Wiener Downbeat: Acht Platten, die Wien zum Sound machten
Von „G-Stoned“ bis „Ballroom Stories“: acht Platten aus Wien, die Kruder & Dorfmeister, Tosca und Waldeck zum Exportschlager des Downbeat machten.

Im Herbst 1993 nehmen zwei Wiener in einer Wohnung in der Grundsteingasse eine Platte auf. Kein Plattenvertrag, im Kern nur ein Zimmer voller Geräte. Ein Track darauf heißt passenderweise „Original Bedroom Rockers“. Für das Cover stellen Peter Kruder und Richard Dorfmeister ein Schwarz-Weiß-Foto nach, das viele Plattensammler kennen: Simon & Garfunkels „Bookends“ von 1968. Kurz darauf spielt Gilles Peterson in London „High Noon“ im Radio, und Wien rückt auf die Landkarte der Londoner DJs.
Was sie dort hörten, war ein Sound, der deutlich unter dem damaligen Clubtempo blieb: langsame Breakbeats, tiefer Dub-Bass, Jazzsamples, viel Hall und viel Zeit. Die Presse nannte es Downbeat, Trip-Hop oder einfach den „Vienna Sound“. Die folgenden acht Platten erzählen, wie aus einem Schlafzimmer ein Exportartikel wurde — und warum Remixe für diesen Sound so wichtig waren.
1. Kruder & Dorfmeister – „G-Stoned“ (1993)
Am Anfang steht eine EP, aufgenommen im September und Oktober 1993 und über das eigene Label G-Stone veröffentlicht. Dass zwei Österreicher mit einem Eigenlabel in London gehört wurden, lag an DJs wie Gilles Peterson, die „High Noon“ früh spielten. Wichtiger als der Erfolg ist die Haltung, die diese Platte festlegt: Kruder und Dorfmeister machen nicht Hip-Hop, nicht Acid Jazz und nicht Ambient, sondern etwas dazwischen, das nach Kiffen, Kino und Kaffeehaus klingt. Das „Bookends“-Cover ist dabei mehr als ein Gag. Es sagt: Wir nehmen Popgeschichte ernst, aber nicht feierlich.
2. Kruder & Dorfmeister – „DJ-Kicks“ (1996)
Am 19. August 1996 erscheint der Mix der beiden in der DJ-Kicks-Reihe des Berliner Labels Studio !K7. Er hat bis heute ein Publikum: Im Frühjahr 2026 kehrte er in die britischen Dance-Album-Charts zurück und erreichte Platz 2. Wer verstehen will, wie weit der Wiener Sound damals schon vernetzt war, liest die Trackliste: Thievery Corporation aus Washington, The Herbaliser aus London, Shantel aus Frankfurt, Hardfloor aus Deutschland unter einem ihrer Seitenprojekte, dazu eigene Stücke wie „High Noon“. Die Mix-CD war in den Neunzigern das Format, über das Szenen einander kennenlernten — ähnlich wie es die Global-Underground-Reihe für Progressive House tat. „DJ-Kicks“ machte Kruder & Dorfmeister zu Kuratoren, nicht nur zu Produzenten.
3. Sofa Surfers – „Sofa Rockers“ (1997)
Ein Sound wird erst zur Szene, wenn mehr als ein Duo ihn trägt. Die Sofa Surfers, Mitte der Neunziger in Wien gegründet, veröffentlichten früh auf Klein Records, einem jungen Wiener Label. „Sofa Rockers“ ist dubbiger und rauer als die G-Stone-Platten, mit mehr Bandgefühl. Richard Dorfmeisters Remix des Stücks landete später auf den „K&D Sessions“ und damit in Wohnzimmern in ganz Europa. Daran sieht man, wie die Wiener Szene funktionierte: Man remixte sich gegenseitig, und jeder Remix war Werbung für das ganze Netzwerk. Die Band selbst entwickelte sich später mit Gitarre und Schlagzeug in Richtung Rock und schrieb Filmmusik, etwa für die Brenner-Krimis nach Wolf Haas — weg vom Etikett, das ihr anfangs geholfen hatte.
4. Tosca – „Opera“ (1997)
Tosca ist Richard Dorfmeisters zweites Projekt, gemeinsam mit Rupert Huber. Das Debütalbum „Opera“ erschien 1997 auf G-Stone und Studio !K7 und enthält Stücke wie „Chocolate Elvis“. Wo Kruder & Dorfmeister cool und kontrolliert wirken, ist Tosca verspielt, verschroben, manchmal albern. Das Album beginnt mit einem fast neunminütigen „Fuck Dub“ und enthält ein Stück von über zehn Minuten. Mit „Suzuki“ folgte im Februar 2000 ein fast instrumentales, deutlich ruhigeres Album. Tosca beweist, dass der Wiener Sound kein Rezept war, sondern eine Erlaubnis: Tempo raus, Länge rein, Humor erlaubt.
5. Kruder & Dorfmeister – „The K&D Sessions“ (1998)
Das erfolgreichste Album des Wiener Downbeat ist kein Album im eigentlichen Sinn. Am 5. Oktober 1998 veröffentlichte Studio !K7 eine Doppel-CD mit Remixen für andere: Roni Size mit „Heroes“, Depeche Mode mit „Useless“, Bomb the Bass mit „Bug Powder Dust“, dazu Lamb, David Holmes und Bone Thugs-n-Harmony. Die Idee entstand laut Label nach einem Auftritt in München, als ein Studentenreporter wissen wollte, warum die Shows eines Duos mit nur einer einzigen EP so voll seien. Die Antwort war diese Sammlung. Sie wurde in Österreich und Großbritannien mit Gold ausgezeichnet und wurde in den folgenden Jahren zum Dauerbrenner in Bars und Wohnzimmern. Die eigentliche Pointe: Ein Studioalbum hatten Kruder & Dorfmeister in den Neunzigern nie veröffentlicht. Die Stücke dafür lagen schon fertig auf einer Testpressung — und kamen erst 2020 unter dem Titel „1995“ heraus. Wer wissen will, warum Remixe in dieser Zeit so viel Gewicht hatten, findet die Mechanik dahinter im Artikel über den Remix-Auftrag.
6. Waldeck – „Balance of the Force“ (1998)
Klaus Waldeck ist die vielleicht ungewöhnlichste Figur dieser Liste. Der Wiener, Jahrgang 1966, promovierte in Jus und arbeitete kurz als Urheberrechtsanwalt, bevor er sich ganz der Musik widmete. Nach der EP „Northern Lights“ (1996), die er gemeinsam mit Kruder & Dorfmeister produzierte, erschien 1998 auf Spray/BMG sein erstes Album „Balance of the Force“. Die EP-Stücke „Aquarius“ und „Moon“ sind darauf wieder enthalten. Es ist eine der Platten, an denen man hört, wie aus einem Clubsound ein Albumsound wurde: elegant, filmisch, für Kopfhörer gedacht. Dass ausgerechnet ein Urheberrechtler dieses Genre mitprägte, passt zu einer Musik, die aus Zitaten gebaut war.
7. Peace Orchestra – „Peace Orchestra“ (1999)
Unter dem Namen Peace Orchestra veröffentlichte Peter Kruder 1999 ein Soloalbum auf G-Stone. Das Stück „Who Am I“ wurde zur bekanntesten Nummer des Projekts: Es landete auf dem Soundtrack zu „The Animatrix“ der Wachowskis, neben Photek, Death in Vegas und Juno Reactor. 2002 folgte mit „Reset“ ein Remixalbum, auf dem unter anderem Gotan Project, Château Flight und das Trüby Trio die Stücke bearbeiteten. Peace Orchestra zeigt den Moment, in dem der Wiener Sound vom Clubkontext ins Kino wanderte — und damit auch den Moment, in dem er für viele zur Hintergrundmusik wurde.
8. Waldeck – „Ballroom Stories“ (2007)
Das Ende dieser Geschichte ist zugleich ein Anfang. Waldeck hatte Anfang der Nullerjahre sein eigenes Label Dope Noir gegründet. 2007 erschien dort „Ballroom Stories“, mit Live-Instrumenten, Swing-Anleihen und der Sängerin Zeebee. Das Album wurde sein größter kommerzieller Erfolg und gilt als einer der Prototypen des Electro Swing, der in den Jahren danach zur eigenen Welle wurde. Der Weg vom Breakbeat zum Big-Band-Sample ist kürzer, als er klingt: Beide Male ging es darum, alte Platten in neue, langsame Grooves zu übersetzen.
Was vom Vienna Sound geblieben ist
Der Wiener Downbeat hatte nie das, was eine Szene normalerweise ausmacht: einen zentralen Club, eine Hymne für die Peak Time, eine Bewegung auf der Straße. Er lebte auf Mix-CDs, in Remixen und in Wohnzimmern. Gerade das macht ihn heute wieder interessant. Wer sich mit dem langsamen Ende der Clubmusik beschäftigt, findet im Organic House und Downtempo von heute viele Ideen wieder, die Kruder, Dorfmeister, Huber und Waldeck in den Neunzigern ausprobierten: Tiefe statt Druck, Atmosphäre statt Drop. Und wer nach Wien fährt, merkt, dass die Stadt zwischen Donaukanal und Gürtel längst eine andere Clubszene hat. Die Platten aus der Grundsteingasse klingen trotzdem noch nach dieser Stadt.
Häufige Fragen
Was ist der Wiener Downbeat oder „Vienna Sound“?
So nannte die Musikpresse in den Neunzigern die langsame elektronische Musik aus Wien: Breakbeats unter Clubtempo, Dub-Bass, Jazz- und Filmsamples. Prägend waren Kruder & Dorfmeister mit ihrem Label G-Stone, dazu Tosca, Peace Orchestra, die Sofa Surfers und Waldeck.
Haben Kruder & Dorfmeister ein Studioalbum veröffentlicht?
In den Neunzigern nicht. Bekannt wurden sie über die EP „G-Stoned“ (1993), den Mix „DJ-Kicks“ (1996) und die Remixsammlung „The K&D Sessions“ (1998). Ein 1995 fertiggestelltes Album lag lange nur als Testpressung vor und erschien erst 2020 unter dem Titel „1995“.
Welche Remixe sind auf den „K&D Sessions“?
Die Doppel-CD von 1998 enthält unter anderem Bearbeitungen von Roni Size („Heroes“), Depeche Mode („Useless“), Bomb the Bass („Bug Powder Dust“), Lamb, David Holmes, Bone Thugs-n-Harmony und den Sofa Surfers („Sofa Rockers“).
Was haben Kruder & Dorfmeister mit Simon & Garfunkel zu tun?
Das Cover ihrer ersten EP „G-Stoned“ stellt das Schwarz-Weiß-Foto von Simon & Garfunkels Album „Bookends“ aus dem Jahr 1968 nach.
Wo kam „Who Am I“ von Peace Orchestra vor?
Das Stück aus Peter Kruders Soloalbum „Peace Orchestra“ (1999) ist auf dem Soundtrack zu „The Animatrix“ der Wachowskis zu hören.
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