MAXIM SCHUNK
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Szene3. November 20266 Min. Lesezeit

Trip-Hop erklärt: Bristol, Wild Bunch und die Klassiker

Was ist Trip-Hop? Woher der Name stammt, warum der Sound aus Bristol kam und welche Alben von Massive Attack, Portishead und Tricky ihn prägten.

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Symbolbild, KI-generiert
Symbolbild, KI-generiert

Im Februar 1991 läuft im britischen Radio ein Song, der in keine Schublade passt. Ein schleppender Breakbeat, ein großes Streicherarrangement, darüber Shara Nelson, die singt, als stünde sie allein in einer leeren Halle. „Unfinished Sympathy“ von Massive Attack kommt auf Platz 13 der britischen Singlecharts. Einen Namen für diesen Sound gibt es da noch nicht. Den bekommt er drei Jahre später, und die Band, die ihn geprägt hat, wird ihn nie mögen. Trip-Hop ist eines der seltenen Genres, die vor allem mit einer einzigen mittelgroßen Stadt verbunden sind, für ein paar Jahre Europas Wohnzimmer und Bars beherrschten und dann wieder verschwanden, ohne je ganz zu verschwinden.

Was ist Trip-Hop?

Trip-Hop ist langsame, basslastige Musik auf Basis von Hip-Hop-Breakbeats, die nicht für die Tanzfläche gebaut ist, sondern für den Kopf. Die Beats sind gesampelt und oft heruntergebremst, der Bass kommt aus dem Reggae und Dub, die Atmosphäre aus Filmmusik, Jazz und Soul. Darüber liegen häufig Frauenstimmen, die eher melancholisch als euphorisch klingen. Typische Klangfarben sind Rhodes-Piano, Streicher, Bläser, Vinylknistern und gelegentlich das Theremin.

Das Tempo liegt deutlich unter dem, was Clubs in den Neunzigern spielten. Während House und Techno um 120 bis 135 BPM liefen, bewegte sich Trip-Hop meist irgendwo zwischen 70 und 100 BPM. Wo das im Vergleich zu anderen Stilen liegt, zeigt unsere BPM-Tabelle der Genres. Wichtiger als die Zahl ist das Gefühl: Der Beat schleppt, er schiebt nicht.

Woher kommt der Name Trip-Hop?

Gedruckt taucht das Wort zuerst im Juni 1994 auf, im britischen Magazin Mixmag. Der Journalist Andy Pemberton beschrieb damit „In/Flux“, eine Single des kalifornischen Produzenten DJ Shadow, und ähnliche Platten des Londoner Labels Mo' Wax, die damals in Londoner Clubs liefen. Die Idee dahinter: Hip-Hop-Beats ohne Rap, zusammengesetzt aus Samples, Sprachfetzen und Stimmungen, die eher auf eine Reise schicken, als eine Geschichte zu erzählen.

Das Etikett blieb an allem hängen, was langsam, dunkel und gesampelt war, vor allem an den Bands aus Bristol. Dort kam es schlecht an. Geoff Barrow von Portishead nannte das ganze Trip-Hop-Etikett später schlicht Unsinn. Das ist typisch für Genrebegriffe: Sie entstehen in Redaktionen und Plattenläden, nicht bei denen, die die Musik machen.

Warum gerade Bristol?

Bristol war in den Achtzigern eine Hafenstadt mit einer großen karibischen Community, vor allem im Viertel St Pauls. Dort liefen Soundsystems nach jamaikanischem Vorbild: eigene Boxentürme, eigene Crews, lange Nächte. Nach den Unruhen in St Pauls 1980 beschlagnahmte die Polizei keine Soundsystem-Anlagen mehr, was Partys in Kellern und auf Freiflächen leichter machte.

Die wichtigste dieser Crews war The Wild Bunch. Sie spielte auf ihren Partys Punk neben Reggae, Funk neben frühem Hip-Hop, und genau diese Mischung wurde zur Grundlage des sogenannten Bristol Sound. Ein zentraler Treffpunkt war The Dug Out, eine kleine Kellerbar in der Park Row zwischen Clifton und St Pauls, die Leute aus sehr verschiedenen Szenen an einen Tresen brachte.

Aus dem Umfeld der Wild Bunch gingen gleich mehrere Karrieren hervor. Nellee Hooper wurde Teil von Soul II Soul und produzierte später Björks Album „Debut“. Robert „3D“ Del Naja, Andrew „Mushroom“ Vowles und Grant „Daddy G“ Marshall gründeten Massive Attack, Adrian Thaws alias Tricky rappte auf ihrem Debüt. Parallel arbeiteten Rob Smith und Ray Mighty als Smith & Mighty an Breakbeat-Versionen von Burt-Bacharach-Songs wie „Anyone Who Had a Heart“, die Ende der Achtziger in die britischen Charts kamen. Der Sound lag in der Stadt in der Luft, bevor er einen Namen hatte.

Die Klassiker: drei Alben, die den Sound festlegten

Massive Attack – „Blue Lines“ (1991)

Das Debüt erschien am 8. April 1991 und gilt als Gründungsdokument des Genres, auch wenn es das Wort damals noch nicht gab. Hip-Hop-Produktion, Reggae-Bass, Soulgesang und Raps im Bristoler Tonfall, aufgenommen unter anderem in den Coach House Studios in Bristol. Während der Golfkrieg lief, kürzte sich die Band für eine Weile auf „Massive“, damit Radiosender sie weiterspielten.

Portishead – „Dummy“ (1994)

Geoff Barrow hatte als junger Tape-Operator in den Coach House Studios die Arbeit an „Blue Lines“ miterlebt. Mit der Sängerin Beth Gibbons und dem Gitarristen Adrian Utley veröffentlichte er im August 1994 „Dummy“. Das Album baut auf Samples aus Soul und Filmmusik, etwa Isaac Hayes in „Glory Box“ oder Lalo Schifrin in „Sour Times“, und klingt dabei wie der Soundtrack zu einem Spionagefilm, den es nie gab. Es erreichte Platz 2 der britischen Albumcharts und gewann 1995 den Mercury Prize.

Tricky – „Maxinquaye“ (1995)

Ein halbes Jahr nach „Dummy“ legte Tricky sein Solodebüt vor, und es ist das unbequemste der drei. Geflüsterte Raps, die Stimme von Martina Topley-Bird im Vordergrund, verzerrte Samples, Paranoia statt Melancholie. Das Album stieg in Großbritannien auf Platz 3 und war im selben Jahr wie „Dummy“ für den Mercury Prize nominiert.

Trip-Hop jenseits von Bristol: London, Kalifornien, Wien

So eng der Begriff mit Bristol verbunden ist, er hatte von Anfang an andere Zentren. In London saß Mo' Wax, das Label, an dessen Platten Pemberton das Wort erfand. Dort erschien 1996 auch „Endtroducing.....“ von DJ Shadow, ein instrumentales Album, das fast vollständig aus Samples von Schallplatten besteht. Das Londoner Label Ninja Tune, gegründet vom Duo Coldcut, stand für eine verspieltere, jazzigere Spielart.

Im deutschsprachigen Raum hatte der Sound sein wichtigstes Echo in Wien. Kruder & Dorfmeister und das Umfeld von G-Stone machten dort ab 1993 eine eigene Version: weicher, dubbiger, mehr Lounge als Paranoia. Die britische Presse warf vieles davon in denselben Topf wie Bristol. Wie Wien daraus einen eigenen Exportartikel machte, erzählt unser Stück über den Wiener Downbeat in acht Platten.

Was wurde aus Trip-Hop?

Der Höhepunkt lag in den Jahren 1994 und 1995. Danach wurde der Sound zur Kulisse: Werbespots, Bars, Hotellobbys, Compilations mit Cocktailgläsern auf dem Cover. Die Bands, die ihn erfunden hatten, zogen weiter. Massive Attack nahmen auf „Protection“ (1994) noch Tracey Thorn von Everything but the Girl als Sängerin dazu und wurden mit „Mezzanine“ 1998 dunkler, gitarrenlastiger und erfolgreicher denn je: Das Album war ihre erste Nummer eins in Großbritannien, die Single „Teardrop“ mit Elizabeth Fraser von den Cocteau Twins kam auf Platz 10.

Verschwunden ist Trip-Hop trotzdem nie, er ist eher in andere Stile eingesickert. Die Idee, Clubmusik zu verlangsamen und mit Dub-Raum zu füllen, findet sich im Downtempo und in den ruhigeren Sets von heute, die unser Text über Organic House und Downtempo beschreibt. Auch die Verbindung von Dub, Hall und Bass, die Bristol so konsequent durchgezogen hat, lebt in anderen Genres weiter, vom Dub Techno bis zu späteren Bristoler Bassmusik-Generationen. Und in den 2010er- und 2020er-Jahren griffen Künstlerinnen wie FKA Twigs den Sound offen wieder auf.

Wo du mit dem Hören anfangen solltest

Wer Trip-Hop kennenlernen will, kommt an den drei Bristoler Alben nicht vorbei, und zwar in der Reihenfolge, in der sie erschienen sind: „Blue Lines“ zeigt die Wurzeln im Soundsystem, „Dummy“ die Kinoversion, „Maxinquaye“ den Bruch. Danach lohnt „Endtroducing.....“, um zu hören, wie die Sampling-Seite des Genres klingt, wenn niemand singt. Und wer wissen will, wie derselbe Grundgedanke in einer anderen Stadt ganz anders ausfällt, hört direkt im Anschluss eine Platte aus Wien.

Trip-Hop bleibt ein Sonderfall: ein Genre ohne Clubs, ohne feste Tanzfläche, getauft von einem Magazin und abgelehnt von den eigenen Stars. Dass man es nach über dreißig Jahren trotzdem sofort erkennt, nach zwei Takten Beat und einem Akkord auf dem Rhodes, sagt mehr über seine Wirkung als jede Chartplatzierung.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Trip-Hop und Downtempo?

Downtempo ist der weitere Oberbegriff für langsame elektronische Musik. Trip-Hop ist eine bestimmte Spielart davon, die aus Hip-Hop-Breakbeats, Samples und Dub-Bass entstand und eng mit Bristol und der ersten Hälfte der Neunziger verbunden ist.

Wer hat den Begriff Trip-Hop erfunden?

Gedruckt taucht er zuerst im Juni 1994 im britischen Magazin Mixmag auf. Der Journalist Andy Pemberton beschrieb damit die Single „In/Flux“ von DJ Shadow und ähnliche Platten des Londoner Labels Mo' Wax.

Ist Trip-Hop Hip-Hop?

Trip-Hop übernimmt vom Hip-Hop die gesampelten Breakbeats und die Arbeit mit Plattenschnipseln, verzichtet aber meist auf Rap im klassischen Sinn. Statt Raps stehen oft Gesang, Atmosphäre und Filmmusik-Samples im Vordergrund.

Welche Bands gehören zum Bristol Sound?

Die bekanntesten sind Massive Attack, Portishead und Tricky. Ihre Wurzeln liegen im Soundsystem The Wild Bunch und im Umfeld von Smith & Mighty, die Ende der Achtziger Breakbeat-Versionen von Bacharach-Songs veröffentlichten.

Wie schnell ist Trip-Hop?

Meist deutlich langsamer als House und Techno, grob zwischen 70 und 100 BPM. Entscheidend ist weniger die genaue Zahl als der schleppende, schwere Beat.


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