MAXIM SCHUNK
← Blog & Ratgeber
Szene7. November 20266 Min. Lesezeit

Jumpstyle erklärt: Belgien, Scooter und der Hype von 2007

Jumpstyle erklärt: wie der Sprungtanz in Belgien entstand, wie er klingt, warum 2007 die Niederlande sprangen und wie TikTok den Stil zurückholte.

#Jumpstyle#Hardstyle#Tanzstil#Szenegeschichte#Nullerjahre#Scooter

Symbolbild, KI-generiert
Symbolbild, KI-generiert

Im Frühjahr 2007 brauchte man in den Niederlanden keinen Club, um zu sehen, wie elektronische Musik klingt. Es reichte ein Schulhof. Jugendliche standen paarweise nebeneinander, die Arme fast regungslos, und warfen im Takt die Beine nach vorn und nach hinten, drehten sich, landeten, sprangen wieder. Aus Handylautsprechern kam eine harte, gerade Kick mit einem hüpfenden Bass dazwischen. Am 17. März stieg ein Instrumentalstück namens „Freefall“ in die niederländischen Singlecharts ein und stand bald darauf auf Platz eins. Der Tanz und die Musik hatten denselben Namen: Jumpstyle.

Was ist Jumpstyle?

Jumpstyle ist beides zugleich, ein Musikstil und ein Tanzstil. Das unterscheidet ihn von fast allen anderen Spielarten der elektronischen Musik. Bei Techno oder House gab es zuerst die Platten, und getanzt wurde, wie man eben tanzt. Beim Jumpstyle war die Bewegung von Anfang an Teil der Sache, und für viele, die ihn 2007 kennenlernten, war sie sogar die Hauptsache. Getanzt wird überwiegend mit den Beinen: Sprünge, schnelle Kicks, Drehungen, der Oberkörper bleibt vergleichsweise ruhig.

Musikalisch ist Jumpstyle ein enger Verwandter des Hardstyle, aber schlichter gebaut. Wo Hardstyle mit verzerrten, gepitchten Kicks und großen Melodien arbeitet, reduziert Jumpstyle das Arrangement auf das, was die Füße brauchen: eine durchgehende Bassdrum, einen klar gesetzten Offbeat und wenige, kurze Synthesizer-Motive.

Woher kommt Jumpstyle?

Die Wurzeln liegen in Belgien. Dort entstand der Stil in den späten Neunzigern aus der harten Clubmusik jener Jahre, aus Hard House, Hard Trance und den schnellen Spielarten, die über die Grenze aus Rotterdam kamen, wo die Gabber-Szene das Tempo längst nach oben getrieben hatte. Als Namensgeber gilt der belgische DJ Da Boy Tommy, der um 1997 und 1998 half, den Begriff „Jumpstyle“ populär zu machen. Wie groß das Publikum in Flandern damals schon war, zeigt sein Track „Halloween“: Er stand im November 1999 drei Wochen lang an der Spitze der flämischen Ultratop 50.

Danach blieb es einige Jahre eine regionale Angelegenheit. Es gab Partys, Produzenten und ein treues Publikum, aber über die Szene hinaus drang wenig. Das änderte sich, als die Musik ein Medium fand, das wie für sie gemacht war: Videoplattformen im Netz.

Wie klingt Jumpstyle — und wie viel BPM hat er?

Die meisten Jumpstyle-Tracks liegen zwischen 140 und 150 BPM, manche Produktionen gehen bis 160. Typisch sind:

  • Die Kick: eine harte, nach Roland TR-909 klingende Bassdrum im geraden Vierviertel, die ohne lange Pausen durchläuft.
  • Der Offbeat: ein kurzer Bass oder Stab zwischen den Kicks, der den Sprung markiert.
  • Die Melodie: knappe, oft simple Riffs statt ausgedehnter Trance-Flächen.
  • Das Arrangement: minimal. Ein Track muss vor allem eines leisten, er muss tanzbar bleiben, ohne den Tänzer aus dem Rhythmus zu bringen.

Spätere Varianten wie Hardjump sind härter und rücken näher an den Hardstyle heran. Die Tempotabelle aller wichtigen Genres steht im Artikel BPM-Tabelle.

2007: Als die Niederlande sprangen

Der kommerzielle Höhepunkt lag zwischen 2006 und 2008, und sein Zentrum waren die Niederlande. Das Duo Jeckyll & Hyde landete im Herbst 2006 mit „Frozen Flame“ in den Charts: Platz zehn der niederländischen Single Top 100, wo sich der Track 42 Wochen hielt. Im März 2007 folgte „Freefall“ auf dem Label Digidance — und wurde eine Nummer eins, zwei Wochen lang, für ein Stück ganz ohne Gesang. Im Mai desselben Jahres erschien das Debüt „The Album“.

Laut der Bandbiografie trug die Fernsehsendung „TMF Jump“ einiges dazu bei, in der die beiden regelmäßig Schritte vorführten. Geübt wurde in Clubs, aber eben auch auf Schulhöfen, in Turnhallen und in Wohnzimmern.

Der zweite große Name dieses Jahres war Patrick Jumpen, ein Duo, hinter dem vor allem der Tänzer Patrick Pereira stand. Bekannt wurde er durch Videos, in denen er den Tanz vorführte, und das Projekt dann mit der Single „Holiday“ auf Start Stop Records, die 2007 bis auf Platz fünf der niederländischen Top 40 kam. Hier zeigt sich, was Jumpstyle von älteren Szenen unterscheidet: Seine Stars waren oft eher Tänzer als Produzenten, und ihr wichtigstes Medium war nicht die Platte, sondern das Video. Wie solche Clips den Dancefloor insgesamt verändert haben, erzählt der Artikel Tanzen vor der Kamera.

Scooter, die Sheffield Jumpers und Deutschland

Nach Deutschland kam Jumpstyle in der Breite über eine Band, die Trends schon immer schnell aufgegriffen hat. Scooter veröffentlichten am 30. November 2007 das Album „Jumping All Over the World“. Schon das ursprüngliche Cover zeigt Menschen beim Jumpen, und in den meisten Videos zu den Singles tanzte eine Truppe aus Rotterdam, die zunächst „Scooter Jumpers“ hieß und auf Vorschlag von H.P. Baxxter in Sheffield Jumpers umbenannt wurde. In Deutschland erreichte das Album Platz neun.

Der größere Erfolg kam in Großbritannien. Eine überarbeitete Fassung des Albums stieg im Mai 2008 auf Platz eins der britischen Albumcharts ein und löste dort Madonnas „Hard Candy“ ab. Die Sheffield Jumpers gingen 2008 mit Scooter auf Tour und veröffentlichten im August desselben Jahres mit „Jump with Me“ eine eigene Single.

Für die Szene war das ein zweischneidiger Erfolg. Plötzlich kannte fast jeder in Deutschland den Tanz. Gleichzeitig verband ein Massenpublikum Jumpstyle nun mit einer Popband, und manche spätere Produktion aus dem Hands-Up-Umfeld übernahm Elemente des Sounds, was die Grenzen zusätzlich verwischte.

Wie tanzt man Jumpstyle?

Der Grundschritt besteht aus einem Sprung im Takt, bei dem ein Bein nach vorn und das andere nach hinten gekickt wird, dann wird gewechselt. Daraus entstehen Kombinationen mit Drehungen und schnellen Schrittfolgen. Typisch sind ein paar feste Formen:

  • Oldschool: die ursprüngliche, eher gleichmäßige Variante mit klaren Kicks.
  • Hardjump: schneller und kraftvoller, passend zur härteren Musik.
  • Ownstyle und Freestyle: eigene Kombinationen statt festgelegter Abfolgen.
  • Duo-Jump: zwei Tänzer nebeneinander, die synchron springen, oft auch in Gruppenchoreografien.

Das Ganze ist anstrengender, als es aussieht. Wer einen ganzen Track durchjumpt, merkt nach drei Minuten die Waden. Auch das erklärt, warum der Tanz so gut ins Video passte: kurze, intensive Sequenzen statt einer langen Nacht.

Warum der Hype endete — und TikTok ihn zurückholte

So schnell, wie Jumpstyle aufgetaucht war, verschwand er wieder aus den Charts. Spätestens Anfang der 2010er war der Stil aus dem Mainstream weg, und gerade in den Niederlanden hatte er nach dem Hype von 2007 und 2008 ein Imageproblem: Was gestern jeder auf dem Schulhof tanzte, war morgen peinlich. Die Szene zog sich ins Netz zurück. Das Webradio JumpStation.FM sendete von 2005 bis 2016, Tänzer organisierten Sessions und Online-Wettbewerbe.

Ein Comeback kam dann ausgerechnet aus Litauen. Der Rapper Yabujin veröffentlichte unter dem Alias DJ Gyrotta Zao Jumpstyle-Tracks, die ab Ende 2021 auf TikTok in Videoschnitten mit Tanzszenen auftauchten. Daraus wurde ein eigener Clip-Stil, der den Namen „Yabujincore“ bekam. Einzelne dieser Clips kamen auf mehr als eine Million Aufrufe. Mit der belgischen Clubmusik von 1998 hat das nur noch entfernt zu tun, aber das Prinzip ist dasselbe geblieben: ein harter Beat, ein Sprung, eine Kamera.

Darin liegt die eigentliche Pointe dieser Geschichte. Jumpstyle war einer der ersten Stile, die das Internet nicht nur verbreitet, sondern geformt hat. Der Tanz musste in einen kurzen Clip passen, die Musik musste diesen Tanz tragen, und der Erfolg wurde in Aufrufen gemessen, bevor er in Charts auftauchte. Was heute für jeden viralen Clubtrack gilt, haben belgische und niederländische Teenager schon 2007 vorgemacht.

Häufige Fragen

Wie viel BPM hat Jumpstyle?

Meist zwischen 140 und 150 BPM, einzelne Produktionen gehen bis etwa 160 BPM. Härtere Varianten wie Hardjump liegen eher am oberen Ende.

Was ist der Unterschied zwischen Jumpstyle und Hardstyle?

Beide teilen die harte, gerade Kick. Hardstyle arbeitet mit verzerrten, gepitchten Kicks und großen Melodien, Jumpstyle ist minimaler arrangiert und ganz auf den Sprungtanz ausgerichtet.

Woher kommt Jumpstyle?

Aus Belgien. Der Stil entstand Ende der Neunziger, als Namensgeber gilt der DJ Da Boy Tommy. Seinen kommerziellen Höhepunkt hatte Jumpstyle zwischen 2006 und 2008 in den Niederlanden.

Welche Jumpstyle-Songs waren in den Charts?

In den Niederlanden „Freefall“ von Jeckyll & Hyde (Platz eins 2007), „Frozen Flame“ vom selben Duo und „Holiday“ von Patrick Jumpen. In Deutschland und Großbritannien machte Scooters Album „Jumping All Over the World“ den Stil bekannt.

Was ist Yabujincore?

Ein TikTok-Clip-Stil, der ab Ende 2021 aufkam: Videoschnitte mit Jumpstyle-Tanzszenen zu Tracks, die der litauische Rapper Yabujin unter dem Alias DJ Gyrotta Zao veröffentlicht hatte.


Weitere Artikel