MAXIM SCHUNK
← Blog & Ratgeber
Szene24. Oktober 20266 Min. Lesezeit

Phonox: Die Brixton-Residency, aus der HAAi kam

Ein Club in Brixton, jeden Samstag eine DJ die ganze Nacht: Wie die Phonox-Residency ab 2016 aus der Sängerin Teneil Throssell die DJ HAAi machte.

#HAAi#Phonox#London#Residency#Clubkultur#Essential Mix

Symbolbild, KI-generiert
Symbolbild, KI-generiert

Im Juni 2015 gingen in der Brixton Road die Lichter aus. Der Club Plan B, über Jahre eine feste Adresse im Süden Londons, war über Nacht zu, ohne Abschiedsparty und ohne ein Wort vorher. Erst in den Tagen danach sickerte durch, dass die Londoner Gastro-Gruppe The Columbo Group das Haus gekauft hatte. Was Andy Peyton, der für die Gruppe schon XOYO und The Nest leitete, dort im September eröffnete, sah auf den ersten Blick wie ein Rückschritt aus: ein Raum, eine Anlage und am Wochenende ein einziger DJ pro Nacht, vom Einlass bis das Licht angeht. Aus diesem Rückschritt kam eine der eigenwilligsten Künstlerinnen der heutigen Clubmusik.

Ein Club, der weniger versprach

Phonox, so hieß der neue Laden in der Brixton Road 418, wurde im Juli 2015 mit einem Satz angekündigt, der in einer Stadt voller Großbuchungen fast trotzig klang: Man wolle das gängige Modell auf die Grundideale des Clubbings zurückschneiden. Statt der bunten Mischprogramme von Plan B gab es eine klare Regel. Freitags übernahm jeweils ein einzelner DJ die ganze Nacht. Der Samstag gehörte einem festen Resident, Woche für Woche.

Ab dem 12. September 2015 übernahm der Glasgower Jasper James den Samstag, eine Woche nach dem Eröffnungswochenende. Zum Start gehörte auch eine Party mit Disclosure und Jackmaster. Der Club erklärte damals, seine Residency habe „kein Enddatum“. Peytons Idee, so beschrieb es James gegenüber Time Out, sei es, den Abend über Mundpropaganda aufzubauen statt über große Namen. James selbst sprach von der Verantwortung, die er auf den Schultern spüre, und vom Vorteil des Formats: Woche für Woche lerne man den Raum und das Publikum kennen, was funktioniert und was nicht.

Das klingt banal und war 2015 eher altmodisch. Im Londoner Nachtleben bestimmte längst das Line-up mit drei, vier Headlinern den Ticketverkauf. Ein Club, der jeden Samstag denselben Namen auf das Plakat schrieb, verlangte vom Publikum Vertrauen. Nach gut einem Jahr verabschiedete sich James. Am 1. Oktober 2016 spielte er seinen letzten Samstag als Resident.

Eine Sängerin aus Karratha

Ihre Nachfolgerin war bis dahin vor allem in Dalston bekannt. Teneil Throssell stammt aus Karratha, einer Bergbaustadt an der Küste Westaustraliens. Sie hatte in Rockbands gespielt und war Anfang der 2010er-Jahre als Sängerin des psychedelischen Rock-Duos Dark Bells nach London gekommen. Sie sammelte Platten, vor allem aus den Sechzigern und Siebzigern, dazu afrikanische und türkische Musik. Zur elektronischen Musik brachte sie ein Besuch in Berlin. „Das klingt jetzt total klischeehaft“, sagte sie 2016 zu Time Out, aber das Berghain habe sie umgehauen.

Nach dem Ende der Band legte sie als HAAi auf. Den Namen nahm sie von einem Song der indonesischen Gruppe The Panthers, auf Niederländisch heißt das Wort Hai. Zwei Jahre lang war sie Resident in der Ridley Road Market Bar, einer kleinen Tiki-Bar am Straßenmarkt der Ridley Road in Dalston. Dort hörte sie der Booker von Phonox. Ab dem 8. Oktober 2016 spielte sie jeden Samstag in Brixton, meist allein bis zum Schluss, manchmal mit unangekündigten Gästen.

Was sie in diesem Format suchte, sagte sie gleich zu Beginn: Ihre Sets würden erst richtig aufgehen, wenn sie länger seien, weil man dann mit den Leuten zusammen auf einer Art Reise sei. Und eine Residency sei eine der privilegiertesten Positionen, in der man als DJ sein könne.

Was jeden Samstag die ganze Nacht mit einer DJ macht

Ein Gastauftritt von neunzig Minuten verlangt einen guten Plan. Eine Nacht, die jede Woche wiederkommt, verlangt etwas anderes. Wer immer vor demselben Raum steht, kann sich nicht auf die zehn sicheren Platten verlassen, denn die Stammgäste kennen sie nach dem dritten Samstag. Man muss die frühen Stunden genauso ernst nehmen wie den Höhepunkt, weil niemand sonst das Warm-up spielt. Und man lernt, dass ein Raum um eins anders reagiert als um vier. Anders als im B2B-Set, in dem zwei DJs sich gegenseitig antreiben, gibt es niemanden, der den Faden aufnimmt, wenn er reißt.

Für HAAi passte diese Schule zu dem, was sie mitbrachte. Wer von Psych-Rock, afrikanischer und türkischer Musik kommt, will keine Genre-Grenze verteidigen. Die Samstage in Brixton boten den Platz, Breakbeats, Techno und Fundstücke aus der Plattenkiste in einer Nacht zu verbinden. Das Publikum ging mit: Mixmag schrieb zum Abschied, sie habe den Club regelmäßig gefüllt. Im Sommer 2018 erschien auf ihrem eigenen Label Coconut Beats die erste EP, „Motorik Voodoo Bush Doof Musik“. Schon der Titel klingt wie eine Plattenkiste, in der nichts nach Genres sortiert ist.

Der letzte Samstag und eine Radionacht

Im August 2018 kündigte sie das Ende an. Es sei Zeit, andere Clubs und Festivals zu spielen, erklärte sie, und Zeit für jemand anderen, sich die Residency zu eigen zu machen. Der Abschied zog sich über sechs Wochen: am 18. August mit Mehmet Aslan, eine Woche später mit Gilles Peterson und einem brasilianischen Set, im September dann wieder allein die ganze Nacht. Am 29. September 2018 spielte sie ihren letzten Samstag als Resident, mit unangekündigten Gästen.

Fast gleichzeitig lief im September 2018 ihr Essential Mix auf BBC Radio 1. Im Dezember wählte die Sendung ihn zum Essential Mix des Jahres, gegen eine Shortlist mit Namen wie Ricardo Villalobos, Avalon Emerson und Four Tet. Ein Jahr zuvor hatte Helena Hauff gewonnen. Die Auszeichnung machte sie weit über London hinaus bekannt.

Was aus dem Samstag in Brixton wurde

Phonox suchte noch einmal eine Nachfolge. Ab dem 6. Oktober 2018 übernahm Esa Williams den Samstag. Ein Jahr später gab der Club das Modell an diesem Abend auf: Ab dem 21. September 2019 wurde der Samstag zur Hip-Hop-Reihe Mantra, mit drei Residents, die sich abwechselten. House und Techno blieben auf Freitag und Sonntag. Den Club gibt es weiterhin, er tauchte 2016 und 2019 in den Top-100-Club-Listen des DJ Mag auf. Die Zeit, in der ein einziger Name den wichtigsten Abend der Woche trug, endete aber nach vier Jahren und drei Residents.

Man kann darin eine Niederlage sehen. Man kann es auch so lesen: Das Format hatte erreicht, was es versprochen hatte. Spätestens bei HAAi hatte es eine DJ aus einer kleinen Bar in Dalston über Mundpropaganda zu einem Namen gemacht, ohne dass der Club sie vorher teuer einkaufen musste. Residencies gibt es an vielen Orten weiter, in Berlin hat sie die Panorama Bar nie aufgegeben. Ein ganzes Clubkonzept baut darauf aber selten jemand.

Die Spur, die bis heute führt

HAAi unterschrieb 2019 bei Mute, dem Label von Depeche Mode, und veröffentlichte dort die EP „Systems Up, Windows Down“. Im Mai 2022 folgte das Debütalbum „Baby, We're Ascending“, unter anderem mit Jon Hopkins. Mit Fred again.. hat sie ebenfalls zusammengearbeitet. Im Oktober 2025 kam „HUMANiSE“, im Oktober 2026 dessen tanzbarer Zwilling „DIGITiSE“.

Im aktuellen Interview mit dem FAZEmag erzählt sie, wie der zweite Teil entstand: Fans hätten sie bei ihren Club-Sets gefragt, warum sie nichts von „HUMANiSE“ spiele. Ihre Dance-Tracks habe sie schon immer am Publikum getestet, um zu sehen, was funktioniert und was nicht. Und wenn sie für die Tanzfläche produziere, verändere sich eigentlich nur eines wirklich: Spannung und Entspannung. Wie viel davon auf die Samstage in Brixton zurückgeht, sagt sie dort nicht. Die Arbeitsweise passt aber genau dazu: Tracks vor dem Release im Club laufen lassen und beobachten, was der Raum mit ihnen macht. Genau das übt eine DJ, die zwei Jahre lang jeden Samstag vor denselben Leuten steht.

„Schubladen werden überschätzt“, sagt HAAi heute. In einem Club, der auf große Namen verzichtete, hatte sie dafür einmal pro Woche eine ganze Nacht Zeit. Der Samstag in Brixton ist inzwischen ein anderer Abend. Wer will, kann die Schule dieser Samstage in ihren Sets bis heute heraushören.

Häufige Fragen

Wann war HAAi Resident im Phonox?

HAAi übernahm den Samstag im Londoner Phonox am 8. Oktober 2016 von Jasper James und spielte ihren letzten Samstag als Resident am 29. September 2018.

Wo liegt das Phonox in London?

Das Phonox liegt in der Brixton Road 418 im Süden Londons, im Gebäude des früheren Clubs Plan B. Gekauft und eröffnet hat es 2015 The Columbo Group, zu der damals auch XOYO gehörte.

Wer kam nach HAAi als Resident ins Phonox?

Ab dem 6. Oktober 2018 übernahm Esa Williams den Samstag. Im September 2019 stellte der Club den Samstag auf die Hip-Hop-Reihe Mantra mit wechselnden Residents um.

Welcher Essential Mix von HAAi wurde ausgezeichnet?

Ihr Essential Mix auf BBC Radio 1 aus dem September 2018 wurde zum Essential Mix des Jahres 2018 gewählt. Im Jahr davor hatte Helena Hauff gewonnen.


Weitere Artikel