MAXIM SCHUNK
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Events5. Oktober 20266 Min. Lesezeit

Gewitter auf dem Festival: Unterbrechung, Räumung, Verhalten

Was bei Gewitter und Sturm auf dem Festival passiert: wer unterbricht, warum Zelt und Pavillon nicht schützen, wohin du gehst und wann es weitergeht.

#Festival#Gewitter#Unwetter#Sicherheit#Camping#Open Air

Symbolbild, KI-generiert
Symbolbild, KI-generiert

Freitagabend, 3. Juni 2016, Rock am Ring in Mendig. Kurz nach acht entlädt sich eine Gewitterzelle über dem Gelände, Blitze schlagen in der Nähe von Besuchern ein. Der Veranstalter unterbricht um 20:20 Uhr, Dutzende Menschen werden verletzt. Um 21:45 Uhr geht es weiter. Am Sonntag nicht mehr: Mit weiteren Unwettern in der Vorhersage verweigert die Verbandsgemeinde Mendig am Samstagabend die Spielgenehmigung für den letzten Tag, rund 90.000 Besucher müssen abreisen. Drei Wochen später, beim Southside in Neuhausen ob Eck, werden die Besucher am Freitagabend aufgefordert, in ihren Autos Schutz zu suchen. In der Nacht fallen auf dem Zeltplatz Pavillons, Zäune und Toiletten um. Am Samstag wird das Festival abgesagt.

Solche Nächte sind selten, aber sie kommen vor. Und sie laufen nach Regeln ab, die kaum jemand kennt, bevor er mittendrin steht. Dieser Artikel erklärt, was auf einem Open-Air-Festival bei Gewitter und Sturm passiert, wer was entscheidet und wo du in dieser Zeit tatsächlich sicher bist.

Wer unterbricht ein Festival bei Gewitter?

Die Entscheidung liegt nicht bei der Person am Mischpult, sondern in einem Ablauf, der lange vor dem Festival festgelegt wird. Größere Veranstaltungen haben ein Sicherheitskonzept, das mit Genehmigungsbehörde, Feuerwehr, Polizei und Sanitätsdienst abgestimmt ist. Darin steht, wer bei Unwetter das letzte Wort hat, ab welchen Bedingungen der Spielbetrieb ruht und wie die Information die Besucher erreicht.

Grundlage sind Wetterdaten: Unwetterwarnungen des Deutschen Wetterdienstes, Blitzortungsdienste und bei vielen Festivals ein Windmesser auf dem Gelände. Bühnen, Tribünen und große Zelte sind Fliegende Bauten mit eigener Betriebsanleitung. Darin ist festgehalten, bis zu welcher Windgeschwindigkeit sie betrieben werden dürfen und ab wann Planen und Banner heruntermüssen. Der VDE rechnet in seinem Merkblatt für Zelt- und Campingplätze vor, warum früh geräumt werden muss: Zieht ein Gewitter mit 50 km/h heran, braucht die Räumung rund fünf Minuten und rechnet man zehn Kilometer Sicherheitsabstand hinzu, muss sie spätestens beginnen, wenn zwischen Blitz und Donner noch etwa 43 Sekunden liegen. Das entspricht gut 14 Kilometern Entfernung. Wer erst beim ersten Knall reagiert, ist zu spät.

Das erklärt auch, warum Unterbrechungen manchmal übervorsichtig wirken. Die Bühne schweigt, der Himmel über dem Gelände ist noch trocken, und zwanzig Minuten später kommt das Gewitter. Das Programm wird unterbrochen, bevor das Gewitter da ist, nicht wenn es schon über dem Gelände hängt.

Wie erfährst du, dass unterbrochen wird?

Die Ansage kommt über mehrere Kanäle gleichzeitig: Durchsagen über die Bühnen-PA, Texttafeln auf den LED-Wänden, Push-Nachrichten der Festival-App, Social-Media-Kanäle und bei manchen Festivals ein eigenes Festivalradio. Beim Southside 2016 informierte der Veranstalter über Facebook, eine Hotline und das Festivalradio, während der mobile Datenverkehr nur eingeschränkt lief.

Daraus folgen zwei praktische Dinge. Erstens: Lade dir vor der Anreise die App des Festivals und erlaube Benachrichtigungen. Zusätzlich lohnen sich die WarnWetter-App des Deutschen Wetterdienstes und die Warn-App NINA des Bundesamts für Bevölkerungsschutz. Zweitens: Ein leerer Akku ist bei Unwetter mehr als ein Ärgernis. Eine geladene Powerbank gehört deshalb in die Bauchtasche, nicht ins Zelt. Was sonst noch hineingehört, steht in der Festival-Packliste.

Wenn die Ansage kommt, lautet sie fast immer gleich: Verlasst die Bühnenbereiche und geht zu euren Fahrzeugen oder in die ausgewiesenen Schutzbereiche. Das heißt nicht „wartet vor der Bühne, bis es weitergeht“.

Wo bist du bei Gewitter auf dem Festival sicher?

Hier liegt der häufigste Irrtum. Viele flüchten instinktiv ins eigene Zelt, unter den Pavillon oder unter einen Baum. Alle drei sind falsch. Der Ausschuss für Blitzschutz und Blitzforschung des VDE ist da eindeutig:

  • Geschlossenes Auto: optimaler Schutz, weil die Metallkarosserie den Blitzstrom über ihre Außenhaut ableitet. Ausdrücklich ausgenommen ist das Cabrio.
  • Gebäude mit Blitzschutzsystem: ebenfalls optimal. Ob ein Gebäude auf dem Festivalgelände eines hat, siehst du ihm nicht an. Verlass dich auf die Schutzbereiche, die der Veranstalter ausweist. Dixi-Klos gehören nicht dazu.
  • Wohnmobil oder Wohnwagen mit Metallaußenhaut oder innerem Metallgerüst: sicher, das Vorzelt dagegen nicht.
  • Großzelte bieten nur dann Schutz, wenn sie ein ausreichend starkes Metallgerüst haben und geerdet sind. Ob das für die Zelthalle auf dem Gelände gilt, entscheidest nicht du. Wenn der Veranstalter Zelte räumen lässt, hat das einen Grund.
  • Eigenes Zelt, Pavillon, Isomatte: kein Schutz vor einem Einschlag.
  • Bäume: große Gefahr, der VDE nennt mindestens zehn Meter Abstand.

Dazu kommen die Dinge, die auf einem Festivalgelände besonders hoch oder besonders metallisch sind: Bühnentürme, Lichtmasten, Bauzäune, Fahnenmasten. Abstand halten.

Wer mit dem Auto angereist ist, hat damit den besten Schutzraum direkt am Zeltplatz. Wer mit Bahn oder Shuttle kommt, sollte sich am ersten Tag merken, wo die festen Gebäude und die ausgewiesenen Schutzbereiche liegen, und sich mit Nachbarn auf dem Zeltplatz absprechen. Wie sich die Anreisewege sonst unterscheiden, steht im Artikel zur Festival-Anreise mit Bahn, Shuttle oder Auto.

Was tun, wenn du es nicht mehr ins Auto schaffst?

Dann geht es um Schadensbegrenzung. Ein Blitz verteilt seinen Strom nach dem Einschlag über den Boden. Wer in der Nähe steht, greift zwischen den Füßen eine Spannung ab, die sogenannte Schrittspannung, nach VDE-Angaben im Umkreis von bis zu etwa 30 Metern um die Einschlagstelle. Daraus ergibt sich die Haltung, die der VDE empfiehlt:

  • in die Hocke gehen, Füße dicht zusammen, Arme um die Knie, Kopf einziehen
  • auf keinen Fall gestreckt hinlegen, notfalls hinsetzen, Füße eng am Körper
  • andere Personen nicht berühren, also nicht eng in der Gruppe zusammendrängen
  • Abstand halten zu Metallteilen, Masten, Zäunen und Bäumen

Zur Einschätzung hilft die Faustregel: Sekunden zwischen Blitz und Donner geteilt durch drei ergeben die Entfernung in Kilometern. Sie sagt dir allerdings nur, dass das Gewitter da ist, nicht, dass du noch Zeit hast. Sobald du Donner hörst, ist es Zeit für den Schutzort.

Sturm und Starkregen: die unterschätzten Gefahren

Bei Gewitter denken alle an Blitze. Auf Festivals richtet aber oft der Wind den größeren Schaden an. Beim Pukkelpop im belgischen Kiewit bei Hasselt brachte am 18. August 2011 ein plötzlicher Sturm Zelte und Bühnenteile zum Einsturz. Fünf Menschen starben, viele weitere wurden verletzt, die restlichen Festivaltage wurden abgesagt.

Auf dem Zeltplatz heißt das: Pavillons sind bei Sturm Geschosse. Wenn eine Unwetterwarnung kommt, gehören sie abgebaut, bevor der Wind da ist, nicht währenddessen. Lose Gegenstände, Stühle und Planen kommen ins Auto oder werden flach gelegt. Zelte sollten von Anfang an ordentlich abgespannt sein, ein Punkt, den auch der Artikel zum Festival-Camping behandelt. Und Starkregen macht aus einem Zeltplatz in einer Senke innerhalb einer Stunde einen See. Wer beim Aufbau die Wahl hat, sucht sich eine leicht erhöhte Stelle.

Wann geht es weiter, und wann ist Schluss?

Für den Einzelnen gilt die VDE-Regel: Erst wenn 30 Minuten nach dem letzten Donner vergangen sind, kann man davon ausgehen, dass die Gefahr vorbei ist. Auf dem Festival entscheidet der Veranstalter mit den Behörden, wann Bühnen und Gelände wieder öffnen. Vorher prüfen Techniker, ob Rigging, Strom und Bühnenaufbau den Sturm unbeschadet überstanden haben. Deshalb dauert die Pause oft länger, als das Wetter vermuten lässt, und Sets werden gekürzt oder fallen aus.

Ob ein Festival ganz abgebrochen wird, hängt an der Vorhersage für die nächsten Stunden und Tage, nicht nur am Gewitter, das gerade durchgezogen ist. Rock am Ring 2016 zeigt den Konflikt: Der Veranstalter hätte am Sonntag lieber bei konkreter Gefahr gewarnt und danach weitergespielt, die Verbandsgemeinde begründete ihre Entscheidung mit der Abwehr von Gefahren für Leib und Leben. Am Ende entscheidet die Behörde, die die Veranstaltung genehmigt hat.

Was ein Abbruch für dein Ticketgeld bedeutet, hängt vom Zeitpunkt ab und davon, wie viel Programm schon gelaufen ist. Die Grundzüge stehen im Artikel über Festivaltickets, Erstattung und Weiterverkauf.

Ein Gewitter auf dem Festival ist kein Grund, zu Hause zu bleiben. Gefährlich wird es vor allem für die, die den Ablauf nicht kennen: Sie stehen unter dem Pavillon statt im Auto und warten vor der Bühne, statt zu gehen. Wer die Warn-App installiert, den Akku voll und seinen Schutzort im Kopf hat, sitzt die meisten Unwetter mit einem Getränk im Auto aus. Danach wird weitergefeiert.

Häufige Fragen

Bin ich im Zelt bei Gewitter sicher?

Nein. Laut Ausschuss für Blitzschutz und Blitzforschung des VDE sind Ein-Personen- und Familienzelte bei Gewitter kein sicherer Ort, egal ob mit Fiberglas- oder Holzgestänge. Isomatten schützen nicht vor einem Einschlag. Sicher ist ein geschlossenes Auto mit Metallkarosserie oder ein Gebäude mit Blitzschutzsystem.

Ist ein Cabrio bei Gewitter sicher?

Ein Cabrio mit Stoffverdeck bietet nicht denselben Schutz wie eine geschlossene Metallkarosserie. Der VDE nennt bei Fahrzeugen ausdrücklich nur geschlossene Autos als optimalen Schutz, mit dem Zusatz „kein Cabrio“. Wer mit Cabrio angereist ist, sollte sich vorher einen anderen Schutzort überlegen.

Wie weit ist das Gewitter entfernt?

Die Sekunden zwischen Blitz und Donner geteilt durch drei ergeben grob die Entfernung in Kilometern. Zehn Sekunden heißen etwa 3,3 Kilometer. Das ist keine Sicherheitsreserve: Der nächste Einschlag kann bereits in deiner Nähe liegen.

Wann ist ein Gewitter vorbei?

Als praktische Regel gilt nach VDE: Erst wenn 30 Minuten nach dem letzten Donner vergangen sind, kann man davon ausgehen, dass die Gefahr vorbei ist. Auf einem Festival entscheidet zusätzlich der Veranstalter mit den Behörden, wann das Gelände wieder öffnet.

Bekomme ich Geld zurück, wenn das Festival wegen Unwetter abgebrochen wird?

Das hängt davon ab, wann abgebrochen wird und wie viel vom Programm schon stattgefunden hat. Eine pauschale Antwort gibt es nicht; maßgeblich sind die Umstände des Einzelfalls und die Ticketbedingungen.


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