Kollabo-Track veröffentlichen: Label, Credits und Vertrag
Wer bringt einen gemeinsamen Track heraus? Label, Exklusivverträge, „&“ oder „feat.“, Spotify-Pitch, Release Radar und Anteile bei Kollaborationen erklärt.

Anfang November 2026 stand der Mailänder Produzent Ivory (IT) gleich dreimal in den Top 20 des Beatport-Charts für Melodic House & Techno. Bemerkenswert ist weniger die Zahl als das, was die drei Tracks gemeinsam haben: Keiner davon ist ein Solo-Release. „Promise“ entstand mit Auggië und erschien am 30. Oktober auf dem Label Blessings, „Feeling It“ mit Julia Linkogel am 16. Oktober auf dem Berliner Label Exit Strategy, „Connection“ mit Aera am selben 16. Oktober. Drei Partner, unterschiedliche Labels, alles innerhalb weniger Wochen. Im Melodic-Bereich ist das kein Sonderfall, sondern Alltag. Und genau hier liegt die Frage, die sich viele Produzenten erst stellen, wenn der Track schon fertig ist: Wer bringt so einen gemeinsamen Track eigentlich heraus, wer unterschreibt was, und wie landet er bei beiden Fanbases?
Wer veröffentlicht einen gemeinsamen Track?
Für einen Kollabo-Track gibt es im Kern drei Wege. Er erscheint auf einem Label, zu dem einer von euch eine Beziehung hat, er erscheint auf einem dritten Label, dem ihr ihn gemeinsam anbietet, oder einer von euch bringt ihn selbst über seinen Vertrieb heraus. Welcher Weg es wird, sollte vor der ersten Demo-Mail feststehen. Sonst schickt jeder den Track an „seine“ Labels, und im schlimmsten Fall sagen zwei gleichzeitig zu.
Wichtig ist dabei: Ein Label kann einen gemeinsamen Track nur sauber veröffentlichen, wenn alle Beteiligten ihm die Rechte einräumen. Wer mitkomponiert hat oder als Künstler auf der Aufnahme zu hören ist, hat in der Regel eigene Rechte daran, und die reichen nicht automatisch weiter, nur weil der Partner unterschreibt. In der Praxis unterschreiben deshalb beide den Lizenz- oder Labelvertrag, oder einer unterschreibt mit einer schriftlichen Vollmacht des anderen. Was in solchen Verträgen typischerweise steht, von der Laufzeit bis zur Exklusivität, erklärt der Artikel Labelvertrag verstehen.
Beim Selbst-Release lädt in der Regel einer von beiden den Track über sein Vertriebskonto hoch und trägt den anderen als Künstler ein. Viele Vertriebe bieten eine Funktion, mit der die Einnahmen direkt anteilig an mehrere Konten fließen, bei DistroKid heißt sie „Splits“. Ohne so eine Funktion landet zunächst alles bei dem, der hochgeladen hat, und der muss weiterverteilen. Das funktioniert unter Freunden, wird aber unübersichtlich, sobald Abrechnungen über Jahre laufen.
Was passiert, wenn einer von euch exklusiv unter Vertrag steht?
Hier scheitern Kollaborationen am häufigsten, und zwar spät. Hat einer der Partner einen exklusiven Künstlervertrag, darf er seine Aufnahmen nicht ohne Weiteres woanders veröffentlichen. Das betrifft auch Gastauftritte auf fremden Releases. Das Label muss dann zustimmen, und es kann Bedingungen stellen: dass es den Track selbst zuerst angeboten bekommt, dass es in den Credits genannt wird oder dass ein bestimmter Zeitraum zwischen zwei Releases liegt.
Die Nennung in den Credits läuft oft unter der Formel „courtesy of“ plus Labelname. Sie zeigt, dass der Künstler mit Erlaubnis seines Hauslabels auf einem fremden Release auftaucht. Im Clubmusik-Alltag sind solche Exklusivverträge seltener als Track-für-Track-Lizenzen, aber es gibt sie. Darum gehört die Frage „Bist du irgendwo gebunden?“ ganz an den Anfang, nicht ans Ende, wenn das Wunschlabel schon zugesagt hat.
„&“ oder „feat.“: Wie werden die Künstler genannt?
Ob ein Partner als gleichberechtigter Hauptkünstler oder als Feature erscheint, ist mehr als Kosmetik. Es entscheidet, wie der Track auf Spotify, Beatport und in den Stores zugeordnet wird. In Dance-Musik sind zwei gleichberechtigte Hauptkünstler üblich, „feat.“ wird häufig für Sängerinnen und Sänger verwendet, die auf dem Track zu hören sind, aber nicht mitproduziert haben.
Spotify ist dabei streng. Nach dem eigenen Metadaten-Leitfaden gehört jeder Künstler in ein eigenes Feld, der Name des Features steht nicht im Tracktitel. Wer „Promise (feat. XY)“ als Titel einträgt, riskiert Korrekturen oder eine Ablehnung durch den Vertrieb. Noch wichtiger ist die Zuordnung zum richtigen Profil. Gibt es mehrere Acts mit demselben Namen, landet der Track sonst beim falschen. Der Zusatz „(IT)“ hinter Ivory auf Beatport ist genau so ein Namenszusatz, der ihn von gleichnamigen Künstlern unterscheidet. Beim Upload solltest du deshalb für jeden Partner das bestehende Profil verknüpfen, statt nur den Namen einzutippen. Ein falsch zugeordneter Track lässt sich zwar korrigieren, aber das kann dauern, und die erste Release-Woche ist dann womöglich vorbei.
Wer pitcht bei Spotify, und landet der Track im Release Radar beider Fanbases?
Für den Release Radar kommen laut Spotify Songs in Frage, auf denen ein Profil als Haupt- oder Featured-Artist geführt ist, nicht aber als Remixer. Für eine Kollaboration ist das der eigentliche Hebel: Der Track kann die Follower beider Profile erreichen, ohne dass einer der beiden einen Cent ausgibt. Eine Garantie ist das nicht. Jeder Hörer bekommt höchstens einen Song pro Künstler und Woche, und wer einen Song schon gehört hat, bekommt ihn dort nicht noch einmal.
Beim redaktionellen Pitching gelten dagegen Einschränkungen, die man kennen sollte. Laut Spotify kann ein Künstler Songs nicht pitchen, auf denen er nur als Feature geführt ist. Außerdem kann jedes Profil immer nur einen unveröffentlichten Song gleichzeitig pitchen. Wer also gerade ein eigenes Release im Pitch hat, blockiert sich unter Umständen für die Kollabo. Wird ein Song mindestens sieben Tage vor Veröffentlichung gepitcht, legt Spotify ihn in den Release Radar der Follower. Erscheint der Track auf einem Label, kann auch das Label den Pitch übernehmen. Sprecht deshalb ab, wer pitcht und wann. Wie ein Pitch aufgebaut ist, steht im Artikel Spotify-Playlist-Pitching.
Wie teilt ihr Geld und Rechte auf?
Bei einem gemeinsamen Track gibt es zwei Töpfe. Der eine ist die Aufnahme, der Master. Aus ihm kommen die Label- oder Vertriebsabrechnungen und die Vergütung der GVL für ausübende Künstler. Der andere ist die Komposition, aus der GEMA-Ausschüttungen und Verlagseinnahmen fließen. Beide Anteile müssen nicht gleich sein: Wer die Melodie geschrieben, aber wenig am Sound gemacht hat, kann bei der Komposition mehr bekommen als beim Master.
Für die gemeinsam komponierte Musik regelt das Urheberrechtsgesetz in § 8 die Miturheberschaft: Veröffentlichung und Verwertung des Werks sind nur mit Einwilligung aller Miturheber zulässig, ein Partner darf seine Einwilligung aber nicht wider Treu und Glauben verweigern. Schreibt einer den Text und der andere die Musik, handelt es sich dagegen um eine Werkverbindung nach § 9. Für die Aufnahme selbst gelten eigene Leistungsschutzrechte. Wie Master und Komposition zusammenhängen, wie ein Split Sheet aussieht und was die GEMA ohne Vereinbarung verteilt, steht ausführlich in Wem gehört der Track? Splits und Tantiemen aufteilen.
Warum Kollaborationen im Melodic House so verbreitet sind
Der Sound selbst begünstigt Zusammenarbeit. Melodic House & Techno lebt von langen Flächen, Arpeggios und einem Bass, der eher trägt als schiebt. Viele Produzenten sind in einem dieser Bereiche besonders stark, und eine Kollabo kombiniert zwei Handschriften, statt eine zu verwässern. Dazu kommt die Bühnenpraxis. Auggië und Ivory spielten im August 2026 gemeinsam in einer Radioshow von DJ Mag Italy und hatten „Promise“ dort schon im Set, gut zwei Monate vor dem Release. Wer zusammen auflegt, testet gemeinsame Tracks vor Publikum, bevor ein Label sie überhaupt zu hören bekommt.
Ökonomisch wirkt eine Kollabo wie ein doppelter Verteiler: zwei Fanbases, zwei Release Radars, zwei DJ-Netzwerke, die den Track spielen. Das erklärt, warum ein Produzent mit mehreren Kollabos kurz hintereinander mehrfach in einem Genre-Chart auftauchen kann. Es hat aber eine Kehrseite. Erscheinen zwei eigene Tracks am selben Tag, teilen sie sich Aufmerksamkeit und Chartkäufe, und im Release Radar bekommt jeder Hörer ohnehin nur einen Song pro Künstler und Woche. Bei Ivory kamen „Feeling It“ und „Connection“ laut Beatport am selben Freitag heraus. Ob man das bewusst so plant oder ob zwei Labels ihre Termine unabhängig voneinander setzen, lässt sich bei Kollabos nur begrenzt steuern. Mehr zur Taktung eigener Veröffentlichungen steht im Artikel Release-Frequenz.
Was vor der ersten Session geklärt sein sollte
Kollaborationen gehen selten an der Musik kaputt, sondern an Dingen, über die niemand gesprochen hat. Die wichtigsten Punkte passen auf eine Seite:
- Wer bietet den Track welchem Label an? Eine gemeinsame Liste verhindert Doppelzusagen.
- Bestehende Bindungen: Exklusivverträge, Optionen oder Erstangebotsrechte auf beiden Seiten offenlegen.
- Nennung: Reihenfolge der Namen, „&“ oder „feat.“, verknüpfte Profile.
- Anteile: Master und Komposition getrennt festhalten, am besten schriftlich, bevor der Track erscheint.
- Projektdateien und Stems: Wer bewahrt sie auf, wer darf sie für Remixe oder Edits herausgeben?
- Pitch und Promo: Wer pitcht bei Spotify, wer postet wann, wer bedient die Presse?
Das klingt nach Bürokratie für etwas, das als spontane Session begonnen hat. Aber genau diese Session wird später zum Problem, wenn der Track gut läuft und niemand weiß, wem was gehört. Ivorys drei Chartplätze zeigen, wie viel eine Kollaboration bewegen kann. Damit sie bei beiden Partnern ankommt, muss der geschäftliche Teil genauso stimmen wie der Mixdown.
Häufige Fragen
Muss mein Kollabo-Partner den Labelvertrag mitunterschreiben?
In der Regel ja. Wer mitkomponiert hat oder als Künstler auf der Aufnahme zu hören ist, hat meist eigene Rechte daran. Ein Label braucht deshalb die Zustimmung aller Beteiligten, entweder durch beide Unterschriften oder durch eine schriftliche Vollmacht des Partners.
Was bedeutet „courtesy of“ in den Credits?
Die Formel zeigt, dass ein Künstler mit Erlaubnis seines Hauslabels auf einem fremden Release auftritt. Sie taucht vor allem auf, wenn ein Beteiligter einen exklusiven Künstlervertrag hat und sein Label der Mitwirkung zugestimmt hat.
Erscheint ein Track, auf dem ich nur Feature bin, in meinem Release Radar?
In der Regel ja. Spotify berücksichtigt für den Release Radar deiner Follower Songs, auf denen du Haupt- oder Featured-Artist bist, als Remixer dagegen nicht. Jeder Hörer bekommt aber höchstens einen Song pro Künstler und Woche, eine feste Zusage ist das also nicht.
Kann ich als Featured-Artist den Track bei Spotify pitchen?
Nein. Laut Spotify lassen sich Songs, auf denen du nur als Feature geführt bist, nicht pitchen. Pitchen kann ein Hauptkünstler oder das Label, das die Rechte am Release hat. Jedes Profil kann außerdem immer nur einen Song gleichzeitig pitchen.
Darf ich einen gemeinsamen Track ohne meinen Partner veröffentlichen?
Bei einem gemeinsam komponierten Werk sieht § 8 UrhG vor, dass Veröffentlichung und Verwertung nur mit Einwilligung aller Miturheber zulässig sind. Ein Miturheber darf seine Einwilligung allerdings nicht wider Treu und Glauben verweigern.
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