MAXIM SCHUNK
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Szene5. November 20266 Min. Lesezeit

Dim Mak: Vom Punk-Wohnzimmer zu Steve Aokis Imperium

Ein Haus in Isla Vista, eine Hardcore-7-Inch, Bloc Party per Post: Wie Steve Aokis Dim Mak vom Punk zur EDM kam – und was Pokémon-Karten damit zu tun haben.

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Symbolbild, KI-generiert
Symbolbild, KI-generiert

Isla Vista, Mitte der Neunziger. Der Stadtteil liegt direkt neben dem Campus der University of California in Santa Barbara, und in einem Haus, in dem Studenten wohnen, spielen Punk- und Hardcore-Bands, ohne Club, ohne Veranstalter, vor Leuten aus der Nachbarschaft. Der Ort hat einen Spitznamen, „The Pickle Patch“, und einen Gastgeber, der sich um alles selbst kümmert: Steve Aoki, Student, Straight-Edge-Punk, Sohn des Benihana-Gründers Rocky Aoki. Aus seiner Wohnung heraus gründet er 1996, mit 19 Jahren, ein Label. Dreißig Jahre später kündigt derselbe Mann auf TikTok einen Laden für Sammelkarten in Zug an. Das klingt nach zwei verschiedenen Leben. Tatsächlich ist es dieselbe Geschichte.

Ein Name von Bruce Lee, eine 7-Inch von einer Hardcore-Band

Den Namen Dim Mak nahm Aoki von seinem Kindheitshelden Bruce Lee. Gemeint ist die „Todesberührung“, eine sagenumwobene Kampfkunsttechnik. Die erste Veröffentlichung war alles andere als tödlich: eine 7-Inch der Hardcore-Band Stickfigurecarousel, eine Platte aus der Szene für die Szene.

Wichtig für alles, was danach kam, ist die Schule, durch die Aoki ging. Hardcore der Neunziger war eine Do-it-yourself-Kultur: Bands buchten ihre Touren selbst, Labels saßen in Schlafzimmern, Konzerte fanden in Wohnzimmern statt, und wer etwas wollte, baute es eben. Aoki spielte selbst in Bands, unter anderem bei This Machine Kills, die auf dem Hardcore-Label Ebullition veröffentlichten. Nebenbei schloss er an der UCSB zwei Studiengänge ab, Soziologie und Women's Studies. Das Label blieb über Jahre ein Nebenprojekt neben Studium und Bands.

Bloc Party, Los Angeles und der Umweg über den Indie-Rock

Die erste Wende kam mit dem Umzug. 2001 veröffentlichte Dim Mak die Debüt-EP von Pretty Girls Make Graves, 2002 „Black Rooster“, die erste EP von The Kills. Danach zog Aoki mit dem Label nach Los Angeles. Aus dem Hardcore-Label wurde ein Indie-Label mit Gespür für das, was gerade in London passierte.

Dazu gehört die Geschichte, die Dim Mak bis heute erzählt: In der Post lag eine 7-Inch von „She's Hearing Voices“, der ersten Single einer jungen Londoner Band namens Bloc Party, erschienen Anfang 2004 beim kleinen Label Trash Aesthetics. Aoki nahm die Band unter Vertrag, im selben Jahr erschien in den USA eine EP bei Dim Mak. Für die weiteren Rechte ging das Label eine Partnerschaft mit Vice ein. Als Bloc Party 2005 „Silent Alarm“ veröffentlichten, eines der prägenden Indie-Alben des Jahrzehnts, hatte Aokis kleines Label die Band in den USA schon vorgestellt.

Dim Mak Tuesdays: wie Blog House nach Hollywood kam

Ungefähr zur selben Zeit begann der Teil der Geschichte, der Aoki zum DJ machte. Ab 2003 veranstaltete Dim Mak jeden Dienstag eine Party im Cinespace am Hollywood Boulevard, angefangen von Aoki zusammen mit Franki Chan und Jason Stewart. Ein Wochentag, an dem sonst kaum jemand ausgeht, wurde zu einer der meistbesprochenen Nächte der Stadt, mit Musikern, Modeleuten und Partyfotografen im Publikum. Als das Cinespace 2011 schloss und umgebaut wurde, hieß der frühere Kinosaal fortan „Dim Mak Studios“, und dort lief die Reihe bis 2014. An den Decks standen über die Jahre unter anderem Justice und Diplo.

Musikalisch spiegelte die Nacht eine Verschiebung, die damals über MP3-Blogs lief: Indie-Rock-Remixe, verzerrte französische Electro-Platten im Fahrwasser von Ed Banger, Reste des Electroclash. Später bekam das den Namen Blog House. Wer die Vorgeschichte dieses Sounds kennen will, findet sie bei den Electroclash-Platten zwischen München und New York und beim French Touch, aus dem Justice hervorgingen. Aoki, der ehemalige Hardcore-Musiker, war plötzlich DJ in einer Szene, in der Gitarren und Synthesizer dieselben Leute anzogen.

„Warp“ und der Sprung auf die großen Bühnen

Den Wechsel vom Indie- zum Dance-Label markiert vor allem ein Track. 2009 erschien bei Dim Mak „Warp 1.9“ von The Bloody Beetroots featuring Steve Aoki, die Leadsingle des Beetroots-Albums „Romborama“. Der Track war roh, laut und gebaut wie ein Punksong mit Synthesizern statt Gitarren. Er wurde zur Clubhymne und zu einer der Platten, an denen sich ablesen lässt, wie Electro in den Jahren danach zu dem wurde, was in den USA bald unter EDM lief.

Dim Mak wuchs mit. Ab 2010 hatte das Label eigene Bühnen auf dem Electric Daisy Carnival, ab 2011 auf der Tomorrowland, später auch auf dem Electric Zoo. Aoki veröffentlichte 2012 sein erstes Soloalbum „Wonderland“, das bei den Grammys 2013 in der Kategorie Best Dance/Electronica Album nominiert war. Seine Shows bekamen die Rituale, für die er heute bekannt ist: Crowdsurfen im Schlauchboot, Champagner, Torten, die er ins Publikum wirft. Viele haben ihm das als Zirkus vorgeworfen. Wer in Isla Vista angefangen hat, sieht darin eher die Logik des Wohnzimmerkonzerts: Die Grenze zwischen Bühne und Publikum soll verschwinden, und wer da war, soll etwas erzählen können.

Vom Label zur Marke: Kleidung, Verlag, Kanäle

Spätestens Mitte der 2010er war Dim Mak mehr als ein Label. 2014 startete die Modelinie Dim Mak Collection, im selben Jahr auch ein eigener Musikverlag. Vorausgegangen waren Kooperationen mit WESC (2008) und Parra (2009), 2017 folgte eine mit Converse. Der Verlag schloss 2017 einen weltweiten Administrationsvertrag mit Warner/Chappell ab. Mit New Noise betrieb Dim Mak eine Reihe für neue Acts, die später zur Quelle freigegebener Musik für Streamer auf Twitch und YouTube wurde. 2016 feierte das Label sein zwanzigjähriges Bestehen mit 20 Veranstaltungen weltweit, und in Los Angeles kehrten die Dim Mak Tuesdays für eine Nacht zurück.

Man kann das als Ausverkauf lesen. Man kann es auch als Fortsetzung der Hardcore-Ökonomie sehen, nur in größerem Maßstab: Die Szene, aus der Aoki kam, hat immer von T-Shirts, Patches und Platten am Merchtisch gelebt, nicht von Radiohits. Wie sehr das bis heute gilt, zeigt der Blick auf das Merch-Geschäft von Musikern, das für viele Acts verlässlicher ist als Streaming.

Von der 7-Inch zur Sammelkarte

Damit ist man bei den Pokémon-Karten. Aoki sammelt seit Jahren öffentlich, und er handelt auch. Im November 2021 kündigten er und der Marktplatz TCGplayer eine Partnerschaft an: Pokémon-Produkte aus seinem Bestand im Wert von rund drei Millionen Dollar sollten in Wellen verkauft werden, als bewertete Einzelkarten und als Mystery Boxes mit Erlebnissen wie Meet-and-Greets und Konzerttickets, dazu Stücke aus seiner Sammlung von Kleidung, Memorabilia und Platten. Unter dem Namen Aoki's Cardhouse öffnet und versteigert er heute seltene, versiegelte Displays live vor Publikum.

Am 3. und 4. November 2026 berichteten der „Blick“ und die „Zuger Zeitung“, dass Aoki in einem Video einen Sammler-Shop in Zug angekündigt hat, laut „Zuger Zeitung“ auf TikTok, für seltene Karten und Popkultur-Raritäten. Adresse und Eröffnungstermin waren zu diesem Zeitpunkt noch offen. Aoki nannte das Vorhaben „etwas extrem Spezielles“ und beschrieb es nicht nur als Laden, sondern, in der Übersetzung des „Blick“, als „einen Ort, wo wir zusammen abhängen können“.

Genau dieser Satz verbindet die Enden der Geschichte. Sammelkarten funktionieren wie die Kleinauflagen-Platten der Neunziger: begrenzte Stückzahl, Zustand entscheidet, Wissen ist Währung, und das Tauschen ist mindestens so wichtig wie das Besitzen. Für jemanden, der die erste Platte seines Labels selbst unter die Leute gebracht hat, ist das kein Seitenwechsel, sondern ein vertrautes Terrain.

Dim Mak ist damit ein seltenes Beispiel dafür, wie eine Szene ihre Leute prägt, auch wenn diese längst woanders stehen. Der Sound wechselte von Hardcore über Indie und Blog House zu EDM, die Räume wurden größer, aus dem Wohnzimmer wurde die Hauptbühne. Wie ein Label von einem Laden aus auf die Festivalbühnen wachsen kann, zeigt auch die Geschichte von Drumcode in Stockholm. Bei Aoki blieb aber über dreißig Jahre ein Prinzip gleich: einen Ort bauen, an dem Leute zusammenkommen, und das, was man liebt, selbst unter die Leute bringen. Ob das ein Wohnzimmer in Isla Vista ist, ein Club in Hollywood oder ein Laden in Zug, ist dabei fast zweitrangig.


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