MAXIM SCHUNK
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Szene24. Oktober 20267 Min. Lesezeit

Chicago House: Acht Platten, die House erfunden haben

Vom Warehouse zur UK-Nummer-eins: acht Chicago-House-Platten von 1984 bis 1989, was jede verändert hat und warum ihre Erfinder oft leer ausgingen.

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Symbolbild, KI-generiert
Symbolbild, KI-generiert

Jefferson Street 206, Chicago, Ende der Siebziger. In einem dreistöckigen Fabrikgebäude im West Loop tanzt samstags bis in den Sonntag hinein ein Publikum, das anderswo in der Stadt nicht willkommen ist: überwiegend schwarz, überwiegend schwul. Am Pult steht Frankie Knuckles, aus New York gekommen, und er spielt Disco, als sei Disco nie gestorben. Er schneidet die Platten auf Tonband um, verlängert die Breaks, baut Übergänge, die es auf keiner Platte gibt. Der Club heißt Warehouse, und der Überlieferung nach wird aus seinem Namen bald ein Genre. Was danach geschah, lässt sich an acht Platten erzählen. Nicht an den acht besten, sondern an den acht, nach denen House jeweils etwas anderes war als vorher.

Jesse Saunders — „On & On“ (1984)

Am Anfang steht ein Diebstahl. Jesse Saunders, DJ in Chicago, hatte einen Bootleg-Megamix von Mach in seiner Sammlung, der ihm gestohlen wurde. Statt Ersatz zu suchen, baute er sich mit einer Roland TR-808 selbst einen Track nach diesem Vorbild und brachte ihn Anfang 1984 gemeinsam mit Vince Lawrence auf dem eigenen Label Jes Say Records heraus. „On & On“ gilt vielen als erste House-Platte überhaupt. Das ist umstritten, und ehrlich gesagt nebensächlich.

Wichtig ist das Modell: Ein DJ presst sich die Platte, die er im Set braucht, einfach selbst. Musikalisch ist „On & On“ dünn, ein Gerüst aus Drumcomputer und Bass. Aber es zeigt, dass man für eine Tanzplatte kein Studio, keine Band und keine Plattenfirma mehr braucht. Fast alles, was in Chicago in den nächsten fünf Jahren passierte, folgte diesem Muster.

Marshall Jefferson — „Move Your Body“ (1986)

Marshall Jefferson arbeitete bei der Post, als er diesen Track baute. Klavier, Bass und Drums spielte er selbst ein, den Gesang holte er sich von Kollegen aus dem Postamt, darunter Curtis McClain. Lange bevor die Platte erschien, lief sie 1985 als Kassette durch die Clubs der Stadt. Larry Sherman, Chef von Trax Records, musste trotzdem erst überzeugt werden, sie zu pressen. Im Juni 1986 kam sie schließlich heraus, mit dem Zusatz „The House Music Anthem“.

Der Beiname war Anspruch und Beschreibung zugleich. Mit den Klavierakkorden am Anfang bekam House eine Harmonie, die nach Kirche klang statt nach Maschine. Und „Move Your Body“ war einer der Tracks, die zeigten, dass House Hymnen schreiben kann, nicht nur Werkzeuge für DJs.

Mr. Fingers — „Can You Feel It“ (1986)

Larry Heard kaufte sich einen Roland Juno-60 und eine TR-909 und nahm in kurzer Zeit eine Handvoll Tracks auf. Einer davon erschien 1986 als Mr. Fingers auf Trax, zunächst als Instrumental. „Can You Feel It“ hat keinen Drop, keine Hook im Popsinn, nur eine weiche Basslinie, ein paar Akkorde und sehr viel Raum. Es ist eine der ersten Platten, die man heute Deep House nennt, und vermutlich die einflussreichste.

Wer sagt, House sei nur Funktionsmusik, sollte diesen Track hören. Heard machte aus zwei Geräten eine Stimmung, die eher an Jazz erinnert als an die Peak Time. Die Geschichte hat einen Nachklang: 2020 verklagten Heard und Robert Owens Trax wegen nicht gezahlter Tantiemen, ein Vergleich bestätigte ihnen später die Rechte an ihrer Musik. Es sollte nicht der einzige Streit mit diesem Label bleiben.

Farley „Jackmaster“ Funk — „Love Can't Turn Around“ (1986)

Isaac Hayes hatte „I Can't Turn Around“ 1975 auf seinem Album „Chocolate Chip“ veröffentlicht. Steve Hurley machte daraus mit J.M. Silk eine House-Coverversion, die 1986 in den USA die Billboard-Dance-Charts anführte. Farley „Jackmaster“ Funk, ebenfalls aus Chicago, legte eine eigene Fassung nach, mit dem Sänger Darryl Pandy, dessen Stimme mehr Gospel als Disco war. Diese Version stieg im August 1986 in die britischen Charts ein, kam bis auf Platz 10 und gilt als erster House-Track in den UK-Top-Ten. Pandy sang ihn bei „Top of the Pops“.

Das Original von J.M. Silk kam in Großbritannien nur auf Platz 62. Hier zeigt sich zum ersten Mal ein Muster, das House bis heute begleitet: Nicht wer zuerst da ist, gewinnt, sondern wer die lautere Fassung zur richtigen Zeit ins richtige Land bringt.

Steve „Silk“ Hurley — „Jack Your Body“ (1986)

Hurley bekam seine Revanche schnell. „Jack Your Body“, 1986 erschienen, stand im Januar 1987 zwei Wochen auf Platz eins der britischen Singles-Charts, als erste House-Platte überhaupt. Die Maxi lief übrigens länger als die 25 Minuten, die die Chartregeln damals erlaubten. Den Chartzählern fiel das erst auf, als die Platte schon oben stand. Hurley selbst hielt die Nachricht seines Managers zunächst für eine Meldung aus den Dance-Charts.

Die Platte ist fast nur Rhythmus, Bass und eine zerhackte Stimme, die den Titel wiederholt. Dass so etwas ohne nennenswerte Radiorotation an die Spitze kam, sagt mehr über Großbritannien aus als über Chicago. Dort lief der Sound längst über Compilations: London Records brachte 1986 „The House Sound of Chicago“ heraus, mit „Jack Your Body“, „Love Can't Turn Around“ und „Move Your Body“ auf einer Platte. In Deutschland brachte BCM Records 1987 eigene Ausgaben der Reihe heraus. Wie wichtig solche Sampler für die Verbreitung waren, erzählt unser Stück über die Sampler, über die Deutschland Techno lernte.

Frankie Knuckles feat. Jamie Principle — „Your Love“ (1987)

Der schönste Track dieser Liste ist zugleich der mit der unbequemsten Geschichte. Jamie Principle schrieb „Your Love“ als junger Songwriter. Ein Freund namens Gomez zog den Song auf Tonband und gab Knuckles eine Kopie. Knuckles spielte das unveröffentlichte Band über ein Jahr lang in seinen Sets, bis die Leute darauf warteten. 1986 erschien eine erste Fassung auf Persona Records, 1987 dann die bekannte Version auf Trax, unter Knuckles' Namen und nach Principles Darstellung ohne seine Zustimmung. Principle steht als Songwriter darauf.

Musikalisch ist es die perfekte Verbindung aus Maschine und Gefühl: ein pulsierendes Synthesizer-Arpeggio, darüber eine Stimme, die eher fleht als singt. Inzwischen stehen Principles Original und die Knuckles-Fassung im National Recording Registry der Library of Congress. Dass ein Lied über Hingabe zugleich ein Lehrstück über Credits ist, gehört zur Wahrheit über diese Szene.

Joe Smooth — „Promised Land“ (1987)

Ein Jahr nach Jefferson trug Joe Smooth die Gospel-Idee zu Ende. „Promised Land“ erschien 1987 auf DJ International, dem Label, das Rocky Jones und Benji Espinoza 1985 gegründet hatten, und ist im Kern ein Lied über Hoffnung: ein gelobtes Land, in dem alle zusammenkommen. Auf einer Tanzfläche voller Menschen, die draußen ausgegrenzt waren, war das kein Kitsch.

Die Platte zeigt auch, wie Pop House damals wahrnahm. 1989 coverte The Style Council das Stück und kam damit in die britischen Top 40; das Original folgte im Februar 1989 auf Platz 56. Wer wissen will, wie dieselben Jahre in England auf der Tanzfläche aussahen, findet die Fortsetzung im Rückblick auf Balearic Beat und Ibiza 1987.

Lil Louis — „French Kiss“ (1989)

Zum Schluss der Track, mit dem die Unschuldsphase endet. Lil Louis baute „French Kiss“ als Instrumental, dessen Tempo in einem minutenlangen Breakdown immer langsamer wird, bis es fast stillsteht, und dann wieder anzieht. Dazu kommen Atemgeräusche, die keiner Erklärung bedürfen. Als große Labels zugriffen, kam Gesang dazu; im Juli 1989 erschien die Platte über Epic und FFRR. In Großbritannien kam sie auf Platz zwei, die BBC spielte sie nicht. In den USA stand sie zwei Wochen an der Spitze der Dance-Club-Charts.

„French Kiss“ ist ein DJ-Trick, der zur Single wurde. Kein Mensch kann zu einem Track tanzen, der stehen bleibt, und genau darin liegt der Reiz: Der ganze Raum hält die Luft an. Gleichzeitig markiert die Platte den Übergang vom Chicagoer Eigenlabel zum Major-Vertrieb. Die Musik war jetzt ein Geschäft, und das Geschäft fand zunehmend woanders statt.

Was fehlt, und warum

Natürlich fehlt „Acid Tracks“ von Phuture. Der Track und seine Nachfolger haben eine eigene Liste verdient und bekommen: Acht Platten, die die TB-303 unsterblich machten. Wer sehen will, wie dieselbe Generation ein paar Autostunden weiter östlich klang, liest unseren Rückblick auf acht Platten, die Detroit Techno erfanden. Den Titel von „Strings of Life“ hatte übrigens Frankie Knuckles vergeben.

Was bleibt

Frankie Knuckles starb am 31. März 2014 in Chicago, mit 59 Jahren. Schon 2004 hatte die Stadt das Stück der Jefferson Street am alten Warehouse nach ihm benannt, vorangetrieben unter anderem vom damaligen Senator des Bundesstaats Illinois, Barack Obama. Das Gebäude selbst ist seit Juni 2023 ein offizielles Chicago Landmark. 2022 verklagten fast zwei Dutzend Künstler, darunter Marshall Jefferson und Adonis, Trax Records und die Erben von Larry Sherman wegen nicht gezahlter Tantiemen.

Diese beiden Nachrichten gehören zusammen. Chicago hat eine Musik erfunden, die heute auf jeder Festivalbühne der Welt läuft und deren Grundriss in jedem Tech-House-Track steckt. Die Stadt ehrt ihre Pioniere mit Straßenschildern. Bezahlt wurden viele von ihnen nie richtig. Das ist vielleicht der Gedanke, den diese acht Platten am Ende hinterlassen: House hat gewonnen. Seine Erfinder oft nicht.

Häufige Fragen

Was gilt als erste House-Platte?

Oft genannt wird „On & On“ von Jesse Saunders, Anfang 1984 auf Jes Say Records erschienen, das er mit Vince Lawrence betrieb. Der Titel ist umstritten, weil es in Chicago gleichzeitig weitere frühe Veröffentlichungen gab.

Woher hat House Music ihren Namen?

Der Name wird meist auf den Chicagoer Club Warehouse zurückgeführt, in dem Frankie Knuckles ab Ende der Siebziger auflegte. „House music“ war demnach zunächst die Musik, die man dort hörte. Ganz gesichert ist diese Herleitung nicht.

Welcher House-Track war zuerst auf Platz eins in Großbritannien?

„Jack Your Body“ von Steve „Silk“ Hurley stand im Januar 1987 zwei Wochen an der Spitze der britischen Singles-Charts. Zuvor war „Love Can't Turn Around“ von Farley „Jackmaster“ Funk 1986 als erster House-Track in die UK-Top-Ten gekommen.

Was war Trax Records?

Trax war eines der wichtigsten frühen House-Labels aus Chicago, geführt von Larry Sherman. Dort erschienen unter anderem „Move Your Body“, „Can You Feel It“ und „Your Love“. Das Label steht auch für billige Pressungen und Streit um nicht gezahlte Tantiemen.

Was ist der Unterschied zwischen Chicago House und Detroit Techno?

Beide entstanden Mitte der Achtziger mit denselben Drumcomputern. Chicago House kam aus der Disco- und Gospeltradition, mit Gesang, Klavier und Groove. Detroit Techno klang kühler und futuristischer und orientierte sich stärker an europäischer Synthesizermusik.


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