Electroclash: Acht Platten zwischen München und New York
Von I-f bis Tiga: acht Platten, die Electroclash zwischen 1997 und 2002 prägten – und warum der Sound, den New York feierte, zuerst in München erschien.

New York, Oktober 2001. Der DJ und Promoter Larry Tee veranstaltet gemeinsam mit DJ Hell ein Festival, dessen Name bald für ein ganzes Genre steht: Electroclash. Auf der Bühne stehen Acts aus Europa und Nordamerika, darunter die Kanadierin Peaches. In New York gilt das als das nächste große Ding. Erstaunlich ist, woher der Sound kommt: Ein großer Teil dessen, was dort als Avantgarde gefeiert wird, ist zuerst in München erschienen, auf einem Label namens International Deejay Gigolo Records.
Electroclash war kurz, laut und oft verspottet. Als Etikett hielt es kaum drei Jahre. Aber es holte etwas in die elektronische Musik zurück, das der Techno der Neunziger bewusst abgelegt hatte: Gesichter, Stimmen, Mode, Ironie und Pop. Diese acht Platten erzählen, wie das passierte und warum der Weg dabei so oft über Deutschland führte.
1. I-f – „Space Invaders Are Smoking Grass“ (1997)
Den Anfang macht ein Holländer. Ferenc van der Sluijs aus Den Haag, als I-f bekannt, produziert 1997 einen Track aus blubberndem Electro, einer Bassline wie aus einem Heimcomputer und einer Vocoder-Stimme, die von Space Invaders und Gras singt. Die Platte wird zum Underground-Hit, und der Guardian schrieb 2002, sie gelte weithin als Auslöser des Electroclash.
Warum sie hier steht: Alles, was später kommt, steckt schon darin. Der Rückgriff auf den Electro der frühen Achtziger, die Videospielnostalgie, der Gesang, der zugleich ernst und albern klingt. Und I-f selbst blieb skeptisch: Er gehörte später zu den Unterzeichnern eines „Anti-Electroclash-Manifests“, das sich gegen die Vermarktung des Stils richtete.
2. Miss Kittin & The Hacker – „Frank Sinatra“ (1998)
DJ Hell hatte International Deejay Gigolo 1996 in München gegründet. Im Juli 1998 erscheint dort die „Champagne“-EP eines Duos aus Frankreich: Caroline Hervé als Miss Kittin, Michel Amato als The Hacker. „Frank Sinatra“ ist ein trockener Electro-Track, über den Kittin mit unbewegter Stimme vom Leben der Reichen und Berühmten erzählt, vom Sex in Limousinen, und nebenbei erklärt sie Frank Sinatra für tot. Neben „1982“ von derselben EP wird er zur Hymne der Szene.
Warum sie hier steht: „Frank Sinatra“ definiert den Tonfall des Genres. Die Distanz, der Sprechgesang, die Lust am Glamour und der gleichzeitige Spott darüber. Und die Platte zeigt, warum München heute als Keimzelle gilt: Gigolo war in diesen Jahren das Zuhause dieses Sounds, lange bevor er einen Namen hatte. Selbst in unserer Liste prägender deutscher Techno-Labels fehlt Gigolo, vielleicht weil es nie richtig Techno sein wollte.
3. Zombie Nation – „Kernkraft 400“ (1999)
Ein Grenzfall, aber einer, der dazugehört. Im Frühjahr 1999 erscheint die „Kernkraft 400“-EP von Florian Senfter alias Zombie Nation als Gigolo 019, eine reine Underground-Pressung für DJs. Die Melodie stammt aus „Star Dust“, einem Stück von David Whittaker aus dem Commodore-64-Spiel „Lazy Jones“ von 1984. Den Hit macht erst ein Remix des Italieners DJ Gius: Er erreicht im Februar 2000 Platz 22 in Deutschland und im Herbst desselben Jahres Platz zwei in Großbritannien.
Warum sie hier steht: Electroclash im engeren Sinn ist „Kernkraft 400“ nicht, es fehlen Gesang und Pose. Aber die Platte zeigt, wie weit das Gigolo-Universum reichte. Ein Track des Münchner Labels, gebaut aus einem Heimcomputer-Sound, wird zum Stadiongesang, der bis heute bei Sportveranstaltungen auf der ganzen Welt läuft. Mehr Pop hat kein anderer Gigolo-Release je erreicht.
4. Peaches – „Fuck the Pain Away“ (2000)
Merrill Nisker aus Toronto, als Peaches unterwegs, besucht Ende der Neunziger ihren Freund Chilly Gonzales in Berlin. Das Berliner Label Kitty-Yo nimmt sie unter Vertrag, im September 2000 erscheint „The Teaches of Peaches“. Ihr bekanntester Song darauf kommt mit einer Drumcomputer-Spur aus, einem Basslauf und einer Stimme, die sich um keinerlei Anstand schert. Die Albumfassung wurde live bei Peaches’ erstem Auftritt mit dem Stück im Rivoli in Toronto aufgenommen.
Warum sie hier steht: „Fuck the Pain Away“ machte aus der Ironie von Miss Kittin eine Provokation. Sex, Körper und Geschlechterrollen wurden zum Thema, mit einer Direktheit, die in der Clubmusik damals selten war. Das Album verkaufte sich zunächst nur in kleinen Stückzahlen, der Song aber wurde zum Kultstück, landete in Filmen und Serien und machte Peaches zu einer der bekanntesten Künstlerinnen, die Berlin in diesen Jahren angezogen hat. Die Stadt wurde ihre Wahlheimat.
5. Ladytron – „Playgirl“ (2000)
Während in München und Berlin die Clubs den Ton angaben, kam aus Liverpool eine Band, die eher nach Synthpop klang. Daniel Hunt, Reuben Wu, Helen Marnie und Mira Aroyo veröffentlichen „Playgirl“ im Juni 2000 als Single, später steht der Song auf ihrem Debütalbum „604“. Kühle Synthesizer, eine Stimme ohne jede Aufregung, eine Melodie, die nach den frühen Achtzigern klingt.
Warum sie hier steht: Ladytron zeigen die andere Herkunft des Genres. Electroclash war nicht nur Clubmusik mit Gesang, sondern auch Popmusik mit Drumcomputer, näher an The Human League als an Detroit. Die Band selbst mochte das Etikett nicht besonders und hielt länger durch als viele, die sich darauf verließen.
6. Felix da Housecat feat. Miss Kittin – „Silver Screen Shower Scene“ (2001)
Auf einem Schweizer Festival lernen sich Miss Kittin und der Chicagoer House-Produzent Felix da Housecat kennen. Am nächsten Tag schreiben sie in einem kleinen Studio in Genf „Silver Screen Shower Scene“ und „Madame Hollywood“. Die erste Single des Albums „Kittenz and Thee Glitz“ erscheint im Mai 2001 und kommt im Vereinigten Königreich auf Platz 39, als einer der ersten Electroclash-Songs in den britischen Top 40.
Warum sie hier steht: Hier trifft das europäische Electro-Spiel auf einen Produzenten aus der zweiten Generation des Chicago House. Das Ergebnis ist tanzbarer, wärmer und schneller als „Frank Sinatra“, und es führte Electroclash in die großen Clubs. Wer wissen will, woher der Electro in diesen Tracks stammt, findet die Vorgeschichte im Artikel Electro erklärt.
7. Fischerspooner – „Emerge“ (2001)
Casey Spooner und Warren Fischer aus New York verstanden sich eher als Performance-Projekt denn als Band, mit Tänzern, Kostümen und Playback als Teil des Konzepts. „Emerge“ erscheint im August 2001 als erste Single, und zwar wiederum bei Gigolo in München. Ein Jahr später bringen Ministry of Sound und das bandeigene Label FS Studios den Song erneut heraus, Gerüchte über eine Millionensumme für den Vertrag machen Schlagzeilen, auch wenn Casey Spooner später sagte, es sei weniger gewesen, als alle glaubten. Die Single erreicht Platz 25 in Großbritannien, die Band tritt bei „Top of the Pops“ auf.
Warum sie hier steht: „Emerge“ ist der Moment, in dem Electroclash zur Ware wird. Ein Underground-Release eines Münchner Labels wird zum Objekt eines Bieterwettstreits. Von hier an hing an dem Begriff ein Preisschild, und genau das sollte ihm bald zum Verhängnis werden.
8. Tiga & Zyntherius – „Sunglasses at Night“ (2001)
Der Montrealer DJ Tiga und der Finne Jori Hulkkonen, der hier als Zyntherius auftritt, nehmen sich Corey Harts kanadischen Synthpop-Hit von 1983 vor. Ihre Fassung erscheint 2001, wird zum Clubhit und kommt 2002 in die britischen Top 30.
Warum sie hier steht: Das Cover fasst die Methode des Genres zusammen. Ein Song aus der Zeit, als Synthesizer noch Zukunft bedeuteten, wird ohne Augenzwinkern nachgebaut und genau dadurch ironisch. Tiga machte daraus eine lange Karriere als DJ und Produzent. Electroclash als Bewegung dagegen hatte damit seinen Höhepunkt erreicht.
Was vom Electroclash geblieben ist
Schon 2002 spotteten selbst Beteiligte wie Toktok vs. Soffy O., der Stil sei bei seinem dritten oder vierten Recycling angekommen. Die Kritik war berechtigt: Viele Nachzüglerplatten waren nur noch Posen mit Achtziger-Synthesizer. Spätestens Mitte der Nullerjahre war das Wort fast nur noch ein Schimpfwort.
Die Ideen aber wanderten weiter. Die verzerrten, filternden Electro-Sounds landeten in Paris bei Ed Banger und Justice, deren „We Are Your Friends“ mit Simian auch in unserer Liste der French-House-Platten steht. In Berlin ließen sich Künstlerinnen wie Peaches nieder, und Chicks on Speed, 1997 an der Münchner Kunstakademie gegründet, zogen ebenfalls dorthin. Und dass ein DJ heute Stimme, Image und Bühnenfigur haben darf, ohne seine Glaubwürdigkeit im Club zu verlieren, ist auch eine Folge dieser kurzen Jahre.
Bleibt die Pointe, die in deutschen Rückblicken gern untergeht: Der Sound, den New York im Herbst 2001 als neuestes Ding feierte, kam zu einem großen Teil aus einer Stadt, die nie als Techno-Hauptstadt galt. München hatte die Platten zuerst.
Häufige Fragen
Was ist Electroclash?
Electroclash ist eine Strömung der späten Neunziger und frühen Nullerjahre, die den Electro der frühen Achtziger mit Synthpop, Gesang, Mode und viel Ironie verband. Typisch sind Drumcomputer, analog klingende Synthesizer und ein kühler Sprechgesang. Bekannte Vertreter sind Miss Kittin & The Hacker, Peaches, Fischerspooner, Ladytron und Tiga.
Woher kommt der Name Electroclash?
DJ Hell gilt als Namensgeber. Bekannt wurde der Begriff in den USA durch den DJ und Promoter Larry Tee, der im Oktober 2001 gemeinsam mit DJ Hell ein Festival in New York veranstaltete und es „Electroclash“ nannte. Danach übernahmen ihn Presse und Plattenindustrie als Genrebezeichnung.
Was ist International Deejay Gigolo Records?
Ein Label, das DJ Hell 1996 in München gegründet hat. Dort erschienen unter anderem die „Champagne“-EP von Miss Kittin & The Hacker, die erste Fassung von Zombie Nations „Kernkraft 400“ und Fischerspooners „Emerge“. Gigolo gilt deshalb als Keimzelle des Electroclash.
Ist „Kernkraft 400“ Electroclash?
Im engeren Sinn nicht. Dem Track fehlen Gesang und Pose, die Electroclash ausmachen. Er erschien aber 1999 zuerst auf Gigolo, also im selben Umfeld. Zum weltweiten Stadionhit wurde der Remix von DJ Gius, der in Großbritannien Platz zwei erreichte.
Was ist der Unterschied zwischen Electro und Electroclash?
Electro ist der ältere Stil aus Breakbeats, Drumcomputern wie der TR-808 und Roboterstimmen per Vocoder, der Anfang der Achtziger in New York und Detroit entstand. Electroclash griff diesen Sound um 2000 auf und machte daraus Popmusik mit Gesang, Bühnenfiguren und Mode.
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