Acht Techno-Alben, die mehr als Tracksammlungen waren
Von Sven Väth bis Paula Temple: acht Techno-Alben, die das Format ernst nahmen – und warum ein Genre der Tracks trotzdem große Alben hervorbringt.

Fünfzehn Tracks, alle in voller Clublänge, erschienen auf dem eigenen Label: Der Berliner Produzent Felix Reichelt hat am 23. Oktober sein Album „Another Show“ auf Volume Berlin Records veröffentlicht, zunächst auf Beatport und Spotify, die übrigen Plattformen folgen am 6. November. Deep Tech, Acid, Peaktime und ein industrieller Unterton – das klingt nach Club, nicht nach Wohnzimmer. Und genau damit stellt es die alte Frage neu: Wozu braucht ein Genre, das in einzelnen Tracks denkt und in DJ-Sets lebt, überhaupt Alben?
Die ehrliche Antwort lautet: Meistens braucht es keine. Viele Techno-Alben sind Sammelmappen, zwölf Tools hintereinander, gut für den Plattenkoffer, belanglos am Stück. Doch es gibt Ausnahmen, und sie haben das Genre jedes Mal ein Stück verschoben. Hier sind acht davon, in der Reihenfolge ihres Erscheinens, und jeweils der Grund, warum sie mehr waren als die Summe ihrer Tracks.
Sven Väth – „Accident in Paradise“ (1992)
Frankfurt, Anfang der Neunziger: Väth hatte 1991 mit Partnern das Label Eye Q gegründet, und sein Solo-Debüt, produziert gemeinsam mit Ralf Hildenbeutel, erschien dort 1992. Der Opener „Ritual of Life“ läuft über dreizehn Minuten, „L'Esperanza“ und der Titeltrack liefen in den Clubs und wurden immer wieder geremixt. Entscheidend ist aber, was dazwischen passiert: Ambient-Passagen, Streicherflächen, ein Stück mit dem Titel „Drifting Like Whales in the Darkness“. Das Album war eine frühe deutsche Antwort auf die Frage, ob Techno eine Erzählung tragen kann. Sie lautete: ja, wenn man sich Zeit lässt. Wer verstehen will, warum Frankfurt neben Berlin die zweite Hauptstadt des frühen Techno war, findet hier den Klang dazu – und die Labels dahinter im Rückblick auf die deutschen Labels, die den Techno-Sound prägten.
Jeff Mills – „Waveform Transmission Vol. 1“ (1992)
Das Gegenmodell erschien im selben Jahr. Mills nahm sein Debütalbum in New York auf, veröffentlicht wurde es auf dem Berliner Label Tresor. Acht Tracks, einer davon heißt schlicht „Berlin“. Hier gibt es keine Ambient-Pausen und keine Dramaturgie im Sinne eines Spannungsbogens, nur Maschinen, die nach vorn drücken. Und trotzdem ist es ein Album: Es hält eine einzige Haltung über die volle Länge durch, ohne Kompromiss an Radio oder Wohnzimmer. Die Achse Detroit–Berlin, über die Techno in den Neunzigern lief, wurde damit zu einer Platte, die man in die Hand nehmen konnte. Wer heute über harte, funktionale Alben spricht, spricht im Grunde über diese.
Laurent Garnier – „30“ (1997)
Garniers zweites Album, erschienen auf F Communications, ist das Gegenargument zum Vorwurf, Techno-Alben seien eintönig. Es springt zwischen Jazz-Anklängen, Deep House und Lagerhallen-Techno, und mittendrin steht „Crispy Bacon“, eine der meistverkauften Singles des Franzosen, die es in Großbritannien bis auf Platz 60 schaffte. Garnier nannte als Inspiration für den Track ausgerechnet Platten von Jeff Mills' Label Axis. Dass ein Album beides kann – den Clubschlager und die Abschweifung –, ohne zerrissen zu wirken, hat „30“ vorgeführt. Es ist der Beweis, dass ein DJ-Album gerade dann funktioniert, wenn es wie ein langes, gutes DJ-Set gebaut ist.
Gas – „Königsforst“ (Ende der Neunziger)
Wolfgang Voigt, Mitgründer des Kölner Labels Kompakt, benannte sein drittes Gas-Album nach einem Waldgebiet bei Köln, in dem er als Jugendlicher seine prägenden Erfahrungen gemacht hatte. Erschienen auf Mille Plateaux, versenkt es die gerade Bassdrum unter Schichten aus Rauschen und Orchesterfetzen, bis sie eher zu ahnen als zu hören ist. Das genaue Erscheinungsdatum nennen die Quellen unterschiedlich, irgendwo zwischen Ende 1998 und Frühjahr 1999. Die Bedeutung ist unstrittig: „Königsforst“ zeigte, dass das Techno-Album sich ganz vom Dancefloor lösen und trotzdem Techno bleiben kann. Ohne diese Platte wäre vieles, was später als Ambient Techno oder in der Nähe von Dub Techno erschien, schwer vorstellbar.
Ricardo Villalobos – „Alcachofa“ (2003)
Am 19. September 2003 erschien auf dem Frankfurter Label Playhouse das Debütalbum des chilenisch-deutschen Produzenten, ursprünglich als Dreifach-Vinyl. „Easy Lee“ mit seiner verfremdeten Stimme wurde zum Dauergast in DJ-Sets, das Album landete in Jahresbestenlisten weit außerhalb der Clubpresse. „Alcachofa“ ist der Moment, in dem Minimal vom Werkzeug zum Werk wurde: Die Tracks sind lang, verschroben, voller Details, die man im Club überhört und zu Hause entdeckt. Wie es zu diesem Sound kam, erzählt der Text über Minimal Techno; hier zählt, dass ein Album ihn auf seinen Höhepunkt brachte.
Ellen Allien – „Berlinette“ (2003)
Im selben Jahr veröffentlichte Ellen Allien ihr zweites Album, und zwar auf BPitch Control, dem Label, das sie selbst gegründet hatte. Schon der Titel macht die Stadt zum Thema: „Berlinette“ ist ein Porträt des Berlins der Nullerjahre, kühl, elektronisch, mit Gesang und einem Fuß im Electro. Das Album steht für ein Modell, das bis heute trägt – Künstlerin, Label und Szene in einer Hand. Wer ein eigenes Label betreibt, kann sich ein Album leisten, das kein anderes Label so herausgebracht hätte. Was dahinter organisatorisch steckt, beschreibt der Beitrag zum eigenen Label in Deutschland.
Ben Klock – „One“ (2009)
Ostgut Ton, das Label des Berghain, brachte im Februar 2009 das erste Album seines Residents heraus. Vorausgegangen war die EP „Before One“ mit dem Track „Subzero“, der Klocks Durchbruch markierte. „One“ selbst ist dunkel, präzise und hypnotisch, mit einem einzigen Gesangsstück, „Goodly Sin“ mit Elif Biçer. Das Album hielt fest, was man damals als Berghain-Sound zu beschreiben versuchte: Druck ohne Hektik, Wiederholung als Sog. Es zeigte auch, dass ein Club über sein Label eine Klangidee in die Welt tragen kann, die man sonst nur an einem einzigen Ort erlebt hätte.
Paula Temple – „Edge of Everything“ (2019)
Am 3. Mai 2019 erschien das Debütalbum der britischen Produzentin auf ihrem eigenen Label Noise Manifesto. Zwölf Tracks zwischen Industrial, Noise und Techno, laut Begleittext das Ergebnis jahrelanger Beschäftigung mit der heilenden Kraft harschen Lärms. „Edge of Everything“ ist kein Album zum Nebenbeihören. Es ist eine Stellungnahme, laut, politisch, kompromisslos – und damit das Gegenstück zu den Tool-Sammlungen, die im harten Techno sonst üblich sind. Wer wissen will, woher dieser Klang kommt, liest weiter beim Industrial Techno.
Was ein Techno-Album zum Album macht
Legt man die acht Platten nebeneinander, zeigt sich ein Muster. Keine von ihnen ist einfach eine Ansammlung starker Tracks. Jede hat eine Idee, die nur über die volle Länge aufgeht: die Reise bei Väth, die Haltung bei Mills, die Bandbreite bei Garnier, die Auflösung bei Gas, das Detail bei Villalobos, die Stadt bei Allien, der Raum bei Klock, die Wut bei Temple. Auffällig ist auch, wie oft eigene oder sehr nahe Labels dahinterstehen – Eye Q, BPitch Control, Noise Manifesto. Wer sein Album selbst herausbringt, muss niemanden überzeugen, dass sich fünfzig oder siebzig Minuten lohnen.
Daran wird sich auch ein Album wie „Another Show“ messen lassen müssen. Fünfzehn Clubtracks auf dem eigenen Label sind zunächst ein Angebot an DJs. Zum Album im Sinne dieser Liste wird es erst, wenn man es am Stück hört und am Ende etwas anderes mitnimmt als fünfzehn einzelne Tracks. Das ist eine hohe Latte. Aber genau deshalb sind die Platten, die sie überspringen, so selten – und so lange im Gedächtnis.
Häufige Fragen
Was ist das erste Album von Jeff Mills?
Jeff Mills' Debütalbum ist „Waveform Transmission Vol. 1“. Er nahm es 1992 in New York auf, veröffentlicht wurde es auf dem Berliner Label Tresor.
Auf welchem Label erschien Ben Klocks Album „One“?
„One“ erschien im Februar 2009 auf Ostgut Ton, dem Label des Berliner Berghain, in dem Klock Resident war. Vorher kam die EP „Before One“ mit dem Track „Subzero“.
Warum gibt es im Techno so wenige gute Alben?
Techno wird überwiegend als Einzeltrack für DJ-Sets produziert und gekauft. Viele Alben sind deshalb Sammlungen von Club-Tools. Als Album funktionieren meist die Platten, die eine Idee über die volle Länge tragen, etwa eine Reise, eine Stadt oder eine klare Haltung.
Was ist „Alcachofa“ von Ricardo Villalobos?
„Alcachofa“ ist das Debütalbum von Ricardo Villalobos, erschienen im September 2003 auf dem Frankfurter Label Playhouse, ursprünglich als Dreifach-Vinyl. Der bekannteste Track ist „Easy Lee“; das Album gilt als Höhepunkt des Minimal Techno.
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