Schallpegelmesser kaufen: App, Klasse 2 und DIN 15905-5
Schallpegelmesser für Club und Party: was die DIN 15905-5 verlangt, warum Apps nicht reichen und worauf es bei Klasse, Leq und Messbereich ankommt.
Selbst auflegen lernen? 6 kostenlose Lektionen von Maxim Schunk — vom ersten Beatmatch bis zum ersten Gig.Gratis starten →

AnzeigeDieser Artikel enthält Werbelinks zu Amazon. Für dich ändert sich am Preis nichts.
Es ist kurz nach Mitternacht, der Floor ist voll, und der Betreiber steht mit dem Handy neben dem Pult: „Die App sagt 104.“ Ob das stimmt, weiß niemand. Das Handymikrofon ist nicht für solche Pegel gebaut, die App mittelt anders als die Norm, und ob sie A- oder C-bewertet misst, hat auch keiner nachgesehen. Genau an dieser Stelle trennt sich ein Spielzeug von einem Messgerät. Wer regelmäßig Partys veranstaltet, eine Bar mit DJ-Pult betreibt oder als mobiler DJ mit eigener Anlage unterwegs ist, kommt früher oder später zur Frage, welcher Schallpegelmesser reicht. Dieser Ratgeber erklärt, was die DIN 15905-5 messen will, warum Genauigkeitsklasse und Messbereich wichtiger sind als jede Zusatzfunktion und welche Gerätetypen für welchen Einsatz taugen.
Was verlangt die DIN 15905-5 von einer Pegelmessung?
Die DIN 15905-5 ist in Deutschland der Maßstab dafür, wie Veranstalter ihr Publikum vor Gehörschäden durch Beschallung schützen. Die aktuelle Fassung stammt vom Juli 2022 und hat die Ausgabe von 2007 ersetzt. Die Eckpunkte sind geblieben: Der Beurteilungspegel darf 99 dB(A) nicht überschreiten, gemittelt über jeweils 30 Minuten, und der C-bewertete Spitzenpegel darf 135 dB nicht überschreiten. Überschreitet der Beurteilungspegel 95 dB(A), muss Gehörschutz für das Publikum bereitliegen. Die Norm ist kein Gesetz, wird aber im Streitfall als anerkannte Regel der Technik herangezogen. Wer nicht misst, hat dann schlicht nichts in der Hand.
Für die Gerätewahl folgen daraus drei Anforderungen. Erstens muss das Gerät einen Mittelungspegel (LAeq) bilden können, ein reiner Momentanwert hilft nicht. Zweitens muss es den C-bewerteten Spitzenpegel (LCpeak) erfassen. Drittens muss es aufzeichnen, damit hinterher belegbar ist, was gemessen wurde. Dazu kommt ein Detail, das viele übersehen: Gemessen wird selten am lautesten Punkt vor der Box, weil dort niemand ein Mikrofon ins Publikum stellen kann. Stattdessen misst man an einem Ersatzmessort. Die Infoseite zur Norm empfiehlt einen Platz nahe an der Beschallungsanlage und rät vom Messmikrofon am Mischplatz der Tontechnik (FOH) ab. Vor dem Einlass wird mit rosa Rauschen ermittelt, wie groß die Pegeldifferenz zwischen Messort und lautestem Publikumsplatz ist. Diese Differenz geht als Korrekturwert in die Auswertung ein. Seit 2022 verlangt die Norm außerdem, mobile Messsysteme vor und nach jeder Veranstaltung zu prüfen.
Reicht eine Dezibel-App auf dem Smartphone?
Zur Orientierung ja, als Nachweis nein. Die bekannteste seriöse App ist NIOSH SLM vom US-Arbeitsschutzinstitut NIOSH. Sie läuft nur auf dem iPhone und lag mit dem eingebauten Mikrofon in Labortests innerhalb von etwa ±2 dB(A) um ein Referenzgerät. NIOSH betont aber selbst, dass kein Smartphone mit eingebautem Mikrofon die Normen für Schallpegelmesser erfüllt. Android-Geräte streuen in Studien noch stärker, weil jedes Modell ein anderes Mikrofon und eine andere Signalverarbeitung hat.
Das größere Problem im Club ist der Pegel selbst. Handymikrofone und ihre Vorverarbeitung sind für Sprache gebaut, nicht für Bassdruck über 100 dB. Spitzenpegel um 135 dB(C) liegen weit jenseits dessen, was ein Telefon sauber abbildet. Für die Frage „Ist es im Raucherbereich noch zu laut?“ reicht die App. Für ein Messprotokoll nach DIN 15905-5 reicht sie nicht.
Klasse 1 oder Klasse 2: welche Genauigkeit brauchst du?
Schallpegelmesser werden nach IEC 61672-1 in zwei Genauigkeitsklassen eingeteilt. Klasse 1 hat engere Toleranzen. Der Abstand zu Klasse 2 ist bei 1 kHz klein und wächst zu den Rändern des Frequenzbereichs, vor allem in den Höhen und im tiefsten Bass. Fachratgeber zur DIN 15905-5 nennen Klasse 2 als Untergrenze. Klasse 1 ist bei Behördenmessungen und Gutachten üblich und für Veranstalter ein Komfort, keine Pflicht.
Wichtig ist, dass „Klasse 2“ auf der Verpackung nur die Genauigkeit beschreibt, nicht den Funktionsumfang. Viele günstige Handgeräte erfüllen Klasse 2 und zeigen trotzdem nur den aktuellen Pegel an, ohne Mittelung und ohne Spitzenwert. Prüfe deshalb immer, ob im Datenblatt ausdrücklich Leq und Lpeak stehen.
In der Schweiz gilt mit der V-NISSG eine andere Logik: Veranstalter wählen eine Stufe von 93, 96 oder 100 dB(A) als Stundenmittel, gemessen mit A-Bewertung und Zeitbewertung Fast. Eine Genauigkeitsklasse schreibt das Bundesamt für Gesundheit nicht vor. Die Messunsicherheit des Geräts musst du aber auf den Messwert aufschlagen, ein genaueres Gerät lässt also mehr Spielraum. Oberhalb von 96 dB(A) und bei mehr als drei Stunden Dauer muss der Pegel aufgezeichnet und sechs Monate aufbewahrt werden.
Warum der Messbereich bei Techno entscheidend ist
Hier liegt der häufigste Fehlkauf. Viele Handgeräte messen bis 130 dB, und das klingt nach reichlich Luft. Für den Mittelungspegel stimmt das auch. Der Spitzenpegel liegt bei bassbetonter Musik aber oft deutlich höher, und die Grenze von 135 dB(C) kann ein Gerät, das bei 130 dB aufhört, gar nicht erfassen. Rechne außerdem den Korrekturwert ein: Steht das Mikrofon näher an der Anlage als der lauteste Publikumsplatz, misst es mehr, als beim Publikum ankommt. Dann muss die Messkette noch weiter nach oben reichen. Die Infoseite zur Norm rechnet vor: Bei einem Korrekturwert von −7 dB muss die Messkette Spitzenpegel bis mindestens 143 dB verkraften.
Genauso wichtig ist die Frequenzbewertung. Die A-Bewertung bildet nach, wie das Ohr leise Pegel wahrnimmt, und dämpft tiefe Frequenzen stark. Bei Techno, Hard Techno oder Drum and Bass steckt aber ein großer Teil der Energie im Bass. Ein A-bewerteter Wert sieht dann harmloser aus, als der Druck auf der Tanzfläche ist. Zusätzlich begrenzt die Norm den C-bewerteten Spitzenpegel, weil schon einzelne sehr hohe Spitzen das Gehör sofort schädigen können. Die C-Bewertung erfasst dabei auch den Bass. Dein Gerät sollte deshalb zwischen A und C umschalten können. Wie der Pegel am Mixer überhaupt entsteht, erklärt unser Text zum Gain am Club-Mixer.
Welche Funktionen brauchst du für Clubnächte und Festivals?
- Datenaufzeichnung mit Uhrzeit: Ein Protokoll ohne Zeitstempel ist im Streitfall wertlos. Achte auf einstellbare Intervalle und genug Speicher für eine ganze Nacht.
- Netzbetrieb: Eine Clubnacht dauert länger als manche Batterie. Ein Anschluss für Netzteil oder USB-Strom ist Pflicht für lange Messungen.
- Stativgewinde und Windschutz: Das Gerät muss stabil am Messort stehen, der Schaumstoffball schützt das Mikrofon draußen vor Windgeräuschen.
- Kalibrator: Ein akustischer Kalibrator erzeugt einen festen Pegel, meist 94 dB bei 1 kHz. Damit prüfst du das Messgerät vor und nach der Veranstaltung, wie es die Neufassung der Norm verlangt.
- Software für den Bericht: Bei manchen Geräten rechnet erst die PC-Software aus den Rohdaten einen Mittelungspegel. Das ist kein Mangel, du solltest es nur vor dem Kauf wissen.
Wer mit eigener Anlage unterwegs ist, sollte die Messung schon bei der Planung mitdenken. Welche Boxen für welche Raumgröße reichen, steht in unserer Kaufberatung zur PA-Anlage für kleine Gigs.
Welche Geräte sich für welchen Einsatz eignen
Die folgenden Geräte decken drei Stufen ab: orientierende Messung, Dokumentation für regelmäßige Veranstaltungen und professionelle Pegelüberwachung. Nichts davon ist hier getestet worden. Die Einordnung stützt sich auf die Datenblätter der Hersteller und den Stand der Fachdiskussion.
Das testo 816-1 ist ein solides Klasse-2-Gerät mit A- und C-Bewertung, Fast und Slow, Speicher für bis zu 31.000 Messwerte und PC-Software. Laut Datenblatt reicht der Messbereich aber nur bis 130 dB, und ein Mittelungs- oder Spitzenpegel ist dort nicht aufgeführt. Für Kontrollmessungen ist es gut, für eine vollständige Dokumentation nach DIN 15905-5 nicht. Das PCE-428 bildet laut Datenblatt Leq und Peak, schreibt auf eine microSD-Karte und läuft über Netzteil oder USB. Sein Messbereich endet bei 136 dB(A). Der NTi Audio XL2 ist in der Veranstaltungstechnik weit verbreitet. Er führt die DIN 15905-5 in seiner Normliste und hat einen Assistenten für die Korrekturwerte. Mit dem Klasse-1-Mikrofon M2230 endet der Messbereich bei 137 dB, mit dem Klasse-2-Mikrofon M4261 erst bei 146 dB. Für sehr laute Bühnen ist deshalb die Klasse-2-Variante oft die praktischere Wahl.
Kurz gesagt
Ein Schallpegelmesser für Veranstaltungen muss mitteln, Spitzen in C-Bewertung erfassen, aufzeichnen und weit genug nach oben messen. Die App auf dem Handy ist ein Anhaltspunkt, kein Beleg. Ein günstiges Klasse-2-Handgerät reicht für Kontrollmessungen. Wer regelmäßig laute Nächte veranstaltet, braucht ein integrierendes Gerät mit Kalibrator. Am Ende schützt die Messung nicht nur die Gäste, sondern auch die Leute hinter dem Pult. Was ein Tinnitus für DJs versicherungsrechtlich bedeutet, steht in unserem Text zu Tinnitus als Berufskrankheit.
Passendes Equipment
Die folgenden Links führen zu Amazon und sind Werbelinks. Kaufst du darüber etwas, ändert sich für dich am Preis nichts — ich bekomme eine Provision. Als Amazon-Partner verdiene ich an qualifizierten Verkäufen.
- Für Kontrollmessungentesto 816-1
Klasse-2-Handgerät mit A- und C-Bewertung, Datenspeicher und PC-Software für Kontrollmessungen.
- Speichert bis zu 31.000 Messwerte, Zeitbewertung Fast und Slow umschaltbar
- Kalibrator als Zubehör erhältlich
- Messbereich endet bei 130 dB, für C-Spitzenpegel zu knapp
- Mittelungs- und Spitzenpegel stehen nicht im Datenblatt
- Für regelmäßige VeranstaltungenPCE Instruments PCE-428
Integrierender Klasse-2-Schallpegelmesser mit Leq, Peak, Oktavfilter und Aufzeichnung auf microSD.
- Bewertungen A, B, C und Z, Zeitbewertungen Fast, Slow und Impuls
- Läuft über Netzteil oder USB, damit auch eine ganze Nacht durch
- Messbereich bis 136 dB(A), bei sehr lauten Bühnen knapp
- Mit rund 620 Gramm schwerer als einfache Handgeräte
- Für ProfisNTi Audio XL2
Akustik-Analysator, der in der Veranstaltungstechnik für die Pegelüberwachung weit verbreitet ist.
- Führt DIN 15905-5 in der Normliste, mit Assistent für die Korrekturwerte
- Mit Mikrofon M2230 Klasse 1 bis 137 dB, mit M4261 Klasse 2 bis 146 dB
- Mikrofon wird getrennt gewählt, das Gerät allein misst nicht
- Profiklasse, für gelegentliche Partys überdimensioniert
- Zubehörtesto Schallkalibrator 0554 0452
Akustischer Kalibrator mit 94 und 114 dB bei 1 kHz zur Prüfung vor und nach der Messung.
- Klasse 2 nach IEC 60942, Genauigkeit ±0,5 dB
- Laut Hersteller auch für ½- und 1-Zoll-Mikrofone anderer Fabrikate
- Ersetzt keine Laborkalibrierung des Messgeräts
Häufige Fragen
Wie laut darf eine Party in Deutschland sein?
Für den Schutz des Publikums ist die DIN 15905-5 der Maßstab: höchstens 99 dB(A) als Beurteilungspegel, gemittelt über 30 Minuten, und ein C-bewerteter Spitzenpegel von höchstens 135 dB. Über 95 dB(A) muss Gehörschutz bereitliegen. Unabhängig davon gelten Auflagen zum Nachbarschaftslärm.
Wie genau sind Dezibel-Apps?
Die NIOSH-SLM-App für das iPhone lag in Labortests mit dem eingebauten Mikrofon innerhalb von etwa ±2 dB(A). NIOSH weist aber darauf hin, dass kein Smartphone mit eingebautem Mikrofon die Normen für Schallpegelmesser erfüllt. Bei sehr hohen Pegeln und Spitzenwerten stoßen Handymikrofone zusätzlich an ihre Grenzen.
Was ist der Unterschied zwischen dB(A) und dB(C)?
Die A-Bewertung dämpft tiefe Frequenzen stark und bildet ab, wie das Ohr leisere Pegel wahrnimmt. Die C-Bewertung ist im Bass fast linear. Bei bassbetonter Musik liegt der dB(C)-Wert deshalb deutlich über dem dB(A)-Wert. Die DIN 15905-5 begrenzt neben dem A-bewerteten Mittelungspegel auch den C-bewerteten Spitzenpegel, weil einzelne sehr hohe Spitzen das Gehör sofort schädigen können.
Muss ein Schallpegelmesser geeicht sein?
Für die DIN 15905-5 ist keine Eichung vorgesehen. Fachratgeber nennen ein Gerät der Klasse 2 nach IEC 61672-1 als Untergrenze, und mobile Messsysteme sind vor und nach jeder Veranstaltung zu prüfen, üblicherweise mit einem akustischen Kalibrator. In der Schweiz verlangt die V-NISSG weder eine Klasse noch eine Kalibrierung, die Messunsicherheit muss aber auf den Messwert aufgeschlagen werden.
Wo stellt man den Schallpegelmesser bei einer Veranstaltung auf?
Maßgeblich ist der lauteste Punkt im Publikumsbereich. Weil dort im Betrieb kein Mikrofon stehen kann, misst man meist an einem Ersatzmessort und ermittelt vor dem Einlass mit rosa Rauschen einen Korrekturwert, der in die Auswertung eingeht.
Weitere Artikel
Equipment
In-Ear-Kopfhörer für DJs: die Kaufberatung fürs Booth
Equipment
DJ-Kopfhörer kaufen: worauf es im Club wirklich ankommt
Equipment
DI-Box kaufen: aktiv oder passiv für Synth, Laptop, DJ
Equipment
Kamera für DJ-Livestreams: Webcam oder Capture-Karte
Equipment
MIDI-Interface und USB-Host kaufen: Hardware verbinden
Equipment