MAXIM SCHUNK
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Szene12. Oktober 20265 Min. Lesezeit

Wie Buenos Aires zur Heimat des Progressive House wurde

Pacha, Creamfields mitten in der Krise, das Teatro Colón: wie Hernán Cattáneo und Argentinien Progressive House bis in die Beatport-Charts von heute trugen.

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Symbolbild, KI-generiert
Symbolbild, KI-generiert

Am 12. Oktober 2026 steht ein Track gleich dreimal in den oberen 20 des Progressive-House-Charts bei Beatport: „Lovin' Sun“ von Budakid. Auf Platz 9 und Platz 14 steht der Remix von Guy J, einmal als Single vom 17. September und einmal aus einem Paket vom 8. Oktober. Auf Platz 16 folgt die Fassung von Hernán Cattáneo und Kevin Di Serna. Budakid heißt eigentlich Kevin Huizing, ist niederländisch-indonesischer Herkunft und hat lange von Berlin aus gearbeitet. Er veröffentlichte auf Watergate, Permanent Vacation und Exploited, „Lovin' Sun“ war im Juli 2024 die erste Platte seines eigenen Labels Flores. Dass einer seiner Remixe ausgerechnet aus Buenos Aires stammt, ist kein Zufall. Dahinter steht eine Geschichte, die vor rund dreißig Jahren in einem Club am Río de la Plata anfing.

Ein Junge aus Buenos Aires und eine Kiste Chicago-Platten

Hernán Cattáneo wurde am 4. März 1965 in Buenos Aires geboren. Seinen ersten DJ erlebte er mit 15 auf einer Schulparty, wo Alejandro Pont Lezica auflegte. 1987 brachte ihm ein Freund Chicago-House-Platten aus New York mit, und über sie fand er zu Frankie Knuckles. Anfang der Neunziger arbeitete er beim Radiosender FM Z95, 1996 und 1997 wurde er in Argentinien zum DJ des Jahres gewählt. Den Ort, an dem seine Laufbahn wirklich begann, bekam er 1996: eine Residency im Pacha Buenos Aires.

Dort eröffnete er für die Gast-DJs, die Ende der Neunziger aus England einflogen. Paul Oakenfold hörte ihn, nahm ihn mit auf Tour und holte ihn zu seinem Label Perfecto. Für Cattáneo war das der Sprung aus einer lokalen Szene in den internationalen Kalender. Es folgten die Mix-Compilations „Clubland“ (1999 und 2000) und 2002 „Perfecto Presents: South America“. Der Titel klingt heute nach Marketing. Damals stimmte er: Ein Argentinier stellte einem europäischen Publikum einen Kontinent vor, auf dem dieser Sound längst zu Hause war.

Ein Publikum, das bis zur letzten Platte bleibt

Wie stark dieser Sound in Buenos Aires verankert war, zeigt eine Platte aus dem Sommer 1999. Am 23. August erschien „Global Underground 012: Buenos Aires“ von Dave Seaman, ein Rückblick auf ein Set im Pacha. Ein Fernsehteam von Channel 4 drehte an diesem Abend für eine Dokumentation über die Reihe. Das Publikum in Buenos Aires galt schon damals als eines, das bis zur letzten Platte bleibt. Wer wissen will, wie aus solchen Nächten eine ganze Compilation-Kultur wurde, findet die Geschichte der Reihe im Porträt von Global Underground.

Dahinter steckt mehr als Begeisterung für Gäste aus dem Ausland. Progressive House baut Spannung über lange Strecken auf, Sets dauern oft vier, sechs oder acht Stunden. Er braucht ein Publikum, das Geduld hat und den Bogen einer ganzen Nacht mitgeht, statt auf den nächsten Drop zu warten. Genau dafür war Buenos Aires bekannt. Für die britischen DJs war das ein Glücksfall, für die argentinischen Resident-DJs eine Schule: Sie lernten, Nächte zu bauen, nicht nur Tracks zu spielen.

Ein Festival mitten in der Krise

2001 brachte Cream aus Liverpool sein Festival Creamfields zum ersten Mal nach Lateinamerika, nach Buenos Aires. Der Zeitpunkt hätte kaum schlechter sein können. Argentinien steckte in der schwersten Wirtschaftskrise seiner Geschichte, und der Schritt galt als riskant. Die erste Ausgabe von Creamfields BA fand auf einem sechs Hektar großen Gelände an der Pferderennbahn von San Isidro statt. Berichten zufolge kamen rund 18.000 Menschen. 2005 waren es nach Angaben des Festivals schon 60.000. Cattáneo stand schon bei der ersten Ausgabe im Line-up und danach fast jedes Jahr.

2005 spielten Sasha und John Digweed am 9. April auf dem Southfest in Buenos Aires. Wenige Monate später, im Juli 2005, erzählte Sasha in einem Interview, er habe gerade in Buenos Aires in einem Open-Air-Stadion vor 23.000 Menschen gespielt, und die seien vollkommen ausgerastet. Für einen DJ, der in Manchester in Lagerhallen angefangen hatte, war das eine andere Größenordnung.

Als der Name woanders etwas anderes bedeutete

In den folgenden Jahren geriet der Begriff in Verwirrung. Mit der EDM-Welle der 2010er stand „Progressive House“ in vielen Charts und auf vielen Festivalplakaten plötzlich für Hymnen mit großem Break und Drop, also für ziemlich genau das Gegenteil der langen, tiefen Sets aus dem Pacha. Warum derselbe Name bis heute zwei Sachen meint, erklärt ausführlich unser Produktionsguide zu Progressive House.

Cattáneo blieb beim alten Sound und baute ihm eine eigene Infrastruktur. Zwischen 2004 und 2012 mixte er mehrere Folgen der „Masters Series“ von Renaissance, 2014 folgte „Balance 026“. 2009 gründete er das Label Sudbeat. Seine wöchentliche Radiosendung „Resident“ hat inzwischen mehr als 800 Folgen. Über Sudbeat und „Resident“ fanden jüngere Argentinier ihren Weg. Kevin Di Serna kam 2013 zu Sudbeat und spielte 2014 in Beirut das Warm-up für Cattáneo und Nick Warren. Wie Budakid veröffentlichte auch er auf Watergate.

Fünfzig Musiker im Teatro Colón

Wie weit dieser Sound in Argentinien in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, zeigte sich im Februar 2018. Cattáneo spielte „Connected“ im Teatro Colón, dem berühmten Opernhaus von Buenos Aires, mit einem Orchester aus 50 Musikern unter der Leitung von Gerardo Gardelin. Die ersten Termine waren innerhalb weniger Stunden ausverkauft, am Ende wurden es vier ausverkaufte Vorstellungen im großen Saal. Danach folgte ein kostenloses Open Air beim Festival Únicos, laut Berichten mit rund 40.000 Menschen. 2021 kam ein Dokumentarfilm über das Konzert zu Netflix. 2025 erhielt Cattáneo einen Konex-Preis, eine der wichtigsten Kulturauszeichnungen Argentiniens. Ein DJ, der rund 30 Jahre zuvor als Resident im Club angefangen hatte, wurde damit als Künstler geehrt.

Was der Chart von heute erzählt

Wer im Oktober 2026 auf die Spitze des Progressive-House-Charts schaut, sieht diese Geschichte in Zahlen. Auf Platz 1 und 2 steht Simon Vuarambon mit seinem Track „Grey Area“ und seinem Rework von Josh Winks „Metro“, beide auf Digweeds Label Bedrock. Er ist in der argentinischen Provinz La Pampa aufgewachsen und hat im März 2026 das Konzert von Sasha und Digweed am Autódromo von Buenos Aires eröffnet. Weiter unten steht ein neues Release auf Sudbeat. Dazwischen findet sich Budakid, ein Produzent aus dem Umfeld der Berliner Clubs, dessen Track mit Remixen des Israelis Guy J und des Duos Cattáneo und Di Serna nach oben gekommen ist. Wie solche Mehrfachplatzierungen zustande kommen, weil jede Fassung als eigener Eintrag zählt, steht in unserer Erklärung der Beatport-Charts.

Man kann den Erfolg von „Lovin' Sun“ als Glück eines einzelnen Tracks lesen. Treffender ist eine andere Lesart. Ein Sound, der in England nach dem Ende der Superclub-Jahre an Zugkraft verlor, hat in Buenos Aires überlebt, weil ein Publikum ihm die Treue hielt und ein DJ ihm ein Label, eine Sendung und eine Bühne baute. Wenn heute ein Produzent, der von Berlin in die Alpen gezogen ist, in diesem Chart steht, dann auch auf Wegen, die in Argentinien gebaut wurden.

Häufige Fragen

Wer ist Hernán Cattáneo?

Hernán Cattáneo ist ein argentinischer DJ und Produzent, geboren 1965 in Buenos Aires. Ab 1996 war er Resident im Pacha Buenos Aires, später tourte er mit Paul Oakenfold. 2009 gründete er das Label Sudbeat, außerdem moderiert er die wöchentliche Radiosendung „Resident“.

Warum ist Progressive House in Argentinien so beliebt?

Seit den Neunzigern spielten britische Progressive-DJs regelmäßig in Buenos Aires, unter anderem im Pacha und auf Creamfields BA. Das Publikum dort galt als eines, das lange Sets bis zur letzten Platte mitgeht. Lokale DJs wie Cattáneo bauten darauf eine eigene Szene mit Labels und Radiosendungen auf.

Was war „Connected“ im Teatro Colón?

„Connected“ war ein Konzert, bei dem Hernán Cattáneo im Februar 2018 mit einem Orchester aus 50 Musikern unter Gerardo Gardelin im Teatro Colón in Buenos Aires auftrat. Alle vier Vorstellungen waren ausverkauft, 2021 erschien ein Dokumentarfilm darüber auf Netflix.


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