MAXIM SCHUNK
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Szene26. September 20267 Min. Lesezeit

Berliner Schule: Tangerine Dream, Schulze und der Sequenzer

Wie West-Berliner Musiker in den Siebzigern mit Moog-Sequenzern die Grundlage für Trance, Ambient und Techno legten – von Tangerine Dream bis E2-E4.

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Symbolbild, KI-generiert
Symbolbild, KI-generiert

Um die Jahreswende 1967/68 mietete eine Handvoll Künstler Räume am Halleschen Ufer in Kreuzberg, direkt am Landwehrkanal. Conrad Schnitzler, Hans-Joachim Roedelius und Boris Schaak nannten den Ort Zodiak Free Arts Lab. Es gab keine Bühne im klassischen Sinn und kein Programm, das jemand hätte ankündigen können, dafür lange, freie Sessions, in denen niemand wusste, wann ein Stück anfing oder aufhörte. Anfang 1969 war der Laden wieder zu. Aber unter den Stammgästen war eine Band, die aus diesem Chaos eine Methode machen sollte: Tangerine Dream. Was daraus entstand, heißt heute Berliner Schule – und ohne sie klängen Trance, Ambient und ein guter Teil des Techno anders.

Was ist die Berliner Schule in der elektronischen Musik?

Berliner Schule bezeichnet einen Stil elektronischer Musik, der in den Siebzigern im damaligen West-Berlin entstand, als Ableger dessen, was im Ausland Krautrock und in Deutschland oft kosmische Musik genannt wurde. Der Name hat nichts mit einer Institution zu tun, sondern schlicht damit, dass die prägenden Musiker dort lebten und arbeiteten: Tangerine Dream, Klaus Schulze und Manuel Göttsching mit Ash Ra Tempel.

Das Kennzeichen ist der Sequenzer. Statt eines Schlagzeugs, das den Takt vorgibt, laufen kurze, sich wiederholende Tonfolgen aus analogen Synthesizern, oft in mehreren Schichten übereinander. Über diesem Raster verschieben sich Filter, Flächen und Melodien, langsam, über viele Minuten. Die Stücke sind lang, häufig eine ganze Plattenseite, und sie funktionieren nicht über Strophe und Refrain, sondern über Veränderung. Wer heute ein Techno-Set hört, in dem sich über zehn Minuten nur ein Filter öffnet, kennt das Prinzip bereits.

Wie Tangerine Dream vom Lärm zum Sequenzer kamen

Edgar Froese gründete Tangerine Dream 1967 in West-Berlin. Der Bandname geht auf eine Zeile aus dem Beatles-Song „Lucy in the Sky with Diamonds“ zurück. Das Debüt „Electronic Meditation“ erschien 1970 auf dem Label Ohr und klang noch nach dem Zodiak: Froese, dazu Conrad Schnitzler und am Schlagzeug ein junger Klaus Schulze, der die Band kurz darauf wieder verließ. Das Album ist mehr Klangexperiment als Musik im heutigen Sinn, voller Geräusche, Orgel und Feedback.

Die Wende kam über England. Der BBC-DJ John Peel spielte das Album „Atem“, Virgin Records nahm die Band 1973 unter Vertrag. Ende 1973 nahmen Froese, Christopher Franke und Peter Baumann in The Manor auf, dem Studio von Virgin-Gründer Richard Branson in Oxfordshire. Dort setzten sie zum ersten Mal den Sequenzer eines modularen Moog-Synthesizers ein. Das Ergebnis, „Phaedra“, erschien am 20. Februar 1974 und stieg in Großbritannien bis auf Platz 15 der Albumcharts. Eine Platte ohne Gesang, ohne Refrain, ohne Schlagzeug, die blubbernde Moog-Bässe über zehn Minuten laufen lässt, war plötzlich ein Verkaufserfolg.

Die Alben der folgenden Jahre bis etwa 1981 gelten als Kernkatalog der Berliner Schule: „Rubycon“, „Ricochet“, „Stratosfear“, bis hin zu „Exit“. Parallel begann die Filmarbeit. Für William Friedkins „Sorcerer“ (1977), Michael Manns „Thief“ und „Risky Business“ lieferte die Band die Musik, insgesamt wurden es über 60 Soundtracks. Edgar Froese starb am 20. Januar 2015 in Wien, die Band arbeitet unter Thorsten Quaeschning weiter.

Klaus Schulze: der Mann der langen Stücke

Klaus Schulze, geboren 1947 in Berlin, verließ Tangerine Dream nach dem Debüt und gründete 1970 mit Manuel Göttsching und Hartmut Enke Ash Ra Tempel. Auch dort hielt es ihn nicht lange. Sein erstes Soloalbum „Irrlicht“ erschien 1972 und gilt als Meilenstein, obwohl es noch ganz ohne Synthesizer im späteren Sinn auskommt: Orgel, bearbeitete Orchesteraufnahmen, Hall. Mit „Timewind“ (1975) und „Moondawn“ (1976) fand er zu seinem Stil – Stücke von einer halben Stunde, in denen sich Sequenzen schichten und wieder auflösen. „Moondawn“ war sein erstes Album mit einem Moog.

Für die Clubgeschichte ist Schulze aus einem anderen Grund interessant: Er war einer der wenigen Pioniere, die sich später ausdrücklich zur Tanzmusik hin öffneten. Unter dem Pseudonym Richard Wahnfried, einer Anspielung auf Richard Wagner, veröffentlichte er ab 1979 Alben, die in Richtung Rock, Dance und später Trance gingen. 1994 erschien „Trancelation“, ab dieser Platte nur noch als Wahnfried geführt. Im selben Jahr startete die Reihe „The Dark Side of the Moog“, eine Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Produzenten Pete Namlook und seinem Label FAX, die bis 2008 auf elf Teile anwuchs. Damit reichte die Berliner Schule der Frankfurter Ambient- und Trance-Szene der Neunziger direkt die Hand. Klaus Schulze starb am 26. April 2022.

E2-E4: das Stück, das in New York zum Clubtrack wurde

Die merkwürdigste Wendung der Geschichte gehört Manuel Göttsching. Am 12. Dezember 1981 nahm er in einem einzigen Durchgang eine knapp einstündige Improvisation auf: Synthesizer und ein ARP-Sequenzer, ein Pattern aus zwei Akkorden, metallische elektronische Percussion, darüber seine Gitarre. Der Titel „E2-E4“ spielt auf den häufigsten Eröffnungszug im Schach an. Veröffentlicht wurde das Stück erst 1984, auf Klaus Schulzes Label Inteam.

In Deutschland war es eine Kuriosität. In New York wurde es zum Clubstück. Im Paradise Garage lief „E2-E4“ auffallend oft, Göttsching erfuhr erst später, dass Latin- und House-DJs seine Aufnahme spielten. 1989 bauten die Italiener von Sueño Latino ihren gleichnamigen Track auf das Stück, einen der frühen Klassiker des balearischen House. Carl Craig baute daraus 1994 als Paperclip People sein Stück „Remake“, und Basic Channel remixte diese Fassung als „Basic Reshape“ – also genau das Berliner Duo, das den reduzierten Techno der Neunziger prägte. Ein Stück, das als private Studiosession begann, schließt so einen Kreis von Berlin über New York zurück nach Berlin. Göttsching starb am 4. Dezember 2022.

Berliner Schule und Düsseldorfer Schule: Was ist der Unterschied?

Wer über frühe deutsche Elektronik spricht, landet schnell bei Kraftwerk. Die Düsseldorfer arbeiteten aber an etwas anderem. Kraftwerk schrieben ab Mitte der Siebziger zunehmend kompakte, streng gebaute Songs mit Melodien zum Mitsummen, mit programmierten Rhythmen, die direkt in Electro und Detroit Techno weiterwirkten, und mit einem Konzept, das Mensch und Maschine zum Thema machte. Die Berliner Schule dagegen war improvisiert, lang, flächig, eher Raum als Song. Rhythmus entsteht bei ihr aus dem Sequenzer, nicht aus einer Bassdrum.

Etwas grob gesagt: Kraftwerk lieferten dem Techno das Gerüst, die Berliner Schule lieferte ihm die Zeit. Die Idee, dass ein Stück nicht auf den Refrain zusteuert, sondern sich über viele Minuten entfaltet, und dass eine wiederholte Figur hypnotisch statt langweilig wirkt, ist bei Tangerine Dream und Schulze angelegt. Dass beides mit denselben Werkzeugen passierte, zeigt der Blick auf die Maschinen, die elektronische Musik verändert haben.

Wo man die Berliner Schule heute noch hört

Am offensichtlichsten ist das Erbe im Trance. Die gestapelten Arpeggios, die langen Aufbauten, das Gefühl, in einer Klangfläche zu schweben, führen direkt aus den Siebzigern in die Neunziger. Im Ambient lebt die Berliner Schule fast unverändert weiter, und im Melodic Techno kehren die kreisenden Sequenzer aus Analogsynthesizern in anderem Tempo zurück.

Ein breites Publikum erreichte der Sound zuletzt über das Fernsehen. Die Komponisten der Netflix-Serie „Stranger Things“, Kyle Dixon und Michael Stein, nannten Tangerine Dream neben John Carpenter und Vangelis als Einfluss, besonders die Tangerine-Dream-Soundtracks zu „Sorcerer“ und „Thief“. Wer die pulsierenden Synthesizer im Vorspann kennt, hört also Echos der Berliner Schule, nur aus zweiter Hand.

Daneben gibt es bis heute eine eigene, sehr treue Szene: Musiker, die ausdrücklich in dieser Tradition arbeiten, mit modularen Systemen, langen Live-Improvisationen und Konzerten, die eher in Planetarien und Kirchen als in Clubs stattfinden. Auf Plattformen wie Discogs ist „Berlin-School“ eine eigene Stilkategorie, unter der sich Neuveröffentlichungen bis in die Gegenwart finden.

Mit welchen Alben man einsteigt

Wer die Berliner Schule kennenlernen will, braucht keine Gesamtdiskografie. Drei Platten erklären das meiste:

  • Tangerine Dream – „Phaedra“ (1974): der Moment, in dem der Sequenzer zum Hauptdarsteller wird. Mit rund 37 Minuten kurz genug für einen Durchgang, klar genug für den Einstieg.
  • Klaus Schulze – „Timewind“ (1975): zwei Stücke, zwei Plattenseiten, jede rund eine halbe Stunde. Hier versteht man, was „lang“ in dieser Musik bedeutet.
  • Manuel Göttsching – „E2-E4“ (1984): die Brücke zum Club. Wer House und Techno mag, hört hier, wie nah beides an der Berliner Schule liegt.

Danach lohnt sich der Rückweg zu „Electronic Meditation“, um zu hören, aus welchem Lärm das alles kam.

Warum die Berliner Schule für die Clubkultur zählt

Die Berliner Schule war nie Tanzmusik, und sie wollte es auch nicht sein. Trotzdem steckt in ihr eine Grundannahme, auf der die elektronische Clubmusik bis heute aufbaut: dass eine Maschine, die eine Figur wiederholt, einen Raum verändern kann, wenn man ihr genug Zeit gibt. Zwanzig Jahre bevor Berlin zur Techno-Hauptstadt wurde, saßen in derselben Stadt Musiker an Moog-Sequenzern und ließen Stücke eine halbe Stunde laufen. Die Clubs kamen später. Das Prinzip war schon da.

Häufige Fragen

Was ist die Berliner Schule in der Musik?

Ein Stil elektronischer Musik aus dem West-Berlin der Siebziger, geprägt von Tangerine Dream, Klaus Schulze und Manuel Göttsching. Typisch sind lange Stücke, geschichtete Sequenzer-Figuren aus analogen Synthesizern und kaum klassisches Schlagzeug.

Ist Berliner Schule dasselbe wie Krautrock?

Nicht ganz. Die Berliner Schule entstand als Ableger der Szene, die im Ausland Krautrock genannt wurde, konzentriert sich aber auf elektronische, sequenzerbasierte Musik. Bands wie Can oder Neu! gehören zum Krautrock, nicht zur Berliner Schule.

Was ist der Unterschied zwischen Berliner Schule und Kraftwerk?

Kraftwerk aus Düsseldorf schrieben ab Mitte der Siebziger zunehmend kompakte, streng gebaute Songs mit programmierten Rhythmen, die in Electro und Detroit Techno weiterwirkten. Die Berliner Schule arbeitete mit langen, improvisierten Stücken, in denen der Sequenzer den Rhythmus trägt.

Welches Album von Tangerine Dream sollte man zuerst hören?

Meist wird „Phaedra“ von 1974 empfohlen. Auf dem Album setzte die Band erstmals den Sequenzer eines modularen Moog-Synthesizers ein, und es erreichte Platz 15 der britischen Albumcharts.

Was hat die Berliner Schule mit Techno zu tun?

Sie war keine Tanzmusik, lieferte aber das Prinzip langer, sich langsam verändernder Stücke mit wiederholten Figuren. Manuel Göttschings „E2-E4“ lief im New Yorker Paradise Garage und wurde 1989 von Sueño Latino gesampelt; Carl Craig bearbeitete es als Paperclip People, Basic Channel remixte diese Version.


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