Mark Reeve: Vom Omen-Gast zum Partner von Adam Beyer
Mark Reeve kam als englischer Teenager nach Frankfurt, stand im Omen von Sven Väth und veröffentlicht heute mit Adam Beyer auf Drumcode. Seine Geschichte.

Mitte der Neunziger steht ein Sechzehnjähriger vor einem Club in der Frankfurter Innenstadt und kommt nicht rein. Geboren ist er in England; nach der Trennung der Eltern ist er mit nach Deutschland gezogen. Er versucht es wieder, wochenlang. Irgendwann klappt es. Der Club heißt Omen, es ist der Club von Sven Väth, und der Junge heißt Mark Reeve. „Since day one of stepping into that club I knew this is my music“, hat er Anfang 2026 im Gespräch mit EDMTunes über diesen ersten Abend gesagt.
Dreißig Jahre später teilt sich derselbe Mark Reeve eine EP mit Adam Beyer. Sie heißt „Do Our Thing“, ist am 23. Oktober 2026 auf Drumcode erschienen, und am 28. Oktober standen alle vier Tracks unter den ersten zwanzig im Peak-Time-Techno-Chart von Beatport, „Synchronize“ auf Platz 7. Dazwischen liegt eine Laufbahn, die immer wieder an einen Ort zurückführte, den es seit 1998 nicht mehr gibt.
Ein Junge aus Poole und ein Umzug, der erst wehtat
Reeve stammt aus Poole an der Südküste Englands. Mit zwölf, Anfang der Neunziger, hörte er dort zum ersten Mal bewusst elektronische Musik. Der Vater ist Engländer, die Mutter Deutsche. Als die Eltern sich Mitte der Neunziger trennten, ging er mit nach Deutschland. „The move was hard at first, but after one year I settled in nicely“, erzählte er EDMTunes. Er blieb. Heute lebt er in Frankfurt am Main.
Dass er ausgerechnet in Frankfurt ankam, war für einen Teenager mit diesem Musikgeschmack ein Glücksfall. In der ersten Hälfte der Neunziger war die Stadt eines der Zentren des deutschen Techno, und das Omen war ihr bekanntester Raum.
Das Omen: ein Club, der Musiker gemacht hat
Das Omen lag im Erdgeschoss eines Parkhauses nahe der Hauptwache. Sven Väth hatte es Ende der Achtziger gemeinsam mit Michael Münzing und Matthias Martinsohn eröffnet; rund zehn Jahre lang war es die Adresse, an der Frankfurt seinen Sound ausprobierte. 1998 war Schluss, das Gebäude ist längst abgerissen. Wie es dazu kam und warum das Omen in einer Reihe mit Ufo und E-Werk steht, erzählt unser Rückblick auf Deutschlands verlorene Clubs.
Für Reeve war es der Ort, an dem aus Hören ein Plan wurde. Er saß in den Neunzigern bereits mit Cubase am Rechner, später wechselte er zu Reason, dann zu Ableton Live. Im Oktober 2026 sagte er Beatportal über seine Herkunft als Musiker: „everything really goes back to Omen.“ Das ist mehr als eine Anekdote: Die Wochenenden in Frankfurt haben ihn nach eigener Aussage als DJ und Produzent geprägt.
Der lange Anlauf: Cocoon, Drumcode und ein Plattensammler
Bis zu den großen Labels dauerte es. Laut seiner Biografie bei Drumcode erschien 2011 seine erste EP auf Cocoon Recordings, dem Label von Sven Väth. Den Track „Daybreak On Mars“ spielte, so die Biografie, als Erster ausgerechnet der Mann, in dessen Club Reeve als Jugendlicher gestanden hatte. Ein Jahr später folgte das Debüt auf Drumcode: „Drumatic“, eine Zwölfzoll mit der Katalognummer DC101. „I was a Drumcode vinyl collector long before I became part of the label“, sagte Reeve Beatportal. Auch das gehört zu dieser Geschichte. Er kam nicht als Fremder zu dem Label, er hatte dessen Platten jahrelang selbst gekauft.
Dazu kamen Releases auf Labels wie Soma und Terminal M, doch Drumcode blieb seine wichtigste Adresse. 2016 stand er zum ersten Mal mit Adam Beyer zusammen auf einem Track: „Nine of You“ erschien auf der Jubiläums-Compilation „A-Sides Vol. 5“ zum zwanzigsten Geburtstag des Labels und gilt bei Beatportal bis heute als Klassiker. Wie aus Beyers Stockholmer Kleinlabel von 1996 diese Plattform wurde, erzählen wir in der Geschichte von Drumcode.
„Far Away“: eine Platte als Erinnerung
2018 kehrte Reeve mit der EP „Far Away“ (DC187) zu Drumcode zurück. Der Pressetext des Labels sagt ausdrücklich, woher der Titeltrack kommt: Er greife auf die prägenden Neunziger zurück, als Reeve regelmäßig in Sven Väths Omen war. Ein Club, der seit zwanzig Jahren geschlossen war, lieferte also die Stimmung für einen Track auf dem Label, das gerade die großen Bühnen eroberte.
2021, nach der EP „Distance“, folgte mit „Breathe“ ein Mini-Album mit acht Tracks auf Drumcode, im Januar 2026 die EP „Body Drops“. Für die hatte er sich nach eigener Aussage an minimalem Tech House orientiert, den Sound aber schneller und technoider gehalten. Er nannte sie „the beginning of a newer, more modern sound“. Mit „Body Drops“ wollte er seinen Sound erneuern, ohne den Ausgangspunkt aufzugeben.
Zehn Jahre Pause, dann Mallorca
Zwischen „Nine of You“ und dem nächsten gemeinsamen Track von Beyer und Reeve lagen zehn Jahre. Im Mai 2026 feierte Drumcode sein dreißigjähriges Bestehen mit drei Tagen auf Mallorca, und genau dazu erschien „Love Within“, melodischer als der Vorgänger, mit Arpeggio und deutlicher Leadmelodie. Beyer nannte ihn keine Nostalgienummer, sondern „a love letter to everyone who's been part of Drumcode for the last 30 years“. Der Track wurde zur inoffiziellen Hymne der Mallorca-Tage. Auf Mallorca feierten Reeve, Beyer und Bart Skils den Track gemeinsam hinter den Decks; nach dem zweiten Drop machten er und Beyer ihre gemeinsame Handbewegung, so erzählt es Reeve.
Aus diesem Wiedersehen wurde ein Projekt. Für „Do Our Thing“ saßen die beiden nicht nebeneinander im Studio, sondern schickten sich Ideen per E-Mail und WhatsApp, manchmal noch um zwei Uhr nachts. Laut Beatportal waren ursprünglich fünf Tracks geplant; einer wurde für eine spätere Veröffentlichung zurückgehalten.
Vier Tracks, ein bekannter Sound
Was auf der EP gelandet ist, beschreibt Beatportal als Rückkehr zu Drumcodes rollenden Wurzeln. „Synchronize“ ist ein treibendes Werkzeug mit einem Gitarrenriff, „Frames“ der melodische Track für die Zeit gegen vier Uhr morgens, der Titeltrack der intensivste mit gerappten Vocals, „Santiago“ das druckvolle Finale. Wer wissen will, warum genau dieser Sound auf großen Bühnen funktioniert, findet die Erklärung in unserem Stück über Peak Time Techno. „The title – ‘Do Our Thing’ – really sums up the idea behind this EP“, sagt Reeve dazu.
Am 6. November 2026 erscheint „Far Away“ zudem in neuer Fassung auf der Jubiläums-Compilation „DC30“. Und ein drittes gemeinsames Projekt mit Beyer ist bereits in Arbeit: tiefer, technoider, mit kaum Vocals, wie Reeve Beatportal erzählte.
Was bleibt, wenn der Club weg ist
Sein Lieblingsclub in Frankfurt ist nach eigener Aussage „wahrscheinlich“ das Tanzhaus West. Dass auch Väths späterer Cocoon Club schließen musste, bedauert er, ebenso die Lage der deutschen Clubkultur insgesamt. Das ist das Bemerkenswerte an seiner Geschichte: Die Orte, die ihn geprägt haben, gibt es nicht mehr. Ihr Einfluss steht trotzdem in den Charts, nur unter anderem Namen, auf einem schwedischen Label und mit einem Partner aus Stockholm.
Clubs verschwinden, aber sie hinterlassen Menschen, die ihren Sound weitertragen. Der Junge, der vor dem Omen wochenlang abgewiesen wurde, ist heute einer von ihnen.
Häufige Fragen
Wer ist Mark Reeve?
Mark Reeve ist ein in England geborener Techno-Produzent und DJ, der seit den Neunzigern in Deutschland lebt und heute in Frankfurt am Main wohnt. Er veröffentlicht seit 2012 auf Drumcode, davor und daneben auf Labels wie Cocoon, Soma und Terminal M.
Welche Tracks haben Adam Beyer und Mark Reeve zusammen gemacht?
Zuerst „Nine of You“ 2016 auf der Compilation „A-Sides Vol. 5“, dann „Love Within“ im Mai 2026 zum dreißigsten Geburtstag von Drumcode und im Oktober 2026 die EP „Do Our Thing“ mit „Synchronize“, „Frames“, „Do Our Thing“ und „Santiago“.
Was war das Omen in Frankfurt?
Das Omen war der Club von Sven Väth, Michael Münzing und Matthias Martinsohn nahe der Frankfurter Hauptwache. Es lief von Ende der Achtziger bis 1998 und gilt als einer der wichtigsten Techno-Clubs der Neunziger in Deutschland.
Wann erschien Mark Reeves erstes Release auf Drumcode?
2012 mit der EP „Drumatic“, Katalognummer DC101. Laut seiner Drumcode-Biografie war 2011 bereits seine erste EP auf Cocoon Recordings erschienen; seine Diskografie reicht aber bis 2007 zurück.
Weitere Artikel
Aktuell
Adam Beyer remixt Faithless: „We Come 1“ auf Drumcode
Szene
„Hyper Hyper“: Wie Scooter den Rave in die Charts brüllten
Szene
„Das Boot“: Wie U96 Techno an die Chartspitze brachte
Szene
Als Techno im Fernsehen lief: VIVA, Housefrau, Space Night
Szene
Berlin Calling: Wie ein Film Paul Kalkbrenner zum Star machte
Szene