Eigenes Label gründen in Deutschland: Ablauf und Kosten
Wann ein eigenes Musiklabel Sinn ergibt, was du bei Gewerbeamt, GVL und BVMI anmeldest, wie ein Label auf Beatport kommt und was es wirklich kostet.

Ende August 2026 erschien mit „Dirty Bass“ von Nico Banfi eine Techno-Produktion auf dem Leipziger Label KOSMOS, die kurz darauf in Beatports Auswahl „Best New Hype Techno (Peak Time / Driving)“ für den August auftauchte und sich in den Chartlisten des Genres platzierte. Interessanter als die Platzierung ist ein Detail am Rand: Hinter praktisch jedem Track in diesen Listen steht ein Labelname — auch dann, wenn dahinter am Ende ein Producer mit einem Laptop und einer Gewerbeanmeldung steckt. Ein eigenes Label zu betreiben ist in der elektronischen Musik keine Ausnahme, sondern für viele der Weg, mit eigenem Namen in den Läden präsent zu sein, die für Clubmusik zählen. Was dafür nötig ist, ist weniger romantisch, als der Begriff „Plattenfirma“ vermuten lässt — und weniger kompliziert, als viele denken.
Wann sich ein eigenes Label lohnt — und wann der Vertrieb reicht
Für Spotify, Apple Music und die üblichen Streamingdienste brauchst du kein Label. Ein Digitalvertrieb nimmt deine Datei entgegen, liefert sie aus und rechnet ab. Rechtlich bist du dabei ohnehin schon in der Rolle, um die es geht: § 85 des Urheberrechtsgesetzes gibt dem Hersteller eines Tonträgers ein eigenes Leistungsschutzrecht. Wer dieser Hersteller ist, hat die Rechtsprechung ausgeformt: derjenige, der die wirtschaftliche, organisatorische und technische Leistung erbringt, eine Aufnahme erstmals festzuhalten. Wenn du deinen Track selbst produziert und selbst finanziert hast, bist du der Tonträgerhersteller — mit oder ohne Firmenschild. Das Gesetz ergänzt nur: Entsteht die Aufnahme in einem Unternehmen, gilt dessen Inhaber als Hersteller.
Auch der elektronische Fachhandel ist ohne eigenes Label erreichbar. Beatport nimmt zwar keine Direkt-Uploads von Privatpersonen an, aber große Aggregatoren liefern Einzelkünstler ebenfalls dorthin aus. Der Unterschied liegt woanders: Ohne eigenes Label erscheint dein Release unter dem Katalog des Aggregators statt unter einer eigenen Labelseite mit eigener Katalognummer und eigenem Chartprofil.
Interessant wird ein Label deshalb an drei Punkten. Erstens, wenn genau dieses Profil im Fachhandel zählen soll. Zweitens, sobald du Musik von anderen veröffentlichst — dann brauchst du eine Struktur, die Rechte eingeräumt bekommt und Erlöse verteilt. Und drittens beim Markenaufbau: Ein wiedererkennbarer Labelname mit konsistenter Katalogpflege wird von Promotern, Fachpresse und Bookern anders gelesen als eine Reihe von Selbstveröffentlichungen. Wer nur die eigenen vier Tracks im Jahr herausbringt, gründet dagegen vor allem eine Verwaltungsaufgabe.
Was beim Gewerbeamt und beim Finanzamt anfällt
Ein Musiklabel wird in Deutschland in aller Regel als Gewerbe geführt und nicht als freier Beruf: Es verwertet Aufnahmen und verkauft Produkte. Die Anmeldung läuft über das Gewerbeamt der Stadt, die Gebühr liegt üblicherweise im Bereich von etwa 20 bis 60 Euro und ist von Kommune zu Kommune verschieden. Danach folgt der Fragebogen zur steuerlichen Erfassung des Finanzamts. Wie die Abgrenzung zwischen künstlerischer und gewerblicher Tätigkeit in der Praxis ausfällt, ist im Beitrag zu Gewerbe oder Freiberuf ausführlich beschrieben — entschieden wird sie im Einzelfall vom Finanzamt.
Zwei Punkte, die in der Euphorie gern untergehen: In der Praxis prüfen Labels ihren Namen vorab bei Discogs, Beatport und im Markenregister, weil Namensdopplungen in derselben Branche regelmäßig zu Konflikten führen und späte Umbenennungen den halben Katalog betreffen. Und wer eine Website betreibt, unterliegt der Impressumspflicht wie jedes andere Unternehmen.
Labelcode, ISRC und Katalognummer: welche Nummer wofür da ist
Hier entsteht der meiste Nebel. Die drei Kennungen tun völlig verschiedene Dinge.
- Der Labelcode (LC) ist dauerhaft einem Label zugeordnet — ein Tonträgerhersteller kann also mehrere davon halten — und wird in Deutschland von der GVL vergeben. Er hängt am Wahrnehmungsvertrag als Tonträgerhersteller, und beides, Vertrag wie Code, ist kostenfrei. Voraussetzung für das Erscheinen bei Streamingdiensten ist er nicht; seine Rolle liegt dort, wo Sendungen und öffentliche Wiedergabe abgerechnet werden.
- Der ISRC identifiziert die einzelne Aufnahme und begleitet sie durch alle Systeme. Fast jeder Vertrieb vergibt ISRCs kostenlos mit. Wer einen eigenen Erstinhaberschlüssel beim Bundesverband Musikindustrie beantragt, zahlt dafür eine einmalige Gebühr im dreistelligen Bereich — für VUT-Mitglieder die Hälfte, für BVMI-Mitglieder nichts — und vergibt Codes anschließend selbst. Für ein kleines Label ist das meist unnötig.
- Die Katalognummer vergibst du selbst. Sie ist keine Behördensache, sondern deine Ordnung. Beatport verlangt, dass sie innerhalb eines Labels eindeutig ist und nur aus Buchstaben und Ziffern besteht; zu ähnliche Nummern eines fremden Labels werden mitunter abgelehnt.
Die GVL ist dabei die Stelle, bei der viele Selbstveröffentlichende Geld liegen lassen, weil sich Erlöse aus einer Aufnahme zwischen Künstler- und Herstellerseite aufteilen — wie beide Seiten funktionieren, steht im Beitrag zu GVL und Künstlersozialkasse. Die GEMA ist eine andere Baustelle: Sie vertritt Urheber und Verlage, nicht Tonträgerhersteller.
Wie ein neues Label eine eigene Beatport-Seite bekommt
Der Punkt, an dem die meisten Labelgründungen in der elektronischen Musik hängen bleiben. Beatport nimmt Lieferungen nur von Labels an, die vorher freigegeben wurden, und die Freigabe läuft über eine Label-Bewerbung samt Vertrieb, der an Beatport liefert. Wie viel Katalog dafür nötig ist, wird unterschiedlich angegeben: Beatports eigenes Bewerbungsformular nennt sechs Veröffentlichungen zum Zeitpunkt der Bewerbung, der Vertrieb Feiyr spricht von mindestens drei bereits erschienenen Titeln, andere Anbieter fragen lediglich nach Links zu den letzten ein bis zwei Releases. Verlässlich ist damit nur die Richtung — ein leerer Katalog reicht nirgends. Bewertet werden zusätzlich Website, Social-Media-Präsenz, Künstlerroster und Promo-Planung; wer keine Marktpräsenz nachweisen kann, wird darauf verwiesen, zunächst über die üblichen Streamingdienste zu veröffentlichen.
Das dreht die naheliegende Reihenfolge um: Du gründest kein Label, um auf Beatport zu kommen, sondern du veröffentlichst erst eine Weile, um dort eine eigene Seite zu bekommen. Dazu kommt, dass Beatport pro Labelseite nur einen Vertrieb zulässt — ein späterer Wechsel ist kein Klick, sondern ein Umzug. Und die Genre-Regel ist hart: Was nicht ins elektronische Raster passt, wird abgelehnt. Wie die Charts dahinter funktionieren und was eine Platzierung praktisch wert ist, steht im Beitrag zu den Beatport-Charts.
Was Labels mit ihren Künstlern schriftlich regeln
Sobald fremde Musik erscheint, wird aus dem Hobby ein Rechteverhältnis. Üblicherweise stehen in solchen Verträgen: welche Rechte für welches Gebiet und welchen Zeitraum eingeräumt werden, ob und wann sie an den Künstler zurückfallen, wie sich die Erlöse nach Abzug der Vertriebsanteile aufteilen, wer Mastering, Artwork und Promo bezahlt, und wie mit Remixen und späteren Compilations verfahren wird. Wie die konkrete Ausgestaltung aussieht, hängt vom Einzelfall ab und ist der Punkt, an dem größere Labels anwaltlich arbeiten. Auf der Urheberseite muss zusätzlich sauber sein, wem der Track anteilig gehört — die Logik dahinter behandelt der Text zu Splits und Tantiemen.
Mehr Streit als jede Prozentzahl erzeugt in der Praxis etwas anderes: Abrechnungsrhythmus und Transparenz. Wer halbjährliche Abrechnung zusagt, muss halbjährlich abrechnen — und die Verkaufsberichte des Vertriebs weiterreichen können, ohne dass daraus ein Projekt wird.
Was ein Label kostet — und woran die meisten scheitern
Die Gründungskosten sind niedrig: Gewerbeschein, je nach Modell Vertriebsgebühren oder eine Umsatzbeteiligung, Artwork, Mastering. Der eigentliche Aufwand ist ein anderer, und er ist wiederkehrend. Ein Label lebt von Kontinuität — von einem Katalog, der wächst, von Promo zu jedem Release, von Metadaten, die stimmen. Genau daran gehen kleine Labels ein: nicht am Geld, sondern am dritten Release, für das niemand mehr Zeit hat, die Promo-Mails zu schreiben.
Der ehrliche Test vor der Gründung besteht deshalb aus einer einzigen Frage: Hast du die nächsten sechs Veröffentlichungen bereits im Blick — eigene oder fremde — und einen Termin für jede davon? Wenn ja, ist ein Label ein sinnvolles Gefäß für Arbeit, die du ohnehin machst. Wenn nein, ist ein Vertriebszugang die günstigere und ehrlichere Antwort, und du kannst jederzeit nachrüsten.
Häufige Fragen
Brauche ich ein eigenes Label, um Musik zu veröffentlichen?
Nein. Für Streamingdienste genügt ein Digitalvertrieb, und auch Beatport ist über große Aggregatoren ohne eigenes Label erreichbar — Direkt-Uploads nimmt Beatport allerdings nicht an. Der Unterschied: Ohne Label läuft dein Release unter dem Katalog des Aggregators statt unter einer eigenen Labelseite. Rechtlich bist du als Produzent deiner eigenen Aufnahme ohnehin Tonträgerhersteller im Sinne von § 85 UrhG.
Was kostet es, ein Musiklabel zu gründen?
Die Gewerbeanmeldung liegt je nach Kommune meist zwischen etwa 20 und 60 Euro. Der Wahrnehmungsvertrag mit der GVL und der Labelcode sind kostenfrei. Ein eigener ISRC-Erstinhaberschlüssel beim BVMI kostet einmalig eine dreistellige Gebühr, ist aber verzichtbar, weil fast jeder Vertrieb ISRCs kostenlos vergibt. Der laufende Aufwand entsteht bei Artwork, Mastering, Promo und Vertriebsanteilen.
Wie bekomme ich einen Labelcode?
Der Labelcode wird in Deutschland von der GVL vergeben und hängt am Wahrnehmungsvertrag als Tonträgerhersteller. Der Vertrag wird über das Online-Portal der GVL geschlossen, der Code damit zugleich beantragt. Die GVL verlangt dabei Nachweise, dass tatsächlich veröffentlicht wird — etwa eine Gewerbeanmeldung und einen Beleg für eine erschienene Veröffentlichung. Ein Label kann mehrere Labelcodes führen, wenn es mehrere Marken betreibt.
Wie bekommt ein neues Label eine eigene Seite auf Beatport?
Über eine Label-Bewerbung, die Beatport vorab freigeben muss, und über einen Vertrieb, der an Beatport liefert. Wie viel Katalog dafür nötig ist, wird unterschiedlich angegeben — die Spanne reicht von Links zu den letzten ein bis zwei Releases bis zu sechs Veröffentlichungen zum Zeitpunkt der Bewerbung, wie es Beatports Bewerbungsformular nennt. Bewertet werden zusätzlich Präsenz, Roster und Release-Plan. Pro Labelseite lässt Beatport nur einen Vertrieb zu.
Ist ein Label ein Gewerbe oder ein freier Beruf?
In der Regel ein Gewerbe: Ein Label verwertet Aufnahmen und verkauft Produkte, was üblicherweise als gewerbliche Tätigkeit eingeordnet wird — auch wenn du daneben als Künstler freiberuflich tätig bist. Die Einordnung trifft im Einzelfall das Finanzamt anhand des Fragebogens zur steuerlichen Erfassung.
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