MAXIM SCHUNK
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Szene6. Oktober 20266 Min. Lesezeit

Balkan im Club: Acht Momente von Kreuzberg bis Sofia

Von BalkanBeats in Kreuzberg über Shantels Bucovina Club bis zum Chalga-Techno aus Sofia: acht Momente, die Balkanklänge auf die Tanzfläche brachten.

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Symbolbild, KI-generiert
Symbolbild, KI-generiert

Im Oktober 1990 kommt ein junger Mann aus Zenica in Berlin an, ausgerechnet am Tag der Deutschen Einheit. Drei Jahre später legt Robert Šoko in einer Kreuzberger Punkkneipe Platten auf, für Leute, die wie er aus einem Land kamen, das gerade zerfiel. Aus diesen Abenden wurde eine Partyreihe, aus der Partyreihe ein Begriff, und aus dem Begriff ein Sound, der heute in Sofia, Belgrad und auf Boiler Room läuft.

Anlass für diesen Rückblick ist eine Liste. Die Vogue Adria hat zehn DJs benannt, die man im Blick behalten soll, FAZEmag hat sie am 6. Oktober 2026 aufgegriffen. Neben dem Trance-Comeback und immer schnellerem Hard Techno hält die Liste eine Entwicklung fest, die leicht untergeht: Balkan-Melodien und regionale Klänge finden ihren Weg auf internationale Tanzflächen. Mit dem Bulgaren Goro und seinem Kollektiv Zabranena Muzika sowie drei Acts aus Serbien stehen gleich mehrere Namen aus der Region darauf. Neu ist das nicht. Es ist die vorerst letzte Station einer Geschichte, die über 30 Jahre zurückreicht und erstaunlich oft durch Deutschland führt. Acht Momente, die sie geprägt haben.

1. Kreuzberg, 1993: BalkanBeats beginnt als Heimweh-Party

Robert Šoko fing 1993 an aufzulegen. Seine ersten Abende im Arcanoa, einer Punkbar in Kreuzberg, waren eine Party für Entwurzelte, keine Clubnacht mit Konzept. Im Jahr 2000 gab er dem Ganzen den Namen BalkanBeats. Die Reihe zog später ins Lido und lief dort einmal im Monat; Šoko brachte sie nach London, Paris, Budapest und bis nach Mexiko-Stadt und Tokio.

Warum das zählt: BalkanBeats war von Anfang an Diaspora-Kultur. Die Musik kam nicht als Exotik in den Club, sondern mit den Menschen, die sie mitgebracht hatten. Dieses Muster wiederholt sich durch die ganze Geschichte, bis heute.

2. Frankfurt, Bucovina Club: Blasmusik trifft Clubsound

Der Frankfurter DJ Stefan Hantel, bekannt als Shantel, kam aus der elektronischen Musik. Was ihn umlenkte, war die Reaktion des Publikums auf Roma-Blaskapellen wie Fanfare Ciocărlia und den Trompeter Boban Marković. Er begann, diese Musik elektronisch zu bearbeiten und in seine Sets zu nehmen. Daraus entstand der Bucovina Club, eine Partyreihe, die er unter anderem im Schauspiel Frankfurt veranstaltete. Benannt ist sie nach der Bukowina, der Region im ukrainisch-rumänischen Grenzgebiet, aus der Teile seiner Familie stammen.

Die gleichnamige Compilation erschien 2003 auf Shantels Label Essay Recordings, mit Goran Bregović, Taraf de Haïdouks, Kočani Orkestar und Fanfare Ciocărlia. 2006 gewannen die beiden Bucovina-Club-Compilations den Club-Global-Preis der BBC Radio 3 Awards for World Music. Meine Einordnung: Frankfurt gab der Welle ihr zweites Standbein. Mit Clubnacht und Compilation lieferte Shantel ein Paket, das sich leicht in andere Städte tragen ließ.

3. New York, 2005: Balkan Beat Box macht daraus ein Bandprojekt

Am 20. September 2005 erschien das Debütalbum von Balkan Beat Box. Gegründet hatten das Projekt 2003 die israelischen Musiker Tamir Muskat und Ori Kaplan in New York, veröffentlicht wurde auf dem Label JDub Records. Die Platte verband Bläser, Elektronik, Funk und Gypsy Punk und bekam von Robert Christgau ein A−.

Der Beitrag zur Geschichte: Balkan Beat Box zeigte, dass der Sound keine Herkunft als Eintrittskarte braucht. Wer Bläserlinien und Beats zusammenbringen konnte, gehörte dazu. Das öffnete die Szene, verwässerte sie aber auch. Ab hier gab es „Balkan“ als Etikett, das sich auf vieles kleben ließ.

4. Hollywood, 2006: Der Borat-Soundtrack bringt die Bläser ins Kino

Ausgerechnet eine Satire über ein erfundenes Kasachstan wurde zum größten Schaufenster dieser Musik. Der Soundtrack zu „Borat“ bestand überwiegend aus Musik vom Balkan und aus der Roma-Tradition, viel davon mit Bläsern: Fanfare Ciocărlia mit ihrer Version von „Born to Be Wild“, Goran Bregović mit „Ederlezi“ und Mahala Rai Banda mit „Mahalageasca (Bucovina Dub)“ in Shantels Bearbeitung.

Das ist der zwiespältigste Moment auf dieser Liste. Ein Frankfurter Remix landete in einem weltweit gesehenen Film, und zugleich wurde die Musik mit einem Witz über Osteuropa verknüpft. Viele, die diese Bläser später in einem Club hörten, hatten sie zuerst als Lacher kennengelernt.

5. Istanbul, 2007: „Disko Partizani“ wird Pop

Shantels Album „Disko Partizani“ erschien im August 2007. Es entfernte sich vom technoiden Klang des Bucovina Club und rückte näher an die Wurzeln, mit Einflüssen aus Griechenland und der Türkei. Den Clip zum Titelstück drehte Shantel in Istanbul, und in der Türkei wurde das Album 2008 und 2009 mit Platin ausgezeichnet.

Der Punkt dahinter: Die Musik ging dorthin zurück, wo ihre Klänge herkamen, und wurde dort als Pop angenommen. Das ist selten. Meist reist Folklore aus dem Süden nach Norden, wird remixt und kommt nie zurück.

6. Berlin, 2007: Miss Platnum und der Balkan-R’n’B

Miss Platnum, geboren in Timișoara und mit acht Jahren nach West-Berlin gekommen, veröffentlichte im Mai 2007 ihr Album „Chefa“, produziert von Die Krauts. Die Mischung aus Hip-Hop, Soul, R’n’B und rumänischen Elementen war neu im deutschen Pop. Die Single „Give Me the Food“ kam in Rumänien in die Top 20 und in Deutschland auf Platz 63.

Kein Clubtrack im engeren Sinn, aber ein wichtiger Schritt: Der Balkan-Einfluss wanderte aus der Partynische in den Urban-Pop. Dass es genau zwischen Pop und Club bis heute die meisten Überschneidungen gibt, fängt hier an.

7. Rumänien, 2007: [a:rpia:r] und der Balkan ohne Folklore

Im selben Jahr erschien die erste Platte eines Labels, das mit alldem nichts zu tun haben wollte. Rhadoo, Petre Inspirescu und Raresh gründeten [a:rpia:r], und ihr Sound war das Gegenteil von Blaskapelle: langsamer, reduzierter, hypnotischer Minimal, irgendwo zwischen House und Techno. Daraus wurde ein eigener Begriff: „Rominimal“. Mehr zum rumänischen Strang steht in unserem Text über Minimal Techno.

Warum das auf diese Liste gehört: Der international einflussreichste Clubsound aus Südosteuropa kam ohne jede Folklore aus. Das ist die Gegenprobe zur Bucovina-Welle. Wer heute über „Balkan-Sound“ im Club redet, muss beide Linien kennen, die laute mit den Bläsern und die leise aus Rumänien.

8. Sofia, 2026: Zabranena Muzika holt Chalga in den Rave

Die jüngste Station klingt anders als alle vorherigen. Zabranena Muzika, „verbotene Musik“, ist ein Kollektiv aus Sofia, das vor rund vier Jahren entstand, als DJ Goro aus Berlin zurückkam. Es verbindet Chalga, Turbo-Folk und Balkan-Melos mit aktueller Clubmusik und nennt das Balkancore. Der Name spielt auf das Stigma an, das Chalga in Teilen der bulgarischen Gesellschaft trägt. Am 20. März 2026 veröffentlichte Boiler Room eine Session des Kollektivs aus Sofia, für Goro der Höhepunkt von vier Jahren Arbeit.

Der Unterschied zu den Nullerjahren: Damals wurde Balkanmusik oft von außen veredelt, für ein Publikum in Frankfurt oder Berlin. Heute arbeiten die Produzenten von innen heraus mit dem Material, das sie selbst geprägt hat, auch mit dem, was als peinlich galt. Und auch jenseits von Balkancore schaffen es Produzenten aus der Region auf große Labels: Der Serbe Pessto veröffentlichte im Sommer 2026 einen Tech-House-Track auf Diynamic, dem Hamburger Label von Solomun, der selbst in Travnik in Bosnien geboren wurde. Der Weg führt also wieder über Deutschland.

Was die Linie zusammenhält

Auffällig viele dieser acht Momente haben eine deutsche Station. Das ist kein Zufall: Berlin und Frankfurt hatten große Gemeinschaften aus Südosteuropa und Clubs, in denen man ausprobieren durfte. Die Bläser-Welle der Nullerjahre ist abgeebbt, der Bucovina-Sound klingt heute nach seiner Zeit. Was geblieben ist, ist die Idee, dass regionale Klänge nicht bloß Würze für einen fremden Track sind. Wie südafrikanische Clubmusik einen ähnlichen Weg nahm, zeigt unser Text über Afro House und Amapiano.

Ob Balkancore bleibt, entscheidet nicht die Vogue. Aber die Geschichte zeigt: Diese Musik ist schon einmal von einer Kreuzberger Kneipe und einem Frankfurter Theater bis zu Platin in der Türkei gekommen. Und vergessen wurde sie zwischendurch nie, sie lief nur in anderen Räumen.

Häufige Fragen

Was ist Balkan Beats?

Balkan Beats bezeichnet Clubmusik, die Blasmusik, Roma-Musik und Folklore aus Südosteuropa mit elektronischen Beats verbindet. Den Begriff BalkanBeats prägte der Berliner DJ Robert Šoko im Jahr 2000 als Namen seiner Partyreihe.

Wer ist Shantel?

Shantel heißt bürgerlich Stefan Hantel und ist ein Frankfurter DJ und Produzent. Mit seiner Partyreihe und den Compilations „Bucovina Club“ machte er Roma-Blaskapellen im Club populär; sein Album „Disko Partizani“ von 2007 wurde in der Türkei mit Platin ausgezeichnet.

Was ist Balkancore?

Balkancore nennt das Sofioter Kollektiv Zabranena Muzika seine Mischung aus Chalga, Turbo-Folk, Balkan-Melos und aktueller Clubmusik. Anders als die Bläser-Welle der Nullerjahre arbeitet es mit Popformen der Region, die lange als peinlich galten.

Was ist Rominimal?

Rominimal steht für den rumänischen Minimal-Sound, den vor allem Rhadoo, Petre Inspirescu und Raresh mit ihrem Label [a:rpia:r] prägten: langsam, reduziert und hypnotisch, ganz ohne Folklore-Elemente.


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