Elektronische Musik im Ruhrgebiet: Industriekultur als Bühne
Zechen, Hallen und Landschaftsparks: Warum das Ruhrgebiet für elektronische Musik Orte hat, die keine andere deutsche Region bieten kann.
Eine Region, die aus Räumen besteht
Das Ruhrgebiet hat für elektronische Musik einen Vorteil, den keine andere deutsche Region in dieser Dichte bietet: erhaltene Industriearchitektur. Zechen, Kokereien, Gasometer, Hallen und Landschaftsparks — Räume, die für Maschinen gebaut wurden und sich als Veranstaltungsorte anders anfühlen als jeder umgebaute Ladenraum.
Wo Berlin nach der Wende Freiräume geschenkt bekam, hat das Ruhrgebiet sie durch den Strukturwandel bekommen. Der Unterschied: Hier wurden sie erhalten und bewusst umgenutzt statt abgerissen.
Die Größenordnung
Zwischen Duisburg, Essen, Bochum und Dortmund liegen jeweils nur wenige Kilometer. Was von außen wie eine Ansammlung mittelgroßer Städte aussieht, ist praktisch ein zusammenhängender Ballungsraum mit mehreren Millionen Einwohnern.
Für Veranstalter heißt das: Ein Open-Air in Oberhausen zieht aus einem Einzugsgebiet, das größer ist als das jeder deutschen Einzelstadt außer Berlin. Für Besucher heißt es: kurze Wege und eine dichte Bahnanbindung, die nachts allerdings dünner wird, als die Karte vermuten lässt.
Sommer draußen, Winter drinnen
Die Region atmet im Jahresrhythmus. Im Sommer werden die Außenflächen bespielt: Industrieparks, Halden, ehemalige Werksgelände. Diese Open-Airs sind das, wofür das Ruhrgebiet in der elektronischen Musik überregional bekannt ist.
Im Winter verlagert sich alles in Hallen und Clubs. Die Szene wird dann kleiner und lokaler — und ist genau deshalb für Einheimische die interessantere Jahreszeit.
Verhältnis zum Rheinland
Die Grenze zwischen Ruhrgebiet und Rheinland ist musikalisch durchlässig. Düsseldorf liegt am südlichen Rand, Köln eine halbe Stunde weiter. Publikum und Bookings überschneiden sich erheblich.
Für DJs aus Nordrhein-Westfalen bedeutet das ein Einzugsgebiet, das von Duisburg bis Bonn reicht — ohne dass eine einzige Fahrt länger als eine Stunde dauert. Diese Dichte gibt es sonst nirgendwo in Deutschland.
Was die Region von München unterscheidet
Der Flächendruck ist geringer. Wo in München jede Halle eine wirtschaftlich attraktivere Alternativnutzung hat, sind im Ruhrgebiet viele Industrieflächen ohnehin auf Kultur und Freizeit umgewidmet worden. Das schafft Planungssicherheit, die anderswo fehlt.
Der Nachteil: Die überregionale Wahrnehmung bleibt hinter der tatsächlichen Größe zurück. Wer über deutsche Clubkultur schreibt, schreibt über Berlin — und übersieht regelmäßig eine Region, die mehr Menschen erreicht als jede andere außerhalb der Hauptstadt.
Maxim Schunk kommt aus Düsseldorf und spielt im gesamten Rheinland und Ruhrgebiet. Musik auf Spotify, Termine auf Instagram @maximschunk.
Häufige Fragen
Was macht das Ruhrgebiet als Musikregion besonders?
Die Dichte an erhaltener Industriearchitektur. Zechen, Hallen und Landschaftsparks bieten Räume und Flächen für Veranstaltungen, wie sie in gewachsenen Innenstädten schlicht nicht existieren.
Ist das Ruhrgebiet eine eigene Szene oder gehört es zum Rheinland?
Beides. Die Region hat eigene Orte und ein eigenes Publikum, liegt aber nah genug an Düsseldorf und Köln, dass sich Publikum und Bookings überschneiden.
Welche Rolle spielt die Nähe der Städte?
Eine große. Zwischen Duisburg, Essen, Bochum und Dortmund liegen jeweils nur wenige Kilometer, sodass Veranstaltungen aus einem Einzugsgebiet von mehreren Millionen Menschen schöpfen, ohne auf eine einzelne Großstadt angewiesen zu sein.
Wann finden im Ruhrgebiet die großen Open-Airs statt?
Der Schwerpunkt liegt im Sommer, wenn die Außenflächen der Industrieanlagen und Parks bespielt werden. Im Winter verlagert sich das Geschehen in Hallen und Clubs.
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