MAXIM SCHUNK
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Szene4. Oktober 20266 Min. Lesezeit

Gabber erklärt: Rotterdam, Frankfurt und der Berliner Bunker

Gabber erklärt: woher der Rotterdamer Hardcore kommt, wie der Kick gebaut ist, was Hakken ist und welche Rolle Frankfurt und der Berliner Bunker spielten.

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Symbolbild, KI-generiert
Symbolbild, KI-generiert

Am 12. Juli 1997 zieht durch Berlin-Mitte ein Demonstrationszug, der nicht zur Loveparade passt, die zur selben Zeit im Tiergarten läuft. Auf der Straße: Gabber, Punks und andere, die im Techno-Mainstream dieses Sommers keinen Platz hatten. Die Musik von den Wagen läuft deutlich schneller als alles, was auf der Straße des 17. Juni zu hören ist. Der Zug startet vor einem Gebäude, in dem kein Club mehr existiert: dem Bunker an der Reinhardtstraße. Sie nennen den Zug „Hateparade“, und das, was von den Wagen kommt, heißt Gabber. Wer verstehen will, was Gabber ist, landet zwangsläufig in Rotterdam. Wer verstehen will, warum der Sound in Deutschland bis heute eine eigene Geschichte hat, muss nach Frankfurt und Berlin schauen.

Was ist Gabber überhaupt?

Gabber ist Hardcore Techno in der Form, die er Anfang der Neunziger in den Niederlanden angenommen hat: eine extrem übersteuerte Bassdrum, Tempo grob zwischen 150 und 190 BPM, gesampelte Stimmen aus Filmen und Platten, kaum Melodie, keinerlei Interesse an Zurückhaltung. Das Wort selbst stammt aus dem Amsterdamer Bargoens, einem Rotwelsch, und geht über das Jiddische auf das hebräische chaver zurück. Es heißt Kumpel, Freund, einer von uns.

Daraus folgt eine Unterscheidung, die außerhalb der Niederlande oft untergeht: „Gabber“ meinte ursprünglich die Leute, nicht die Musik. Die Musik hieß Hardcore. Heute steht Gabber meist für den frühen Rotterdamer Sound samt der Subkultur drumherum, Hardcore für das ganze Feld, das daraus gewachsen ist. In Deutschland hat sich zusätzlich die Schreibweise „Gabba“ eingebürgert, die das Berliner DJ-Team Gabba Nation mitgeprägt hat.

Woher kommt Gabber? Erst Frankfurt, dann Rotterdam

Die Platte, die meist als erster Hardcore-Track überhaupt genannt wird, kam nicht aus Rotterdam, sondern aus Frankfurt. 1990 veröffentlichte Marc Trauner unter dem Namen Mescalinum United „We Have Arrived“, auf Planet Core Productions, kurz PCP. Das Label hatte er 1989 mit Thorsten Lambart gegründet. Der Track war düster, verzerrt und näher an Industrial als an House. Trauner, besser bekannt als Marc Acardipane, veröffentlichte in den folgenden Jahren unter Dutzenden Pseudonymen. Die Platte selbst stellen wir in unserer Liste der Platten, die Techno hart gemacht haben, ausführlicher vor.

Zur Szene wurde der Sound in Rotterdam. Ab Dezember 1989 hatte DJ Rob eine Freitagsresidenz im Club Parkzicht, der zum Stammhaus des neuen, schnellen Sounds wurde. 1992 gründete Paul Elstak, der damals im Rotterdamer Plattenladen Mid-Town Records arbeitete, Rotterdam Records, das erste niederländische Hardcore-Label. In eine der frühen Platten ließ er den Satz „Gabber zijn is geen schande!“ einritzen: Es ist keine Schande, ein Gabber zu sein.

Den Rest erledigten die Veranstalter. Die Agentur ID&T veranstaltete am 3. Oktober 1992 in der Eisschnelllaufhalle Thialf in Heerenveen die erste Thunderdome mit rund 30.000 Besuchern. Die Thunderdome-CDs trugen den Sound weit über die Niederlande hinaus, und in den ersten drei Jahren gastierte die Veranstaltung unter anderem in Deutschland, Belgien, der Schweiz und Spanien.

Wie klingt Gabber, und wie wird der Kick gebaut?

Das Herz jedes Gabber-Tracks ist die Bassdrum. Man nimmt den Kick einer Drum Machine, klassisch einer Roland TR-909, und fährt ihn durch Verzerrung, bis die Wellenform fast zu einem Rechteck wird. Dann hört der Kick auf, wie eine Trommel zu klingen. Er bekommt eine Tonhöhe, einen Körper, einen erkennbaren Ton. In der Praxis heißt das: Kick und Bassline sind dasselbe Element. Es gibt keine separate Sub-Ebene, die man gegen die Trommel ausbalancieren müsste.

Wer aus House oder Techno kommt, muss dafür umdenken. Die Verzerrung ist kein Fehler, den man reparieren müsste, sie ist das Instrument. Und weil der Kick einen Ton hat, muss er zur Tonart des Tracks passen, sonst klingt die Platte schief, egal wie hart sie drückt. Diese Verarbeitungskette ist längst über Gabber hinausgewandert. Viel von dem, was heute als Hard Techno läuft, arbeitet mit Kicks, deren Prinzip die Rotterdamer Produzenten Anfang der Neunziger entwickelt haben.

Gabber, Hardcore, Hardstyle: wo liegt der Unterschied?

Die harte Ecke der Tanzmusik hat sich in Äste aufgespalten, die tatsächlich unterschiedlich klingen. Das Tempo ist der schnellste Weg, sie auseinanderzuhalten, auch wenn die Grenzen fließend sind:

  • Gabber und Early Hardcore liegen grob zwischen 150 und 190 BPM: roh, samplelastig, wenig Melodie.
  • Mainstream Hardcore bewegt sich meist zwischen 160 und 180 BPM, mit schneidenden Leads und ausgebauten Songstrukturen.
  • Uptempo geht noch schneller und klingt bewusst rauer.
  • Frenchcore liegt meist um 200 BPM und erkennt man an der rollenden Offbeat-Bassline zwischen den Kicks.

Hardstyle ist der Ast, der in die andere Richtung abgebogen ist: langsamer, um 150 BPM, melodischer, mit Reverse Bass statt einer Wand aus Kicks. Kommerziell hat er seine Herkunft längst überholt. Die deutsche Spielart Hardtekk kommt dagegen eher aus der ostdeutschen Tekk- und Freetekno-Szene als aus Rotterdam, auch wenn die Kicks ähnlich übersteuert sind.

Hakken, Aussies, Glatze: warum Gabber eine Uniform hatte

Kaum ein Genre war optisch so festgelegt. Trainingsanzüge der Marke Australian des italienischen Herstellers L'Alpina, in der Szene „Aussies“ genannt, Nike Air Max BW, bei den Jungs die Glatze, bei den Mädchen ein Undercut mit Zopf. Dazu ein eigener Tanz: das Hakken, niederländisch für „hacken“. Die Beine stampfen im Takt der Bassdrum, der Oberkörper bleibt fast ruhig. Das Hakken ist bis heute das Erkennungszeichen einer Gabber-Party.

Die Uniform hatte auch eine hässliche Seite. Eine rassistische Minderheit, vor allem junge Männer, hängte sich an die Szene und trug unter anderem die Marke Lonsdale als Signal ins rechte Lager. Labels und DJs haben sich dagegen gewehrt, aber das Image der Szene hat jahrelang darunter gelitten. Es war eine Minderheit, aber eine sichtbare.

Gabba in Deutschland: der Bunker und die Fuckparade

In Berlin bekam der Sound 1992 sein eigenes Haus. Im ehemaligen Reichsbahnbunker an der Reinhardtstraße in Mitte eröffnete ein Club, der schlicht „Bunker“ hieß und bald den Ruf als „härtester Club der Welt“ trug. Auf mehreren schlecht belüfteten Etagen liefen Hardcore, Gabber, Trance und Breakbeat. Von 1993 bis 1996 war das DJ-Team Gabba Nation hier Resident, ab 1996 veröffentlichte es auch eigene Platten. 1996 machte eine Razzia mit strengen Bauauflagen dem Club ein Ende. Heute zeigt dort die Sammlung Boros zeitgenössische Kunst.

Aus der Schließung entstand die Hateparade von 1997. Sie richtete sich gegen die Kommerzialisierung der Loveparade und dagegen, dass harte Stile wie Gabber dort keinen Platz mehr hatten. Ab 1998 hieß sie Fuckparade. Ab 2001 bekam sie Ärger mit den Behörden, 2007 stellte das Bundesverwaltungsgericht fest, dass sie eine Demonstration ist. Sie zieht bis heute durch Berlin. 2026 lief sie am 15. August, erstmals am selben Tag wie Rave the Planet, und startete wieder am Bunker in der Reinhardtstraße.

Was Gabber fast erledigt hat und was es zurückbrachte

Den größten Schaden richtete der Erfolg an. Paul Elstak wandte sich dem Happy Hardcore zu, und „Rainbow in the Sky“ erreichte im Herbst 1995 Platz drei der niederländischen Top 40. Es folgten kommerzielle Ausschlachtung, Parodien und eine Überpräsenz in den Medien, die den Reiz des Verbotenen aufbrauchte. Der Club Parkzicht schloss 1996 nach Schießereien. Ende der Neunziger war „Gabber“ in den Niederlanden eher Pointe als Identität, und die Szene zog sich in den Untergrund zurück, wo sie angefangen hatte.

Die Rückkehr kam leise und dauerte lange. Thunderdome lief rund zwanzig Jahre, legte eine Pause ein und kam 2017 zurück. Neue Kollektive in mehreren europäischen Städten bauten den Sound mit einem gemischteren Publikum und einer anderen Haltung neu auf als die Szene der Neunziger. Der Spielfilm „Hardcore Never Dies“ von 2023 erzählt die Rotterdamer Szene jener Jahre. Und das allgemeine Tempo im Techno hat ein Publikum herangezogen, das von 150 BPM aufwärts nicht mehr erschrickt.

Gabbers eigentliche Leistung war nie das Tempo. Schnell wurden viele Genres. Gabber hat gezeigt, dass man eine ganze Szene aus dem bauen kann, was der Rest der Tanzmusik für einen Fehler hält: Clipping, Verzerrung, Hässlichkeit. Und dass die Leute, die sie gebaut haben, dreißig Jahre später noch auf demselben Quadratmeter stehen und hakken.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Gabber und Hardcore?

Im Niederländischen bezeichnete „Gabber“ ursprünglich die Leute, nicht die Musik – die Musik hieß Hardcore. Heute meint Gabber meist den frühen Rotterdamer Sound der Neunziger samt Subkultur, Hardcore dagegen das ganze Feld, das daraus gewachsen ist, einschließlich Mainstream Hardcore, Uptempo und Frenchcore.

Wie viel BPM hat Gabber?

Klassischer Gabber liegt grob zwischen 150 und 190 BPM. Spätere Äste sind teils schneller: Uptempo und Frenchcore laufen meist um 200 BPM und darüber. Hardstyle, der verwandte, langsamere Ast, liegt um 150 BPM.

Was ist Hakken?

Hakken ist der Tanz der Gabber-Szene, abgeleitet vom niederländischen Wort für „hacken“. Die Beine stampfen in schnellen Schritten im Takt der Bassdrum, der Oberkörper bleibt fast ruhig. Der Tanz entstand Anfang der Neunziger in den Niederlanden.

Welcher Track gilt als erster Hardcore-Track?

Meist wird „We Have Arrived“ von Mescalinum United genannt, 1990 in Frankfurt von Marc Trauner alias Marc Acardipane auf seinem Label Planet Core Productions veröffentlicht. Der Track lieferte die Blaupause für den späteren niederländischen Gabber.

Was ist die Fuckparade?

Eine Berliner Tanzdemonstration, die 1997 als „Hateparade“ begann – als Protest gegen die Kommerzialisierung der Loveparade und die Verdrängung harter Stile wie Gabber. Ab 1998 hieß sie Fuckparade. 2007 stellte das Bundesverwaltungsgericht fest, dass sie eine Demonstration ist. Sie findet bis heute statt.


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