MAXIM SCHUNK
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Events13. Oktober 20266 Min. Lesezeit

Act aus dem Line-up gestrichen: Wie Festivals entscheiden

Wenn gegen einen DJ Vorwürfe laut werden: wie Festivals über Streichungen entscheiden, was im Vertrag steht und ob du dein Ticketgeld zurückbekommst.

#Festivals#Line-up#Awareness#Hard Techno#Booking#Backstage

Symbolbild, KI-generiert
Symbolbild, KI-generiert

Im Februar 2026 verschwanden innerhalb weniger Tage mehrere bekannte Namen aus den Line-ups der Hardtechno-Saison. Ein Instagram-Account hatte schwere Vorwürfe gegen eine Reihe von DJs veröffentlicht, und Veranstalter von HIVE in Ferropolis bis Airbeat One reagierten. Im September 2026 hat das ZDF den Fall in der Reportage „Missbrauch: Insider schockt die Techno-Szene“ aus der Reihe „Die Spur“ aufgearbeitet. Im Groove-Interview vom 12. Oktober 2026 mit den Journalistinnen Silja Thoms und Maike von Galen geht es auch um ein Dilemma, das jede Festivalcrew kennt: Was tust du, wenn gegen einen gebuchten Act ein Vorwurf im Raum steht, aber nichts bewiesen ist? Dieser Text ordnet ein, wie solche Entscheidungen zustande kommen, was sie rechtlich bedeuten und was du als Ticketkäufer davon hast.

Warum Festivals Acts aus dem Line-up nehmen

Die meisten Streichungen haben mit Skandalen nichts zu tun. Ein Act sagt krankheitsbedingt ab, eine Tour wird verschoben, ein Flug fällt aus, zwei Bookings kollidieren. Wie stark Verträge und Exklusivitätsklauseln einen Line-up-Plan prägen, zeigt der Blick auf den Festival-Timetable und seine Dramaturgie. Seltener, aber mit viel mehr Aufmerksamkeit verbunden, sind Streichungen, die der Veranstalter selbst auslöst: wegen eines Fehlverhaltens, eines öffentlichen Vorwurfs oder weil ein Act mit den Werten des Festivals nicht mehr vereinbar scheint.

Genau das ist der Fall, um den es hier geht. Er ist der schwierigste, weil sich zwei berechtigte Ansprüche gegenüberstehen: der Schutz möglicher Betroffener und die Fairness gegenüber jemandem, gegen den bislang nur Vorwürfe vorliegen.

Wie Festivals im Hardtechno-Callout reagiert haben

Der Callout zeigt, wie unterschiedlich Veranstalter mit derselben Lage umgehen. Laut Groove nahmen HIVE, Arena Rave, Tanz der Bässe und Airbeat One die genannten Künstler „bis auf weiteres“ aus den Line-ups oder prüften kommende Bookings, HEXON in Bielefeld entfernte betroffene Acts „vorläufig“. Airbeat One begründete das nach Angaben des Nordkurier mit dem Schutz Betroffener und rechtsstaatlicher Sorgfalt: Erhärten sich die Vorwürfe, werden die Slots neu besetzt; bestätigen sie sich nicht, behält sich der Veranstalter eine Wiederaufnahme vor.

Das österreichische Electric Love ging einen anderen Weg. Festivalchef Manuel Reifenauer sagte gegenüber Salzburg24, seine Entscheidung gegen einen der Beschuldigten beruhe auf eigener Recherche und Screenshots. Andere Veranstalter wie das niederländische Dominator gerieten in die Kritik, weil Künstler, gegen die Vorwürfe erhoben wurden, weiter im Line-up standen. Und beim Open Beatz, das betroffene Artists kurzfristig strich, kritisierte die Initiative MeTooDJ laut Groove, das sei viel zu spät gekommen. Von Galen spricht mit Blick auf solche Veranstalter von einem schweren Dilemma zwischen Unschuldsvermutung und dem Schutz Betroffener, für das es vermutlich nicht die eine richtige Lösung gibt.

Wie vertrackt die Lage ist, zeigt eine spätere Wendung: Gegen den Urheber des Callouts selbst wurden laut Groove ebenfalls schwerwiegende Vorwürfe laut.

Gilt die Unschuldsvermutung auch für Festivals?

Die Unschuldsvermutung ist ein Grundsatz des Strafverfahrens: Der Staat muss jemandem eine Tat nachweisen, bevor er ihn bestraft. Ein Festival ist aber kein Gericht und verhängt keine Strafe, wenn es einen Act nicht auftreten lässt. Es trifft eine geschäftliche Entscheidung darüber, wen es auf seine Bühne stellt und wem es Zugang zu Backstage, Crew und Publikum gibt.

Daraus folgt nicht, dass alles erlaubt ist. Wer öffentlich Tatsachen über eine Person behauptet, die sich nicht belegen lassen, riskiert eine Unterlassungsklage. Deshalb formulieren die meisten Veranstalter ihre Mitteilungen auffällig vorsichtig: Sie nennen keine Details und sprechen von „vorläufig“ oder „bis auf weiteres“. Auch die ZDF-Autorinnen halten sich bei Namen zurück: Wo Namen beschuldigter DJs fehlen, liegt das laut von Galen daran, dass es sich um Verdachtsberichterstattung in laufenden Verfahren handelt.

Was im Künstlervertrag steht, wenn ein Festival absagt

Hier wird es für beide Seiten teuer. Ein Booking ist ein Vertrag, und wer ihn einseitig beendet, muss im Zweifel trotzdem zahlen. Wird ein Auftritt als Werkvertrag eingeordnet, kann der Veranstalter nach § 648 BGB zwar jederzeit kündigen, der Künstler behält aber grundsätzlich seinen Anspruch auf die vereinbarte Vergütung, abzüglich dessen, was er an Aufwand spart oder anderweitig verdient. Anders ist es bei einer Kündigung aus wichtigem Grund nach § 648a BGB: Dann muss es für den Veranstalter unzumutbar geworden sein, am Vertrag festzuhalten, und genau darüber wird im Streitfall gestritten.

Manche Bookingverträge enthalten deshalb Verhaltensklauseln. Sie regeln vorab, unter welchen Umständen eine Seite zurücktreten darf und was dann mit Gage und Anzahlung passiert. Was in einem Booking sonst noch schriftlich geklärt sein sollte, steht im Überblick zu DJ-Vertrag und Rider. Fehlt eine solche Klausel, entscheidet sich ein Festival bei einer Streichung oft bewusst dafür, notfalls zu zahlen, um den Act nicht auf die Bühne zu lassen.

Wer entscheidet über eine Streichung?

Am Ende der Veranstalter, aber selten allein. Bei großen Festivals sind Booking, Geschäftsführung, Rechtsberatung und Kommunikation beteiligt, oft auch die Agentur des Acts. Die Agentur hat eigene Interessen: Sie vertritt mehrere Künstler, und ein Vorwurf gegen einen ihrer Acts kann ihre Beziehungen zu Festivals belasten.

Viele Festivals haben inzwischen Codes of Conduct für ihre Gäste. Ob diese auch für Künstler gelten, steht dort nicht immer ausdrücklich. Wo es Awareness-Strukturen gibt, sind sie meist auf das Publikum ausgerichtet. Was Awareness-Teams im Club und auf Festivals leisten können und was nicht, gilt hinter der Bühne genauso, nur dass sie dort meist fehlen.

Warum gerade der Backstage-Bereich das Problem ist

Das ist der Kern der ZDF-Recherche. Übergriffe passieren laut von Galen selten im Scheinwerferlicht, sondern eher in abgedunkelten Garderoben, in VIP-Shuttles oder in Hotelzimmern. Thoms sieht die Gefahr vor allem dort, wo ein Machtgefälle besteht: wenn junge Artists auf etablierte Branchengrößen treffen und möglicherweise Alkohol sowie Drogen im Spiel sind. Von Galen formuliert daraus die Forderung, die dem Interview seinen Titel gibt: Wer im Backstage Anzeichen von Machtmissbrauch bemerkt, darf nicht schweigend danebenstehen.

Für Festivals heißt das konkret: Der Backstage ist ein Arbeitsplatz mit eigener Hierarchie. Wer dort Zugang vergibt, wer Bändchen verteilt, wer Shuttles fährt, ist Teil dieser Struktur. Thoms nennt als Lösung professionelle, unabhängige Awareness-Teams mit echtem Handlungsspielraum, ausdrücklich auch hinter der Bühne. Eine Streichung nach einem öffentlichen Callout reagiert auf etwas, das bereits passiert ist. Eine Ansprechstelle im Artist-Bereich setzt früher an.

Bekommst du Geld zurück, wenn ein Act gestrichen wird?

Meist nicht. Die Verbraucherzentrale weist darauf hin, dass der Austausch einzelner Acts bei einem mehrtägigen Festival eher hinzunehmen ist, vor allem wenn es sich nicht um Headliner handelt. Entscheidend sei, welche Bedeutung der ausgefallene Act und sein Anteil am Festival haben. Fällt ein angekündigter, weltbekannter Headliner aus, kann ein anteiliger Erstattungsanspruch bestehen. Ein Vorwurf gegen den Act ist dafür kein eigener Erstattungsgrund. Was bei Absage, Verschiebung und Weiterverkauf sonst gilt, findest du bei Festivaltickets weiterverkaufen und sicher kaufen.

Was bleibt

Der Hardtechno-Callout hat gezeigt, dass die Szene schnell reagieren kann, aber kaum Verfahren dafür hat. Festivals entscheiden unter Zeitdruck, mit unvollständigen Informationen und unter den Augen eines Publikums, das eine Haltung erwartet. Die beste Antwort darauf ist nicht die schnellste Streichung, sondern eine Struktur, die vorher da ist: klare Vertragsklauseln, ein Code of Conduct, der auch für Künstler gilt, und Menschen im Backstage, an die sich jemand wenden kann, bevor es einen Callout braucht.

Häufige Fragen

Darf ein Festival einen DJ wegen Vorwürfen ausladen, obwohl nichts bewiesen ist?

Ein Festival ist kein Gericht und entscheidet geschäftlich, wen es auf die Bühne stellt. Die Ausladung kann aber Geld kosten: Wird das Booking als Werkvertrag eingeordnet, behält der Künstler bei einer freien Kündigung (§ 648 BGB) grundsätzlich seinen Gageanspruch, abzüglich ersparter Aufwendungen. Wer öffentlich Tatsachen behauptet, die er nicht belegen kann, riskiert zudem eine Unterlassungsklage.

Bekomme ich Geld zurück, wenn ein DJ aus dem Festival-Line-up gestrichen wird?

In der Regel nicht, solange es kein zentraler Headliner ist. Laut Verbraucherzentrale ist der Austausch einzelner Acts bei mehrtägigen Festivals eher hinzunehmen; beim Ausfall eines angekündigten, weltbekannten Headliners kann ein anteiliger Erstattungsanspruch bestehen. Ein Vorwurf gegen den Act ist dafür kein eigener Erstattungsgrund.

Was bedeutet „bis auf weiteres aus dem Line-up genommen“?

Der Veranstalter lässt den Act vorerst nicht auftreten, legt sich aber nicht endgültig fest. Airbeat One etwa kündigte 2026 an, die Slots neu zu besetzen, falls sich Vorwürfe erhärten, und behielt sich eine Wiederaufnahme vor, falls nicht.

Gilt ein Festival-Code-of-Conduct auch für Künstler?

Nur, wenn er es ausdrücklich sagt oder der Bookingvertrag darauf verweist. Viele Codes of Conduct richten sich in erster Linie an das Publikum. Verbindlich für einen Act wird eine Verhaltensregel meist erst über eine Klausel im Vertrag.

Gibt es Awareness-Teams auch im Backstage?

Auf manchen Veranstaltungen ja, auf vielen nicht. Awareness-Strukturen sind meist auf das Publikum ausgerichtet. Die ZDF-Journalistin Silja Thoms fordert deshalb unabhängige Awareness-Teams mit echtem Handlungsspielraum ausdrücklich auch hinter der Bühne.


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