MAXIM SCHUNK
← Blog & Ratgeber
Szene4. Oktober 20266 Min. Lesezeit

ATB und „9 PM“: Der Trance-Hit, der um neun Uhr entstand

Ein Gitarrenriff, gespeichert um 21 Uhr vor einem Kinobesuch: Wie ATBs „9 PM (Till I Come)“ 1999 an die Spitze der britischen Singlecharts kam.

#Trance-Geschichte#ATB#Neunziger#Kontor Records#UK-Charts#Deutschland

Symbolbild, KI-generiert
Symbolbild, KI-generiert

Ein Abend im Jahr 1998, ein kleines Studio in Deutschland. Ein junger Produzent will mit einer Bekannten ins Kino. Vorher zeigt er ihr noch sein Studio, weil sie wissen will, wie er Musik macht. Er programmiert einen Beat, schaltet ein paar Synthesizer-Sounds durch, landet bei einem Gitarrenklang und spielt darauf eine Melodie, die er mit dem Pitch-Rad nach oben und unten zieht. Er merkt sofort, dass da etwas ist. Er speichert die Datei. Weil die Uhr gerade neun anzeigt, nennt er sie „9PM“. Dann gehen die beiden ins Kino.

So erzählt André Tanneberger die Geschichte bis heute. Ein knappes Jahr später stand diese Melodie an der Spitze der britischen Singlecharts, und aus dem Namen der Datei war einer der bekanntesten Trance-Titel überhaupt geworden: „9 PM (Till I Come)“ von ATB.

Wer war ATB, bevor es ATB gab?

Tanneberger wurde am 26. Februar 1973 in Freiberg in Sachsen geboren, seine Familie zog in den Westen, nach Bochum. Dort fand er Ende der Achtziger ins Clubleben und Anfang der Neunziger ins Studio. Ab 1993 produzierte er unter dem Namen Sequential One, ein Projekt, zu dem 1994 unter anderen Woody van Eyden stieß. Sequential One machte das, was viele deutsche Projekte jener Jahre machten: schnelle, klare Clubmusik für einen Markt, der nach immer neuen Platten verlangte und sie über Compilations wie die großen Trance- und Dance-Reihen bis in jedes Kinderzimmer brachte. Wie dieser Markt funktionierte, zeigt die Geschichte der Sampler, über die Deutschland Techno lernte.

1998 startete Tanneberger daneben ein eigenes Projekt und nannte es nach seinen Initialen: ATB. Der erste Track unter diesem Namen war die Datei vom Kinoabend.

Wie klingt die „Gitarre“, die keine ist?

Das Herz des Stücks ist dieser Lauf. Er stammt nicht von einer echten Gitarre, sondern von einem gesampelten Gitarrenklang aus dem Synthesizer, den Tanneberger mit dem Pitchbend in die Töne hineinrutschen lässt. Der Effekt liegt irgendwo zwischen Slide-Gitarre und Flamenco, luftig, ein wenig wehmütig, und vor allem: unverwechselbar. In einer Zeit, in der Trance seine Hooks fast immer aus Sägezahn-Flächen und Supersaw-Akkorden baute, klang dieser Riff nach etwas anderem. Er wurde ATBs Markenzeichen, so sehr, dass die Gitarre in vielen späteren Stücken wieder auftauchte.

Dazu kam die Stimme. Tanneberger hatte keine Sängerin im Studio. Er nahm eine Acapella von „The Way You Make Me Feel“, einem Track von Ricky Rich und Julio Posadas, gesungen vom spanischen Model Yolanda Rivera, und schnitt daraus zwei kurze Zeilen heraus. Eine davon gab dem Stück seinen Untertitel. Mehr Gesang braucht „9 PM“ nicht: Die Stimme ist Textur, ein Hauch über dem Riff, kein Song im klassischen Sinn. Wie selbstverständlich solche Acapella-Schnipsel damals durch Studios und DJ-Kisten wanderten, erzählt der Text über die Jagd nach der Acapella.

Warum wurde der Track zuerst in Deutschland kein Riesenhit?

Am 26. Oktober 1998 erschien „9 PM (Till I Come)“ beim Hamburger Label Kontor Records. In Deutschland lief die Single ordentlich, mehr nicht: Platz 14 in den Singlecharts. Für ein Debüt war das respektabel, aber nichts deutete darauf hin, dass dieser Track ein paar Monate später ein ganzes Land erobern würde — und zwar nicht das eigene.

Die Wendung kam über die Clubs. In Großbritannien war Trance Ende der Neunziger das große Clubthema, Superclubs und ihre Compilations prägten den Geschmack einer ganzen Generation. Ministry of Sound brachte den Track im März 1999 zunächst auf seinem Label Data heraus, als reine Vinyl-Single für die Clubs. Das reichte für Platz 68 und eine einzige Chartwoche. Doch die Nachfrage wuchs weiter, und weil es kaum offizielle Exemplare gab, kauften die Leute Importpressungen aus Deutschland, Australien und den Niederlanden. Mehrere davon tauchten im unteren Bereich der offiziellen Charts auf, teils gleichzeitig. Ein Track ohne breite britische Veröffentlichung stand damit immer wieder in der Hitliste.

Wie kam „9 PM“ an die Spitze der UK-Charts?

Am 21. Juni 1999 brachte Ministry of Sound die Single erneut heraus, diesmal breit und über sein Label Sound of Ministry. Eine Woche später, in der Chartwoche ab dem 27. Juni, stand „9 PM (Till I Come)“ auf Platz eins. Zwei Wochen blieb der Track dort, bis ihn Ricky Martins „Livin' La Vida Loca“ ablöste. Am Jahresende war „9 PM“ die fünftmeistverkaufte Single Großbritanniens 1999, und sie ist dort heute mit Doppel-Platin ausgezeichnet.

Bemerkenswert ist das Jahr. Schon im Frühjahr hatte Mr. Oizos „Flat Beat“ als nahezu wortloser Clubtrack die britische Spitze erreicht. 1999 zeigte, dass ein Stück ohne Strophe und Refrain ein Massenpublikum erreichen konnte, wenn es eine Melodie hatte, die man nach einmaligem Hören mitsummen konnte. Für deutsche Produzenten, deren Trance bis dahin vor allem auf dem Heimatmarkt und über Compilations funktionierte, war das ein Signal: Trance aus einem deutschen Heimstudio konnte in Großbritannien auf Platz eins landen, nicht nur Clubs füllen. Wo dieser Sound herkam, erzählt die Geschichte des Trance aus Deutschland zwischen Frankfurt und Berlin.

Was kam nach der Nummer eins?

Das Album „Movin' Melodies“ war bereits im April 1999 bei Kontor erschienen. In Großbritannien folgte im Oktober 1999 „Don't Stop!“, das in Deutschland schon im März erschienen war, und erreichte Platz drei. Der Track ist zugleich der Beleg dafür, wie schwer es ist, aus einem Zufall eine Formel zu machen: Er klang dem Debüt sehr ähnlich und nutzte sogar dieselbe Acapella. Tanneberger selbst distanzierte sich später davon. In einem Interview von 2007 zählte er ihn zu den Produktionen, die er wirklich hasse — wegen der Nähe zum ersten Hit.

ATB blieb trotzdem. Aus dem Debüt wurde eine lange Karriere mit zahlreichen Alben und einer festen Rolle im internationalen Trance-Zirkus der Nullerjahre. Der Gitarrenklang zog mit, mal als Zitat, mal als Signatur. Und die Melodie selbst kehrte zurück: Im Januar 2021 erschien „Your Love (9PM)“, eine Neufassung von ATB zusammen mit dem Produzenten Topic und dem schwedischen Sänger A7S. Sie erreichte die Top Ten in Deutschland und Großbritannien — und damit genau das, was dem Original in seiner Heimat 1998 nicht gelungen war.

Warum ist ausgerechnet dieser Track geblieben?

Es gibt Trance-Klassiker, die man im Rückblick erklären muss. „9 PM“ gehört nicht dazu. Der Riff funktioniert heute so wie 1999, weil er kein Produkt einer Mode ist. Er ist keine Supersaw-Wand, kein typischer Gate-Effekt der Zeit, sondern eine einzelne Stimme mit einer Bewegung, die menschlich klingt: das Rutschen in den Ton, das ein Gitarrist mit dem Finger macht und das hier eine Hand am Pitch-Rad nachahmt.

Und dann ist da die Geschichte selbst, die man so gern erzählt, weil sie etwas zeigt, was Produzenten bis heute wissen und trotzdem immer wieder vergessen. Die großen Momente entstehen selten, wenn man sie plant. Tanneberger hat das selbst so zusammengefasst: Hits und Klassiker könne man nicht planen. An einem Abend 1998 wollte er jemandem zeigen, was ein Studio kann. Er spielte ein paar Töne, speicherte die Datei unter der Uhrzeit — und ging ins Kino.

Häufige Fragen

Wer singt in „9 PM (Till I Come)“?

Die Stimme stammt vom spanischen Model Yolanda Rivera. ATB hat sie nicht im Studio aufgenommen, sondern zwei kurze Zeilen aus einer Acapella des Tracks „The Way You Make Me Feel“ von Ricky Rich und Julio Posadas geschnitten.

Wann war „9 PM (Till I Come)“ Nummer eins in Großbritannien?

In der Chartwoche ab dem 27. Juni 1999, für zwei Wochen. Die erfolgreiche britische Wiederveröffentlichung kam über Ministry of Sounds Label Sound of Ministry; in Deutschland war die Single schon am 26. Oktober 1998 bei Kontor erschienen.

Ist die Gitarre in „9 PM“ echt?

Nein. Der Riff ist ein Gitarrensound aus dem Synthesizer, den ATB mit dem Pitch-Rad in die Töne gleiten lässt. Daraus wurde sein Markenzeichen.


Weitere Artikel