Eurorack-Einstieg: Case, Netzteil und erste Module kaufen
Eurorack-Einstieg ohne Fehlkauf: wie viele TE dein Case braucht, wie du den Strombedarf pro Schiene berechnest und welche Module zuerst ins Rack gehören.

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Irgendwann sitzt fast jeder, der elektronische Musik macht, vor einem Video, in dem jemand mit einer Handvoll Kabel einen Sound baut, den kein Preset liefern würde. Danach öffnet man ein Händlerportal, sieht Hunderte Module mit kryptischen Namen und merkt schnell: Ein Modul allein macht noch keinen Ton. Es braucht ein Gehäuse, ein Netzteil, die passenden Stromkabel und vor allem einen Plan. Diese Kaufberatung erklärt, worauf es beim Eurorack-Einstieg wirklich ankommt, welche Fehlkäufe am häufigsten passieren und welche Geräte sich als Startpunkt eignen.
Was ist Eurorack überhaupt?
Eurorack ist kein Hersteller, sondern ein Formfaktor. Eingeführt hat ihn Mitte der Neunziger die Firma Doepfer aus Gräfelfing bei München mit ihrem System A-100. Weil das Format offen ist, bauen heute Hunderte Firmen Module dafür, von Einmann-Werkstätten bis zu Behringer. Alle passen in dasselbe Gehäuse, solange sie sich an die Eckdaten halten.
Diese Eckdaten musst du kennen, bevor du irgendetwas kaufst:
- Höhe: Die Frontplatten sind 128,5 mm hoch, man spricht von 3 HE oder 3U. Ein Case mit zwei Reihen heißt entsprechend 6U.
- Breite: Gemessen wird in TE (englisch HP). Eine TE entspricht 5,08 mm.
- Kabel: Gepatcht wird mit 3,5-mm-Miniklinke, mono.
- Spannungen: Tonhöhe folgt in der Regel der Norm 1 Volt pro Oktave. Audiosignale liegen bei etwa 10 Volt Spitze-Spitze und sind damit deutlich lauter als Line-Pegel.
Der letzte Punkt ist für den Anschluss ans Studio wichtig: Um vom Rack in dein Audio-Interface zu gehen, brauchst du ein Ausgangsmodul oder musst den Eingangspegel deutlich zurücknehmen. Ein Modul, das Line-Pegel ausgibt, gehört deshalb früher oder später auf jede Einkaufsliste.
Semimodular oder gleich ein Case: womit fange ich an?
Der günstigste Einstieg kostet gar nichts. VCV Rack bildet ein Eurorack-System am Rechner nach, die Grundversion ist kostenlos. Dort lernst du, was Oszillator, Filter, VCA und Hüllkurve tun, und merkst, ob dich das Patchen überhaupt reizt.
Der zweite Weg ist ein semimodularer Synthesizer. Er klingt ohne ein einziges Kabel, weil die Signalwege intern vorverdrahtet sind, hat aber ein Patchfeld, über das du diese Wege aufbrichst. Mehrere dieser Geräte lassen sich später aus ihrem Gehäuse schrauben und in ein Eurorack-Case einbauen. Damit ist der erste Kauf keine Sackgasse, sondern der Kern des späteren Systems. Wenn du noch überlegst, ob es überhaupt ein Modularsystem sein muss, lohnt der Blick in unsere Kaufberatung für Hardware-Synthesizer: Dort geht es um Stimmenzahl, Tastatur und Anschlüsse bei klassischen Synths.
Der dritte Weg ist ein leeres Case plus einzelne Module. Das ist der flexibelste, aber auch der fehleranfälligste Einstieg.
Wie viele TE braucht ein Eurorack-Case?
Bevor du ein Case kaufst, plane dein System. Das Portal ModularGrid ist dafür der Standard: Du ziehst Module in ein virtuelles Gehäuse und siehst sofort, wie viele TE belegt sind und wie viel Strom das Ganze zieht. Dabei gilt eine Regel, die fast jeder erst lernt, wenn es zu spät ist: Das System wächst. Plane also Reserve ein.
Einreihige Cases mit 84 oder 88 TE reichen für eine einfache Stimme mit ein paar Modulationsquellen. Wer ernsthaft einsteigen will, landet meist bei zwei Reihen.
Achte zusätzlich auf die Einbautiefe. Flache Cases, oft Skiff genannt, sind leicht und passen in einen Rucksack, nehmen aber nicht jedes Modul auf. Die Tiefe steht im Datenblatt jedes Moduls und jedes Cases. Manche Gehäuse haben pro Reihe unterschiedliche Tiefen, das solltest du bei der Planung berücksichtigen.
Wie berechnet man den Strombedarf der Module?
Jedes Modul nennt seinen Stromverbrauch in Milliampere, getrennt nach Schiene: +12 V, −12 V und bei manchen Modulen +5 V. Du addierst die Werte aller Module pro Schiene einzeln und vergleichst sie mit dem, was das Netzteil auf dieser Schiene liefert. Die Summe aller Schienen zusammen ist dagegen nicht aussagekräftig.
Ein Beispiel: Der Moog Mother-32 zieht im Rack laut Händlerangabe rund 230 mA auf +12 V und nichts auf −12 V. Digitale Module mit Display ziehen oft deutlich mehr auf +12 V, analoge Filter belasten dagegen häufig beide Schienen gleichmäßig. Gerade die −12-V-Schiene ist bei vielen günstigen Netzteilen schwächer ausgelegt und wird deshalb als erste knapp. Ein Netzteil, das dauerhaft an der Grenze läuft, äußert sich durch Brummen, verstimmte Oszillatoren oder Module, die sich unvorhersehbar verhalten.
Zwei weitere Details:
- 10 oder 16 Pins: Die meisten Module nutzen einen 10-poligen Anschluss für ±12 V und Masse. Der 16-polige Stecker auf dem Bus-Board führt zusätzlich +5 V sowie zwei Busleitungen für CV und Gate. Ein Kabel mit 10 Polen auf der Modulseite und 16 Polen auf der Busseite ist der übliche Fall.
- Anzahl der Stromanschlüsse: Ein Case kann genug TE haben und trotzdem zu wenige Stecker auf dem Bus-Board. Viele kleine Module verbrauchen schnell mehr Anschlüsse als gedacht.
Flachbandkabel anschließen: „rot nach unten“
Der heikelste Moment beim Eurorack-Einstieg ist der erste Stromanschluss. Die farbige Ader am Flachbandkabel, meist rot, markiert −12 V. Auf dem Bus-Board und auf dem Modul ist die −12-V-Seite ebenfalls beschriftet, und die beiden Markierungen müssen zusammenpassen. Bei Doepfer liegt die −12-V-Seite auf den eigenen Bus-Boards unten, daher die Merkregel „rot nach unten“.
Verlassen solltest du dich auf diese Faustregel aber nicht. Nicht jeder Hersteller färbt die Ader rot, und nicht jeder Pfostenstecker auf Modulseite hat eine Verpolungssperre. Ein verkehrt herum eingestecktes Kabel kann ein Modul beschädigen. Kontrolliere deshalb bei jedem Einbau die Beschriftung auf Modul und Bus-Board und schalte das Netzteil erst ein, wenn alle Kabel sitzen. Gehäuse mit verriegelten, gekapselten Steckern auf dem Bus-Board nehmen dir dort einen Teil des Risikos ab, auf der Modulseite aber nicht.
Welche Module kauft man als Erstes?
Ein häufiger Anfängerfehler ist ein Case voller Oszillatoren und Effekte, aber ohne das, was sie verbindet. Eine spielbare Stimme braucht mindestens:
- einen Oszillator als Klangquelle,
- ein Filter, das den Klang formt,
- einen VCA, der die Lautstärke steuert,
- eine Hüllkurve und einen LFO als Modulationsquellen,
- einen Mixer und einen Multiple, um Signale zusammenzuführen und zu verteilen,
- eine Möglichkeit, das Rack zu steuern: ein MIDI-zu-CV-Modul, einen Sequencer oder einen Controller mit CV-Ausgängen.
Beim letzten Punkt hilft ein Blick auf vorhandene Geräte. Einige Controller haben CV- und Gate-Ausgänge eingebaut, etwa der Akai APC64, den unsere Kaufberatung zu Pad-Controllern vorstellt. Auch semimodulare Geräte wie der Mother-32 bringen MIDI-zu-CV-Wandlung mit und können ein Rack ansteuern.
Ein Wort zu Nachbauten: Die französische Firma Mutable Instruments hat ihre Module als Open Source veröffentlicht und Ende 2022 den Betrieb eingestellt. Deshalb gibt es heute zahlreiche Nachbauten und Varianten dieser Designs von anderen Herstellern. Das macht beliebte Klassiker leicht verfügbar; beim Kauf lohnt aber ein Blick darauf, welche Firmware und welcher Funktionsumfang tatsächlich drinstecken.
Welche Klangrichtung das System nehmen kann, zeigt der Industrial Techno: Dort ist ein Modularsystem bei manchen Produzenten nicht Spielzeug, sondern die eigentliche Arbeitsmaschine.
Die Geräte im Überblick
Die folgende Auswahl beruht auf Herstellerangaben und dem Stand der Fachdiskussion, nicht auf eigenen Tests. Sie deckt zwei Einstiegswege ab: ein Case als Fundament und ein semimodulares Gerät als erste Stimme.
Das Behringer Eurorack Go bietet zwei Reihen à 140 TE, ein Netzteil mit 32 verpolungssicheren Anschlüssen auf dem Bus-Board und einen ausklappbaren Ständer. Laut Händlerangaben liefert es 3000 mA auf +12 V, aber nur 1000 mA auf −12 V. Außerdem nimmt eine der beiden Reihen nur Module bis rund 40 mm Tiefe auf, die 62 mm der anderen gelten nur für einen Teil ihrer Breite. Viel Platz also, aber bei großen Systemen musst du die −12-V-Schiene genau rechnen.
Das Arturia RackBrute 3U ist kompakter: 88 TE, von denen das mitgelieferte Netzteilmodul 5 TE belegt. Laut Hersteller- und Händlerangaben liefert es 1600 mA auf ±12 V, aufgeteilt auf zwei Kreise zu je 800 mA, und 20 Stromplätze. Für eine erste Stimme reicht das gut, für ein wachsendes System wird es schnell eng.
Der Moog Mother-32 ist ein semimodularer Analog-Synth mit einem Oszillator, Ladder-Filter, 32 Patchpunkten und einem 32-Schritt-Sequencer. Er belegt 60 TE im Rack. Der Nachteil: nur ein Oszillator und keine Polyphonie.
Der Behringer Neutron bietet zwei Oszillatoren, ein Multimode-Filter, eine Delay-Schaltung und 56 Patchpunkte, belegt aber 80 TE und hat keinen eingebauten Sequencer. Du brauchst also ein Keyboard, einen Sequencer oder eine DAW, um ihn zu spielen.
Fazit
Eurorack belohnt Planung. Wer zuerst in VCV Rack oder mit einem semimodularen Gerät lernt, dann sein System in ModularGrid durchrechnet und erst danach Case und Netzteil kauft, vermeidet die teuersten Fehler: zu wenig Platz, zu wenig Strom auf −12 V, zu flache Reihen und ein Rack voller Klangquellen, aber ohne VCA. Der Rest ist das, worum es eigentlich geht: Kabel stecken und hören, was passiert.
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- Viel PlatzBehringer Eurorack Go
Zweireihiges Case mit 2 × 140 TE, eingebautem Netzteil und ausklappbarem Ständer.
- Viel Platz für ein wachsendes System
- 32 verpolungssichere Anschlüsse auf dem Bus-Board
- −12-V-Schiene laut Händlerangabe nur 1000 mA
- Eine Reihe nimmt nur Module bis rund 40 mm Tiefe auf
- Kompakter EinstiegArturia RackBrute 3U
Einreihiges Case mit 88 TE und mitgeliefertem Netzteilmodul.
- Kompakt und leicht, gut für eine erste Stimme
- 1600 mA auf ±12 V, aufgeteilt auf zwei Kreise zu 800 mA
- Das Netzteilmodul belegt 5 TE, nutzbar bleiben 83 TE
- Wird bei wachsendem System schnell zu klein
- Semimodularer StartMoog Mother-32
Semimodularer Analog-Synth mit Sequencer, der sich später in ein Eurorack-Case einbauen lässt.
- Klingt ohne Patchkabel, 32 Patchpunkte zum Erweitern
- 32-Schritt-Sequencer und MIDI-zu-CV-Wandlung
- Belegt 60 TE im Rack
- Nur ein Oszillator, monophon
- Zwei OszillatorenBehringer Neutron
Paraphoner, semimodularer Analog-Synth mit zwei Oszillatoren im Eurorack-Format.
- Zwei Oszillatoren, Multimode-Filter und Delay
- 56 Patchpunkte
- Belegt 80 TE, also fast ein ganzes einreihiges Case
- Kein eingebauter Sequencer
Häufige Fragen
Was bedeutet TE bzw. HP bei Eurorack?
TE (englisch HP, Horizontal Pitch) ist die Breiteneinheit im Eurorack. Eine TE entspricht 5,08 mm. Cases werden nach ihrer nutzbaren Breite in TE angegeben, Module nach ihrer Frontplattenbreite.
Kann ich Module verschiedener Hersteller mischen?
Ja. Eurorack ist ein offenes Format, das auf Doepfers A-100 zurückgeht. Module unterschiedlicher Hersteller passen in dasselbe Case und lassen sich miteinander patchen, solange Einbautiefe, Stromanschluss und Strombedarf zum Gehäuse passen.
Was passiert, wenn ich das Stromkabel falsch herum einstecke?
Ein verpolt angeschlossenes Flachbandkabel kann ein Modul beschädigen. Die farbige Ader markiert in der Regel −12 V und muss zur −12-V-Beschriftung auf Modul und Bus-Board passen. Weil nicht jedes Kabel rot markiert und nicht jeder Stecker verpolungssicher ist, lohnt sich bei jedem Einbau ein Blick auf die Beschriftung, bevor du das Netzteil einschaltest.
Brauche ich ein spezielles Audio-Interface für Eurorack?
Nein, aber Eurorack-Audiosignale liegen bei etwa 10 Volt Spitze-Spitze und sind damit deutlich lauter als Line-Pegel. Du brauchst entweder ein Ausgangsmodul, das auf Line-Pegel absenkt, oder musst den Eingang des Interfaces entsprechend zurücknehmen.
Kann ich Eurorack ohne Hardware ausprobieren?
Ja. VCV Rack bildet ein Eurorack-System am Rechner nach, die Grundversion VCV Rack Free ist kostenlos. Damit lernst du die Grundbausteine wie Oszillator, Filter, VCA und Hüllkurve kennen, bevor du Geld für Case und Module ausgibst.
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