MAXIM SCHUNK
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Szene10. Oktober 20266 Min. Lesezeit

Sperrstunde und Putzstunde: Wann Clubs schließen müssen

Sperrstunde, Putzstunde, Sperrzeit: welche Regeln für Clubs in welchem Bundesland gelten, warum Berlin anders ist und was Leipzig, Bremen und Zürich änderten.

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Symbolbild, KI-generiert
Symbolbild, KI-generiert

Kurz vor fünf Uhr morgens passiert in vielen deutschen Clubs dasselbe: Die Musik wird leiser, das Licht geht an, das Personal räumt die Bar ab. Mit Geschmack oder Erschöpfung hat das wenig zu tun, sondern mit einer Verordnung. Sperrzeit heißt das im Amtsdeutsch, Sperrstunde oder Putzstunde im Alltag. Wann sie beginnt, ob sie überhaupt gilt und wer sie aufheben darf, ist in jedem Bundesland anders geregelt, und das hat die Clubkultur der einzelnen Städte stärker geprägt, als den meisten Gästen bewusst ist.

Sperrstunde, Sperrzeit, Putzstunde: Was ist der Unterschied?

Juristisch gibt es nur die Sperrzeit: den Zeitraum, in dem Gaststätten und Vergnügungsstätten keine Gäste bewirten dürfen. Sperrstunde und der ältere Begriff Polizeistunde meinen umgangssprachlich den Moment, in dem diese Zeit beginnt. Die Putzstunde ist die mildeste Form: eine Sperrzeit von nur einer Stunde, meist von 5 bis 6 Uhr. Gedacht ist sie als Pause, in der Betriebe lüften, putzen und den Laden einmal leeren.

Zuständig sind die Länder. Seit der Föderalismusreform von 2006 liegt das Gaststättenrecht in ihrer Hand, und jedes Land hat daraus etwas anderes gemacht. Fast überall gilt aber dasselbe Grundmuster: Das Land setzt eine allgemeine Sperrzeit fest, und Kommunen oder Behörden können sie bei einem „öffentlichen Bedürfnis“ oder „besonderen örtlichen Verhältnissen“ verlängern, verkürzen oder aufheben, für die ganze Stadt oder für einzelne Betriebe.

Welche Sperrzeit gilt in welchem Bundesland?

Den besten Überblick liefert eine Länderumfrage, die der Bremer Senat 2022 in einer Antwort an die Bürgerschaft zusammengefasst hat. Demnach haben sich bundesweit zwei Modelle durchgesetzt:

  • Keine allgemeine Sperrzeit: Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen verzichten auf eine eigene Regelung.
  • Putzstunde von 5 bis 6 Uhr: Bayern, Berlin, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, das Saarland und Sachsen.
  • Sonderfall Baden-Württemberg: Unter der Woche beginnt die Sperrzeit um 3 Uhr, in den Nächten zum Samstag und Sonntag um 5 Uhr. Sie endet jeweils um 6 Uhr.

Im Detail gibt es Abweichungen. In Hamburg gilt die Putzstunde nur unter der Woche, in den Nächten zum Samstag und Sonntag sowie zum 1. Januar und zum 1. und 2. Mai gibt es keine Sperrzeit. In Bayern gilt die Putzstunde seit 2005; vorher mussten Gaststätten montags bis freitags von 2 bis 6 Uhr schließen. In Nordrhein-Westfalen ist die Putzstunde für Schank- und Speisewirtschaften nur die Grundregel, solange die örtliche Ordnungsbehörde nichts anderes festlegt; für öffentliche Vergnügungsstätten sieht die Landesverordnung dagegen 1 bis 6 Uhr vor.

Wenn du am Wochenende in Stuttgart ausgehst, merkst du vom baden-württembergischen Sonderweg wenig. Unter der Woche dagegen setzt die 3-Uhr-Grenze den Clubnächten einen festen Rahmen, sofern die Stadt keine Ausnahme erteilt hat. Welche Clubs die Stadt hat, steht in unserem Überblick über die Clubs in Stuttgart.

Gibt es in Berlin wirklich keine Sperrstunde?

Berlin gilt als die Stadt ohne Sperrstunde, und historisch stimmt das auch. Nach Kriegsende führte die sowjetische Besatzungsmacht 1945 eine Sperrstunde ab 21 Uhr ein, die Westalliierten zogen nach. Ende der Vierzigerjahre fiel sie im Westteil: Der Gastronom Heinz Zellermayer überzeugte die Alliierten, sie aufzuheben. Die meisten Darstellungen datieren das auf 1949 und erzählen, eine Flasche Whiskey für den US-Stadtkommandanten Frank Howley habe nachgeholfen. Belegt ist die Anekdote nicht. Die Folge ist es: West-Berlin wurde zur Stadt, in die man aus Westdeutschland zum Feiern fuhr.

Wer allerdings die heutige Berliner Gaststättenverordnung liest, findet dort seit Ende 2005 eine Sperrzeit von 5 bis 6 Uhr, für Schank- und Speisewirtschaften, öffentliche Vergnügungsstätten und Spielhallen. Aufgehoben ist sie nur in den Nächten zum 1. Januar sowie zum 1. und 2. Mai. Dass Clubs trotzdem von Samstagnacht bis Montag durchlaufen, ist kein Widerspruch: Dieselbe Verordnung erlaubt es, die Sperrzeit allgemein oder für einzelne Betriebe zu verkürzen oder aufzuheben. Der Mythos vom völlig regelfreien Berlin stimmt auf dem Papier also nicht, und auch dort kann die Behörde einem Betrieb längere Sperrzeiten auferlegen.

Was passiert, wenn die Sperrstunde fällt?

Drei Fälle aus dem deutschsprachigen Raum zeigen, wie unterschiedlich das ausgehen kann.

Leipzig: Sachsen schreibt die Putzstunde vor, erlaubt den Städten aber, davon abzuweichen. Der Leipziger Stadtrat hat die Sperrstunde am 22. August 2018 für Clubs, Diskotheken und Gaststätten mit Veranstaltungsbetrieb abgeschafft, nach einer Vorentscheidung im Februar desselben Jahres. Für eine Stadt, deren Szene von langen Nächten in Häusern wie der Distillery lebt, war das mehr als eine Formalie. Mehr zur Leipziger Szene steht in unserem Leipzig-Porträt.

Bremen: Bis 2022 hatte Bremen die bundesweit strengste Regel für Gaststätten. Gaststätten und Vergnügungsstätten mussten unter der Woche um 2 Uhr schließen, längere Öffnungszeiten gab es nur per Ausnahmegenehmigung. Der Senat hielt das schließlich selbst für überholt; denkbar sei sogar, dass sich der Heimweg der Gäste ohne die feste Uhrzeit entzerre. Im Dezember 2022 wurde die allgemeine Sperrzeit gestrichen; für Spielhallen und Wettbüros gilt sie weiter. Wie die Bremer Szene aussieht, zeigt unser Überblick über die Clubs in Bremen.

Zürich: Das deutlichste Beispiel liegt in der Schweiz. In den Achtzigerjahren durften in Zürich laut SRF nur vier Clubs bis 4 Uhr öffnen. Wer länger tanzen wollte, fuhr in den Aargau. 1996 stimmten die Zürcher für liberalere Öffnungszeiten, 1998 fiel die Polizeistunde, und die Zahl der Clubs stieg von vier auf 72. Seit den 2000er-Jahren fahren die Feiernden eher nach Zürich als umgekehrt. Dass das kein Selbstläufer bleibt, zeigen spätere Zahlen der NZZ: 2011 zählte sie 50 Diskotheken, 2020 noch 31. Die Freiheit bei der Uhrzeit hilft, gegen Verdrängung durch Wohnungen und Läden schützt sie nicht. Wie die Szene heute aussieht, zeigt unser Porträt der Clubs in Zürich.

Warum die Uhrzeit den Sound einer Stadt verändert

Eine Sperrzeit verändert, wie eine Nacht aufgebaut ist. Wo um 3 oder 5 Uhr Schluss ist, wird eine Nacht auf diesen Endpunkt hin geplant: Warm-up, Hauptact zur Spitzenzeit, ein Closing, das die Leute nach Hause schickt. Wo es keinen Endpunkt gibt, entstehen andere Formate: Sets über acht oder zwölf Stunden, Afterhours am Sonntagvormittag, ein Publikum, das erst um vier Uhr kommt, weil es weiß, dass noch genug Zeit bleibt.

Die Musikgeschichte kennt dafür Beispiele. Das Frankfurter Dorian Gray lag im Flughafen, und dort galt die Frankfurter Sperrstunde nach allen Darstellungen nicht. Der Club konnte deshalb länger offen bleiben als die Konkurrenz in der Innenstadt, und gerade in diesen späten Stunden fand der Sound of Frankfurt sein Publikum. Berlin wiederum hat seinen Ruf als Wochenendstadt auch der Tatsache zu verdanken, dass dort lange niemand die Musik um eine bestimmte Uhrzeit abdrehen musste.

Für DJs hat das ganz praktische Folgen. Wer in einer Stadt mit Sperrzeit spielt, muss das Ende mitdenken: Ein Closing-Set um 4:45 Uhr ist etwas anderes als die sechste Stunde eines offenen Sets. Viele Veranstalter schreiben die Schlusszeit deshalb in den Timetable. Wenn du zum ersten Mal in einer fremden Stadt spielst, lohnt sich die Frage danach, bevor du die Tracks für den Schluss auswählst.

Was die Sperrzeit nicht regelt

Selbst wo es keine Sperrzeit gibt, darf ein Club nicht einfach durchspielen. Andere Regeln greifen unabhängig davon:

  • Lärmschutz: Die Grenzwerte nach der TA Lärm gelten auch ohne Sperrzeit. Behörden können Auflagen erteilen, etwa einen Schallpegelbegrenzer für die Anlage oder Türsteher gegen Lärm vor dem Eingang.
  • Einzelfall-Sperrzeiten: Häufen sich Beschwerden, kann die Behörde einem einzelnen Betrieb eine frühere Schließung vorschreiben, auch in Ländern ohne allgemeine Sperrzeit.
  • Außenbereiche: Für Terrassen und Biergärten gelten oft eigene, deutlich frühere Zeiten aus der Genehmigung.
  • Jugendschutz: Das Jugendschutzgesetz ist bundesweit einheitlich. Unter 16-Jährige dürfen ohne Begleitung einer personensorgeberechtigten oder erziehungsbeauftragten Person nicht zu öffentlichen Tanzveranstaltungen, 16- und 17-Jährige ohne diese Begleitung nur bis 24 Uhr.

Fazit

Die Sperrstunde wirkt wie eine Verwaltungsfußnote, aber sie bestimmt, wann eine Nacht endet und wie sie aufgebaut ist. Der Trend geht seit zwanzig Jahren in eine Richtung: Bayern hat 2005 auf die Putzstunde umgestellt, Leipzig hat sie 2018 für Clubs abgeschafft, Bremen 2022 die allgemeine Sperrzeit. Ganz abgeschafft ist die Nacht mit Uhrzeit trotzdem nicht. Lärmschutz, Nachbarschaft und Einzelfallauflagen sorgen dafür, dass auch in Städten ohne Sperrstunde irgendwann das Licht angeht.

Häufige Fragen

Wann ist Sperrstunde in Bayern?

In Bayern gilt seit 2005 eine Putzstunde von 5 bis 6 Uhr. Gemeinden können sie per Verordnung verlängern, verkürzen oder aufheben, in der Nacht zum 1. Januar entfällt sie.

Gibt es in Hamburg eine Sperrstunde?

Unter der Woche gilt für Schank- und Speisewirtschaften eine Putzstunde von 5 bis 6 Uhr. In den Nächten zum Samstag und Sonntag sowie zum 1. Januar und zum 1. und 2. Mai gibt es keine Sperrzeit. Für Musik im Freien beginnt sie schon um 24 Uhr.

Was ist eine Putzstunde?

Eine Sperrzeit von nur einer Stunde, in den meisten Bundesländern mit dieser Regel von 5 bis 6 Uhr. In dieser Zeit dürfen keine Gäste bewirtet werden; der Betrieb soll einmal leer werden, damit gelüftet und geputzt werden kann.

Kann ein Club eine Ausnahme von der Sperrzeit bekommen?

Ja. Fast alle Landesregeln erlauben es, die Sperrzeit für einzelne Betriebe zu verkürzen oder aufzuheben, wenn ein öffentliches Bedürfnis oder besondere örtliche Verhältnisse vorliegen. Solche Ausnahmen sind meist befristet oder widerruflich und können mit Auflagen verbunden werden.

Gilt an Silvester eine Sperrstunde?

In vielen Ländern nicht. Bayern hebt die Sperrzeit in der Nacht zum 1. Januar auf, Berlin in den Nächten zum 1. Januar, 1. Mai und 2. Mai, Hamburg ebenfalls zum 1. Januar und zum 1. und 2. Mai.


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