MAXIM SCHUNK
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Szene6. Oktober 20266 Min. Lesezeit

Weilheim-Sound: Notwist, Console und der Weg zu Acid Pauli

Wie eine Kleinstadt in Oberbayern Indie und Elektronik verband: The Notwist, Console, Lali Puna, das uphon-Studio und der Weg von Acid Pauli in die Clubs.

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Symbolbild, KI-generiert
Symbolbild, KI-generiert

Weilheim in Oberbayern, Ende der Achtziger: eine Kreisstadt südwestlich von München, weit weg von allem, was man damals unter einer Musikmetropole verstand. 1989 gründen hier die Brüder Markus und Micha Acher mit dem Schlagzeuger Martin „Mecki“ Messerschmid eine Band, die laut und schwer klingt, irgendwo zwischen Punk und Metal. Sie nennen sich The Notwist. Neun Jahre später stellt das britische Fachmagazin The Wire eine Frage, die seither in fast jedem Text über die Band auftaucht: „Is Weilheim the new Seattle?“

Die Antwort war Nein, und gerade deshalb lohnt sich die Geschichte. Weilheim wurde kein Seattle, kein Ort mit einem einzigen Sound, den die Industrie abfüllt und verkauft. Es wurde etwas Selteneres: eine Werkstatt, in der eine Handvoll Leute Gitarrenmusik und Elektronik so lange ineinanderschoben, bis man die Naht nicht mehr sah. Einer von ihnen kommt jetzt mit einem neuen Album zurück. Er heißt im Club Acid Pauli.

Ein Bassist mit Atari aus Schongau

Martin Gretschmann, geboren 1973 in Schongau, spielt Anfang der Neunziger Bass in verschiedenen Indie-Bands der Gegend. Daneben baut er Tracks an einem Atari-Computer, mit Vierspur-Tonbandgerät, Sampler und einem kleinen Synthesizer. Mitte der Neunziger erscheinen die ersten Stücke unter dem Namen Console, 1997 das Debütalbum „Pan or ama“ auf dem Weilheimer Label Payola.

Für The Notwist wird er zum fehlenden Teil. Auf dem Album „12“ von 1995 bringt er erstmals Elektronik in den Bandsound, 1997 wird er offiziell Mitglied. Die Gitarren werden leiser, die Stücke luftiger. 1998 erscheint „Shrink“, eine Platte zwischen Indierock, Jazz und Elektronik, und im selben Jahr Consoles zweites Album „Rocket in the Pocket“, ebenfalls auf Payola. Über eine Lizenz landet es beim New Yorker Indie Matador und macht Console auch international bekannt.

Ein Studio im Nachbardorf, ein Label aus Landsberg

Szenen brauchen Infrastruktur, und die Weilheimer bauten sie sich selbst. 1994 gründet Mario Thaler in Wilzhofen bei Weilheim das uphon-Studio. Zu den ersten Aufnahmen dort gehört Material für „12“; nach einem Umbau 1998 kommen Musiker aus ganz Deutschland. Notwist, Console, Lali Puna, Tied & Tickled Trio, später auch Polarkreis 18 nehmen bei Thaler auf.

Das zweite Standbein ist ein Label. Wolfgang Petters aus Landsberg am Lech gründet 1991 Hausmusik und versammelt die Musiker aus den Landkreisen Landsberg und Weilheim, darunter die Acher-Brüder. Mit Petters spielt Markus Acher bei Village of Savoonga. Hausmusik ist bekannt für handgemachte Plattencover und bildet mit den regionalen Labels Payola und Kollaps eine Labelgemeinschaft. Wer in diesem Umfeld eine Idee hat, braucht keine Plattenfirma in Hamburg oder Berlin, sondern einen Anruf im Nachbarort.

Daraus wächst ein Netz aus Projekten, in dem fast immer dieselben Namen auftauchen: das Tied & Tickled Trio, in dem die Achers Jazz, Elektronik und Dub verbinden, Ms. John Soda mit Micha Acher und Stefanie Böhm, später 13 & God, eine Zusammenarbeit von The Notwist mit der kalifornischen Hip-Hop-Gruppe Themselves. Und Lali Puna.

Lali Puna, Morr Music und das Wort „Indietronic“

Lali Puna, gegründet 1998 um die Sängerin Valerie Trebeljahr mit Markus Acher am Bass, veröffentlicht 1999 das Debüt „Tridecoder“. Es erscheint unter anderem auf Morr Music und ist erst die zweite Veröffentlichung des Berliner Labels überhaupt. Weiche Stimme, knisternde Beats, Synthesizer, die eher summen als schneiden: Der Sound bekommt im Lauf der Jahre einen Namen, der damals noch tastend klang, „Indietronic“ oder „Indietronica“.

In diese Jahre fällt die Frage von The Wire nach Seattle. Gemeint war keine Szene mit einem Club und einem Sound, sondern ein Ort, an dem auffällig viele interessante Platten entstanden, oft von denselben fünf, sechs Leuten in wechselnden Besetzungen.

„Neon Golden“: die Platte, nach der man nur verlieren konnte

Am 14. Januar 2002 erscheint auf City Slang „Neon Golden“, aufgenommen im uphon-Studio. Die Platte klingt, als hätte jemand ein melancholisches Gitarrenalbum durch einen Laptop gezogen: Akustikgitarre und Markus Achers zurückhaltende Stimme über Klick-Beats, Glitches und Störgeräusche, die nie Effekt sind, sondern Teil des Songs. „Pick Up the Phone“, „Pilot“, „Consequence“ werden zu Stücken, die eine Generation von Indiehörern zum ersten Mal mit elektronischer Klangsprache vertraut machen, ohne dass sie es merkt.

„Neon Golden“ steigt in Deutschland bis auf Platz 10, Pitchfork vergibt 9,2 von 10 Punkten, laut taz verkauft sich die Platte über 100.000 Mal. International gilt sie später als eine der Platten, die den Indietronica-Sound der Nullerjahre geprägt haben. Als die taz 2010 mit der Band sprach, stand über dem Interview der Satz: „Danach konnten wir nur verlieren.“

Gretschmann hatte da schon eine Spur weit über Weilheim hinaus gelegt. Auf Björks Album „Vespertine“ von 2001 landete auf ihren Wunsch sein Stück „Crabcraft“ nahezu unverändert, als „Heirloom“.

Vom Bandsound auf den Dancefloor

Parallel lief ein drittes Leben. Seit etwa 2000 tritt Gretschmann als Acid Pauli auf, zunächst mit einem Liveset, das sich über die Jahre zu einem DJ-Set entwickelt, das sich irgendwo zwischen Ambient und Techno bewegt und doch auf der Tanzfläche bleibt. Den Spitznamen bekam er nach eigener Erzählung auf einer kleinen illegalen Party in München, weil alles, was er dort spielte, nach Acid House klang. Der Name verweist also tatsächlich auf die Acid-Tradition der TB-303, auch wenn seine Musik bald in ganz andere Richtungen ging.

2010 erscheint „Den Mahlstrom rauf“, ein Track, den er 2025 als erste Veröffentlichung seines neuen Labels neu gemastert wieder auflegt. 2011 zieht Gretschmann nach Berlin. 2012 veröffentlicht er sein erstes Acid-Pauli-Album „Mst“ auf Clown & Sunset, dem Label von Nicolas Jaar. Mit dem Berliner DJ Nico Stojan, Resident der Bar 25, gründet er 2016 das Label Ouïe, auf dem 2017 sein zweites Album „BLD“ und im September 2020 „MOD“ erscheinen, eine Hommage an den Modularsynthesizer. Stojan ist im Juli 2026 gestorben.

Was der Elektroniker aus dem Weilheimer Umfeld in die Clubs mitbringt, ist genau das, was er bei The Notwist gelernt hat: Songs nicht als Abfolge von Drops zu denken, sondern als Raum, in den Stimmen, Fremdklänge und Instrumente hineindürfen. Seine Sets verbinden House und Techno mit Ambient und Klängen, die man eher auf Weltmusik-Platten erwarten würde. Wer heute über Organic House und Downtempo spricht, landet bei diesem Spektrum, und Acid Pauli gehört zu den deutschen Namen, die es früh bespielt haben.

Ende 2014 verlässt Gretschmann The Notwist nach den Aufnahmen zu „Close to the Glass“. Sein Nachfolger wird Cico Beck. Console existiert weiter, inzwischen als Band.

Was aus Weilheim wurde

Die Infrastruktur von damals gibt es so nicht mehr. Das uphon-Studio schloss 2008, Hausmusik zog im Jahr 2000 nach München, der ursprüngliche Labelbetrieb endete 2007. Lali Puna sitzt längst in München, Gretschmann in Berlin. The Notwist aber gibt es weiter, und die Band kommt mit „Vertigo Days“ 2021 auf Platz 5 der deutschen Charts, so hoch wie nie.

Seattle wurde zur Marke, Weilheim blieb eine Methode: Leute, die sich gegenseitig auf ihren Platten aushelfen, ein Studio im Nachbardorf, ein Label mit handgemachten Covern. Dass aus dieser Methode auch ein Clubkünstler hervorgehen konnte, der in Berlin und weit darüber hinaus Floors bespielt, zeigt, wie durchlässig die Grenze zwischen Indie und Tanzfläche in Deutschland immer war.

Am 2. Oktober 2026 hat Acid Pauli sein neues Album angekündigt. „Mystic Meltdown“ erscheint am 20. November 2026 auf seinem eigenen, 2025 gegründeten Label All Is Acid, digital und als Vinyl, fast sechs Jahre nach „MOD“. Es soll zugänglicher und tanzbarer sein als der Vorgänger. Mit dabei sind unter anderem das ugandische Kollektiv Kingdom Molongi und die Sängerin Sophie Hunger. Der Weg dorthin begann in einer Kleinstadt, von der man in den Neunzigern einmal kurz glaubte, sie könnte das nächste Seattle werden. Sie wurde etwas Besseres: ein Ort, von dem aus man überall hinkonnte.

Häufige Fragen

Wer ist Acid Pauli?

Acid Pauli ist das Club-Projekt von Martin Gretschmann, geboren 1973 in Schongau. Unter dem Namen Console produziert er seit Mitte der Neunziger Elektronik, von 1997 bis Ende 2014 war er Mitglied von The Notwist. Seit 2011 lebt er in Berlin.

Was ist die Weilheim-Szene?

So nennt man das Netz aus Bands und Projekten um The Notwist aus Weilheim in Oberbayern, darunter Console, Lali Puna, Tied & Tickled Trio und Ms. John Soda. Prägend waren das uphon-Studio in Wilzhofen und das Label Hausmusik. 1998 fragte das Magazin The Wire: „Is Weilheim the new Seattle?“

Ist Acid Pauli noch bei The Notwist?

Nein. Martin Gretschmann verließ The Notwist Ende 2014 nach den Aufnahmen zu „Close to the Glass“. Sein Nachfolger in der Band ist Cico Beck. Console führt er weiter.

Wann erscheint „Mystic Meltdown“ von Acid Pauli?

Das Album erscheint am 20. November 2026 auf seinem eigenen Label All Is Acid, digital und als Vinyl-LP. Es ist sein erstes Album seit „MOD“ aus dem Jahr 2020.


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