MAXIM SCHUNK
← Blog & Ratgeber
Szene8. Oktober 20267 Min. Lesezeit

Big Beat: Acht Platten, die die Neunziger laut machten

Von „Song to the Siren“ bis „Praise You“: acht Platten, die Big Beat zwischen 1992 und 1999 prägten – und warum das Genre an seiner Formel zerbrach.

#Big Beat#Fatboy Slim#The Chemical Brothers#The Prodigy#Musikgeschichte#Neunziger

Symbolbild, KI-generiert
Symbolbild, KI-generiert

London, Spätsommer 1994. Im Keller des Albany, eines Pubs an der Great Portland Street, veranstaltet Heavenly Records eine Sonntagsnacht für vielleicht 150 Leute. Hinter den Plattenspielern stehen zwei Freunde, die sich an der Universität in Manchester kennengelernt haben und sich The Dust Brothers nennen. Sie spielen Hip-Hop neben Acid Techno, Soul neben Indie-Gitarren, und alles klingt, als hätte jemand den Lautstärkeregler abgebrochen. Nach dreizehn Sonntagen ist der Heavenly Sunday Social wieder vorbei. Was dort lief, hatte noch keinen Namen. Ein paar Jahre später hieß es Big Beat, stand an der Spitze der britischen Charts und gewann einen Grammy in einer Rockkategorie.

Big Beat war die vielleicht unwahrscheinlichste Erfolgsgeschichte der Neunziger: Musik aus Breakbeats, Samples und Acid-Linien, gemacht für Leute, die eigentlich wegen der Gitarren ausgingen. Das Genre lebte kaum sieben Jahre. Diese acht Platten erzählen, wie es entstand, wie es die Welt eroberte und warum es an seiner eigenen Formel erstickte.

1. The Dust Brothers – „Song to the Siren“ (1992)

Am Anfang steht ein einseitig bespieltes grünes Zwölfzoll-Vinyl, im Oktober 1992 auf dem eigenen Label der beiden veröffentlicht, in einer Auflage von höchstens 900 Stück. Tom Rowlands und Ed Simons legen ein schroffes, verwaschenes Sample aus der This-Mortal-Coil-Fassung von „Song to the Siren“ über schleppende Breakbeats und eine Acid-Linie. Andrew Weatherall spielt die Platte immer wieder, Junior Boy's Own bringt sie 1993 neu heraus, mit Remixen von Weatheralls Projekt The Sabres of Paradise.

Warum sie hier steht: Alles, was Big Beat später ausmachte, ist schon da. Der Hip-Hop-Beat, der zu langsam für House ist. Das Sample, das psychedelisch statt soulig wirkt. Und die Säure aus der TB-303-Tradition, die das Ganze in den Club zurückholt.

2. The Chemical Brothers – „Setting Sun“ (1996)

Den Namen Dust Brothers mussten die beiden abgeben, als die gleichnamigen US-Produzenten der Beastie Boys mit rechtlichen Schritten drohten. Das Debütalbum vom Juni 1995 hieß deshalb „Exit Planet Dust“. Den eigentlichen Durchbruch brachte aber eine Zusammenarbeit: Für „Setting Sun“ schrieb Noel Gallagher von Oasis über Nacht einen Text zum fertigen Instrumental und sang ihn ein. Die Single erschien am 30. September 1996 und stieg auf Platz eins der britischen Charts ein, obwohl das Radio sie kaum spielte.

Warum sie hier steht: „Setting Sun“ ist der Moment, in dem Britpop und Rave dieselbe Platte kauften. Wer bis dahin Gitarrenbands hörte und Clubmusik für etwas Fremdes hielt, hatte plötzlich einen Grund, beides zu mögen. Auf dieser Brücke ist Big Beat groß geworden.

3. The Prodigy – „Firestarter“ (1996)

Ob The Prodigy überhaupt Big Beat waren, darüber lässt sich streiten. Liam Howlett kam aus der Rave-Szene, nicht aus den Indie-Clubs. Aber keine andere Platte hat das Bild des Genres in der Öffentlichkeit so geprägt wie „Firestarter“, erschienen am 18. März 1996 auf XL Recordings. Es war das erste Mal, dass Keith Flint auf einem Prodigy-Track sang. Das Gitarrenriff stammt aus „S.O.S.“ von The Breeders, das „Hey“ aus „Close (to the Edit)“ von Art of Noise.

Die Single stand drei Wochen auf Platz eins in Großbritannien und kam in Deutschland bis auf Platz sechs. Das Album „The Fat of the Land“ erreichte im Juli 1997 die Spitze der US-Albumcharts. Warum die Platte hier steht: Sie machte aus elektronischer Musik eine Bühnenshow mit Gesicht, Frisur und Bedrohung. Ein Punk-Gestus, der Big Beat auf jedem Festivalplakat einen Platz neben den Rockbands sicherte.

4. Propellerheads – „Take California“ (1996)

Während in Brighton und London die Clubs wuchsen, baute Mark Jones in London Wall of Sound auf, das zweite große Big-Beat-Label neben Skint. Die Propellerheads aus Bath waren seine stilbildende Band: Alex Gifford und Will White, ein Multiinstrumentalist und ein Schlagzeuger, die Breakbeats wie eine Live-Band behandelten. „Take California“ ist bis auf ein wiederkehrendes Sample aus einem Interview mit Richard Nixon rein instrumental.

Warum sie hier steht: Die Platte zeigt die verspielte, filmische Seite des Genres, näher an Agentenfilm und Funk als an der Raverei. Sie wurde für einen Grammy in der Kategorie Rock-Instrumental nominiert, und im Oktober 2001 lief sie im allerersten iPod-Werbespot. Big Beat war da schon die Musik, mit der man Technik verkaufte.

5. The Chemical Brothers – „Block Rockin' Beats“ (1997)

Ein Schlagzeug-Sample von Bernard Purdie, eine Stimme aus Schoolly Ds „Gucci Again“ und eine Bassfigur, die wie ein Rammbock wirkt: „Block Rockin' Beats“ erschien am 24. März 1997 und war die zweite Nummer eins der Chemical Brothers in Großbritannien. In den USA erschien das Album „Dig Your Own Hole“ bei Astralwerks, mitten in der Phase, in der die Plattenindustrie dort „Electronica“ als nächstes großes Ding ausrief.

Warum sie hier steht: Bei den Grammys im Februar 1998 gewann der Track den Preis für die beste Rock-Instrumentalperformance. Ein Stück ohne Gitarre, gebaut aus Funk- und Hip-Hop-Samples, schlug in einer Rockkategorie die Gitarrenvirtuosen. Deutlicher konnte nicht gezeigt werden, dass die Grenzen, an denen sich Rock und Dance jahrelang abgearbeitet hatten, für diese Generation keine Rolle mehr spielten. Der große Electronica-Durchbruch in Amerika blieb trotzdem aus, die Verkäufe hielten mit dem Hype nicht mit.

6. Cornershop – „Brimful of Asha (Norman Cook Remix)“ (1998)

Im Original war „Brimful of Asha“ ein schlurfender Indie-Song über die Bollywood-Sängerin Asha Bhosle, 1997 auf Platz 60 der britischen Charts. Norman Cook zog das Tempo an, straffte das Schlagzeug, und im Februar 1998 stand der Remix eine Woche lang auf Platz eins. Cook war zu diesem Zeitpunkt längst eine feste Größe in Brighton: Mit Damian Harris veranstaltete er seit 1995 im Concorde die Big Beat Boutique, jene Clubnacht, nach der das Genre benannt wurde. Harris' Label Skint, im selben Jahr als Schwesterlabel von Loaded gegründet, wurde Cooks Heimat.

Warum sie hier steht: Der Remix zeigt, wie Big Beat als Werkzeug funktionierte. Man nahm einen Song, legte einen Breakbeat darunter, und aus einer Albumnummer wurde ein Partyhit. Diese Methode machte Cook zum gefragtesten Remixer des Landes. Sie war aber auch der Anfang der Formel, an der das Genre später müde wurde.

7. Fatboy Slim – „The Rockafeller Skank“ (1998)

„Right about now, the funk soul brother“: Eine einzige Zeile von Lord Finesse, so oft wiederholt, bis sie zur Hookline wird, darunter der Groove aus „Sliced Tomatoes“ der Just Brothers aus den Sechzigern und eine Surfgitarre. „The Rockafeller Skank“ erschien bei Skint und kam im Juni 1998 auf Platz sechs in Großbritannien. Lord Finesse erzählte später, er habe bei der Sample-Anfrage mit einem Hip-Hop-Track gerechnet, nicht mit so etwas.

Warum sie hier steht: Kein Track fasst die Big-Beat-Idee so knapp zusammen. Ein Sample, ein Loop, eine Spannungskurve, die über Minuten aufgebaut und dann losgelassen wird. Wer diese Dramaturgie heute in einem Festival-Edit hört, hört Fatboy Slim mit.

8. Fatboy Slim – „Praise You“ (1999)

Am 4. Januar 1999 erschien „Praise You“, gebaut um ein Gesangssample aus Camille Yarbroughs „Take Yo' Praise“ von 1975. Es war Cooks erste Nummer eins als Fatboy Slim. Berühmter als der Song wurde das Video: Spike Jonze tanzt darin mit einer erfundenen Laientruppe vor einem Kino in Los Angeles, gedreht ohne Genehmigung, für angeblich 800 Dollar. Bei den MTV Video Music Awards 1999 gewann es drei Preise.

Warum sie hier steht: Das ist der Gipfel des Genres und zugleich sein Ende. Big Beat war Pop geworden, freundlich, ironisch, werbetauglich. In Deutschland kam „Praise You“ übrigens nur auf Platz 55. Hierzulande blieb Big Beat eher ein britischer Import als ein eigener Clubsound.

Wie Big Beat zu Ende ging

Am 13. Juli 2002 legte Fatboy Slim bei der Big Beach Boutique II am Strand von Brighton auf, kostenlos. Geplant war für einen Bruchteil, gekommen sind nach Schätzungen rund 250.000 Menschen. Eine junge Frau starb nach einem Sturz von der Promenade, mehr als 170 Menschen wurden verletzt. Die Nacht gilt in Großbritannien bis heute als Wendepunkt für die Planung von Großveranstaltungen. Das Genre selbst war da bereits auf dem Rückzug: Spätestens ab 2001 nutzte sich die Formel ab, die Clubs gehörten Trance und gerader Bassdrum, und auch die Chemical Brothers wandten sich stärker House und Techno zu.

Big Beat ist trotzdem nicht verschwunden. Der Gedanke, dass ein Club-Track ein Rockpublikum erreichen kann, dass ein DJ der Headliner eines Festivals ist, wurde in diesen sieben Jahren vom Ausnahmefall zur Normalität. Ähnlich wie UK Garage oder der French House, den die Chemical Brothers selbst früh in ihre Sets nahmen, lebt Big Beat heute vor allem in seiner DNA weiter: im Breakbeat unter der Gitarre, im Sample, das sich hochschaukelt, und in der Idee, dass Tanzmusik keine Genregrenzen respektieren muss.

Häufige Fragen

Was ist Big Beat?

Big Beat ist ein britischer Stil elektronischer Musik aus der Mitte und dem Ende der Neunziger. Er verbindet Breakbeats aus dem Hip-Hop mit Acid-Linien, Rock- und Funk-Samples und lauten, verzerrten Drums. Bekannte Vertreter sind The Chemical Brothers, Fatboy Slim und Propellerheads.

Woher hat Big Beat seinen Namen?

Der Name geht auf die Clubnacht Big Beat Boutique zurück, die Norman Cook alias Fatboy Slim und Damian Harris ab 1995 im Concorde in Brighton veranstalteten. Der Begriff selbst war schon früher im Umlauf, wurde aber erst über diese Nacht und das Label Skint zum Genrenamen.

Welche Labels waren für Big Beat wichtig?

Die wichtigsten waren Skint aus Brighton, das Label von Fatboy Slim, und Wall of Sound aus London mit Propellerheads und The Wiseguys. Für die frühen Chemical Brothers waren Junior Boy's Own als Label und Heavenly mit dem Sunday Social wichtig, in den USA veröffentlichte Astralwerks viele Big-Beat-Alben.

Sind The Prodigy Big Beat?

Nicht ganz. The Prodigy kamen aus der britischen Rave-Szene der frühen Neunziger. Mit „Firestarter“ und „The Fat of the Land“ wurden sie aber zum bekanntesten Gesicht der Welle, zu der auch Big Beat gehörte, und werden deshalb oft dazugezählt.


Weitere Artikel