MAXIM SCHUNK
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Business1. November 20266 Min. Lesezeit

Musikkatalog verkaufen: Was deine alten Tracks wert sind

Was ist ein Musikkatalog wert, was darf man in Deutschland verkaufen und warum lassen Käufer alte Songs remixen? Multiples, GEMA, Master und Alternativen.

#Musikbusiness#Musikkatalog#Masterrechte#GEMA#Urheberrecht#Afro House

Symbolbild, KI-generiert
Symbolbild, KI-generiert

Im Oktober 2026 stand ein Song aus dem Jahr 2002 unter den ersten drei der Afro-House-Charts von Beatport: „Madan“ von Salif Keïta, neu gebaut vom südafrikanischen Produzenten Caiiro. Erschienen ist die Fassung am 9. Oktober bei Decca Records France, dem Universal-Label, das Keïtas Album „Moffou“ mit dem Original heute führt und 2022 neu aufgelegt hat. Das ist keine Fußnote, sondern der Kern der Geschichte. Wer die Rechte an einer Aufnahme hält, entscheidet, wer sie remixen darf, und verdient an jeder neuen Version mit. Genau deshalb kaufen Firmen heute nicht nur die Kataloge von Weltstars, sondern auch die Tracks unabhängiger Produzenten. Wenn eine solche Anfrage in deinem Postfach landet, geht es um drei Fragen: Was verkaufst du eigentlich, wie wird der Preis berechnet, und was gibst du dabei aus der Hand?

Was ist ein Musikkatalog überhaupt?

Ein Katalog ist die Summe der Rechte an bereits veröffentlichter Musik, die regelmäßig Geld einbringen. Bei elektronischer Musik sind das fast immer zwei Ebenen, die getrennt behandelt werden:

  • Die Aufnahme (Master): die konkrete Tonspur, die auf Spotify läuft und über deinen Vertrieb Geld einspielt. Wer sie selbst produziert und finanziert hat, ist in Deutschland meist auch Tonträgerhersteller. Dieses Leistungsschutzrecht ist nach § 85 UrhG übertragbar, lässt sich also tatsächlich verkaufen.
  • Das Werk (Komposition): Melodie, Harmonien, Text. Daraus entstehen die Tantiemen, die bei dir als GEMA-Mitglied über die Verwertungsgesellschaft laufen, und gegebenenfalls ein Verlagsanteil.

Ein Käufer interessiert sich für beides, bewertet es aber getrennt. Wer bei einem Label unterschrieben hat, besitzt den Master oft gar nicht mehr. Dann kann er ihn auch nicht verkaufen, sondern höchstens seinen Anteil an den Erlösen. Das Prinzip ist simpel: Du kannst nur verkaufen, was dir gehört. Was dir laut Vertrag gehört, steht in deinem Labelvertrag, nicht in deiner Erinnerung.

Kann man in Deutschland sein Urheberrecht verkaufen?

Nein. Nach § 29 Abs. 1 UrhG ist das Urheberrecht nicht übertragbar, außer im Erbfall. Du bleibst also immer Komponist deines Tracks, egal wer ihn später besitzt. Übertragen kannst du Nutzungsrechte, und das ist in der Praxis der Weg über einen Verlag: Er erhält Rechte am Werk und einen Verlagsanteil an den GEMA-Ausschüttungen. Daneben lassen sich Zahlungsansprüche gegen die GEMA abtreten. Verlage vereinbaren solche Abtretungen häufig als Sicherheit für einen Vorschuss, entweder für einzelne Werke oder pauschal für alle registrierten Titel. Welche Vertragsarten es gibt und wie Vorschüsse im Verlagsvertrag funktionieren, erklärt der Artikel zur Frage, ob du einen Musikverlag als Produzent brauchst.

Für einen Katalogverkauf heißt das: Bei angloamerikanischen Deals ist oft von „Songwriter Share“ oder „Publishing“ die Rede, als ließe sich alles in einem Paket übertragen. Nach deutschem Recht verkaufst du Rechte und Ansprüche, nicht deine Urheberschaft. Die GEMA muss über jede Abtretung informiert werden, sonst zahlt sie weiter an dich aus.

Wie wird der Wert eines Katalogs berechnet?

Die Formel ist überall dieselbe: Der jährliche Nettoertrag wird mit einem Faktor multipliziert, dem sogenannten Multiple. Beim Verlag heißt die Bezugsgröße Net Publisher's Share (NPS), also das, was nach Abzug der Urheberanteile und Verwaltungskosten übrig bleibt. Beim Master ist es der Nettoerlös, der beim Rechteinhaber ankommt. Käufer bezahlen dabei für das, was der Katalog künftig einspielt, nicht für vergangene Hits.

Wie hoch das Multiple ausfällt, hängt vor allem vom Alter der Musik ab. Der Katalogkäufer Duetti veröffentlicht seit Januar 2026 einen Music Finance Index, eine Umfrage unter rund 70 Managern, Anwälten und Künstlern. Die Ausgabe vom Juli 2026 nennt diese Basiswerte:

  • 6 Monate bis 2 Jahre alt: 3,8-fach für Master, 4,7-fach für Verlagsrechte
  • 2 bis 5 Jahre: 5,9- bzw. 6,9-fach
  • 5 bis 10 Jahre: 8,1- bzw. 9,5-fach
  • Über 10 Jahre: 10,2- bzw. 12,1-fach

Zwei Einschränkungen gehören dazu. Erstens sind das Einschätzungen von Branchenleuten, keine Preise abgeschlossener Deals. Zweitens stammt der Index von einem Unternehmen, das selbst Kataloge kauft. Die Logik dahinter ist trotzdem nachvollziehbar: Ein frischer Track verliert in den ersten Monaten meist schnell an Streams, seine künftigen Erträge sind schwer vorherzusagen. Ein Track, der seit zehn Jahren gleichmäßig läuft, hat bewiesen, dass er bleibt. Genau in diese Altersklasse fällt „Madan“.

Warum Käufer alte Songs remixen lassen

Ein Katalog ist für den Käufer kein Archiv, sondern Rohmaterial. Jede neue Version eines alten Songs bringt neue Streams, neue Playlists und oft auch das Original zurück in die Empfehlungen. Bei „Madan“ zeigt sich das über zwei Jahrzehnte: Martin Solveigs Remix machte den Song 2003 in den Clubs bekannt, Decca legte „Moffou“ 2022 zum 20. Jubiläum neu auf und packte genau diesen Remix als Bonustrack dazu. Afro-House-Versionen von Dj Dark und von eSQUIRE vs Igor Blaska gab es auch schon. Caiiros Fassung ist der jüngste Schritt einer langen Reihe, und wieder verdient der Rechteinhaber an jedem Stream mit.

Was die großen Labels mit ihren Klassikern tun, machen Katalogkäufer inzwischen systematisch mit jüngerer Musik. Duetti kündigte im Juni 2026 an, Songs schon rund sechs Monate nach Erscheinen zu kaufen. Bisher kaufte die Firma erst Titel, die mindestens zwei Jahre alt waren. Gleichzeitig startete die Firma ein Remix-Programm: Unabhängige Künstler bauen neue Versionen aus Tracks des Katalogs, bekommen dafür eine Vorabzahlung und eine Beteiligung an den künftigen Erlösen, Duetti stellt den Vertrieb ohne Gebühr und unterstützt beim Marketing. Nach eigenen Angaben liefen bereits über 200 solcher abgeleiteten Releases mit mehr als 100 Beteiligten, unter anderem aus House und elektronischer Musik. Als Zielmärkte nannte die Firma ausdrücklich auch Deutschland und Frankreich.

Für dich hat das zwei Seiten. Wer seinen Master verkauft, kann künftig nicht mehr bestimmen, wer daraus einen Remix macht, in welchem Genre und auf welchem Label. Wer dagegen selbst Remixe baut, findet bei solchen Programmen einen weiteren Weg zu offiziellen Releases, neben dem klassischen Remix-Auftrag eines Labels.

Was ein Käufer vor dem Kauf prüft

Zwischen dem ersten Angebot und dem Geld liegt die Due Diligence, also die Prüfung des Katalogs. Kanzleien, die solche Verkäufe begleiten, beschreiben mehrere Monate Dauer. Geprüft werden vor allem drei Dinge:

  • Abrechnungen: die Royalty Statements der letzten drei bis fünf Jahre, getrennt nach dauerhaften Einnahmen und Einmaleffekten wie einem viralen Moment oder einer Sync-Platzierung.
  • Chain of Title: die lückenlose Kette, wie die Rechte bei dir gelandet sind. Fehlt ein Split Sheet mit dem Co-Produzenten oder ist ein Sample nie freigegeben worden, sinkt der Preis oder der Deal platzt.
  • Registrierungen: ob alle Werke bei der GEMA gemeldet sind und alle Aufnahmen saubere ISRCs tragen. Nicht gemeldete Werke bringen keine nachweisbaren Einnahmen und zählen deshalb kaum.

Auch Altlasten mindern den Preis: Ein Labelvorschuss, der noch nicht eingespielt ist, geht von den künftigen Erlösen ab. Wer früher Tracks für Compilations lizenziert hat, muss zeigen können, welche Lizenzen noch laufen.

Verkaufen, Teilverkauf oder Vorschuss?

Ein Komplettverkauf ist nicht die einzige Möglichkeit. Verkauft werden kann auch nur ein Prozentanteil, nur bestimmte Titel, nur bestimmte Länder oder nur eine Rechteart, etwa die Master, während die Verlagsseite bei dir bleibt.

Daneben gibt es Finanzierer, die nichts kaufen, sondern einen Vorschuss auf künftige Einnahmen zahlen. Das US-Unternehmen beatBread etwa zahlt Geld gegen einen Anteil an den Streaming-Erlösen. Die Rechte bleiben beim Künstler, und nach Ablauf der vereinbarten Laufzeit fließt das Geld wieder vollständig zu ihm. Wer dort auch künftige Releases einbringt, bekommt einen höheren Vorschuss als bei einem reinen Katalogdeal. Der Unterschied zum Verkauf ist grundsätzlich: Ein Vorschuss ist im Kern ein Vorgriff auf dein eigenes Geld, ein Verkauf ist endgültig.

Welche Variante sich lohnt, hängt weniger vom Multiple ab als von deiner Lage. Ein Verkauf verwandelt unsichere künftige Einnahmen in einen festen Betrag heute. Das ist sinnvoll, wenn du das Geld für etwas brauchst, das mehr einbringt als der Katalog. Und es ist ein schlechter Tausch, wenn ein Track gerade erst Fahrt aufnimmt, oder wenn er wie „Madan“ 24 Jahre später noch einmal unter die ersten drei der Afro-House-Charts von Beatport kommt.

Häufige Fragen

Kann ich mein Urheberrecht an einem Track verkaufen?

Nein. Nach § 29 Abs. 1 UrhG ist das Urheberrecht in Deutschland nicht übertragbar, außer im Erbfall. Übertragen lassen sich Nutzungsrechte, etwa an einen Verlag, und Zahlungsansprüche gegen die GEMA lassen sich abtreten. Die Masterrechte als Tonträgerhersteller sind dagegen nach § 85 UrhG übertragbar.

Wie viel ist ein Musikkatalog wert?

Üblich ist die Rechnung jährlicher Nettoertrag mal Multiple. Der Duetti Music Finance Index vom Juli 2026, eine Umfrage unter Branchenleuten, nennt für Master Basiswerte von 3,8-fach bei bis zu zwei Jahre alter Musik bis 10,2-fach bei über zehn Jahre alter Musik; Verlagsrechte liegen jeweils etwas höher.

Warum sind ältere Tracks mehr wert als neue?

Weil ihre Einnahmen berechenbarer sind. Neue Tracks verlieren nach dem Release oft schnell an Streams, ältere Titel, die seit Jahren laufen, haben ihre Stabilität bereits gezeigt. Käufer zahlen für erwartete künftige Erlöse, deshalb steigt das Multiple mit dem Alter.

Was passiert mit meiner GEMA-Mitgliedschaft, wenn ich Rechte verkaufe?

Du bleibst Urheber und kannst Mitglied bleiben. Wurden Ausschüttungsansprüche abgetreten oder ein Verlagsanteil vergeben, muss die GEMA darüber informiert werden, damit sie das Geld an den neuen Berechtigten auszahlt.

Gibt es Geld für meinen Katalog, ohne ihn zu verkaufen?

Ja. Finanzierer wie beatBread zahlen einen Vorschuss gegen einen Anteil an künftigen Streaming-Erlösen. Die Rechte bleiben beim Künstler, nach der vereinbarten Laufzeit fließen die Einnahmen wieder vollständig an ihn.


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