Twilo: Der Club, in dem New York Progressive House lernte
Twilo in Chelsea war 1995 bis 2001 Amerikas Bühne für Progressive House: Sasha und Digweed, Nächte über acht Stunden, ein Krieg mit der Stadt und ein Comeback.

Am Freitag, dem 6. März 2026, stand John Digweed wieder in dem Raum an der 530 West 27th Street in Manhattan, in dem er Ende der Neunziger an jedem letzten Freitag im Monat aufgelegt hatte. Er spielte fünf Stunden. Beide Nächte des Wochenendes waren ausverkauft, und nach Schätzung des Veranstalters waren rund zwei Drittel der Gäste schon damals hier gewesen. Der Club, der für dieses eine Wochenende zurückkam, heißt Twilo. Sechs Jahre lang war er der Ort, an dem Amerika Progressive House lernte. Dann schloss ihn die Stadt.
Ein Lagerhaus in Chelsea, zwei Clubs
Die Geschichte des Hauses beginnt vor Twilo. 1989 öffnete in dem Lagerhaus zwischen Tenth und Eleventh Avenue die Sound Factory, und ihr Mittelpunkt war Junior Vasquez. Seine Sonntagmorgen gehören zur Legende der New Yorker Housekultur. Man nannte den Club „The House That Junior Built“. Anfang 1995 war Schluss, nach Querelen hinter den Kulissen um die Zukunft des Hauses.
Phil Smith, einer der Mitbetreiber, baute das Gebäude um und eröffnete es neu als Twilo. Das wichtigste neue Ausstattungsstück war eine Anlage namens Phazon, die damals nur hier lief und später zum Mythos wurde. 1997 kehrte Vasquez in den Raum zurück, mit einer eigens für ihn gebauten DJ-Kanzel. Der Ort hatte also schon eine große Housenacht hinter sich, als die beiden Briten kamen, die ihn international berühmt machen sollten.
Wie Sasha und Digweed nach New York kamen
Mitte der Neunziger waren Sasha und John Digweed in England bereits das bekannteste DJ-Duo ihrer Generation. Ihre Compilation „Renaissance: The Mix Collection“ von 1994 hatte gezeigt, wie ein Mix als zusammenhängende Erzählung funktioniert. 1996 folgte „Northern Exposure“, und mit diesem Album tourten die beiden durch die USA. Den Freitag bei Twilo buchte Mike Bindra, der dort gerade die Freitage übernommen hatte. Laut Village Voice war die Buchung der beiden seine erste Amtshandlung. Jahre später gründete Bindra das Festival Electric Zoo.
Der Anfang war zäh. Digweeds Biografie spricht von einer verhaltenen Resonanz in den ersten Monaten, und über das Startjahr sind sich die Quellen nicht einig: Manche nennen 1996, andere 1997. Was danach kam, ist dagegen gut belegt. Die beiden spielten einmal im Monat die ganze Nacht, acht Stunden und oft länger. Das war die Form, die ihren Sound erst erklärte: lange Spannungsbögen, Basslinien, die sich über Minuten verschieben, Breaks ohne Explosion. Progressive House war in England als Begriff entstanden, aber wie er klingt, wenn er nicht nach zwei Stunden aufhören muss, ließ sich in Chelsea hören. Wie die Idee vom Mix als Reise zur selben Zeit auf CD gepresst wurde, erzählt die Geschichte von Global Underground.
Twilo war dabei kein reiner Sasha-und-Digweed-Club. Danny Tenaglia, Paul van Dyk und Carl Cox spielten regelmäßig, Vasquez hatte seine Nächte. Die Mischung machte den Ort aus: hier die New Yorker Housetradition mit Vocals und Diven, dort der lange, dunkle, britische Bogen. Beides teilte sich ein Soundsystem und ein Publikum, das mehrere Tausend Menschen pro Nacht zählen konnte.
Die Stadt gegen den Club
Parallel zum Aufstieg lief ein zweiter Erzählstrang, und der spielte nicht auf der Tanzfläche. Im New York der späten Neunziger ging die Stadtverwaltung massiv gegen Nachtclubs vor. Bei Twilo hatte das konkrete Anlässe. Die Stadt brachte zwei Todesfälle nach Ecstasy-Konsum mit dem Club in Verbindung; im Fall der jungen Frau, die im Juni 1998 starb, betonte deren Anwalt, sie sei nicht in Twilo gestorben. Verdeckte Ermittler hatten 1998 innerhalb von acht Monaten nach Angaben der Polizei 18 Mal Drogen im Club gekauft.
Der erste Versuch, Twilo über das sogenannte Nuisance-Abatement-Gesetz schließen zu lassen, scheiterte 1998. Richterin Jane Solomon sah damals keine ausreichende Grundlage für eine Schließung und erließ stattdessen eine Verfügung gegen den Drogenhandel im Haus. Im Herbst 2000 kam die zweite Runde. Am 8. Oktober sollen Türsteher drei bewusstlose Gäste vor der Polizei versteckt haben. Am 27. Oktober verweigerte die Verbraucherschutzbehörde der Stadt die Verlängerung der Cabaret-Lizenz, ohne die ein großer Tanzclub in New York nicht betrieben werden durfte. Im April 2001 berichtete die New York Times, ein ehemaliger Mitarbeiter werfe dem Club vor, kollabierte Gäste mit privaten Krankenwagen weggebracht zu haben. Das Management erklärte, der Krankenwagen sei auf Empfehlung der Stadt bestellt worden.
Der letzte Freitag
Die Residency selbst bekam zu diesem Zeitpunkt schon Risse. 2000 erschien „Communicate“, das nächste Mixalbum von Sasha und Digweed, und für die Promotour durch die USA setzten die beiden bei Twilo aus. Anfang 2001 verletzte sich Sasha am Ohr und konnte nicht mehr spielen. Digweed übernahm die Freitage allein, bis zum Ende.
Das Ende kam im Mai 2001. Twilo musste seine Cabaret-Lizenz abgeben, die Stadt ordnete die Schließung an. Es gab kein angekündigtes Abschiedsset, keine letzte Nacht, auf die man hinfeiern konnte. Der Club hörte einfach auf. Vasquez' Residency endete im selben Monat. Damit verlor New York die Bühne, auf der sich ein britischer Clubsound in Amerika durchgesetzt hatte, und das zu einem Zeitpunkt, als die Stadt ohnehin viele ihrer großen Räume verlor. Das Muster ist auch hierzulande bekannt: Wie Behörden mit Drogenfällen gegen Clubs argumentieren und welche Folgen das hatte, zeigt die Übersicht über Razzien, die das Nachtleben verändert haben.
Der Raum blieb. Erst zogen andere Clubs ein, darunter Spirit und B.E.D., dann übernahm ihn das immersive Theaterstück „Sleep No More“, das das Gebäude als fiktives McKittrick Hotel bespielte.
Was der Sound mitnahm
Was von Twilo blieb, ist weniger ein Ort als eine Vorstellung davon, wie Progressive House gespielt werden will: lang, geduldig, mit einem Publikum, das auf den Bogen wartet statt auf den Drop. Digweed hat diese Vorstellung mit seinem Label Bedrock weitergetragen. Andere Szenen haben sie übernommen, am deutlichsten Argentinien, wo Hernán Cattáneo und Sudbeat den Sound eine Generation lang am Leben hielten. Die Geschichte dazu steht in Wie Buenos Aires zur Heimat des Progressive House wurde.
Wie lebendig dieses Erbe ist, lässt sich in den Beatport-Charts ablesen. Am 30. Oktober 2026 stand „Monteverde“ des in Jerewan geborenen, in Los Angeles lebenden Produzenten Ruben Karapetyan, erschienen am 23. Oktober, auf Platz 19 der Progressive-House-Charts, in derselben Liste wie zwei neue Tracks des Briten Nick Warren, der schon in den Neunzigern zu den prägenden DJs dieses Sounds gehörte. Was Beatport heute unter Progressive House einsortiert, ist nicht der melodische Festivalsound der 2010er, sondern genau diese tiefe, rollende Clubmusik. Sie wird von Buenos Aires bis Los Angeles produziert und hat ihre Wurzeln in Clubnächten wie denen in Chelsea.
Zurück an die 27th Street
Im März 2026 kam der Name zurück. Alan Sacks und Eric Ortense organisierten zwei Nächte im ursprünglichen Gebäude: Am Freitag spielten Digweed und Tenaglia, am Samstag feierte Tenaglia seinen Geburtstag mit Twilo-Klassikern, während im Loft The Carry Nation und Benny Soto auflegten. Die Phazon-Anlage ließ sich nicht wiederbeleben; stattdessen lief Tenaglias eigenes STAX-System. Sasha war nicht dabei. Tenaglia sagte, er hoffe, dass der Club „wenigstens einmal im Monat“ öffne, und Veranstalter Alan Sacks würde daraus gern eine Reihe machen. Angekündigt ist bislang aber nichts.
Digweeds Set vom 6. März erschien am 24. Juli 2026 als „Live at Twilo“, fünf Stunden auf vier CDs. Das ist vielleicht das passendste Denkmal für diesen Club: keine Gedenktafel, sondern eine Nacht in voller Länge. Twilo hat gezeigt, dass Progressive House kein Genre für zwei Stunden ist. Dass eine Stadt einen solchen Ort schließen kann, der Sound aber trotzdem weiterzieht und ein Vierteljahrhundert später in den Charts wieder auftaucht, produziert von einem in Jerewan geborenen Kalifornier, ist das eigentliche Ende dieser Geschichte. Oder ihr Anfang.
Häufige Fragen
Wo war der Club Twilo in New York?
Twilo lag an der 530 West 27th Street in Chelsea, Manhattan, zwischen Tenth und Eleventh Avenue. Im selben Gebäude war von 1989 bis Anfang 1995 die Sound Factory mit Junior Vasquez untergebracht.
Warum wurde Twilo 2001 geschlossen?
Die Stadt New York ging jahrelang wegen Drogenvorwürfen gegen den Club vor. Im Oktober 2000 verweigerte die Verbraucherschutzbehörde die Verlängerung der Cabaret-Lizenz. Im Mai 2001 musste Twilo die Lizenz abgeben und schließen.
Wie lange haben Sasha und Digweed bei Twilo aufgelegt?
Die beiden spielten Ende der Neunziger einmal im Monat freitags die ganze Nacht, meist acht Stunden und mehr. Ob die Residency 1996 oder 1997 begann, ist in den Quellen umstritten. Ab Anfang 2001 spielte Digweed allein, weil Sasha eine Ohrverletzung hatte.
Hat Twilo wieder geöffnet?
Nur für ein Wochenende: Am 6. und 7. März 2026 kehrte Twilo mit John Digweed und Danny Tenaglia in das ursprüngliche Gebäude zurück, beide Nächte waren ausverkauft. Der Veranstalter würde gern eine Reihe daraus machen, angekündigt ist bislang aber nichts.
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