„Body Language“: Zwei Duos und der Hit von Get Physical
Wie M.A.N.D.Y. und Booka Shade 2005 „Body Language“ schufen: Frankfurter Wurzeln, das Label Get Physical und eine Basslinie, die bis in die UK-Charts kam.

Wer mit zwei Leuten Musik macht, kennt die Frage, wer eigentlich was beiträgt. Eli & Fur, das Londoner Duo aus Eliza Noble und Jennifer Skillman, hat sie gerade im FAZEmag beantwortet: keine festen Rollen, die eine eher intuitiv, die andere eher strukturiert, und wenn man sich nicht einig ist, hört man am nächsten Tag noch einmal hin. Das klingt nach Werkstattdetail. Tatsächlich ist es eine der ältesten Arbeitsformen der elektronischen Musik. Und einer ihrer größten Hits entstand, als nicht ein Duo, sondern zwei an einem Track saßen.
Der Track heißt „Body Language“, erschien 2005 und steht auf dem Etikett als M.A.N.D.Y. vs. Booka Shade. Seine Geschichte beginnt nicht in Berlin, wo das Label dahinter heute sitzt, sondern in Frankfurt — bei zwei Studiomusikern, zwei Partyveranstaltern aus dem Saarland und einem Zeitschriftenmacher.
Zwei Studiokinder aus Frankfurt
Walter Merziger und Arno Kammermeier fingen Anfang der Neunziger nicht als Clubproduzenten an, sondern als Synthpop-Gruppe. Sie nannten sich Planet Claire, nach einem Song der B-52’s, und veröffentlichten ein gleichnamiges Album, produziert von Peter Hayo. Merziger spielt Keyboards, Kammermeier Schlagzeug. DJs waren beide nie. Kammermeier hat die beiden später als „Studiokinder“ beschrieben, die das Studio nur zum Schlafen verließen.
Das Studio aber lag in der richtigen Stadt. Frankfurt war Mitte der Neunziger einer der Motoren des deutschen Techno, und die beiden arbeiteten unter anderem mit Sven Väths Label Eye Q. Wie diese Stadt den Sound mitgeprägt hat, steht in unserem Rückblick auf Frankfurt und den deutschen Techno. 1995 nannten sich Merziger und Kammermeier dann Booka Shade. Nebenher produzierten sie für andere Künstler — Handwerk, das später entscheidend wurde.
Ein Club, eine Zeitschrift und zwei Freunde vom Tennisplatz
Die andere Hälfte der Geschichte kommt aus dem Saarland. Philipp Jung, Jahrgang 1970, lernte Patrick Bodmer als Teenager auf einem Tennisplatz kennen. Die beiden organisierten zuerst Partys für Freunde, erst im Saarland, dann in Frankfurt. Jung verdiente sein Geld nebenher in der Plattenindustrie: als A&R bei Logic Records, wo er an Veröffentlichungen von Snap! mitarbeitete, später beim Hip-Hop-Label Jive.
Ihre erste feste Bühne bekamen die beiden im Frankfurter Club Monza. Gebucht hatte sie Thomas Koch, in der Szene als DJ T. bekannt. Koch hatte 1989 in Frankfurt das Magazin Groove gegründet, eines der ersten Fachblätter für elektronische Musik in Europa, und 1999 zusammen mit Patrik Dechent das Monza eröffnet. Jung und Bodmer wurden dort Residents. Ihren Projektnamen M.A.N.D.Y. trugen sie laut Groove seit einem Remix aus dem Jahr 2001.
2002: Ein Label aus Trotz
Booka Shade, M.A.N.D.Y. und DJ T. kannten sich aus diesem Frankfurter Umfeld, und 2002 gründeten sie gemeinsam Get Physical. Die Groove zählt in ihrer Meldung zu Jungs Tod auch Peter Hayo zum Gründerkreis — den Produzenten des alten Planet-Claire-Albums. Einen großen Plan gab es nach eigener Aussage nicht. Kammermeier sagte später, sie hätten keine Vision im eigentlichen Sinn gehabt, nur keine Lust mehr, Musik für große Plattenfirmen zu machen. Merziger erzählte, kein Indie-Label habe die Tracks veröffentlicht, die sie selbst im Club hören wollten. Also machten sie es selbst.
Was sie hören wollten, lässt sich ziemlich genau beschreiben: Melodie statt reiner Funktion, Basslinien, die eine Geschichte erzählen, und ein Rest Disco im Groove. Das war Anfang der Nullerjahre keine Selbstverständlichkeit. Der dominierende Sound in vielen Clubs wurde gerade karger, der Minimal Techno jener Jahre setzte auf Reduktion. Get Physical stellte etwas Wärmeres daneben, ohne die Strenge ganz aufzugeben.
Wie „Body Language“ entstand
Wie die Arbeit an dem Track im Einzelnen verteilt war, ist kaum dokumentiert. Die Konstellation aber spricht für sich. M.A.N.D.Y. standen jedes Wochenende hinter den Plattenspielern und wussten, was ein Raum annimmt. Booka Shade saßen im Studio und wussten, wie man einen Track baut. Das ist eine Ergänzung, wie es sie sonst bei einem B2B-Set im Booth gibt, nur eben im Studio: Die einen bringen das Gespür für den Moment, die anderen die Ausführung.
Das Herz des Tracks ist seine Basslinie, ein trockenes, federndes Motiv, das sofort wiedererkennbar ist. Sie war allerdings nicht von Anfang an da. Kammermeier hat erzählt, dass frühere Fassungen eine andere Basslinie hatten und die endgültige erst kurz danach dazukam. Dass so etwas schnell gehen kann, gehört für ihn zum Prozess. Es ist eine dieser Entscheidungen, die man im Nachhinein für unvermeidlich hält, obwohl sie es nie war.
Der Sommer 2005 und die lange Nachwirkung
Der Track lief 2005 zuerst im Underground und dann überall. Bei den DJ Awards auf Ibiza wurde er als Track der Saison ausgezeichnet, Resident Advisor nannte ihn eine der größten Veröffentlichungen des Jahres. Für Booka Shade begann im selben Jahr die internationale Karriere: 2005 spielten sie ihre erste UK-Show im Londoner fabric. Weil sie keine DJs waren, hatten sie eine Liveshow aufgebaut, mit Keyboards und Schlagzeug. M.A.N.D.Y. hatten sie dazu ermutigt, nachdem sie bei ihren eigenen Gigs gesehen hatten, wie das Publikum auf die Tracks reagierte. 2006 wählten die RA-Leser sie zum besten Live-Act und „Movements“ zum besten Album.
Die Basslinie wanderte weiter. will.i.am sampelte „Body Language“ für „Get Your Money“ auf seinem Album „Songs About Girls“. Elf Jahre nach dem Original baute Jax Jones seinen Song „You Don’t Know Me“ mit Raye auf genau dieser Basslinie auf. Die Single erschien im Dezember 2016, stieg in den offiziellen britischen Charts bis auf Platz drei und blieb 33 Wochen in der Liste. Ein Underground-Track aus einem Frankfurter Freundeskreis war damit im britischen Pop-Radio angekommen. 2023, im 21. Jahr des Labels, erschien das Original remastert neu, mit Remixen von Patrice Bäumel und HOSH.
Wie sehr dieser Sound spätere, melodischere Spielarten des House geprägt hat, lässt sich schwer messen. Ein Indiz für den Stand des Labels: Als Beatport 2020 die Kategorie Organic House / Downtempo einführte, gehörte Get Physical zu den Labels, die der Shop ausdrücklich um Rückmeldung bat — nachzulesen in unserem Text über Organic House und Downtempo.
Was aus den beiden Duos wurde
Duos halten nicht ewig, und auch hier gingen die Wege auseinander. Booka Shade blieben zusammen, gründeten 2013 ihr eigenes Label Blaufield und veröffentlichen bis heute Alben. M.A.N.D.Y. trennten sich nach vielen EPs, Remixen und dem Album „Double Fantasy“ Ende der 2010er-Jahre. Bodmer führte den Namen weiter, Jung zog nach Costa Rica und blieb dort als DJ und Produzent aktiv. Noch im März 2026 stellte er für Get Physical die Compilation „Rewind Forward Vol. 1“ zusammen, einen Gang durch den Katalog des Labels.
Im Mai 2026 meldeten Groove, Mixmag und weitere Fachmedien, dass Philipp Jung im Alter von 55 Jahren gestorben war, laut Groove unerwartet an seinem Wohnort in Costa Rica. Eine Todesursache wurde nicht genannt. Als seinen größten Erfolg nannten die Meldungen denselben Titel: „Body Language“.
Das ist vielleicht der Gedanke, der von dieser Geschichte bleibt. Der Track gehört keinem Einzelnen. Er entstand aus einer Konstellation — zwei Musiker, die nicht auflegten, zwei DJs, die den Raum kannten, ein Clubbetreiber, in dessen Umfeld sie sich fanden. Wenn Eli & Fur heute erzählen, dass bei ihnen die eine eine Idee mitbringt und die andere etwas ganz anderes darin hört, beschreiben sie im Kleinen, was 2005 im Großen passiert ist. Die besten Duos sind keine Arbeitsteilung. Sie sind ein Gespräch, das zufällig einen Track hervorbringt.
Häufige Fragen
Wer hat „Body Language“ produziert?
„Body Language“ ist eine Gemeinschaftsproduktion der beiden deutschen Duos M.A.N.D.Y. (Patrick Bodmer und Philipp Jung) und Booka Shade (Walter Merziger und Arno Kammermeier). Der Track erschien 2005 auf dem Label Get Physical.
Welcher Song sampelt „Body Language“?
Am bekanntesten ist „You Don’t Know Me“ von Jax Jones mit Raye, der auf der Basslinie von „Body Language“ aufbaut und Anfang 2017 Platz drei der britischen Single-Charts erreichte. Schon vorher hatte will.i.am den Track für „Get Your Money“ auf seinem Album „Songs About Girls“ gesampelt.
Wer hat Get Physical gegründet?
Get Physical wurde 2002 von Booka Shade, M.A.N.D.Y. und DJ T. (Thomas Koch, Gründer des Magazins Groove) ins Leben gerufen. Die Groove nennt zusätzlich den Produzenten Peter Hayo als Mitgründer.
Gibt es M.A.N.D.Y. noch?
Philipp Jung und Patrick Bodmer trennten sich Ende der 2010er-Jahre, Bodmer führte den Namen M.A.N.D.Y. weiter. Jung lebte zuletzt in Costa Rica und starb im Mai 2026 im Alter von 55 Jahren.
Weitere Artikel
Szene
Weilheim-Sound: Notwist, Console und der Weg zu Acid Pauli
Szene
Gabber erklärt: Rotterdam, Frankfurt und der Berliner Bunker
Szene
Electro erklärt: Herkunft, Sound und warum es kein EDM ist
Szene
Belgischer Techno: von New Beat bis Charlotte de Witte
Szene
Drumcode: Vom Stockholmer Plattenladen zur Hauptbühne
Szene