Global Underground: Wie ein DJ-Mix zur Reise wurde
Newcastle 1996: Wie zwei Tape-Händler mit Global Underground den DJ zum Reisenden machten, von Tony De Vit in Tel Aviv bis zum Jubiläumsalbum THIRTY.

Im November 1996 kam aus Newcastle upon Tyne eine Doppel-CD, auf der ein britischer DJ einen Abend in Tel Aviv festhielt. Der DJ hieß Tony De Vit, die Katalognummer GU001, das Label Boxed. Hinter dem Projekt standen zwei junge Männer aus dem Nordosten Englands, Andy Horsfield und James Todd, die ihr erstes Geld mit Kassettenmitschnitten von DJ-Sets verdient hatten, die sie an Plattenläden in der Gegend verkauften. Aus dieser Idee, einen Club-Abend so festzuhalten, wie er war, wurde eine Reihe, die das Bild vom DJ verändert hat: Global Underground.
Dreißig Jahre später steht der Name wieder in den Charts. Ende September 2026 zählte Beatports Progressive-House-Chart drei Titel unter den ersten zwanzig, an denen der Australier Jamie Stevens beteiligt ist. Eine seiner aktuellen Platten, „Hivemind“ mit dem schwedischen Techno-Produzenten Christian Smith, ist am 18. September auf Global Underground erschienen. Das ist ein guter Anlass, die Geschichte von vorn zu erzählen.
Zwei Jungs aus Newcastle und ein Hard-House-DJ in Tel Aviv
Dass Global Underground nicht in London entstand, sondern in Newcastle, ist Teil der Identität. Das Label beschreibt sich bis heute ausdrücklich als unabhängige Firma aus dem Nordosten, fern der Metropole. Die Mix-CD war Mitte der Neunziger in Großbritannien ein verbreitetes Format; auf vielen Hüllen stand der Name eines Clubs oder einer Marke, nicht der des DJs.
Horsfield und Todd wollten etwas anderes. Der DJ sollte selbst auswählen, ohne Vorgaben, und die Aufnahme sollte nach einem echten Abend an einem echten Ort klingen. Die erste Wahl fiel auf Tony De Vit, der sich in den Londoner Clubs Heaven und Trade einen Namen gemacht hatte. Sein Sound war hart und schnell, Hard House und Trance, weit weg von dem, womit man die Reihe später verbindet. Das NME schrieb 1998, De Vit habe diesen Sound aus der schwulen Londoner Szene auf die Tanzflächen Großbritanniens und der Welt gebracht. Aufgenommen wurde GU001 bei einem Auftritt in Tel Aviv.
Eine GU002 sucht man in der britischen Zählung übrigens vergeblich: Nach GU001 ging es mit GU003 weiter. Nur in den USA, wo der Partner Thrive die frühen Ausgaben eigenständig durchnummerierte, trägt Paul Oakenfolds „New York“ die Nummer 002.
Warum eine Mix-CD plötzlich wie ein Reisetagebuch aussah
Das Konzept war simpel und damals neu: ein DJ, eine Stadt, zwei CDs. Dazu kamen Fotos aus der Stadt und vom Abend, Texte über die Reise und das Gesicht des DJs auf dem Cover. Das Branchenblatt Billboard hat Global Underground als erste Mix-CD-Reihe bezeichnet, die hochwertige Fotos der DJs auf die Hüllen setzte. Was heute selbstverständlich ist, war 1996 eine kleine Umdeutung: Der DJ war nicht mehr Dienstleister, der fremde Platten aneinanderreiht, sondern ein Künstler mit Handschrift, den man auf Tour begleitet.
Im März 1997 folgte Nick Warren mit einem Mitschnitt aus Prag, im selben Jahr Paul Oakenfold aus Oslo, aufgenommen im Club Cosmopolite beim Auftakt des Quart-Festivals. Auch De Vits zweite Ausgabe, GU005 aus Tokio, war noch ein Live-Mitschnitt. Danach war mit dem Live-Prinzip Schluss: Die folgenden Ausgaben entstanden im Studio, als Nachbildung eines Abends in der jeweiligen Stadt. Das klingt nach Verlust, war aber die Voraussetzung für das, was kam: Mixe, die als Alben funktionierten und nicht nach Raumakustik und Publikumslärm klangen.
Sydney, San Francisco, Ibiza: das Jahr, in dem Progressive House seine Bühne fand
1998 wurde zum Schlüsseljahr. Im April erschien GU006, John Digweed in Sydney, die erste Ausgabe der Reihe, die auch in den USA vollwertig veröffentlicht wurde, einem Markt, der als schwierig galt. Im November folgte GU009, Sasha in San Francisco, angelehnt an seine Sets im Club Spundae. Sasha eröffnete die erste CD mit Klängen und Stimmen, die er beim Gang durch die Stadt aufgenommen hatte, bevor der erste Track einsetzt. Genau diese Verbindung von Ort und Musik war es, die Global Underground von anderen Reihen unterschied.
Beide Alben stehen für den Sound, mit dem das Label bis heute verbunden wird: lange, sich langsam entwickelnde Progressive-House- und Progressive-Trance-Mixe, die über zwei Stunden einen Bogen spannen, statt auf den nächsten Höhepunkt zu springen. Wer verstehen will, warum Progressive House so arrangiert wird, findet in diesen Doppel-CDs die Blaupause. Die handwerkliche Seite davon beschreibt unser Artikel Progressive House produzieren.
Im selben Jahr verlor die Reihe ihren ersten Protagonisten. Tony De Vit starb am 2. Juli 1998 mit 40 Jahren. 1999 kehrte Sasha mit GU013 zurück, diesmal aus Ibiza.
Vom Label Boxed zur Marke Global Underground
Das ursprüngliche Label Boxed betrieb neben der Hauptreihe weitere Serien, etwa Nubreed für neue Namen und Electric Calm für ruhigere Musik. 2001 schloss Boxed, an seine Stelle trat Global Underground Ltd. Die Reihe überlebte damit auch das langsame Ende der Mix-CD als Massenformat. Was in Deutschland die großen Techno-Sampler der Neunziger waren, über die ein ganzes Land Techno kennenlernte, war Global Underground für den progressiven Teil der Szene weltweit: ein Einstieg, den man ins Regal stellen konnte.
Dass das Format über das CD-Zeitalter hinaus Bestand hatte, zeigte sich 2014. Für die 40. Ausgabe widmete Solomun seinen Mix der Heimatstadt Hamburg. Die Release-Party war zugleich die Abschlussparty seines Hamburger Clubs Ego. Das Album erschien am 1. September 2014. Ein Mix über eine Stadt wurde so auch zum Abschied von einem Ort in ihr. Im März 2019 folgte mit GU42 Patrice Bäumel und Berlin, auch als limitierte Box mit Fotobuch über die Stadt.
Dreißig Jahre, dreißig neue Tracks
Zum Jubiläum hat sich Global Underground gegen eine Rückschau entschieden. „THIRTY“ versammelt 30 neue, exklusive Stücke, unter anderem von Guy J, Nick Warren, Quivver & Dave Seaman, Danny Howells und Spencer Brown, dazu die Zusammenarbeit von Christian Smith und Jamie Stevens. Horsfield sagte zur Ankündigung sinngemäß, er wolle nach vorn schauen, nicht zurück.
Stevens passt gut in dieses Bild. Er arbeitet seit den Neunzigern in Australien an elektronischer Musik, früher als Teil der Band Infusion, heute vor allem solo im melodischen und progressiven Underground. Dass ein Produzent aus dem Land, in dem Digweed 1998 seinen Reise-Mix verortete, drei Jahrzehnte später mit einem Track auf demselben Label in den Charts steht, schließt einen Kreis. Wie aussagekräftig solche Chartplätze sind und wie sie zustande kommen, erklärt unser Text über die Beatport-Charts.
Was von der Idee geblieben ist
Global Underground hat den DJ nicht erfunden und Progressive House nicht allein groß gemacht. Aber die Reihe hat eine Vorstellung populär gemacht, die heute selbstverständlich wirkt: dass ein DJ-Set eine Erzählung ist, die an einen Ort gebunden ist, und dass der Mensch hinter den Decks ein Gesicht hat. Labels wie Drumcode haben später auf ihre Weise gezeigt, wie viel ein klar erkennbarer Sound wert ist. Global Underground war früher dran, und es kam aus Newcastle.
Dass der Sound, der 1998 in Sydney und San Francisco verortet wurde, 2026 wieder die Charts bevölkert, ist deshalb keine Nostalgie. Es zeigt, dass die Idee vom langen Bogen die Moden der letzten dreißig Jahre überstanden hat.
Häufige Fragen
Was ist Global Underground?
Ein britisches Label aus Newcastle upon Tyne, 1996 von Andy Horsfield und James Todd gegründet. Bekannt wurde es durch seine Mix-Reihe, in der jede Ausgabe einem DJ und einer Stadt gewidmet ist, etwa John Digweed in Sydney oder Sasha in San Francisco.
Welche war die erste Global-Underground-CD?
GU001, ein Mitschnitt von Tony De Vit aus Tel Aviv, erschienen im November 1996 auf dem Label Boxed.
Warum fehlt die GU002?
In der britischen Zählung folgte auf GU001 direkt GU003. Nur in den USA, wo der Partner Thrive die frühen Ausgaben eigenständig nummerierte, trägt Paul Oakenfolds „New York“ die Nummer 002.
Weitere Artikel
Ratgeber
Track-ID finden: Was war das für ein Song im DJ-Set?
Events
Sunrise-Set: warum Festivals morgens anders klingen
Ratgeber
Progressive House produzieren: Aufbau, Sound, Arrangement
Über Maxim
„My Name” von Maxim Schunk, Raven & Kreyn und BISHØP: Der Durchbruch von 2018
Ratgeber
Vom Klassiker zum Club-Hit: Ein Cover produzieren im Progressive House
DJ-Guide