MAXIM SCHUNK
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Szene1. November 20266 Min. Lesezeit

Acht Ambient-Platten aus dem Chill-out-Raum der Rave-Jahre

Von Enos Flughafenmusik bis Biosphere: acht Ambient-Platten, die aus dem Chill-out-Raum der Raves kamen – und warum jede davon den Sound verändert hat.

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Symbolbild, KI-generiert
Symbolbild, KI-generiert

London, 1989. Im Club Heaven unter den Bögen von Charing Cross läuft Paul Oakenfolds Acid-House-Nacht „The Land of Oz“, unten hämmern 303-Linien und Pianoakkorde. Ein paar Räume weiter passiert etwas anderes: Alex Paterson und Jimmy Cauty, die sich seit 1988 The Orb nennen, legen dort auf, wo sich die Erschöpften hinlegen. Sie mischen Vogelstimmen, Radioschnipsel, Dub-Bässe und Synthesizerflächen übereinander. Oakenfold hatte die beiden ausdrücklich als Ambient-DJs geholt. Aus diesem Nebenraum wurde ein eigenes Genre.

Der Chill-out-Raum war nie nur Pause. Er war der Ort, an dem Rave über sich selbst nachdachte, und die Platten, die dort liefen oder dafür gemacht wurden, klingen bis heute moderner als vieles, was damals auf dem Hauptfloor lief. Hier sind acht davon, mit dem Grund, warum jede dazugehört.

Brian Eno – „Ambient 1: Music for Airports“ (1978/79)

Die Vorgeschichte beginnt in einer Wartehalle. Brian Eno saß Mitte der Siebziger stundenlang am Flughafen Köln/Bonn fest und ärgerte sich über die Atmosphäre dort. Daraus entstand die Idee einer Musik, die für Flughäfen entworfen ist. Einen Teil davon nahm er im Studio von Conny Plank bei Köln auf, wo drei Sängerinnen einzelne Töne einsangen, die Eno später zu langsam kreisenden Schleifen zusammensetzte. In den Liner Notes steht der Satz, an dem sich jede spätere Chill-out-Platte messen lassen muss: Ambient müsse „so ignorierbar wie interessant“ sein. Kein Rave-Track, aber ohne diese Platte hätte der Nebenraum im Heaven keinen Namen gehabt.

The Orb – „Adventures Beyond the Ultraworld“ (1991)

Was im Heaven als DJ-Set begann, wurde im Studio zu Tracks. Im Oktober 1989 erschien „A Huge Ever Growing Pulsating Brain That Rules from the Centre of the Ultraworld“, ein Stück von rund 19 Minuten, das es 1990 trotzdem auf Platz 78 der britischen Singlecharts schaffte. Es enthielt ein nicht geklärtes Sample von Minnie Ripertons „Lovin' You“, das nach einer Woche entfernt und durch eine Nachsängerin ersetzt wurde. Im November 1990 folgte „Little Fluffy Clouds“ mit Interviewfetzen von Rickie Lee Jones und Gitarrenmustern aus Steve Reichs „Electric Counterpoint“. Das Doppelalbum „Adventures Beyond the Ultraworld“ vom April 1991 bündelte diese Ästhetik und kam in Großbritannien auf Platz 29. Es ist die Platte, die aus Chill-out ein Album-Format gemacht hat: lang, verspielt, voller Dub und Humor.

The KLF – „Chill Out“ (1990)

Jimmy Cauty trug die Idee parallel in sein zweites Projekt. Mit Bill Drummond veröffentlichte er im Februar 1990 als The KLF „Chill Out“, rund zwei Monate, bevor er sich im April von Paterson trennte. Aufgenommen wurde das Album im Studio Trancentral in Stockwell im Süden Londons. Nach Aussage der Band ist es eine einzige, rund 44 Minuten lange Aufnahme ohne Schnitte. Durch das Stück ziehen Züge, Schafe, eine Steel-Gitarre, Elvis Presleys „In the Ghetto“, Fleetwood Macs „Albatross“ und 808 States „Pacific State“. Das Album klingt wie eine nächtliche Autofahrt durch den amerikanischen Süden, die nie stattgefunden hat. Paterson sagte später, es seien im Grunde Mitschnitte seiner DJ-Sessions in Trancentral gewesen, und fühlte sich übergangen. Gerade dieser Streit zeigt, wie sehr Chill-out damals eine Mixtechnik war, bevor es ein Genre wurde.

Aphex Twin – „Selected Ambient Works 85–92“ (1992)

Die erste große Ambient-Platte, die nicht aus London kam, erschien im November 1992 auf Apollo, einem Unterlabel des belgischen Techno-Labels R&S. Richard D. James wuchs in Cornwall auf, und die Stücke sollen teils schon Mitte der Achtziger auf Kassette entstanden sein, als er noch ein Teenager war. Anders als Eno setzt er auf Beats, weiche, oft leicht verstimmte Drumcomputer unter Melodien, die zwischen Kinderlied und Sehnsucht schwanken. „Xtal“ und „Ageispolis“ liefen im Club und zu Hause gleichermaßen. Damit verschob sich etwas: Ambient war nicht mehr das Gegenteil von Techno, sondern seine nachdenkliche Seite.

Pete Namlook & Dr. Atmo – „Silence“ (1992)

Die deutsche Antwort kam aus Frankfurt. Peter Kuhlmann, der als Pete Namlook auftrat, gründete 1992 das Label FAX +49-69/450464, benannt nach seiner eigenen Faxnummer. Anfangs prägten harte Trance- und Hardcore-Platten den Katalog, das erste Ambient-Album war „Silence“, entstanden mit Dr. Atmo und Ende 1992 nur auf CD erschienen. Das war Musik, die nicht mehr für einen Clubraum gedacht war, sondern für das Wohnzimmer danach: lange, schwebende Flächen, die eher an Tangerine Dream erinnern als an Acid House. Namlook veröffentlichte in den folgenden Jahren in enormem Tempo, ab 1994 auch mit Klaus Schulze die Reihe „The Dark Side of the Moog“, womit die Berliner Schule direkt in die Neunziger reichte. Frankfurt hatte damals ohnehin ein Ohr für das Ruhige: Im Club XS liefen schon ab 1990 Chill-out-Nächte, und dessen Betreiber Alex Azary prägte später musikalisch die Space Night im BR. Namlook starb am 8. November 2012.

Global Communication – „76:14“ (1994)

Mark Pritchard und Tom Middleton hatten als Reload düsteren, experimentellen Techno gemacht. 1994 veröffentlichten sie als Global Communication auf Dedicated ein Album, dessen Titel einfach seine Laufzeit ist, und auch die meisten Stücke tragen statt Namen ihre Dauer. Was nach Verweigerung klingt, ist die wärmste Platte dieser Liste: Uhrenticken, tiefe Pads, ein Beat, der sich erst nach Minuten traut. „76:14“ steht für den Moment, in dem Ambient House aufhörte, ironisch zu sein. Keine Schafe, keine Elvis-Samples, nur Stimmung. Wer heute Organic House und Downtempo produziert, arbeitet mit genau diesem Material.

The Future Sound of London – „Lifeforms“ (1994)

Dass Ambient ein Massenpublikum erreichen konnte, bewies ein Doppelalbum ohne Hit-Format. Garry Cobain und Brian Dougans veröffentlichten „Lifeforms“ im Mai 1994 bei Virgin, und es stieg auf Platz 6 der britischen Albumcharts. Das Titelstück kam mit Elizabeth Fraser von den Cocteau Twins als Single heraus und erreichte Platz 14. Die Platte klingt wie ein Regenwald aus Samples, dicht, organisch, manchmal unheimlich. Sie markiert den Höhepunkt der Welle: Danach wanderte Ambient aus den Charts zurück in Nischen, auf Compilations und in die Chill-out-Ecken der Festivals.

Biosphere – „Substrata“ (1997)

Der Schluss gehört einer Platte, die schon nach dem Ende des Booms erschien. Der Norweger Geir Jenssen veröffentlichte „Substrata“ 1997 auf dem Label All Saints. Hier ist kein Beat mehr übrig, nur Kälte, Weite und zwei Dialogfetzen aus „Twin Peaks“ in „The Things I Tell You“ und „Hyperborea“. Die Nutzer von Hyperreal.org wählten sie 2001 zum besten Ambient-Album aller Zeiten, Pitchfork setzte sie 2016 auf Platz 38 seiner Bestenliste. „Substrata“ zeigt, wohin der Chill-out-Raum führte, als man ihn zu Ende dachte: aus dem Club heraus, in die Landschaft.

Was vom Chill-out-Raum geblieben ist

Die Rave-Jahre haben einen eigenen Raum fürs Runterkommen erfunden und nebenbei eine Musik, die ohne Tanzfläche funktioniert. Heute ist dieser Raum in vielen Clubs ein zweiter Floor oder eine Bar, und die Funktion haben andere Orte übernommen: das Sonnenaufgangsset auf dem Festival, der Balearic-Sound am Ende einer Nacht, die Kopfhörer auf dem Heimweg. Die acht Platten hier haben gemeinsam, dass sie Rave ernst nehmen, ohne ihn zu imitieren. Sie sind der Beweis, dass die leisesten Stunden einer Nacht oft die waren, an die man sich erinnert.

Häufige Fragen

Was ist ein Chill-out-Raum?

Ein ruhiger Nebenraum auf Raves und in Clubs, in dem Gäste sich ausruhen konnten. Ende der Achtziger liefen dort Ambient, Dub und Klangcollagen statt Housebeats. In London legten The Orb ab 1989 im Chill-out-Raum der Land-of-Oz-Nächte im Club Heaven auf.

Was ist der Unterschied zwischen Ambient und Ambient House?

Ambient im Sinne Brian Enos verzichtet weitgehend auf Rhythmus und soll im Hintergrund funktionieren. Ambient House entstand um 1989 in London und verbindet Ambient-Flächen mit Elementen aus Acid House und Dub, oft mit weichen Beats und Samples.

Welches Album gilt als erstes Ambient-House-Album?

Häufig genannt werden „Chill Out“ von The KLF (Februar 1990) und „Adventures Beyond the Ultraworld“ von The Orb (1991). Die KLF präsentierten „Chill Out“ selbst als Ambient-House-Platte, The Orb gelten als die Gruppe, die den Stil aus ihren DJ-Sets im Club Heaven entwickelte.

Gab es Ambient aus Deutschland in den Neunzigern?

Ja. Ein Zentrum war Frankfurt, wo Pete Namlook 1992 das Label FAX +49-69/450464 gründete und mit Klaus Schulze die Reihe „The Dark Side of the Moog“ aufnahm. Im Fernsehen brachte die Space Night des Bayerischen Rundfunks ab 1994 Ambient und Chill-out in die Wohnzimmer.


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