Melodic House & Techno: Wie aus einem Etikett ein Genre wurde
Wie Beatport 2018 einem Sound aus Berlin, Hamburg und Bremen eine eigene Kategorie gab — und wie daraus ein Kosmos von Afterlife bis zur Sphere wurde.

Am 20. März 2018 bekam eine Musik eine Adresse, die es bis dahin nicht gab. Beatport, der größte Downloadshop für DJs, kündigte eine neue Genre-Kategorie an: „Melodic House & Techno“. Eine Nachricht für Branchenseiten, kaum mehr als eine Menüzeile. Wer heute durch die Top 100 dieser Kategorie scrollt, sieht, was aus der Menüzeile geworden ist: ein eigener Kosmos mit eigenen Stars, eigenen Labels und eigenen Hymnen. Ende September 2026 standen dort gleich drei Tracks von Brunello unter den ersten 20, alle erschienen auf seinem eigenen Label Mellow Circus Records. Um zu verstehen, warum das funktioniert, muss man zurück zu der Zeit, als diese Musik noch keinen Namen hatte.
Eine Musik ohne Schublade
Bis 2018 lag das, was heute Melodic House & Techno heißt, verstreut über fünf Kategorien: Deep House, Techno, House, Tech House und Electronica. Ein Track von Stephan Bodzin konnte unter Techno stehen, ein Edit aus dem Umfeld von Dixon unter Deep House, eine Nummer von Kölsch irgendwo dazwischen. Wer diesen Sound suchte, musste wissen, bei welchen Labels er zu Hause war, und sich dort von Release zu Release hangeln.
Dabei war der Sound selbst längst da, und er war zu großen Teilen deutsch. In Berlin gründeten Dixon und das Duo Âme, also Kristian Beyer und Frank Wiedemann, 2005 das Label Innervisions, zunächst als Unterlabel von Sonar Kollektiv, ab 2006 eigenständig. Âmes „Rej“ gehörte zu den frühen Veröffentlichungen und trug den Namen des Labels weit über Berlin hinaus. In Hamburg riefen Solomun und Adriano Trolio im November 2006 Diynamic ins Leben, mit Stimming und H.O.S.H. im Umfeld. Und aus Bremen kam Stephan Bodzin, der im Juni 2015 auf seinem Label Herzblut das Album „Powers of Ten“ veröffentlichte: zehn Stücke voller Arpeggios und Moog-Bässe, eine erklärte Hommage an Bob Moog. Wer Melodic Techno als Klang beschreiben will, landet früher oder später bei diesem Album.
Was diese Leute teilten, war keine Formel, sondern eine Haltung: Clubmusik durfte Melodien haben, ohne in den Kitsch des späten Trance zu kippen. Sie durfte traurig sein und trotzdem treiben. Wie das im Detail klingt, beschreibt der Überblick über Melodic House und Melodic Techno.
Tale Of Us und die Nächte auf Ibiza
Den Schritt vom Clubsound zum Ereignis machten zwei Italiener. Carmine Conte und Matteo Milleri hatten sich 2008 in Mailand beim Studium der Tontechnik am SAE Institute kennengelernt, 2009 zogen sie als Tale Of Us nach Berlin. Ihre frühen Platten erschienen unter anderem auf Seth Troxlers Label Visionquest.
2016 bündelten sie alles unter einem Wort: Afterlife. Ihre gleichnamige Partyreihe bekam eine Residency im Space auf Ibiza, im Juni 2016 startete das gleichnamige Label mit der Compilation „Realm of Consciousness“. Als das Space nach der Saison 2016 für immer schloss, zog Afterlife 2017 ins Privilege um, einen der größten Clubs der Welt. Mehr Raum hieß mehr Bühne: Licht, Projektionen, Installationen. Afterlife verkaufte nicht nur DJ-Sets, sondern eine Stimmung, dunkel, feierlich, fast sakral. 2017 veröffentlichten Tale Of Us ihr Debütalbum „Endless“ ausgerechnet bei Deutsche Grammophon, dem traditionsreichen Klassiklabel.
Als Beatport im Frühjahr 2018 seine neue Kategorie vorstellte, nannte der Shop in seiner Ankündigung genau diese Namen als Kern des Sounds: Tale Of Us, Dixon, Solomun, dazu Stephan Bodzin, Patrice Bäumel, Oliver Koletzki, Kölsch, Mind Against und Matador.
Ein Etikett, das mehr war als Ordnung
Jack Bridges, damals bei Beatport für die Beziehungen zu Labels und Künstlern zuständig, begründete den Schritt nüchtern: Der Sound sei schwer einzuordnen, weil die Grenzen zwischen den Stilen verschwimmen. Und fast nebenbei verriet er einen zweiten Zweck. Mit der neuen Heimat für Melodic House & Techno könne man Deep House wieder näher an seine Ursprünge rücken. Die neue Schublade räumte also auch eine alte auf.
Beatport war damals mitten in einem größeren Umbau. Seit September 2016 waren unter anderem Future House, Afro House und Leftfield House & Techno als eigene Kategorien dazugekommen. Später folgten weitere, etwa 2020 die Kategorie für Organic House und Downtempo, die zum Teil wieder Tracks aus dem melodischen Umfeld aufnahm.
Doch Melodic House & Techno war mehr als eine Ordnungsmaßnahme. Eine Kategorie auf Beatport bedeutet eine eigene Top 100, eigene Redaktionscharts, eine eigene Startseite. Wer dort oben steht, wird von DJs gesehen, die genau diesen Sound suchen. Wie diese Listen berechnet werden und was eine Platzierung tatsächlich bringt, zeigt der Text über die Beatport-Charts. Für diese Geschichte zählt vor allem eines: Ab 2018 hatte der Sound ein Schaufenster, und Produzenten wussten, für welches Schaufenster sie ihre Tracks bauten.
Vom Nischenregal auf die größte Bühne
Was danach kam, hätte 2018 kaum jemand vorhergesagt. 2021 startete Matteo Milleri sein Soloprojekt Anyma, Carmine Conte im selben Jahr sein Soloprojekt MRAK. Im Juni 2023 ging Afterlife eine Partnerschaft mit Interscope Records ein, einem der großen Popmajors. Und am 27. Dezember 2024 eröffnete Anyma in Las Vegas „The End of Genesys“, die erste Residency eines Elektronik-Acts in der Sphere, jener Kugelhalle, deren Innenwand ein einziger riesiger Bildschirm ist. Am ersten Abend standen Dixon und Mike Dean mit auf dem Programm.
Der Sound, der ein paar Jahre zuvor noch zwischen Deep House und Techno herumgereicht wurde, spielte jetzt in einer Halle, die für Popstars gebaut war. Wie weit sich die Gewichte dabei verschoben haben, zeigen die Hörerzahlen: Anyma kommt auf über sieben Millionen monatliche Hörer bei Spotify, mehr als zwölfmal so viele wie Tale Of Us als Duo.
Was Brunello über das Genre heute erzählt
Damit zurück zu Brunello. Er gründete Mellow Circus Records 2023, ein Label mit Zirkusmotiv, das einer eigenen Bildwelt folgt und nicht dem Afterlife-Ernst. Seine Veröffentlichungen führt Beatport nicht nur unter Melodic House & Techno, sondern auch unter Deep House, Minimal / Deep Tech und Tech House. Ausgerechnet dieses Pendeln zwischen den Schubladen erzählt viel über die Kategorie: Sie ist heute weit genug, dass ein Produzent mit eigener Handschrift und eigenem Label darin ganz oben mitspielen kann, ohne zum großen Ibiza-Kreis zu gehören. Dass drei Tracks gleichzeitig vorne stehen, spricht außerdem für ein Publikum, das nicht nur einzelne Hits kauft, sondern einer Handschrift folgt.
Es zeigt aber auch die Kehrseite. Ein Etikett, das 2018 einen vorhandenen Sound sammeln sollte, formt ihn inzwischen mit. Tracks werden für die Kategorie produziert, mit den Arpeggios, Moll-Flächen und langen Aufbauten, die dort erfolgreich sind. Das macht vieles gleichförmiger, als es die Pioniere je waren. Die spannenden Stücke entstehen dort, wo jemand die Konventionen kennt und trotzdem einen eigenen Ton findet, so wie es Innervisions, Diynamic und Bodzin vor ihm getan haben, lange bevor es ein Regal für sie gab.
Die Geschichte von Melodic House & Techno ist deshalb auch eine Geschichte darüber, wie Musik zu ihrem Namen kommt. Nicht immer ist es ein Manifest, ein Club oder eine Platte. Manchmal ist es eine Menüzeile in einem Onlineshop, die im richtigen Moment eine Bewegung sichtbar macht, die es längst gab. Und die dann, acht Jahre später, einem Produzenten mit eigenem Zirkuslabel drei Plätze in derselben Liste freiräumt, in der einst Tale Of Us und Solomun den Ton angaben.
Häufige Fragen
Seit wann gibt es die Kategorie Melodic House & Techno auf Beatport?
Beatport hat die Kategorie im März 2018 eingeführt. Vorher waren die Tracks dieses Sounds über Deep House, Techno, House, Tech House und Electronica verteilt.
Welche Labels haben Melodic Techno geprägt?
Zu den prägenden Labels zählen Innervisions aus Berlin (gegründet 2005 von Dixon und Âme), Diynamic aus Hamburg (gegründet 2006 von Solomun und Adriano Trolio), Stephan Bodzins Label Herzblut und das 2016 gestartete Label Afterlife von Tale Of Us.
Was ist Afterlife?
Afterlife ist Partyreihe und Label des italienischen Duos Tale Of Us. 2016 lief die Reihe als Residency im Space auf Ibiza, im selben Jahr startete das Label mit der Compilation „Realm of Consciousness“. 2017 zog Afterlife ins Privilege um.
Wer ist Brunello?
Brunello ist Produzent und Gründer des Labels Mellow Circus Records, das er 2023 ins Leben rief. Seine Tracks erscheinen auf Beatport unter anderem in den Kategorien Melodic House & Techno, Deep House und Tech House.
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