Techno in Belgrad: Clubs, Geschichte und Protestkultur
Von Industrija und Radio B92 bis Drugstore und EXIT: wie Belgrads Technoszene im Krieg entstand und warum Serbiens Clubs heute politisch Stellung beziehen.

In der Nacht nach der Parlamentswahl vom 25. Oktober 2026 posteten die wichtigsten Clubs Serbiens fast gleichzeitig. Drugstore aus Belgrad teilte Bilder von Menschen, die auf den Straßen feierten, und schrieb dazu „Raveland“. Der Nachbarclub Karmakoma meldete „Students have won!“, das EXIT-Festival „Freedom is back in Serbia“. Am selben Abend hatte Aleksandar Vučić eingeräumt, dass seine Partei die Wahl verloren hat und die studentisch unterstützte Liste nach den vorläufigen Zahlen eine eigene Mehrheit im Parlament bekommt. Dass Technoclubs zu einer Parlamentswahl Stellung beziehen, wirkt aus deutscher Sicht ungewöhnlich. In Belgrad ist es fast eine Tradition. Die Szene der Stadt ist im Krieg entstanden, und das bekannteste Festival des Landes in einer Protestbewegung. Wer verstehen will, warum Belgrad heute als eine der spannendsten Technostädte Europas gilt, muss diese Geschichte kennen.
Wie Techno in Belgrad in den Neunzigern entstand
Anfang der Neunziger zerfiel Jugoslawien. Serbien unter Slobodan Milošević führte Krieg, war von internationalen Sanktionen belegt, die Inflation fraß Löhne und Ersparnisse. In diese Lage hinein entstand in Belgrad eine Ravekultur, zuerst bei Partys in Lagerhallen, dann in festen Räumen. Eine zentrale Rolle spielte Radio B92, 1989 als Jugendsender gegründet und in den Neunzigern eine der wenigen Stimmen, die das Regime nicht kontrollierte. Der Sender spielte Musik, die sonst niemand spielte, und aus seinem Umfeld kamen DJs wie Gordan Paunović und Boža Podunavac.
Der Club, der für diese Jahre steht, hieß Industrija: ein schmuckloser Keller unter einer großen Buchhandlung im Zentrum, mit Platz für mehrere hundert Menschen und einer großen Anlage. Wer dort feierte, beschreibt den Ort bis heute als Zuflucht. Die Nacht zum Tag zu machen, während draußen Krieg, Mangel und Nationalismus herrschten, war eine Form von Verweigerung. Als die NATO im Frühjahr 1999 Belgrad bombardierte, wurde B92 zu Beginn der Luftangriffe abgeschaltet. Industrija lief nach Erinnerung von Beteiligten weiter, teils tagsüber und leiser, um die Ausgangssperre herum. Je nach Quelle schloss der Club 1999 oder 2000.
Viele DJs, die heute in Serbien den Ton angeben, haben in dieser Zeit angefangen. Marko Nastić etwa, heute einer der bekanntesten Technoproduzenten des Landes und Betreiber des Labels und der Partyreihe Easy Tiger, stand schon als Jugendlicher im Industrija. Wie stark Ravekultur und politische Opposition damals zusammenhingen, wird in Belgrad bis heute immer wieder betont.
Was das EXIT-Festival mit Protest zu tun hat
EXIT ist das Festival, das die meisten Menschen außerhalb Serbiens mit dem Land verbinden. Seine Herkunft ist politisch. Studierende aus Novi Sad, darunter Dušan Kovačević, Bojan Bošković und Ivan Milivojev, gründeten es im Jahr 2000 als Teil einer Bewegung für Demokratie und Freiheit. Die erste Ausgabe lief vom 29. Juni bis 7. Oktober 2000 auf dem Universitätscampus von Novi Sad, also den ganzen Sommer über und bis über Miloševićs Sturz Anfang Oktober hinaus. Ab 2001 zog EXIT auf die Festung Petrovaradin über der Donau und wurde dort zu einem der großen Festivals Europas. Die Dance Arena auf der Festung wurde zu einem der bekanntesten Open-Air-Floors der Region.
Aus dem EXIT-Team stammt auch No Sleep, das 2017 als Bühne auf der Festung begann und seit 2018 als eigenständiges Rave-Festival in Belgrad läuft, zuletzt im Hangar am Hafen von Belgrad.
Welche Clubs die Belgrader Szene heute prägen
Die Szene, die nach 2000 entstand, ist breiter und internationaler. Ihr bekanntester Ort ist Drugstore. Eine Gruppe von Enthusiasten startete ihn 2012 als selbst gebautes Kulturprojekt, seit 2014 sitzt er in einem ehemaligen Schlachthof am Bulevar despota Stefana im Bezirk Palilula. Der Raum ist roh, das Programm reicht von dunklem, hartem Techno bis zu experimentellen Konzerten, gebucht wurden über die Jahre Namen wie Surgeon, DVS1, Dasha Rush und Blawan. Direkt daneben eröffnete das Drugstore-Team Ende 2023 gemeinsam mit dem Kollektiv Macadam Mambo Karmakoma, im umgebauten früheren Sommergarten. Dort laufen elektronische Musik und kleinere Live-Konzerte.
Die zweite Säule sind die Flüsse. Belgrad liegt am Zusammenfluss von Save und Donau, und an beiden Ufern liegen Splavovi, Clubs auf festgemachten Schiffen und Flößen. Viele davon sind kommerziell, mit Tischservice, Pop und EDM. Einige wenige gehören zum Underground. Der bekannteste ist Klub 20/44, ein früherer Stripclub auf einem Boot, der mit Funk-, Soul- und Discopartys begann und lange ohne Sponsoren auskam. Hier spielen eher Gäste aus dem Umfeld von Disco, House und Leftfield als von Peak-Time-Techno. Dazu kommen kleinere Bars, Partyreihen und Kollektive. Wer Belgrad besucht, merkt schnell: Die Wege sind kurz, die Szene kennt sich, und Clubs, Labels und DJs arbeiten eng zusammen.
Wer Belgrad mit einer anderen südeuropäischen Szene vergleichen will: Ähnlich dicht, aber stärker von einem großen Festival geprägt, ist die Technoszene in Barcelona. Musikalisch ist Belgrad dabei mehr als Techno. Wie stark der Balkan inzwischen auch mit eigenen Klängen in den Clubs ankommt, zeigt die Geschichte der Balkan Beats von Kreuzberg bis Sofia.
Warum sich Serbiens Clubszene seit 2024 politisch positioniert
Am 1. November 2024 stürzte am Bahnhof von Novi Sad ein Betonvordach ein. 14 Menschen starben sofort, zwei weitere später an ihren Verletzungen. Der Bahnhof war kurz zuvor renoviert worden, und für viele Menschen in Serbien wurde das Unglück zum Symbol für Korruption und fehlende Verantwortung. Daraus entstand eine von Studierenden getragene Protestbewegung, die das Land über fast zwei Jahre prägte. Bei der größten Kundgebung am 15. März 2025 in Belgrad kamen nach Schätzung des Archivs öffentlicher Versammlungen zwischen 275.000 und 325.000 Menschen zusammen, die Polizei sprach von 107.000.
Die Clubs haben sich früh und sichtbar dazu verhalten. Als die Studierenden für den 24. Januar 2025 zum Generalstreik aufriefen, blieben Klub 20/44, Drugstore, Karmakoma und Club Tunnel geschlossen. Drugstore und Karmakoma spendeten außerdem Ticketerlöse für Protestbedarf. Das Belgrader Label Bunt brachte im Februar 2025 den Sampler „Rhythms of Revolution“ heraus, dessen Erlöse an unabhängige Spendensammlungen gingen. In einer Telegram-Gruppe namens „DJs for Students“ organisierten sich Künstler. Und als Ende Juni 2025 erneut Zehntausende in Belgrad demonstrierten, teilte Drugstore Aufnahmen davon mit dem Satz „People can fly“.
Für EXIT verlief der Konflikt anders. Zu Beginn warfen Teile der Szene dem Festival vor, sich nicht klar zu positionieren, Marko Nastić forderte öffentlich den Rücktritt von Gründer Kovačević. EXIT stellte sich danach hinter die Bewegung, und der Preis war hoch. Die Veranstalter erklärten, sie hätten nach ihrer Unterstützung der Proteste auf keiner staatlichen Ebene mehr öffentliche Förderung erhalten. Die Ausgabe 2025 war die letzte auf der Festung Petrovaradin. 2026 fand das Hauptfestival erstmals in Montenegro statt, wo die EXIT-Gruppe schon das Sea Dance veranstaltet, vom 3. bis 6. Juli am Strand Velika Plaža bei Ulcinj, kostenlos mit Registrierung und mitfinanziert von der montenegrinischen Regierung. Ein Festival, das aus einem Protest entstand, musste wegen seiner Unterstützung eines Protests das Land verlassen.
Belgrad, Tiflis, Berlin: Wenn Clubs politisch werden
Belgrad ist nicht der einzige Ort, an dem eine Tanzfläche zur politischen Bühne wurde. In Tiflis stürmte im Mai 2018 bewaffnete Polizei den Club Bassiani, danach tanzten Tausende vor dem Parlament. Diese Geschichte erzählt unser Artikel über Razzien, die das Nachtleben veränderten. Und auch in Deutschland ist der Zusammenhang älter, als man meint: Die erste Loveparade war 1989 als politische Demonstration angemeldet.
Der Unterschied liegt im Einsatz. In Berlin ging es um Freiräume für eine Kultur. In Belgrad und Tiflis standen Clubs in einer Auseinandersetzung, in der Lizenzen, Förderung und manchmal die Sicherheit der Betreiber auf dem Spiel standen. Dass sie sich trotzdem öffentlich positionierten, erklärt sich aus ihrer Herkunft: Die Szene hat nie vergessen, dass sie in den Neunzigern ein Gegenort war.
Was der Machtwechsel für Clubs und Festivals bedeuten kann
Was die neue Mehrheit konkret ändert, ist offen. Ob EXIT nach Novi Sad zurückkehrt, ob öffentliche Förderung für Kultur neu verteilt wird und wie sich die Lage für Veranstalter entwickelt, hängt von einer Regierung ab, die zum Zeitpunkt dieses Textes noch nicht gebildet ist. Sicher ist nur, dass die Clubs in diesen zwei Jahren etwas gezeigt haben, das man außerhalb Serbiens oft vergisst: Eine Szene ist nicht nur ein Markt für Bookings, sondern eine Gemeinschaft mit eigener Haltung. In Belgrad hat diese Haltung eine dreißig Jahre lange Vorgeschichte, von einem Keller unter einer Buchhandlung bis zu einer Nacht im Oktober, in der ein Club „Raveland“ postete.
Häufige Fragen
Welche Techno-Clubs gibt es in Belgrad?
Der bekannteste ist Drugstore, seit 2014 in einem ehemaligen Schlachthof am Bulevar despota Stefana. Gleich daneben liegt Karmakoma, das das Drugstore-Team Ende 2023 eröffnet hat. Auf dem Wasser ist Klub 20/44 der bekannteste Underground-Ort, ein Clubboot mit Schwerpunkt auf Disco, House und Leftfield.
Was ist ein Splav in Belgrad?
Ein Splav (Mehrzahl: Splavovi) ist ein Club auf einem festgemachten Schiff oder Floß am Ufer von Save oder Donau. Die meisten Splavovi sind kommerziell ausgerichtet, einige wenige wie Klub 20/44 gehören zur Underground-Szene.
Findet das EXIT-Festival noch in Novi Sad statt?
Nein. Die Ausgabe 2025 war die letzte auf der Festung Petrovaradin. Nach eigenen Angaben verlor EXIT nach seiner Unterstützung der Studentenproteste jede öffentliche Förderung in Serbien. 2026 fand das Festival vom 3. bis 6. Juli in Ulcinj in Montenegro statt.
Warum unterstützen serbische Clubs die Studentenproteste?
Die Proteste begannen nach dem Einsturz des Bahnhofsvordachs in Novi Sad am 1. November 2024, bei dem 16 Menschen starben. Clubs wie Drugstore, Karmakoma und Klub 20/44 schlossen am 24. Januar 2025 zum Generalstreik. Die Szene versteht sich seit den Neunzigern, als sie unter Milošević entstand, als Gegenort.
Was hat Radio B92 mit Techno in Belgrad zu tun?
B92 wurde 1989 als Jugendsender gegründet und war in den Neunzigern eine der wenigen unabhängigen Stimmen in Serbien. Der Sender spielte Musik, die sonst kaum zu hören war, und aus seinem Umfeld kamen DJs wie Gordan Paunović und Boža Podunavac, die die frühe Ravekultur der Stadt prägten.
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