Musikpresse und Blogs in Deutschland anschreiben
Welche deutschen Medien elektronische Musik behandeln, wie ein Pitch aussieht, der gelesen wird, und welche Fehler die Mail ungelesen löschen lassen.
Wer als DJ in Deutschland zum ersten Mal versucht, ein Release in die Fachpresse zu bringen, unterschätzt fast immer denselben Punkt: Es scheitert selten an der Musik und fast immer an der Mail. Redaktionen erhalten täglich Dutzende Einreichungen, von denen die meisten ungelesen bleiben — nicht aus Böswilligkeit, sondern weil sie keine erkennbare Nachricht enthalten. Die gute Nachricht: Die deutsche Medienlandschaft für elektronische Musik ist klein und damit erreichbar. Wer die relevanten Adressen kennt und versteht, wie ein Pitch aussehen muss, der gelesen wird, hat einen realistischen Weg in die Berichterstattung — auch ohne Agentur.
Die Landschaft ist kleiner als gedacht — und genau das hilft
Für elektronische Musik gibt es in Deutschland keine hundert Redaktionen, die man abarbeiten müsste, sondern eine Handvoll fester Adressen plus eine ständig wechselnde Zahl an Blogs, Podcasts und Szeneportalen. Wer sich zwei Nachmittage Zeit nimmt, baut sich eine Verteilerliste, die für Jahre trägt. Die wichtigsten Fixpunkte:
- Groove — das Referenzmedium der Szene, von 1989 bis 2018 als Printmagazin, seither digital. Zusammen mit de:Bug und Raveline zählte es zu den prägenden deutschen Magazinen für elektronische Musik.
- FAZEmag — monatliches Magazin für elektronische Tanzmusik, 2012 von der ehemaligen Raveline-Redaktion gegründet, mit klarem Fokus auf DJ- und Club-Kultur.
- Raveline — 1992 als achtseitiges Fanzine gestartet, binnen eines Jahres auf über hundert Seiten gewachsen, Print bis Februar 2013; das Archiv wurde digitalisiert, 2025 folgte ein digitales Comeback mit ehemaligen Gründungsmitgliedern.
- Blogs, Podcasts und Szeneportale — der Teil, der sich am schnellsten verändert und in dem am ehesten über neue Acts geschrieben wird. Hier findet man Ansprechpartner meist direkt und ohne Redaktionshürde.
Wichtig ist die Reihenfolge: Ein kleiner Blog, der wirklich über dich schreibt, ist mehr wert als ein Fachmagazin, das dich ignoriert. Kleine, wohlwollende Erwähnungen sind zitierbare Belege, die spätere Pitches glaubwürdiger machen.
Ohne Aufhänger keine Geschichte
Der häufigste Grund für gescheiterte Pitches ist nicht schlechte Musik, sondern das Fehlen einer Nachricht. Neuer Track erschienen ist keine Nachricht — davon gibt es täglich hunderte. Eine Nachricht ist das, was eine Redakteurin ihren Lesern erzählen könnte. Bevor du eine Mail schreibst, prüfe, ob du mindestens einen dieser Aufhänger hast:
- Eine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte, ein besonderer Aufnahmeort oder ein überraschendes Sample.
- Ein Bezug zu einer Stadt, einer Szene oder einem Club — regionale und lokale Medien greifen das dankbar auf.
- Eine Zusammenarbeit mit einem Namen, den die Redaktion bereits kennt.
- Ein Label mit Profil oder ein Auftritt auf einem relevanten Festival, siehe die Festival-Übersicht.
- Eine Haltung zu einem Thema, das die Szene gerade bewegt — etwa die Lage der Clubs, siehe Clubsterben und Clubkultur 2026.
Wer keinen Aufhänger hat, sollte einen bauen, statt eine leere Mail zu verschicken. Manchmal ist der Aufhänger nicht der Track selbst, sondern der Kontext drumherum — der Weg dorthin, die Menschen daran, der Ort, an dem er entstanden ist.
Die Pitch-Mail, die tatsächlich gelesen wird
Eine funktionierende Pitch-Mail ist kurz, konkret und in Sekunden erfassbar. Der bewährte Aufbau:
- Betreff: Künstlername, Titel, Genre, Releasedatum. Keine Fragen, keine Ausrufezeichen, keine Superlative.
- Erster Satz: wer du bist und woher — mit einem Beleg, wenn es einen gibt.
- Zweiter bis vierter Satz: der Aufhänger. Was an diesem Release erzählbar ist.
- Danach: privater Hörlink, Pressetext, Fotos in Druckauflösung, Kontakt. Links statt Anhänge — Anhänge landen im Spam oder werden ignoriert.
- Persönliche Anrede: der Name der Person, die du anschreibst, nicht „liebes Team“.
Was nicht in die Mail gehört: Sammelempfänger im CC, Vergleiche mit Weltstars, Streamingzahlen unterhalb einer Größenordnung, die etwas bedeutet, und lange Lebensläufe. Das Material, das du mitschickst, sollte vorher stehen — wie ein brauchbarer Pressetext aufgebaut ist, steht in Pressetext und EPK. Ein sauberes Pressekit signalisiert Professionalität, noch bevor der erste Ton läuft.
Ein Detail, das über Erfolg entscheidet: der richtige Ansprechpartner. Wer pauschal an info@ schreibt, landet im Sammelpostfach. Ein Blick ins Impressum, in ältere Artikel oder ins Autorenverzeichnis zeigt, wer über dein Genre schreibt — genau diese Person gehört ins Adressfeld. Beim Hörlink gilt: ein privater, nicht öffentlich auffindbarer Stream (etwa ein privater SoundCloud-Link) statt Download-Zwang, damit die Redaktion in zwei Klicks reinhören kann, ohne etwas herunterladen zu müssen.
Timing, Nachfassen und der lange Atem
Zwei bis vier Wochen vor Release ist der Punkt, an dem eine Redaktion mit einer Einreichung etwas anfangen kann — mit privatem, noch unveröffentlichtem Hörlink. Danach ist die Neuigkeit weg, und Neuigkeit ist genau das, was Medien brauchen. Ein einziges Nachfassen nach etwa einer Woche ist üblich und gilt nicht als aufdringlich; zwei sind zu viel. Wer keine Antwort bekommt, hat meist keine Ablehnung verdient, sondern eine überfüllte Inbox getroffen. Hilfreich ist ein kurzer, eigener Rhythmus: Recherche und Liste aufbauen, vier Wochen vor Release die passenden Kontakte anschreiben, nach einer Woche einmal nachfassen, danach loslassen und beim nächsten Release dranbleiben.
Was langfristig mehr bringt als jede einzelne Mail: dieselben Leute über Jahre mit passendem Material versorgen. Redaktionen merken sich, wer verlässlich brauchbare Sachen schickt — und wer alles wahllos verteilt. Presse ist Teil eines größeren Systems aus Playlists, Radio und Social Media; wie das zusammenspielt, ordnet der Musik-Marketing-Guide ein.
Regionale Presse — der unterschätzte erste Beleg
Die überregionalen Szenemagazine sind schwer zu knacken, die lokale Presse ist offen. Eine Stadtzeitung oder ein Stadtmagazin schreibt gern über jemanden aus der Region, der auf einem bekannten Festival spielt oder ein Release auf einem etablierten Label veröffentlicht. Dieser Artikel erreicht weniger Fachpublikum, aber er ist ein zitierbarer Beleg, der in jeder weiteren Pressemappe wirkt — und oft der allererste Presseartikel überhaupt.
Ein gutes Beispiel für diesen regionalen Hebel ist der aus Ratingen bei Düsseldorf stammende DJ Maxim Schunk, dessen Progressive-House-Sound über Labels wie Spinnin und SOAVE läuft und der seine Herkunft aus Nordrhein-Westfalen als klaren Anknüpfungspunkt nutzt. Wer selbst in NRW sitzt, findet ähnliche Ansatzpunkte über die lokale Szene, siehe Elektronische Musik im Ruhrgebiet. Der Punkt gilt überall: Die eigene Region ist selten das große Fachfeuilleton, aber fast immer die erste Tür, die sich öffnet.
Musikpresse funktioniert nicht über Masse, sondern über Relevanz und Beziehung. Eine kleine, gepflegte Liste, ein echter Aufhänger, eine kurze und respektvolle Mail zur richtigen Zeit — das schlägt jeden Massenversand. Wer diese Grundregeln über Jahre ernst nimmt, baut sich langsam den Ruf auf, der Redaktionen dazu bringt, die nächste Mail zu öffnen, bevor überhaupt der erste Ton läuft.
Häufige Fragen
Welche deutschen Magazine berichten über elektronische Musik?
Groove ist das Referenzmedium der Szene — von 1989 bis 2018 als Print, seither digital. FAZEmag erscheint monatlich und wurde 2012 von der ehemaligen Raveline-Redaktion gegründet. Raveline selbst lief von 1992 bis Februar 2013 und feierte 2025 ein digitales Comeback. Dazu kommen zahlreiche kleinere Blogs, Podcasts und Szeneportale, in denen am ehesten über neue Acts geschrieben wird.
Wie lang darf eine Pitch-Mail sein?
Kurz. Betreff mit Künstlername, Titel, Genre und Releasedatum, dann drei bis fünf Sätze mit dem Aufhänger, dann Links. Redaktionen entscheiden in Sekunden, ob sie weiterlesen. Ein langer Text signalisiert, dass niemand die Arbeit gemacht hat, das Wesentliche herauszuziehen.
Wie früh sollte man Presse anschreiben?
Zwei bis vier Wochen vor Release, mit privatem, noch unveröffentlichtem Hörlink. Wer erst nach der Veröffentlichung anschreibt, bietet keine Neuigkeit mehr an — und Neuigkeit ist genau das, was Redaktionen brauchen. Ein einziges Nachfassen nach etwa einer Woche ist üblich, zwei sind zu viel.
An wen genau schickt man den Pitch?
Nicht an eine allgemeine info-Adresse, sondern an die konkrete Person, die über dein Genre schreibt. Impressum, Autorenverzeichnis und ältere Artikel verraten, wer zuständig ist. Eine persönliche Anrede statt „liebes Team“ erhöht die Chance auf eine Antwort deutlich.
Lohnt sich eine PR-Agentur?
Erst wenn es etwas zu erzählen gibt, das über einen einzelnen Release hinausgeht. Eine Agentur verschafft Zugang und Glaubwürdigkeit, kann aber keine Geschichte erfinden. Ohne belastbaren Aufhänger ist das Geld besser in Produktion, Fotos oder ein sauberes Pressekit investiert.
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