MAXIM SCHUNK
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Szene18. Oktober 20266 Min. Lesezeit

Detroit Techno: Acht Platten, die den Sound erfanden

Von „Sharevari“ bis „The Bells“: acht Platten, an denen sich Detroit Techno jeweils verschob – mit Geschichte, Hintergründen und der Achse nach Berlin.

#Detroit Techno#Technogeschichte#Juan Atkins#Derrick May#Underground Resistance#Tresor#Klassiker

Symbolbild, KI-generiert
Symbolbild, KI-generiert

Mitte der Achtziger sitzt Juan Atkins im Keller seiner Mutter auf der Ostseite von Detroit. Seine Band Cybotron ist gerade auseinandergebrochen, die Kollegen wollten Rock, er wollte Maschinen. Was er dort unten aufnimmt, erscheint im April 1985 als Katalognummer M-001 auf seinem eigenen Label Metroplex. Den Namen des Projekts kennt noch niemand: Model 500. Drei Jahre später hat diese Musik einen Namen, und kurz darauf eine zweite Heimat in Berlin. Die folgenden acht Platten erzählen, wie das geschah. Nicht die acht besten, sondern die acht, an denen sich jeweils etwas verschoben hat.

A Number of Names — „Sharevari“ (1981)

Bevor es Techno gab, gab es in Detroit eine Partyszene schwarzer Highschool-Jugendlicher, die sich nach Modemarken benannte und europäischen Chic imitierte. Eine dieser Crews hieß Charivari, nach einem New Yorker Bekleidungsgeschäft. Ihr setzten A Number of Names 1981 auf dem kleinen Label Capriccio ein Denkmal, phonetisch verbogen zu „Sharevari“. Der Track klingt eher nach europäischer Synth-Disco als nach dem, was später kam, und genau das ist der Punkt: Detroit hörte nach Europa, lange bevor Europa nach Detroit hörte. Ob „Sharevari“ oder Cybotrons erste Single die erste Detroit-Techno-Platte ist, streiten Fans bis heute. Unstrittig ist, dass sie zeigt, aus welchem Milieu die Musik kam: nicht aus dem Ghetto-Klischee, sondern aus einer Jugend, die sich in Clubkleidung eine andere Zukunft ausmalte.

Cybotron — „Clear“ (1983)

Juan Atkins und Rick Davis hatten 1981 mit „Alleys of Your Mind“ auf Atkins’ Label Deep Space begonnen. „Clear“ erschien 1983 auf Fantasy als Auskopplung des Albums „Enter“ und ist die Platte, auf der man hört, was Kraftwerk in Detroit ausgelöst hatte. Dass vier Düsseldorfer dort überhaupt ankamen, lag auch am Radio — die Geschichte steht in unserem Stück über Electrifying Mojo und seine Nachtsendung. „Clear“ ist fast instrumental, kalt, präzise, und doch tanzbar. Es wurde zum Electro-Klassiker und vielfach gesampelt. Für die Geschichte des Techno wichtiger ist, was danach passierte: Atkins verließ die Band, weil Davis und Gitarrist Jon-5 in Richtung Rock wollten. Ohne diesen Streit kein Model 500.

Model 500 — „No UFO’s“ (1985)

Mit Metroplex machte Atkins das Eigenlabel zum Dauerzustand. „No UFO’s“ hat weniger Songstruktur als Cybotron, weniger Gesang, mehr Wiederholung. Wichtiger noch als der Klang ist der Vertriebsweg: eigenes Label, eigene Pressung, eigene Kontrolle. Die Platte lief bald bei Chicagoer DJs und in Detroit bei Jeff Mills im Radio. Damit war ein Modell gesetzt, das Detroit von nun an prägen sollte und das viele unabhängige Technoszenen übernommen haben: Wer keine Plattenfirma findet, wird selbst eine.

Rhythim Is Rhythim — „Strings of Life“ (1987)

Wenn es eine Detroit-Platte gibt, die auch Leute kennen, die nie in Detroit waren, dann diese. Derrick May, wie Atkins und Kevin Saunderson einer der sogenannten Belleville Three, baute sie aus einer Klaviersequenz seines Freundes Michael James. Das Original lief bei rund 80 BPM; May beschleunigte es, zerschnitt es in Loops und legte Percussion und Streicher-Samples darüber. Den Titel gab dem Stück Frankie Knuckles, der eine Demo-Version in Chicago gespielt hatte. Das Ergebnis erschien 1987 auf Mays Label Transmat und ist bis heute das Gegenargument gegen jeden, der Techno für gefühllos hält: Es gibt keinen Bass, der einen erschlägt, nur Streicher, die nicht aufhören wollen, und ein Klavier, das immer wieder ins Leere stürzt. Mit welchen Geräten diese Generation arbeitete, erzählt unsere Liste der Maschinen, die elektronische Musik veränderten.

Inner City — „Big Fun“ (1988)

1988 stellte der britische Labelmacher Neil Rushton gemeinsam mit Derrick May eine Compilation für den UK-Markt zusammen: „Techno! The New Dance Sound of Detroit“. Der Titel gab der Musik ihren Namen, und auf der Compilation fand sich ein Stück von Kevin Saunderson, das kurz darauf als Single erschien. „Big Fun“ hatte Saunderson 1987 im Heimstudio als Instrumental gebaut; der Chicagoer Produzent Terry „Housemaster“ Baldwin empfahl ihm die Sängerin Paris Grey, die den Gesang beisteuerte. Im August 1988 kam die Single über 10 Records und Virgin heraus und stieg in Großbritannien bis auf Platz acht, in den USA auf Platz eins der Billboard-Dance-Club-Play-Charts. Puristen rümpfen gern die Nase über Inner City. Zu Unrecht: „Big Fun“ bewies, dass dieselbe Ästhetik, die „Strings of Life“ trug, auch einen Popsong tragen konnte, und brachte Detroit in Europa vom Plattenladen ins Radio.

Galaxy 2 Galaxy — „Hi-Tech Jazz“ (1993)

Anfang der Neunziger war die Musik ihrer Stadt davongelaufen. In Europa füllte Techno Hallen, in der eigenen Stadt blieb die Szene klein. Underground Resistance um „Mad“ Mike Banks antwortete darauf mit Haltung: maskierte Pressefotos, militante Plattentitel, die Weigerung, sich vermarkten zu lassen. Und mit einem Track, der zeigte, wie weit dieser Sound reichen kann. „Hi-Tech Jazz“ erschien 1993 auf der EP „Galaxy 2 Galaxy“ (UR-025). Eine Synthesizer-Melodie, die wie ein Saxofonsolo phrasiert ist, darunter ein Groove, der nicht drückt, sondern schwingt. Die Platte schlug eine Brücke zurück zum Jazz, zur Musik der eigenen Eltern. Ab 2005 wurde aus dem Projekt eine Live-Band. Und der Track steht bis heute für die Idee, dass Techno eine schwarze amerikanische Musik in direkter Linie ist, keine europäische Erfindung.

Robert Hood — „Minimal Nation“ (1994)

Robert Hood gehörte zum frühen Kreis von Underground Resistance. 1994 veröffentlichte er „Minimal Nation“ auf Axis, dem Label von Jeff Mills, und im selben Jahr gründete er sein eigenes Label M-Plant. Die Platte nimmt alles weg, was nicht nötig ist: keine Flächen, keine Hooks, nur Kick, Hi-Hat, ein paar Synthesizer-Stöße und der Abstand zwischen ihnen. Dass „Minimal“ zehn Jahre später zum Etikett für eine sehr deutsche, sehr verspielte Clubmusik wurde, hat mit dieser Platte wenig zu tun. Aber ohne sie fehlte dem Begriff sein Detroiter Fundament. Wie sich das Genre danach verzweigte, steht in unserem Text Minimal Techno erklärt.

Jeff Mills — „The Bells“ (1996/97)

Jeff Mills war als DJ in Detroit schon in den Achtzigern bekannt, als „The Wizard“ im Radio. Nach seiner Zeit bei Underground Resistance gründete er 1992 Axis und später das Sublabel Purpose Maker. Dort erschien, je nach Quelle 1996 oder 1997, als PM-002 die „Kat Moda EP“, und ihr erster Track ist „The Bells“. Ein Glockenmotiv, eine unablässig treibende Rhythmusspur, keine Pause. Der Track ist keine Erfindung im Sinn von „Strings of Life“, sondern eine Verdichtung: Er fasst die Detroiter Idee von Funktion und Gefühl so knapp zusammen, dass er bis heute auf Festivalbühnen läuft und von unzähligen DJs gespielt wird. Dass ihn in Berlin, Tiflis und Tokio die Leute erkennen, sagt viel darüber, wohin Detroit Techno ausgewandert ist.

Warum Berlin Detroit so gut zuhörte

Im März 1991 eröffnete in einem ehemaligen Kaufhaus-Tresorraum an der Leipziger Straße der Tresor. Die erste Veröffentlichung des zugehörigen Labels war „Sonic Destroyer“ von X-101, also Banks, Mills und Hood. Die zweite Tresor-Compilation trug den Untertitel „Berlin Detroit — A Techno Alliance“. Moritz von Oswald und Thomas Fehlmann nahmen als 3MB auf, „drei Männer in Berlin“, mal mit Juan Atkins, mal mit Eddie „Flashin’“ Fowlkes als drittem Mann. Die Verbindung war praktisch: Detroiter Produzenten fanden in Deutschland ein Publikum, eine Infrastruktur und Gagen, die ihre Stadt nicht bot. Berlin bekam einen Sound, der zur Leere der Nachwendezeit passte. Wie das Tresor-Umfeld daraus eine eigene Labelgeschichte machte, zeigt unsere Liste der deutschen Labels, die den Techno-Sound prägten.

Was die acht Platten verbindet

Acht Platten, gut fünfzehn Jahre, eine Stadt, deren Autoindustrie gerade zusammenbrach. Was sie verbindet, ist kein bestimmter Klang, sondern eine Haltung: Maschinen benutzen, um etwas Menschliches zu sagen, und die Musik selbst herausbringen, wenn es kein anderer tut. Deutschland hat aus diesem Sound eine Industrie gemacht, mit Clubs, Festivals und Hauptbühnen. Wer verstehen will, was dabei verloren ging und was blieb, sollte bei „Sharevari“ anfangen und bei „The Bells“ ankommen. Dazwischen liegt alles.


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