Roman Flügel und Sven Väth: vom Omen zu Time Warp Records
Acid Jesus, „Rocker“ und Time Warp Records: Roman Flügels Weg aus Darmstadt über das Omen und Sven Väths Labels bis zur ersten Platte des Festivallabels.

Frankfurt, Anfang der Neunziger. Im Omen nahe der Hauptwache, dem Club, den Sven Väth mit Michael Münzing und Matthias Martinsohn betreibt, steht regelmäßig ein junger Mann aus Darmstadt auf der Tanzfläche. Roman Flügel ist dort nach eigener Aussage Stammgast. Eines Tages hört Väth eine Platte, die ihn nicht loslässt, und will wissen, wer dahintersteckt. Die Platte stammt von Acid Jesus, und hinter dem Namen steckt der Stammgast.
Gut drei Jahrzehnte später, am 20. November, erscheint die Katalognummer TWR 001. Es ist die erste Veröffentlichung von Time Warp Records, dem neuen Label des Mannheimer Festivals. Auf der A-Seite steht „Rings of Light“, ein Track von Sven Väth und Roman Flügel. Dazwischen liegt eine Geschichte, die zeigt, wie die Szene im Rhein-Main-Gebiet funktioniert: nicht als Abfolge einzelner Stars, sondern als Netz, in dem dieselben Leute einander über Jahrzehnte die Türen aufhalten.
Ein Indieclub in Darmstadt und ein Demotape
Flügel, Jahrgang 1970, wächst in Darmstadt auf. Ende der Achtziger hört er zum ersten Mal Acid House und frühen Techno aus Chicago und Detroit. Jörn Elling Wuttke lernt er in der Goldenen Krone kennen, einem Darmstädter Treffpunkt, in dem damals fast alle verkehrten, die sich für alternative Musik interessierten. Um 1988 nimmt Flügel erste Demos in einem kleinen Heimstudio im Elternhaus auf und gibt sie Wuttke, der in der Garage seiner Großeltern schon ein Studio hat, in dem man gut aufnehmen kann. Daraus wird ein Produktionsteam, das bis heute zusammenhält.
Ein späteres Tape, das Wuttke weitergibt, landet bei Heiko Schäfer und Ata, die in Frankfurt den Plattenladen Delirium betreiben und mit Ongaku bereits ein Label haben. Heiko ruft am nächsten Tag an. Beim ersten Treffen beschließen sie laut Flügel noch am selben Tag, ein weiteres Label zu gründen: Klang Elektronik, mit Acid Jesus als erster Veröffentlichung. Die erste Pressung ist ein White Label in einer Auflage von rund hundert Stück. Wie wichtig Läden wie das Delirium damals waren, erzählt unsere Geschichte über die Plattenläden, die den deutschen Techno verteilten.
Wie Sven Väth Acid Jesus in die Welt trug
Hundert Platten reichen nicht weit, ein DJ auf Reisen dagegen schon. Väth legt in dieser Zeit ständig im Ausland auf und spielt „Move My Body“ von der ersten Acid-Jesus-Maxi überall, wo er hinkommt. Er verschafft dem Duo auch den ersten Liveauftritt, natürlich im Omen. Für diese erste Platte, sagt Flügel später, sei Väth ziemlich wichtig gewesen.
Dann folgt das Angebot. Väth hat mit Harthouse ein eigenes Label, und er fragt die beiden, ob sie nicht etwas dafür machen wollen. Ganz passt das nicht zusammen: Harthouse steht damals für den schnellen, hymnischen Frankfurter Trance-Sound, und in einem Hardtrance-Umfeld mit 150 BPM sehen sich Flügel und Wuttke nach eigener Aussage nicht. Sie sagen zu, wollen aber etwas ganz anderes machen, und Väth lässt sie. Heraus kommt Alter Ego: Unter diesem Namen erscheinen bei Harthouse 1994 das Debütalbum, 1996 „Decoding the Hacker Myth“ und 1997 die Maxi „Absolute“. Acid Jesus lizenzieren sie lieber an britische Labels. Um 1994 lädt Andrew Weatherall sie zu seiner Londoner Partyreihe Sabresonic ein. Mit der Maxi „Interstate“ endet das Projekt Acid Jesus Ende der Neunziger.
Wie aus einem Ambient-Projekt ein Clubhit wurde
Alter Ego beginnt als das, was Flügel ein Ambient- und Homelistening-Projekt nennt: Elektronik eher für den Kopfhörer als für die Tanzfläche. Dass es anders kommt, hat mit einem Ort zu tun. 1999 eröffnet Ata in Offenbach das Robert Johnson, und Flügel wird dort Resident. Flügel sagt rückblickend, das Robert Johnson habe den Stil von „Rocker“ und dem späteren Album „Why Not?!“ geprägt.
Einzelne Clubtracks hatte Alter Ego da schon: 1996 „Folk Song“, im Jahr 2000 folgt die „Betty Ford EP“. Was 2004 passiert, hat aber eine andere Größenordnung.
„Rocker“: von der Klangfabrik in die britischen Charts
„Rocker“ erscheint 2004 auf Klang Elektronik, Katalognummer KLANG 84, und gehört zum Album „Transphormer“. Laut den Credits haben Flügel und Wuttke ihn gemeinsam geschrieben und produziert, entstanden ist er in ihrem Studio Klangfabrik. Der Rest ist eine Geschichte von Lizenzen: Noch im selben Jahr bringt Skint die Platte in Großbritannien heraus, es folgen Ausgaben in Frankreich, Spanien und Italien, 2005 dann in den USA auf Ultra Records und in Australien. Dazu kommen Remixe, darunter einer von Black Strobe und einer von Erol Alkan, den Flügel später wegen seines schön kaputten Klangs als Lieblingsversion nannte.
In den britischen Singlecharts steigt „Rocker“ im Dezember 2004 auf Platz 32 ein, seiner Höchstposition. In der offiziellen britischen Dance-Chart steht der Track zwei Wochen auf Platz eins. Wuttke sagt 2017 im Groove-Interview sinngemäß, es sei nicht besonders spannend, „Rocker“ zum tausendsten Mal zu hören. Das klingt weniger nach Undank als nach jemandem, der weiß, dass ein Hit irgendwann den Blick auf alles andere verstellt.
Cocoon und „Geht’s noch?“
Ungefähr zur selben Zeit kreuzen sich die Wege von Flügel und Väth ein zweites Mal. Auf Väths Label Cocoon Recordings erscheint Flügels Solotrack „Geht’s noch?“, zuerst auf einer Compilation, dann als Maxi mit der Katalognummer COR 012. Flügel nennt ihn später seinen einzigen wirklich erfolgreichen Solotrack unter eigenem Namen. Er erzählt auch, dass sich danach alle an diesem Stück abarbeiteten und es für manche irgendwann zum Hassobjekt wurde.
Danach wird es ruhiger um die großen Hits. Alter Ego veröffentlicht 2007 „Why Not?!“ und 2008 das Remixalbum „What’s Next?!“, dann pausiert das Projekt. Seit 2009 tritt Flügel überwiegend unter seinem bürgerlichen Namen auf und veröffentlicht unter anderem auf dem Hamburger Label Dial, wo 2011 das Album „Fatty Folders“ erscheint. Aus dem Hitproduzenten wird einer der angesehensten DJs der deutschen Szene, Resident im Robert Johnson und häufiger Gast in der Berliner Panorama Bar.
Time Warp Records: Warum sich hier ein Kreis schließt
Time Warp gibt es seit 1994, und längst ist die Veranstaltung mehr als eine Nacht in der Maimarkthalle. Was sie ausmacht, steht in unserem Porträt der Mannheimer Techno-Nacht. Jetzt kommt ein Label dazu, laut Billboard in Partnerschaft mit der Insomniac Label Group. Time Warp selbst beschreibt die Idee so: Der Sound der Tanzfläche soll das ganze Jahr über weitergetragen werden.
Dass ausgerechnet Väth und Flügel die erste Platte bestreiten, ist mehr als Marketing. „Rings of Light“ wird von FAZEmag als hypnotischer Minimal Techno beschrieben, die B-Seite als rauerer „Knarz Mix“ mit industriell klingenden Drums und Acid-Linien aus einer TB-303. Wer die Geschichte kennt, hört darin auch ein Echo des Anfangs: Acid war der Sound, mit dem ein Darmstädter Stammgast einem Frankfurter Clubbetreiber zum ersten Mal auffiel. Wo der reduzierte Sound herkommt, den beide heute spielen, erklärt unser Text über Minimal Techno.
Man kann TWR 001 als Festivalprodukt lesen, als Merchandising auf Vinyl. Man kann darin aber auch sehen, was im Rhein-Main-Gebiet seit den Neunzigern geschieht. Zwei Plattenhändler und zwei Produzenten gründen bei ihrem ersten Treffen ein Label. Ein DJ trägt eine Platte mit hundert Exemplaren durch die Welt. Ein Clubbetreiber holt einen Stammgast ins eigene Label, Jahre später ins nächste. Die Szene hat hier nie auf Entdeckung von außen gewartet. Sie hat sich ihre Geschichte selbst geschrieben, und mit Time Warp Records hat sie jetzt ein weiteres Label, auf dem sie das tut.
Häufige Fragen
Wer steckt hinter Alter Ego?
Roman Flügel und Jörn Elling Wuttke, beide aus Darmstadt. Das Duo produzierte in den Neunzigern auch als Acid Jesus. Unter Alter Ego erschienen ab 1994 Platten auf Harthouse und später auf Klang Elektronik. Seit 2008 pausiert das Projekt.
Auf welchem Label erschien „Rocker“ von Alter Ego?
Ursprünglich 2004 auf Klang Elektronik (KLANG 84), als Teil des Albums „Transphormer“. In Großbritannien brachte Skint die Single heraus, in den USA 2005 Ultra Records. In den britischen Charts erreichte sie im Dezember 2004 Platz 32.
Was ist Time Warp Records?
Das Plattenlabel des Mannheimer Festivals Time Warp, gegründet in Partnerschaft mit der Insomniac Label Group. Die erste Veröffentlichung TWR 001 ist „Rings of Light“ von Sven Väth und Roman Flügel, angekündigt für den 20. November 2026.
Woher kennen sich Sven Väth und Roman Flügel?
Aus dem Frankfurter Omen, in dem Flügel Anfang der Neunziger Stammgast war. Väth spielte die erste Acid-Jesus-Platte auf seinen Auftritten, holte das Duo als Alter Ego zu Harthouse und veröffentlichte später Flügels Solotrack „Geht’s noch?“ auf Cocoon Recordings.
Weitere Artikel
Szene
„Body Language“: Zwei Duos und der Hit von Get Physical
Szene
Italo Disco erklärt: Herkunft, Sound und die deutsche Rolle
Szene
Acht Techno-Alben, die mehr als Tracksammlungen waren
Szene
Techno in Belgrad: Clubs, Geschichte und Protestkultur
Szene
Hands Up erklärt: Herkunft, Sound und die großen Hits
Szene