MAXIM SCHUNK
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Szene16. Oktober 20265 Min. Lesezeit

„Hyper Hyper“: Wie Scooter den Rave in die Charts brüllten

1994 rief H. P. Baxxter auf einer Hamburger Party „Hyper, Hyper!“ ins Mikro. Daraus wurde ein Platinhit, den die Technoszene verachtete – die Geschichte.

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Symbolbild, KI-generiert
Symbolbild, KI-generiert

Auf einer Party in Hamburg läuft ein instrumentaler House-Track, und der Mann am Mikrofon improvisiert. Er ruft die Namen seiner Lieblings-DJs und dazwischen ein Schlagwort aus einem schottischen Rave-Track: „Hyper, Hyper!“ Das Publikum geht mit, und die Band beschließt, den Witz aufzunehmen. So erzählte es Manager Jens Thele 1994 dem Fachblatt „Music & Media“. Baxxter selbst nannte später auch eine Radiosendung des britischen DJs Steve Mason als Vorbild für die Grüße. Wenige Monate später stand die Single auf Platz 2 der deutschen Charts. Und mit ihr begann ein Streit darüber, wem Techno eigentlich gehört.

Zwei Synthiepop-Veteranen, ein Manager und ein Remix-Team

Die Leute hinter Scooter waren 1994 keine Neulinge. Hans Peter Geerdes, der sich H. P. Baxxter nennt, und der Keyboarder Rick J. Jordan, bürgerlich Hendrik Stedler, hatten schon 1986 die Synthiepop-Band Celebrate the Nun gegründet, die trotz kleiner Clubhits in den USA nie groß herauskam. Baxxter arbeitete danach bei der Hamburger Plattenfirma Edel, wo er Jens Thele kennenlernte. 1993 bildeten Baxxter und Jordan mit Thele und Baxxters Cousin Sören Bühler alias Ferris Bueller das Remix-Team The Loop!. Im Dezember 1993 gründeten Baxxter, Jordan und Bühler daraus Scooter, Thele wurde Manager.

Die erste Single war eine Neufassung: „Vallée de Larmes“, ursprünglich ein Titel von René et Gaston, erschien im Februar 1994 und kam bis auf Platz 8 der deutschen Dance-Charts. Ein Achtungserfolg, mehr nicht. Der zweite Versuch war der Ruf von der Party.

Woher der Ruf „Hyper Hyper“ stammt

Ganz eigen war der Ausruf nicht. Er stammt aus „Annihilating Rhythm“ von Ultra-Sonic, einem Rave-Duo aus Schottland, das den Track im Oktober 1993 veröffentlicht hatte. In Deutschland erschien er 1994 in Lizenz bei Low Spirit, dem Label, das Westbam mitgegründet hatte. Scooter bauten die Zeile in ein eigenes Stück ein, schnell, hell, irgendwo zwischen Techno und Rave-Pop, und brachten es im Mai 1994 auf Club Tools heraus, einem Edel-Label. Ultra-Sonic bekamen im Text einen eigenen Gruß.

Neu war die Idee, dass Techno in die Charts gehört, ebenfalls nicht. Anfang 1992 hatte U96 mit „Das Boot“ wochenlang auf Platz eins gestanden, und mit Marusha stand 1994 sogar eine DJ in den Top drei der Singlecharts. Neu war die Rolle des Mannes vorn: kein DJ, sondern ein Frontmann, der Parolen brüllte, als stünde er auf einer Bühne im Stadion.

Rund dreißig Namen: die Grußliste

Was den Track von anderen Rave-Nummern jener Monate unterschied, war die Grußliste. Baxxter zählt darin rund dreißig DJs auf, die damals in Deutschland Gewicht hatten: Westbam, Marusha, Carl Cox, Sven Väth, Laurent Garnier, Tanith, Mark Spoon, DJ Hell, Paul Elstak, Miss Djax, Mijk van Dijk und etliche mehr. Es ist eine Grußliste, wie man sie aus dem Hip-Hop kennt, nur dass hier keine Crew gegrüßt wird, sondern eine ganze Szene.

Für Hörer außerhalb dieser Szene war die Liste eine Art Landkarte. Hier standen die Namen, die auf Flyern und Compilations auftauchten, die man aus dem Radio kannte oder vom Hörensagen. Für die Genannten selbst war sie zweischneidig. Hardcore-DJs wie Paul Elstak oder Lenny Dee lagen nicht weit weg von dem, was Scooter machten. Andere, etwa Laurent Garnier oder Tanith, standen stilistisch woanders und fanden sich nun in einem Song wieder, den sie nie bestellt hatten. Westbam nannte ihn laut Stuttgarter Zeitung „die schlechteste Nummer der Welt“.

Wie aus dem Partywitz ein Platinhit wurde

Der Erfolg kam nicht über Nacht. Die erste Maxi erschien Ende Mai 1994, weitere CD- und Vinylausgaben folgten im September. Im Oktober nahm VIVA das Video in die A-Rotation, also in die Liste der am häufigsten gespielten Clips. Der Musiksender war damals der Ort, an dem Techno im Fernsehen ein Gesicht bekam, und Scooter hatten eines, das man sich merkte.

Am Ende stand „Hyper Hyper“ auf Platz 2 der deutschen Singlecharts, in Österreich ebenfalls auf Platz 2, in der Schweiz auf Platz 3. In Deutschland gab es Platin, in der Jahreswertung 1994 landete die Single auf Platz 27. Für eine Band, die es ein Jahr zuvor noch nicht gegeben hatte, war das ein Einstand nach Maß.

Warum die Technoszene Scooter verachtete

Je größer der Hit, desto kälter die Reaktion aus den Clubs. Die Technoszene habe die Band belächelt, schreibt die Badische Zeitung rückblickend. Die Wiener Wochenzeitung Falter beschreibt, wie Raver Scooter als „Nestbeschmutzer“ sahen, die das Rave-Gefühl an ein Ballermann-Publikum verkauften. Schimpfwörter wie „Prolltechno“ oder „Kirmestechno“ machten die Runde. Die Musikmedien hätten „fast ausnahmslos gegen uns gepöbelt“, erinnerte sich Baxxter später. Gebucht wurden Scooter danach vor allem in Mainstreamdiscos, nicht in den Clubs, deren DJs sie besungen hatten.

Dahinter stand eine echte Verschiebung. 1994 war Techno in Deutschland längst keine Kellerkultur mehr. Die Loveparade war ein Massenereignis geworden, die großen Raves füllten Hallen, und Compilations verkauften sich in großen Stückzahlen. Was der Untergrund an Scooter nicht ertrug, war wohl weniger der Sound als die Offenheit: Hier nahm jemand den Rave als Popformel, trug ihn mit gebrüllten Parolen vor und machte keinen Hehl daraus. Der österreichische Standard formulierte es zu Baxxters 60. Geburtstag so: Techno habe raus gemusst aus „stinkigen Kellerlokalen und Fabrikhallen“, und im Mai 1994 habe er sich mit „Hyper Hyper“ endgültig auf den Weg gemacht, hin zum Bierbecher, in die Festzelte und in den Vergnügungspark mit angeschlossener Großraumdisco.

Was aus Scooter und dem Ruf wurde

Scooter blieben. Das Debütalbum „… and the Beat Goes On!“ folgte im Januar 1995, danach eine lange Kette von Hits. Die Band kommt auf mehr als zwanzig Top-Ten-Singles in Deutschland und nach eigenen Angaben auf über 30 Millionen verkaufte Tonträger. Die Besetzung wechselte mehrfach, Baxxter blieb als einzige Konstante.

Und die Szene? Sie hat ihren Frieden gemacht, zumindest teilweise. Ausgerechnet Modeselektor, eines der Aushängeschilder des Berliner Clubtechno, nahmen „Hyper Hyper“ gemeinsam mit Otto von Schirach für ihr Album „Happy Birthday!“ von 2007 neu auf. Was 1994 als Verrat galt, war gut dreizehn Jahre später ein Zitat, das man mit Augenzwinkern spielen konnte.

Ein Song als Zeitdokument

„Hyper Hyper“ war nicht der Moment, in dem Techno in Deutschland kommerziell wurde. Das war er 1994 längst. Es war der Moment, in dem jemand es laut aussprach, und zwar so laut wie möglich. Die Grußliste ist heute ein Dokument: ein Querschnitt dessen, wer Mitte der Neunziger hinter den Plattentellern stand, aufgeschrieben von einer Band, die keiner dieser DJs darum gebeten hatte.

Häufige Fragen

Woher stammt der Ruf „Hyper Hyper“?

Aus dem Track „Annihilating Rhythm“ des schottischen Rave-Duos Ultra-Sonic von 1993. Scooter übernahmen die Zeile und grüßen Ultra-Sonic im Text ausdrücklich.

Welche DJs werden in „Hyper Hyper“ genannt?

Rund dreißig, darunter Westbam, Marusha, Carl Cox, Sven Väth, Laurent Garnier, Tanith, Mark Spoon, DJ Hell, Paul Elstak, Miss Djax und Mijk van Dijk.

Welche Chartplatzierung erreichte „Hyper Hyper“?

Platz 2 in Deutschland und Österreich, Platz 3 in der Schweiz. In Deutschland wurde die Single mit Platin ausgezeichnet.

Wann erschien „Hyper Hyper“?

Im Mai 1994 auf Club Tools, einem Label von Edel. Es war nach „Vallée de Larmes“ die zweite Single von Scooter und stand später auf dem Debütalbum „… and the Beat Goes On!“ von 1995.


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