MAXIM SCHUNK
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Business26. Oktober 20266 Min. Lesezeit

Musikvertrieb wechseln: So behältst du deine Streams

Vertrieb wechseln ohne Streamverlust: Was ISRC, Audio und Datum gleich bleiben müssen, die richtige Reihenfolge und was mit Splits und Content ID passiert.

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Symbolbild, KI-generiert
Symbolbild, KI-generiert

Irgendwann passt der Vertrieb nicht mehr. Die Jahresgebühr steigt, der Support antwortet nach drei Wochen, ein Label will deinen Katalog über seinen eigenen Vertrieb bündeln, oder du willst endlich an Beatport und Traxsource liefern, was dein Billiganbieter nicht kann. Dann kommt die Angst: Sind die Streams weg, wenn ich wechsle? Fliegt mein Track aus den Playlists? Die kurze Antwort lautet: Deine Streams verlierst du nicht, wenn du die Reihenfolge einhältst und die Daten exakt übernimmst. Bei Playlists gibt es weniger Gewissheit. Die lange Antwort steht hier — inklusive der Stellen, an denen es trotzdem schiefgeht.

Verliere ich meine Streams, wenn ich den Vertrieb wechsle?

Nicht zwangsläufig. Ein Vertriebswechsel bedeutet technisch: Der neue Vertrieb liefert deine Releases ein zweites Mal an die Plattformen aus, danach zieht der alte seine Lieferung zurück. Ob die Plattform die neue Lieferung als denselben Track erkennt, hängt an den Daten.

Spotify nennt den Mechanismus „Track-Linking“. Laut Spotify for Artists bleibt der Play Count bei einem erneuten Upload erhalten, wenn Audio und Metadaten von alter und neuer Version übereinstimmen — ausdrücklich genannt werden Dauer, Titel und Künstlername. Ob die Verknüpfung geklappt hat, siehst du in der Desktop-App auf deinem Künstlerprofil: Zeigen alte und neue Version denselben Play Count, sind sie verknüpft.

Eine zweite Regel solltest du kennen: Wird eine Aufnahme auf Spotify nicht mehr verfügbar, behält Spotify ihren Gesamtzählerstand 90 Tage lang. Taucht sie erst danach wieder auf, startet sie ohne die alten Streams. Wer also erst beim alten Vertrieb löscht und dann wochenlang am neuen Upload bastelt, riskiert genau den Verlust, vor dem alle Angst haben.

Was muss beim neuen Upload identisch sein?

Die Grundregel lautet: Du lieferst dieselbe Veröffentlichung noch einmal aus, nicht eine neue. Das betrifft vor allem diese Punkte:

  • ISRC: Der International Standard Recording Code identifiziert die Aufnahme, nicht den Vertrieb. Du trägst beim neuen Anbieter den bestehenden Code ein, statt einen neuen erzeugen zu lassen. Ein neuer ISRC heißt für die Plattformen: neue Aufnahme.
  • Audio: exakt dieselbe Datei. Kein neues Master, kein gekürztes Intro, kein „wo ich schon dabei bin“. Schon eine andere Laufzeit kann die Verknüpfung verhindern.
  • Titel und Künstlername: Zeichen für Zeichen gleich, inklusive Schreibweise der Gäste, „feat.“ statt „ft.“ und Versionsangaben wie „Extended Mix“.
  • Erscheinungsdatum: das ursprüngliche Datum, nicht der Tag des neuen Uploads. Sonst steht dein Release von 2021 plötzlich als Neuerscheinung im Katalog.
  • Releasetyp und Tracklist: Single bleibt Single, EP bleibt EP, Reihenfolge unverändert.
  • UPC: Viele Vertriebe übernehmen den bestehenden Barcode des Releases, manche vergeben einen neuen. Frag vorher nach, wie dein neuer Anbieter das handhabt.

Kleine Abweichungen passieren am häufigsten bei Gast-Artists, die beim ersten Upload anders geschrieben wurden, und bei Remix-Credits. Kopiere die Angaben deshalb aus deinem alten Dashboard, statt sie aus dem Gedächtnis neu einzutippen.

In welcher Reihenfolge wechselt man den Vertrieb?

Der häufigste Fehler ist, zuerst zu löschen. Die sichere Reihenfolge sieht so aus:

  • Daten sichern, solange du Zugang hast: für jeden Track ISRC, UPC, Originaldatum, exakte Schreibweise aller Credits, die Audiodateien und das Artwork. Dazu die letzten Abrechnungen und, falls vorhanden, die eingerichteten Splits.
  • Beim neuen Vertrieb hochladen, mit den alten Codes, dem Originaldatum und der Zuordnung zu deinem bestehenden Künstlerprofil. Die meisten Anbieter fragen dafür nach dem Spotify-Link deines Profils.
  • Abwarten, bis die neue Version live ist, und den Play Count prüfen. Für ein paar Tage kann dein Release doppelt im Katalog stehen. Das ist der Übergang, kein Fehler.
  • Erst dann beim alten Vertrieb den Takedown beantragen — und erst danach das Abo kündigen.

Der letzte Punkt ist wichtiger, als er klingt. Bei Anbietern mit Jahresabo wie DistroKid werden Releases entfernt, wenn die Mitgliedschaft ausläuft — es sei denn, du hast für einzelne Releases die kostenpflichtige Option „Leave a Legacy“ gebucht. Wer vor dem Umzug kündigt, löscht seinen Katalog unter Umständen selbst. Gehe Release für Release vor, nicht den ganzen Katalog an einem Abend.

Was passiert mit Playlists, Spotify for Artists und Statistiken?

Dein Künstlerprofil gehört nicht dem Vertrieb. Wird das neue Release deinem bestehenden Profil zugeordnet, behältst du Follower, Zugang zu Spotify for Artists und die Profilgeschichte.

Bei Playlists ist die Lage weniger klar. Die Vertriebe und Ratgeber versprechen meist, dass verknüpfte Tracks in Playlists bleiben, eine offizielle Zusage von Spotify dazu gibt es aber nicht. Plausibel ist: Ist die Verknüpfung sauber, zeigt eine Playlist weiterhin auf den Track, den die Hörer kennen. Läuft etwas schief, kann der alte Eintrag nach dem Takedown einfach verschwinden — und eine kuratierte Redaktionsplaylist fügt ihn nicht automatisch wieder hinzu. Notiere dir deshalb vor dem Wechsel, in welchen Playlists deine wichtigsten Tracks stehen, und kontrolliere sie danach.

Zusätzliche Inhalte, die du direkt in Spotify for Artists pflegst, etwa ein Canvas, solltest du nach dem Wechsel ebenfalls prüfen. Und leg den Wechsel nicht in die Wochen, in denen du ein neues Release pitchst: Pitchen kannst du in Spotify for Artists nur einen Song, den ein Vertrieb vorab ausgeliefert hat.

Wer zahlt die Einnahmen aus der Übergangszeit aus?

Bereits verdientes Geld verlierst du nicht. Der alte Vertrieb rechnet ab, was bis zum Takedown über seine Lieferung gelaufen ist, der neue alles ab seiner Lieferung. Weil Plattformen mit Verzögerung abrechnen, tauchen beim alten Anbieter noch Wochen bis Monate nach dem Wechsel Beträge auf. Lass dein Konto dort deshalb nicht sofort schließen, falls das ohne Takedown möglich ist, und lade die Abrechnungen herunter, solange du Zugriff hast.

Ein Punkt, der oft vergessen wird: Splits, die du beim alten Anbieter eingerichtet hast, ziehen nicht mit um. Eine Zahlungsanweisung im Dashboard ist keine Rechtevereinbarung, sie endet mit dem Account. Wenn du einen Track mit anderen teilst, musst du die Aufteilung beim neuen Vertrieb neu anlegen — wie das grundsätzlich funktioniert, steht in unserem Artikel über Splits und Tantiemen.

Unberührt bleiben deine Verwertungsgesellschaften. Die GEMA verwaltet Rechte an der Komposition, die GVL die Leistungsschutzrechte an der Aufnahme. Beide hängen nicht am Vertrieb. Weil der ISRC gleich bleibt, ändert sich auch an der Zuordnung deiner Aufnahmen nichts. Was ein Stream am Ende überhaupt einbringt, erklärt der Text Was Spotify pro Stream zahlt.

Content ID: der Konflikt, mit dem kaum jemand rechnet

Auf YouTube führt ein Vertriebswechsel häufig zu Ärger, der mit Spotify nichts zu tun hat. Hat dein alter Vertrieb deine Tracks für Content ID angemeldet und der neue tut es ebenfalls, existieren zwei Referenzen für dieselbe Aufnahme. YouTube meldet dann einen Eigentumskonflikt. Solange er offen ist, bleiben die Einnahmen aus den Treffern hängen. Außerdem kann die alte Referenz Videos beanspruchen, im Zweifel auch die auf deinem eigenen Kanal.

Die Lösung ist einfach, muss aber aktiv angestoßen werden: Bitte den alten Vertrieb ausdrücklich, deine Tracks aus Content ID zu entfernen, bevor der neue sie anmeldet. Bei manchen Vertrieben reicht der Takedown in den Shops dafür nicht aus, weil Content ID ein eigener Dienst ist. Warum Content ID manchmal sogar deine eigenen Videos markiert, erklärt der Artikel zu Sample-Packs und Content-ID-Claims.

Wann ein Wechsel keine gute Idee ist

Ein Wechsel kostet Zeit, und jeder einzelne Release ist eine Fehlerquelle. Bei einem großen Katalog mit Dutzenden Singles lohnt die Frage, ob es reicht, nur neue Musik beim neuen Anbieter zu veröffentlichen und den alten Katalog liegen zu lassen. Das geht, solange du den alten Anbieter weiter bezahlst oder deine Releases dort dauerhaft gesichert sind.

Vorsicht auch bei Tracks, die gerade Fahrt aufnehmen. Wer mitten in einer Playlist-Welle umzieht, setzt die wertvollste Phase eines Tracks aufs Spiel. Und wenn ein Track wegen auffälliger Zugriffe markiert wurde, löst ein Umzug das Problem nicht — Plattformen erkennen den Track am ISRC wieder. Was dann tatsächlich hilft, steht im Text über künstliche Streams.

Fazit

Ein Vertriebswechsel ist kein Risiko für deine Play Counts, wenn du ihn wie einen Umzug behandelst: erst einräumen, dann ausräumen. Gleicher ISRC, gleiches Audio, gleiche Schreibweise, gleiches Datum — und der alte Anbieter verliert seinen Zugriff erst, wenn der neue nachweislich liefert. Die meisten Schäden entstehen nicht durch die Plattformen, sondern durch Ungeduld beim Löschen.

Häufige Fragen

Kann ich meinen ISRC beim neuen Vertrieb weiterverwenden?

Ja. Der ISRC identifiziert die Aufnahme, nicht den Vertrieb, der ihn vergeben hat. Beim neuen Anbieter trägst du den bestehenden Code ein. Einen neuen ISRC brauchst du nur für eine tatsächlich andere Aufnahme, etwa einen Remix oder eine neue Abmischung.

Wie lange darf mein Track bei Spotify offline sein, ohne dass die Streams verloren gehen?

Laut Spotify for Artists bleibt der Gesamtzählerstand einer nicht mehr verfügbaren Aufnahme 90 Tage erhalten. Ist sie erst danach wieder verfügbar, zeigt sie die alten Streams nicht mehr an. Sicherer ist es, gar keine Lücke entstehen zu lassen und erst nach dem neuen Upload zu löschen.

Darf ich beim Vertriebswechsel ein neues Master hochladen?

Besser nicht. Spotify verknüpft alte und neue Version nur, wenn Audio und Metadaten übereinstimmen, genannt werden Dauer, Titel und Künstlername. Ein neues Master mit anderer Laufzeit kann als eigener Track erscheinen und bei null starten.

Was passiert mit meinen DistroKid-Releases, wenn ich kündige?

Ohne die Zusatzoption „Leave a Legacy“ werden Releases entfernt, wenn die Mitgliedschaft endet. Kündige deshalb erst, wenn alle Releases beim neuen Vertrieb live sind und die Play Counts übereinstimmen.

Muss ich GEMA oder GVL über den Vertriebswechsel informieren?

Der Vertrieb ist für keine der beiden Stellen der Anknüpfungspunkt. Die GEMA verwaltet Rechte an der Komposition, die GVL Leistungsschutzrechte an der Aufnahme. Weil der ISRC gleich bleibt, ändert sich an deinen Werk- und Aufnahmemeldungen durch den Wechsel nichts.


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