French House: Neun Platten, die den French Touch prägten
Von „Da Funk“ bis „We Are Your Friends“: neun Platten, die French House zwischen 1995 und 2006 formten – und warum der Pariser Filter-Sound bis heute nachwirkt.

September 1993, ein Rave bei Euro Disney vor den Toren von Paris. Das Glasgower Duo Slam ist in der Stadt, und zwei junge Franzosen, große Fans von Slams Platte „Positive Education“, suchen den Kontakt. Am Ende landet eine Kassette bei Stuart McMillan. Was auf dem Band ist, erscheint im April 1994 als „The New Wave“ auf Slams Label Soma, in kleiner Auflage. Die beiden heißen Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo, und dass die Geschichte der französischen House-Musik mit einer Kassette in schottischen Händen beginnt, passt zu ihr: French House wurde im Ausland groß, bevor Frankreich ihn ernst nahm.
Was dann zwischen 1995 und 2000 aus Paris kam, bekam ein Etikett, das hängen blieb: „French Touch“. Gemeint war ein House, der Disco- und Funkplatten zerschnitt, sie durch Filter schickte und daraus eine Wärme baute, die der kühlere Techno jener Jahre nicht hatte. Neun Platten erzählen, wie dieser Sound entstand, die Charts eroberte und sich am Ende neu erfand.
1995: Daft Punk – „Da Funk“
Die zweite Single des Duos auf Soma erschien am 8. Mai 1995, limitiert auf 2.000 Exemplare, und wurde zunächst kaum beachtet. Dann spielten die Chemical Brothers den Track in ihren Sets, und „Da Funk“ wurde zur Platte, nach der DJs fragten. Als Virgin die Nummer im Februar 1997 neu veröffentlichte, mit einem Video von Spike Jonze, stieg sie in Großbritannien bis auf Platz 7. Das Bemerkenswerte ist der Sound: kein Vocal, eine verzerrte, quengelnde Synthielinie über einem schleppenden Beat. „Da Funk“ war schmutziger als alles, was später unter French Touch lief. Aber es zeigte, dass ein französisches Instrumental in britischen Charts bestehen konnte. Das Album „Homework“ war zwei Wochen vor der Neuauflage erschienen, am 20. Januar 1997.
1996: Motorbass – „Pansoul“
Wenn es ein Gründungsdokument gibt, dann dieses Album. Philippe Zdar und Étienne de Crécy veröffentlichten „Pansoul“ im Juli 1996, es blieb das einzige Album ihres Projekts Motorbass. Die Tracks bauen sich quälend langsam auf, mit einem Gespür für Hip-Hop, satten Bässen und einer Geduld, die Popmusik nicht kennt. „Pansoul“ war kein Hit, und genau deshalb steht es hier: Es lieferte die Grammatik, die andere später zu Singles verdichteten. Wer French House nur von den Charterfolgen kennt, hört hier, wie dunkel und eigensinnig er ursprünglich war.
1996: Étienne de Crécy – „Super Discount“
Drei Monate später, am 16. Oktober 1996, legte de Crécy nach. „Super Discount“ ist sein Debütalbum, aber kein Soloalbum im engen Sinn: Viele Tracks laufen unter wechselnden Pseudonymen, dazu kommen Beiträge von Freunden wie Air, Alex Gopher, Mr Learn und Philippe Zdar. Das Album zeigte, dass hinter den einzelnen Namen ein Netzwerk stand, Leute, die sich kannten, gegenseitig remixten und gemeinsam auftraten. In dieser Zeit setzte sich auch das Etikett „French Touch“ durch, vor allem in der britischen Musikpresse. Ob es die Szene beschrieb oder erst erfand, ist bis heute Ansichtssache.
1998: Stardust – „Music Sounds Better with You“
Thomas Bangalter, der DJ Alan Braxe und der Sänger Benjamin Diamond fanden sich für einen Auftritt im Pariser Rex Club zusammen. Daraus wurde eine Single, gebaut um eine flirrende Gitarrenfigur aus Chaka Khans „Fate“ von 1981. Gedacht war sie für DJs. Schon auf der Winter Music Conference in Miami im März 1998 kursierten Testpressungen, die schnell gefragt waren. Am 20. Juli 1998 erschien die Single auf Bangalters Label Roulé, danach breiter bei Virgin, und wurde ein Hit: Platz 2 in Großbritannien, eine der meistverkauften Singles des Jahres dort. Stardust blieb bei dieser einen Single. Sie ist bis heute die Blaupause des Filter-House: ein Loop, der sich öffnet und schließt, eine Stimme, die kaum mehr sagt als den Titel, und das Gefühl, dass der Refrain nie aufhört.
1999: Cassius – „Cassius 1999“
Philippe Zdar tauchte wieder auf, diesmal mit Hubert Blanc-Francard alias Boombass. Als Cassius brachten die beiden im Januar 1999 ihr Debütalbum „1999“ bei Virgin heraus, die gleichnamige Single stieg in Großbritannien auf Platz 7 ein. Hier wird French House zum ersten Mal richtig laut: härter komprimiert, mit einem Groove, der eher an Hip-Hop als an Disco erinnert. Zdar wurde später einer der gefragtesten Mixer Frankreichs und erhielt 2010 einen Grammy für seine Arbeit mit Phoenix. Er starb am 19. Juni 2019 nach einem Sturz aus einem Pariser Gebäude, zwei Tage bevor das fünfte Cassius-Album „Dreems“ erschien.
2000: Modjo – „Lady (Hear Me Tonight)“
Am 19. Juni 2000 erschien die Single, die French House in jede Hochzeitsplaylist Europas brachte. Romain Tranchart und Yann Destagnol bauten „Lady“ auf einem Gitarrensample aus Chics „Soup for One“ von 1982, weshalb Nile Rodgers und Bernard Edwards als Mitautoren genannt werden. Der Song erreichte Platz 1 in Großbritannien, Irland, Italien, Spanien und der Schweiz. Man kann darin den Höhepunkt sehen oder den Anfang vom Ende: Was als Underground-Technik begonnen hatte, ein Discosample filtern und loopen, war jetzt eine Formel, die jede Plattenfirma kopieren wollte. Die Flut an Filter-House-Nachahmern, die folgte, hat dem Stil mehr geschadet als jede Kritik.
2000: Alan Braxe & Fred Falke – „Intro“
Im selben Jahr erschien auf Braxes eigenem Label Vulture eine Platte, die in Großbritannien nur bis Platz 35 kam und trotzdem besser gealtert ist als die meisten Hits daneben. Der Refrain stammt aus „Crush on You“ von The Jets, 1985, darunter liegt eine Bassline, die Fred Falke auf der Bassgitarre einspielte. Gebaut wurde der Track ohne Computer, mit Sampler, Effektgerät und Plattenspieler. Resident Advisor nahm „Intro“ in seine Liste der 100 besten Tracks der Nullerjahre auf. Wer verstehen will, warum DJs bis heute Filter-House-Platten aus dieser Zeit spielen, findet die Antwort hier: Melancholie, die tanzbar bleibt.
2000: Daft Punk – „One More Time“
Am 13. November 2000 kehrten Daft Punk zurück, mit der ersten Single aus „Discovery“. Die Stimme gehört dem US-House-Produzenten und Sänger Romanthony, bearbeitet bis zur Künstlichkeit. Platz 2 in Großbritannien. „One More Time“ nahm alles, was French House ausmachte, den Disco-Loop, den Filter, die Euphorie, und blies es zum Popsong auf. Gleichzeitig verabschiedete sich das Duo damit vom rohen Sound von „Homework“. Mit dem Roboter-Image und „Discovery“ wurden Daft Punk endgültig größer als die Szene, aus der sie kamen.
2006: Justice vs. Simian – „We Are Your Friends“
Die letzte Position zeigt, wie die Geschichte weiterging. Justice, ein junges Duo aus Paris, remixte 2003 für einen Remix-Wettbewerb „Never Be Alone“ der britischen Band Simian. Der Remix wurde eine der ersten Veröffentlichungen auf Ed Banger, dem Label, das Pedro Winter 2003 gegründet hatte, damals Manager von Daft Punk. Als „We Are Your Friends“ erschien er am 3. Juli 2006 regulär in Großbritannien, erreichte Platz 20, und das Video gewann den MTV Europe Music Award. Der Sound hatte mit Filter-Disco kaum noch etwas zu tun: übersteuerte Synthies, Rockgesten, Lautstärke als Prinzip. Die zweite Welle des French House klang nicht mehr nach Chic, sondern nach Gitarrenverstärker.
Was von French Touch geblieben ist
Der Kern der Szene war klein: Leute in Paris, die einander kannten, gemeinsame Labels betrieben und füreinander remixten. Dass sie trotzdem eine ganze Ära geprägt hat, liegt an einer einfachen Entdeckung: Ein vergessenes Discosample, durch einen Filter geschickt und lange genug wiederholt, kann mehr Gefühl transportieren als ein komplett neu geschriebener Song. Diese Idee lebt heute überall, wo Produzenten alte Platten zerlegen. Wie DJs seither an isolierte Stimmen und Samples kommen, erzählt unsere Geschichte über die Jagd nach der Acapella.
Zur selben Zeit baute London aus amerikanischem House etwas völlig anderes, nachzulesen in acht Platten, die UK Garage geprägt haben. Beide Szenen hatten verwandte Vorbilder und zogen daraus gegensätzliche Schlüsse. Wo French House in der heutigen Landschaft der Spielarten steht, ordnet unser Überblick über House ein.
Am 22. Februar 2021 veröffentlichten Daft Punk ein achtminütiges Video namens „Epilogue“, in dem einer der beiden Roboter in der Wüste explodiert. Es war ihr Abschied. Die Kassette von Euro Disney lag da fast drei Jahrzehnte zurück.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen French House und French Touch?
Meist werden beide Begriffe gleichbedeutend verwendet. French House beschreibt den Musikstil, also House mit gefilterten Disco- und Funksamples. French Touch meint eher die Pariser Szene der zweiten Hälfte der Neunziger und das Etikett, unter dem sie international bekannt wurde, vor allem über die britische Musikpresse.
Welcher Song wird in „Music Sounds Better with You“ gesampelt?
Die Gitarrenfigur stammt aus „Fate“ von Chaka Khan aus dem Jahr 1981. Stardust, das Projekt von Thomas Bangalter, Alan Braxe und Benjamin Diamond, veröffentlichte die Single 1998 auf Bangalters Label Roulé.
Woher stammt das Sample in Modjos „Lady (Hear Me Tonight)“?
Aus „Soup for One“ von Chic aus dem Jahr 1982. Deshalb sind Nile Rodgers und Bernard Edwards als Mitautoren des Songs eingetragen.
Wann haben sich Daft Punk getrennt?
Am 22. Februar 2021. Das Duo verkündete das Ende mit dem achtminütigen Video „Epilogue“, das eine Szene aus seinem Film „Electroma“ von 2006 verwendet.
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