortung damit juristisch unbeantwortet.
Was von der Loveparade geblieben ist
Sechzehn Jahre nach der letzten Berliner Ausgabe kehrte 2022 eine Parade in den Tiergarten zurück, veranstaltet von der gemeinnützigen Rave The Planet gGmbH, hinter der Dr. Motte und die Veranstalterin Ellen Dosch-Roeingh stehen. Angemeldet ist sie ausdrücklich als Demonstration nach Versammlungsrecht — also mit genau jener Konstruktion, die 1989 am Anfang stand und 2001 vor Gericht verloren ging. Zur ersten Ausgabe zählte die Polizei rund 200.000 Menschen, der Veranstalter sprach von rund 300.000.
Der zweite Nachhall ist weniger sichtbar, aber vielleicht bedeutsamer: Im März 2024 wurde die Technokultur in Berlin auf Vorschlag von Rave The Planet in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen — eine Entscheidung der Kulturministerkonferenz auf Empfehlung des Expertenkomitees der Deutschen UNESCO-Kommission, nicht die internationale UNESCO-Liste, aber eine offizielle Feststellung, dass hier Kultur entstanden ist und nicht bloß Freizeitverhalten. Das ist bemerkenswert für eine Szene, die jahrzehntelang um Räume kämpfen musste und es bis heute tut: Vom Ringen einzelner Clubs ums Überleben bis zu den Verdrängungsprozessen in Berlin selbst ist der Konflikt zwischen Clubkultur und Stadtentwicklung offen wie eh und je.
Die Loveparade hat beides gezeigt: wie groß eine Bewegung werden kann, die aus dem Nichts entsteht — und was passiert, wenn sie ihre eigene Größe nicht mehr trägt. Sie begann als Demonstration mit einem Lautsprecherwagen, wurde zum internationalen Massenevent und endete auf einem Bahngelände in Duisburg. Beides gehört zu ihrer Geschichte, und beides wirkt bis heute nach: in der Vorsicht, mit der Städte über Großveranstaltungen entscheiden, und in dem Bewusstsein einer Szene, die weiß, dass sie ihre Freiräume nie geschenkt bekommen hat.
Häufige Fragen
Wann fand die erste Loveparade statt?
Am 1. Juli 1989 auf dem Berliner Kurfürstendamm. Initiiert wurde sie von dem DJ Matthias Roeingh, bekannt als Dr. Motte, und der Künstlerin Danielle de Picciotto. Rund 150 Menschen liefen hinter einem einzigen Lautsprecherwagen her. Angemeldet war der Zug als politische Demonstration unter dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“.
Warum war die Loveparade als Demonstration angemeldet?
Das Motto trug tatsächlich politische Forderungen — Abrüstung, Musik und eine gerechte Verteilung von Nahrung. Der Versammlungsstatus hatte aber auch praktische Folgen: Er ersparte eine kostenpflichtige Sondernutzung des Straßenlands, und die öffentliche Hand trug Absperrungen und Reinigung. 2001 entschied das Verwaltungsgericht Berlin, dass es sich nicht um eine Versammlung handele; das Oberverwaltungsgericht wies den Zulassungsantrag zurück, das Bundesverfassungsgericht lehnte die Eilanträge ab.
Wie viele Menschen kamen zur Loveparade?
Nach den gängigen Schätzungen waren es 1991 etwa 6.000, 1996 rund 750.000 und 1999 im Rekordjahr etwa anderthalb Millionen. Alle Zahlen sind Näherungen, die zwischen Veranstaltern, Polizei und Presse stets unterschiedlich beziffert wurden — bei den Ruhrgebietsjahren lagen die Angaben des Veranstalters und unabhängige Schätzungen besonders weit auseinander.
Warum wurde die Loveparade eingestellt?
Bei der Ausgabe am 24. Juli 2010 in Duisburg kam es im Zugangsbereich des Geländes zu einem Gedränge, bei dem nach Angaben der Staatsanwaltschaft 21 Menschen starben und mindestens 652 verletzt wurden. Veranstalter Rainer Schaller erklärte am Tag darauf das Ende der Veranstaltungsreihe. Der Strafprozess vor dem Landgericht Duisburg wurde 2020 ohne Urteil eingestellt.
Gibt es heute einen Nachfolger der Loveparade?
Seit 2022 richtet die gemeinnützige Rave The Planet gGmbH, hinter der unter anderem Dr. Motte steht, wieder eine Parade im Berliner Tiergarten aus — angemeldet als Demonstration nach Versammlungsrecht. Sie versteht sich als Fortführung der Idee von 1989, nicht als Wiederbelebung der Marke Loveparade.
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