MAXIM SCHUNK
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Szene25. August 20265 Min. Lesezeit

Electrifying Mojo: die Radionacht, aus der Techno kam

Ein Radio-DJ spielte in Detroit nachts Kraftwerk am Stück. Eine Generation hörte zu und machte daraus Techno. Die Geschichte des Electrifying Mojo.

#Techno-Geschichte#Detroit#Kraftwerk#Radio#Szene#Elektronische Musik

Symbolbild, KI-generiert
Symbolbild, KI-generiert

In Detroit gingen an manchen Abenden Anfang der Achtziger die Verandalichter an. Autos hupten an roten Ampeln, obwohl niemand vor ihnen stand. Wer das sah und nicht wusste, worum es ging, hielt es für einen Spleen der Nachbarschaft. Tatsächlich war es ein Erkennungszeichen: Im Radio hatte gerade ein Mann gefragt, wer noch wach sei. Und die Stadt antwortete ihm mit Licht und Hupen.

Der Mann hieß Charles Johnson, auf Sendung nannte er sich The Electrifying Mojo. Seine Sendung war die „Midnight Funk Association“, eine Mitgliedschaft ohne Beitrag, ohne Ausweis und ohne Vorstand. Man trat ihr bei, indem man zuhörte. Was in diesen Nächten über den Äther ging, wurde die Grundlage einer Musik, die es damals noch nicht gab und die heute jedes Wochenende in Berlin, Amsterdam und Detroit gespielt wird.

Ein Programmchef hätte ihn gefeuert

Johnson stammte aus Little Rock in Arkansas, arbeitete in den Siebzigern bei mehreren Sendern und landete Mitte des Jahrzehnts bei WAAM im nahen Ann Arbor. 1977 ging er in Detroit bei WGPR auf Sendung — einem Sender, dessen Betreiber zwei Jahre zuvor die erste Fernsehstation in Schwarzem Besitz auf dem US-Festland auf Sendung gebracht hatten.

Was Mojo dort tat, widersprach allem, was das amerikanische Formatradio damals ausmachte. Statt Dreiminüter aus einer engen Rotation zu spielen, legte er ganze Albumseiten auf, teils zwanzig Minuten am Stück. Er ignorierte die Trennlinien, nach denen die Branche ihre Hörer sortierte: Parliament-Funkadelic neben Peter Frampton, Prince neben den B-52's, dazwischen eine deutsche Band, die klang, als käme sie nicht von diesem Planeten. Ein Sender, der auf Reichweitenmessung schaut, hätte das nach zwei Wochen abgesetzt. Bei Mojo lief es jahrelang, weil die Quote stimmte.

Die Mothership landete über der Innenstadt

Zur Sendung gehörte eine Inszenierung, die man heute Weltenbau nennen würde. Mojo eröffnete mit der „Landing of the Mothership“ — einer Ankunft aus dem All, akustisch untermalt, angeblich auf dem Dach des Penobscot Building mitten in Detroit. Der damalige Bürgermeister Coleman Young sprach in einem Beitrag so, als riefe er von einem fernen Planeten aus an, und bat darum, ihm zu helfen, die Stadt schön zu halten.

Das klingt albern, wenn man es aufschreibt. Für eine Stadt, die in diesen Jahren Arbeitsplätze, Einwohner und Zuversicht in einem Tempo verlor, das kaum eine amerikanische Großstadt je erlebt hat, war es etwas anderes. Es war ein nächtlicher Ort, an dem Detroit nicht als Problemfall vorkam, sondern als Zentrum von etwas Zukünftigem. Die Verandalichter waren die Antwort darauf.

Warum ausgerechnet vier Männer aus Düsseldorf

Die Band, die Mojo mit einer Ausdauer spielte, die selbst seine Hörer erstaunte, war Kraftwerk. Gegründet 1970 in Düsseldorf, mit einem eigenen Studio namens Kling Klang, gebaut aus Geräten, die es so nicht zu kaufen gab. Mit „Trans-Europe Express“ von 1977 und „Computerwelt“ von 1981 hatten Ralf Hütter, Florian Schneider und ihre Mitspieler eine Musik entworfen, die auf Rhythmus und Wiederholung setzte statt auf Gitarrensolo und Refrain.

In Deutschland galt das lange als Kunstprojekt am Rand des Pop. In Detroit hörte man etwas völlig anderes daraus. „Mojo hat den europäischen Blick auf elektronische Musik gebracht, indem er Kraftwerks ‚Numbers‘ den ganzen Tag lang gespielt hat“, hat der Detroiter Produzent Carl Craig es später beschrieben. „Numbers“, ein Stück ohne Melodie im herkömmlichen Sinn, nur Drumcomputer und gezählte Ziffern, funktionierte in Detroit wie eine Funkplatte. Der Rhythmus war das Argument, und der Rhythmus saß.

Dass die Rezeption keine Einbahnstraße blieb, zeigte sich 1982 in New York: Afrika Bambaataa und die Soulsonic Force bauten „Planet Rock“, indem sie die Melodie von „Trans-Europe Express“ nachspielten und das Schlagzeugmuster an „Numbers“ anlehnten — gesampelt wurde nicht, nachgebaut schon. Kraftwerk und das Label einigten sich später außergerichtlich.

Die Jungs, die jede Nacht mitschrieben

Unter den Zuhörern saßen Teenager aus Belleville, einem Vorort südwestlich von Detroit. Juan Atkins, Derrick May und Kevin Saunderson — später als Belleville Three bekannt — hörten die Sendung nach eigener Aussage wie eine Andacht. „Wir haben ihn jede Nacht religiös gehört“, hat Atkins gesagt; man habe wie in Trance dagesessen und auf die nächste Platte gewartet.

Bei Atkins blieb es nicht beim Zuhören. Zusammen mit Rick Davis nahm er als Cybotron 1981 die Single „Alleys of Your Mind“ auf und brachte sie auf dem eigenen Label Deep Space heraus. Mojo spielte sie. Das war der entscheidende Schritt: Die Platte wurde ein lokaler Erfolg, und viele Hörer hielten sie für einen europäischen Import, weil sie so klang, wie das Zeug aus Düsseldorf klang. 1983 folgte „Clear“, das bis heute in Electro-Sets läuft.

Was daraus entstand, hat Derrick May in einem Satz zusammengefasst, der seither in jedem zweiten Text über die Anfänge des Genres steht: Die Musik klinge, als steckten George Clinton und Kraftwerk gemeinsam in einem Fahrstuhl fest, mit nichts als einem Sequenzer als Gesellschaft. Genauer lässt sich der Ursprung von Techno kaum beschreiben: Funk aus der eigenen Stadt, Maschinenmusik aus Europa, und eine Generation, die keinen Grund sah, das eine vom anderen zu trennen.

Was das Radio konnte, was heute keiner mehr kann

Mojos Sendung war zugleich eine Schule. Ein junger DJ namens Jeff Mills trat dort ab den frühen Achtzigern regelmäßig als „The Wizard“ auf und mischte in einem Tempo und mit einer Technik, die im Radio bis dahin niemand vorgeführt hatte. Mills wurde später einer der einflussreichsten Techno-DJs überhaupt — sein Handwerk hatte er unter anderem in diesen nächtlichen Sendestrecken geschliffen.

Das ist der Punkt, an dem die Geschichte über Nostalgie hinausgeht. Ein einzelner Mensch mit Sendeplatz konnte eine ganze Stadt auf eine Musik einschwören, für die es weder Markt noch Genre noch Namen gab. Diese Machtstellung ist verschwunden; sie verteilt sich heute auf Playlists, Algorithmen und tausend kleine Kanäle. Wer heute ins Radio kommen will, verhandelt mit Formatuhren und Musikredaktionen, nicht mit einem Einzelnen, der nachts entscheidet, was ihm gefällt.

Die Anerkennung verteilte sich entsprechend ungleich. Kraftwerk wurde 2021 in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen, nach sechs vergeblichen Nominierungen und schließlich in der Kategorie Early Influence, ein Jahr nach dem Tod von Florian Schneider. Charles Johnson stand 2026 auf der Liste der 24 Nominierten für die Radio Hall of Fame — aufgenommen wurde er nicht. In Detroit ist er trotzdem eine feste Größe; die Detroit Historical Society führt ihn in ihrer Stadtenzyklopädie.

Bleibt eine Pointe, die man in Düsseldorf gelegentlich erzählt bekommt: Die wichtigste deutsche Band der elektronischen Musik wurde nicht in Deutschland verstanden, sondern über sechstausend Kilometer entfernt, nachts, von Leuten, die sie nie getroffen hat. Der Sound kam zurück — als Techno, über den Umweg Detroit.

Häufige Fragen

Wer war der Electrifying Mojo?

Charles Johnson, ein Radio-DJ aus Detroit, der ab 1977 bei WGPR und später bei WJLB und WHYT sendete. Seine Sendung Midnight Funk Association ignorierte alle Formatgrenzen und spielte Funk, Rock, Prince und Kraftwerk nebeneinander. Er gilt als eine der Schlüsselfiguren für die Entstehung von Detroit Techno.

Was hat Kraftwerk mit Detroit Techno zu tun?

Kraftwerks Platten, vor allem Trans-Europe Express von 1977 und Computerwelt von 1981, liefen in Detroit im Radio und wurden dort als Funkmusik gehört. Juan Atkins, Derrick May und Kevin Saunderson wuchsen damit auf und verbanden diesen Maschinenklang mit dem Funk ihrer Stadt.

Was war die Midnight Funk Association?

Der Name von Mojos Nachtsendung. Sie war als fiktiver Club angelegt, dem man durch Zuhören beitrat. Hörer signalisierten ihre Teilnahme, indem sie das Verandalicht anschalteten oder im Auto hupten.

Was war der erste Detroit-Techno-Track?

Einen unstrittigen ersten Track gibt es nicht. Als frühester Meilenstein gilt Alleys of Your Mind von Cybotron, dem Duo aus Juan Atkins und Rick Davis, 1981 auf dem eigenen Label Deep Space erschienen. Mojo spielte die Platte im Radio, worauf sie zum lokalen Erfolg wurde.

Woher stammt der Satz von George Clinton und Kraftwerk im Fahrstuhl?

Von Derrick May, der damit Ende der Achtziger den Klang der neuen Detroiter Musik beschrieb: als steckten George Clinton und Kraftwerk zusammen in einem Fahrstuhl fest, mit nur einem Sequenzer als Gesellschaft. Der Satz wird bis heute zitiert, weil er die beiden Wurzeln des Genres benennt.


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